Kein Platz in Gröditz

Eine Gemeinde in Sachsen wehrt sich geschlossen gegen ein Asylbewerberheim. Die NPD an der Spitze des Protestes. Heute wird abgestimmt.

(erschienen in der taz)

Am Ende ist es schwerer, aus dem Grundstück rauszukommen, als zuvor hineinzukommen. Ein schweres eisernes Tor, nur mit Motor beweglich, mit der Hand ist hier kein Beikommen. Die ältere Dame, die öffnet, ist nett, Mitte 60 vielleicht und ein herzliches Lächeln. Sie erzählt vom Sohn, der in Mexiko lebt, und von der Schwiegertochter, die er dort kennengelernt hat. Ihr spanischer Name steht am Klingelschild, die Familie mag sie sehr. Und ja, auch zu der Angelegenheit, wegen der man eigentlich hier ist, hat die Frau eine Meinung. Ein Asylbewerberheim in der Nachbarschaft will man nicht. „Da hätte ich Angst. Das sind ja alles Schwarzafrikaner“, sagt die Frau, deren Name ungenannt bleiben soll. Man kann wieder gehen, wenn das schwere Gartentor nicht wäre. Die Dame eilt herbei, lächelt freundlich und öffnet. Sehr zuvorkommend.

In Gröditz, eine 7.000 Einwohner große Stadt in der Mitte des Freistaats Sachsen, lässt es sich gut leben. Einfamilienhaus reiht sich an Einfamilienhaus, kaum Verkehr auf den Straßen, die Gröditzer gehen gemächlich ihrer Wege, man grüßt sich. Der Rasen vor dem Rathaus und das Ehrenmal für die gefallenen sowjetischen Soldaten ist gepflegt, die Fassaden sind so sauber wie die vielen Mittelklasse-Limousinen vor der Einfahrt – und diese Idylle soll zerstört werden. Der Landkreis plant, am Rande des schmucken Städtchens ein Asylbewerberheim zu errichten, in einem Gewerbegebiet neben einer Kleingartenanlage. In Containern sollen rund 100 Nordafrikaner untergebracht werden. Der Arabische Frühling kommt nach Gröditz. Jetzt wird es frostig. Die NPD protestiert. Und das ganze schöne Gröditz macht mit.

Im 250.000-Einwohner-Kreis Meißen, er liegt zwischen Dresden und dem mittelsächsischen Riesa, leben derzeit 205 Asylbewerber. Alle von ihnen im Osten des Landkreises. Nachdem die sächsische Staatsregierung die Landkreise aufforderte, Plätze für neue Asylbewerber zur Verfügung zu stellen, entschied sich das Landratsamt deshalb für den westlichen Standort Gröditz. Heute entscheidet der Kreistag von Meißen, ob er dem Standort zustimmt – oder den Protesten nachgibt und einen anderen im Kreis sucht (Kasten).

Ziemlich schnell nach der Bekanntgabe der Pläne im Meißener Kreistag begann der Protest der NPD. In gewohnt dumpfer Form warnte die Partei vor der „Nordafrikanersiedlung“, vor Diebstahl, Vergewaltigungen, Schmutz und anderen Belästigungen. Flyer wurden gedruckt. So weit, so üblich: Gröditz liegt in der Nachbarschaft von Riesa: Hier sitzt die Redaktion der NPD-Postille „Deutsche Stimme“, NPD-Bundeschef Holger Apfel und sein Landtags-Fraktionskollege Jürgen Gansel wohnen in der Stadt. Geld für rassistische Propaganda gibt die NPD im Kreis Meißen besonders gerne aus. Auch, dass in Gröditz ziemlich schnell Unterschriftenlisten gegen die Containerunterkünfte kursierten, kann nicht überraschen. Dass es die Stadt Gröditz der NPD ein paar Tage später gleichtat, hingegen schon.

Am 20. Juni tagte der Gröditzer Verwaltungsausschuss, dabei auch der NPD-Mann Mirko Beier. In einer nicht-öffentlichen Sitzung sprach sich der Ausschuss geschlossen gegen die Unterkunft aus – und entschied sich, ebenfalls eine Unterschriftenaktion zu initiieren. Bereits einen Tag später wurden die Bürger der Stadt aufgerufen, sich im Bürgerbüro einzufinden, um auf Pro- für oder auf Contralisten gegen das Asylbewerberheim zu unterschreiben. Die NPD zeigte sich erfreut und unterstützt die Aktion nun.

Bürgermeister Jochen Reinicke ist wie die meisten Stadträte parteilos und offenbar wie viele Gröditzer ein sehr freundlicher Mensch. Mit ruhiger und doch entschlossener Stimme erklärt der Mann mit dem Schnauzbart, spricht man ihn auf die doch etwas seltsame Allianz an, dass es keine Allianz gebe. Im Gegenteil, die Unterschriftenaktion der Gemeinde diene einzig dem Zweck, der NPD die Luft aus den Segeln zu nehmen. „Wir haben nichts dagegen, dass bei uns Asylbewerber angesiedelt werden“, sagt Reinicke. „Es geht darum, dass wir uns gegen eine Containersiedlung wehren. Wenn die Asylbewerber ins Dorf integriert, verteilt in Wohnungen untergebracht werden, dann kann man darüber reden.“

Reinickes Einwände sind nicht abwegig und spiegeln durchaus eine Debatte wieder, die zum Beispiel auch im nahen Leipzig gibt: Dort wird gerade lebhaft darüber debattiert, ob Containerunterbringung noch als menschenwürdig gelten kann. Sind in Gröditz vielleicht doch nicht alles Rassisten, die Sache vielleicht doch etwas komplizierter? Man mag das das dem Bürgermeister unterstellen – doch fragt man die Gröditzer, ist schnell klar, dass es ihnen nicht um humanere Bedingungen für Asylbewerber geht. Es geht ihnen darum, dass die Asylbewerber bleiben, wo sie sind.

Ortsbesuch im Bürgerbüro, in dem Rathaus mit dem schmucken Rasen, der sich kunstvoll in einem großen Betonkasten in die Höhe schiebt, umgeben von Kopfsteinpflaster, wahrscheinlich Kunst am Bau. Die Dame am Empfang des Bürgerbüros wirkt etwas getrieben, sie hat dieser Tage mehr zu tun als sonst, pausenlos strömen Besucher ins Bürgerbüro, auf drei runden Stelltischen sind die Pro- und Contralisten verteilt. Zu den Pro-Listen greift niemand. Wie viele bisher unterschrieben haben, weiß die Rathausmitarbeiterin nicht. „Am ersten Tag waren es an die tausend.“ Gestern, eine Woche später, hatten laut Rathaussprecherin Tina Noack an die 2.100 Gröditzer unterschrieben. Elf von ihnen auf der Pro-Liste.

Innerhalb einer viertel Stunde ist Gelegenheit, mit einem knappen Dutzend Gröditzern zu sprechen. Sie alle wirken sehr bürgerlich und geben bereitwillig Auskunft – doch ihre Antworten strafen jeden Optimismus lügen, jede Annahme, es gehe um mehr als die Angst vorm schwarzen Mann. „Es gibt genügend Ausländer in Deutschland“, sagen die einen, dann braucht es nicht auch noch welche in Gröditz, meinen sie. Die Stadt habe schon genug Integrationsleistung geleistet, schließlich seien Anfang der der 90er-Jahre viele Wolga-Deutsche nach Gröditz gekommen, und sogar Asiaten. Ein Mann in Jeans und Hemd hat keinen neuen Gedanken, den er umso vehementer vertritt. „Wenn ich als Deutscher irgendwo hingehe, werde ich auch nicht mit Geld und Unterkunft empfangen. Wer herkommt und Steuern zahlt, ist herzlich willkommen.“

Von der Idee des Bürgermeisters, statt einer Containerunterkunft eine dezentrale Unterbringung zu organisieren, hat hier noch keiner was gehört. Es ist auch nirgends zu lesen, in keiner Pressemitteilung, in keinem Vermerk. Eine Familie, auf die Idee angesprochen, ist entrüstet. „Das geht ja gar nicht“, sagt der Mann. „Da sind die ja dann überall.“ Fast entschließt er sich, gar nicht zu unterschreiben. Seine Frau kann ihn beruhigen, sie zeigt auf die Contra-Liste. „Hier steht es doch ganz deutlich: Gegen ein Asylbewerberheim.“ Drei Unterschriften mehr.

Bürgermeister Reinicke ist zufrieden mit dem Verlauf der Aktion. „Wir haben es geschafft, aus der ganzen Sache den Druck rauszunehmen“, ist er überzeugt. Die Diskussion verlaufe jetzt sehr vernünftig, „und vor allem unterschreiben die Leute jetzt nicht mehr auf irgendwelchen NPD-Listen“. Die Rechtsextremisten hätten sowieso nicht durchschaut, „worum es bei der ganzen Sache geht“. Zum Beispiel um das Heim der Jugendhilfe Gröditz, in dem Kinder aus problematischen Verhältnissen untergebracht sind. Der dreinstöckige graunbraune Klotz steht auf dem Nachbargrundstück des geplanten Asylbewerberheims. Reinicke und der Gemeinderat hätten Angst, dass es zu Konflikten zwischen ungefestigten Jugendlichen und Asylbewerbern kommen könnte, auch zu Gewalt. Sie, die ungefestigten Jugendlichen, „sind ja nicht so vernünftig wie wir. Wenn ich die frage, wer schuld ist, dann kriege ich eine klare Antwort: die Ausländer“. Es sei schlicht unverantwortlich, in so einer Umgebung Asylbewerber anzusiedeln. Und nochmal: „Für alle anderen Lösungen sind wir sehr offen.“ Von der NPD ließe man sich jedenfalls nicht treiben.

Der Landkreis hat inzwischen angekündigt, die Sorgen der Gröditzer ernst zu nehmen. „Um den Konflikt in der Stadt zu entschärfen“, so Sprecherin Kerstin Thöns, werde der Landkreis gemeinsam mit dem ehemaligen sächsischen Ausländerbeauftragten Heiner Sandig, einem Pfarrer, Bürgersprechstunden veranstalten, die erste fand gestern statt. Zudem soll ein privater Wachschutz eingesetzt und mit der Polizei ein „Sicherheitskonzept“ erstellt werden. „Damit planen wir weit mehr Begleitung in Gröditz als in den anderen Unterkünften“, erklärte dazu der zuständige Landratsdezernent Urich Zimmermann (CDU). Die Dame mit dem elektrischen Eisentor und der freundlichen Stimme wird das wohl kaum beruhigen. „Ich werde dann abends nicht mehr auf die Straße gehen“, sagt sie.

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Raus aus der Neonazi-Szene – aber wie?

In Sachsen holt ein Verein Neonazis aus der Szene. Ohne Ideologie, ganz pragmatisch. Ein Bund sächsischer Anti-Rechts-Initiativen hat damit erhebliche Probleme. Es geht um eine Grundsatzfrage.

(zuerst erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung)

Als Michael Ankele kürzlich beschreiben sollte, was seine Klienten in ihm sehen, da neigte er den Kopf zur Seite, lächelte, und sagte: „Den Führer“. Es war nur ein halber Scherz. Seit sechs Jahren arbeitet der 52-Jährige inzwischen als freier Sozialarbeiter in der sächsischen Lausitz daran, Neonazi-Teenager aus der Szene zu holen. Und dass er inzwischen auf 90 erfolgreiche Fälle verweisen könne, das wollte Ankele mit seinem Führer-Scherz ausdrücken, habe wenig mit Umerziehung zu tun. Ihm gehe es zunächst darum, den Leuten klar zu machen, dass die Szene keine Familie, sondern eine Sackgasse ist, dass Ausbildung besser ist als Ausrasten. „Alles weitere kommt dann später“, sagt Ankele.

Michael Ankele, ein Mann mit gemütlichem Bauch und weicher Stimme, ist Pragmatiker, vor allem aber Einzelkämpfer. Seit 2005 arbeitet er als Sozialarbeiter in der Region Bautzen mit Aussteigern. Über Staatsanwälte, Polizisten und betroffene Eltern findet er Kontakt, auch die einschlägigen Szene-Treffs scheut Ankele nicht, um ausstiegswillige Neonazis zu treffen. Es folgt dann meist eine mehrjährige Intensivbetreuung bei der Suche nach einer Ausbildung, neuen Freunden und Selbstbewusstsein. Bei harten Fällen wird eine versteckte „Aussteigerwohung“ in einem sächsischen Dorf bereitgestellt, um Aussteiger vor wütenden Ex-Kameraden zu schützen.

Doch weniger auflauernde Neonazis bereiten Ankele dieser Tage Kopfzerbrechen. Für ihn geht es gerade darum, sich gegen Vorwürfe aus ganz anderen Kreisen zu wehren. Ein Bündnis von sächsischen Anti-Rechts-Initiativen macht Front gegen seine Arbeit. Diese sei „distanzlos“, es fehle die „sozialpädagogische Fachlichkeit“, nur zwei Vorwürfe.

Aufgesetzt ist das Schreiben von der Demokratie AG Ostsachsen, zu deren 16 Mitgliedern unter anderem der DGB Ostsachsen, die Gesellschaft Bürger und Polizei und die Regionale Beratungsstelle für Bildung, Integration und Demokratie Dresden gehören. Die AG fasst damit Vereine zusammen, die im vom Rechtsextremismus besonders betroffenen Ostsachsen maßgeblich sind für Anti-Rechts-Aufklärung. Das Schreiben macht inzwischen die Runde im ganzen Freistaat. Auch beim sächsischen Innenministerium liegt es vor.

Allen Adressaten empfiehlt die AG eine „kritische Auseinandersetzung“ mit Ankeles Arbeit. „Fachlich problematisch“, heißt es, sei „Ankeles geringe Bereitschaft zum Erfahrungsaustausch, zu Transparenz, zur Teamarbeit und insbesondere zur Selbstreflexion“. Auch eine „fehlende Mitarbeit in entsprechenden politischen Netzwerken“ wird moniert. Besonders kritisiert wird, dass Ankele zusammen mit Aussteigern Vorträge und Seminare an Schulen hält. Ankele verdient damit sein Geld, einen kleinen Teil davon kriegen die referierenden Ex-Nazis. „Pseudo-Aussteiger“ wären das, so die AG, die des Geldes willen mitmachten und „Rechtsradikalismus als Event vermitteln“.

Ankele kennt die Vorwürfe, sie begleiten ihn, seit er als Aussteigerbetreuer in Sachsen arbeitet. „Aber das ist sicher eine neue Dimension“, sagt er. Inzwischen erhalte er Anrufe von Schulen und Projektpartnern, die sich verunsichert zeigten. „Gerade jetzt, wo der Druck auf die Szene wächst, ist diese Geschichte extrem kontraproduktiv.“ Inzwischen beschäftigt sich der Anwalt von Ankeles Förderverein Projekt 21/II – ein Zusammenschluss unter anderem von betroffenen Eltern, Juristen und Polizeivertretern – mit dem Schreiben, es wird Unterlassung gefordert. Auch die Gegenseite, also die Demokratie AG, hat inzwischen einen Juristen eingeschaltet. Äußern will sich aus diesem Grund bei der AG und einzelnen Vereinen niemand zu dem Streit.

Bernd Wagner möchte es. Wagner ist Chef von „Exit“ in Berlin, einem Verein, der bundesweit Neonazis bei dem Ausstieg aus der Szene hilft. Wagner kennt Ankeles Arbeit sehr gut, die Arbeitsweisen der beiden ähneln sich. „Einige dieser Anti-Rechts-Initiativen sind der Meinung, dass ein Ausstieg nur ein Ausstieg ist, wenn der Neonazi danach zum kompletten Antifaschisten umgekrempelt ist“, sagt Wagner. „Das ist grundfalsch. Wichtig ist, dass die Leute in der Szene nicht mehr mitspielen. Denn dann werden sie nicht mehr straffällig. Ganz einfach.“ Grundlage des Positionspapiers sei „nicht belegbare Kritik“ sondern „pure Ideologie“. Und an dieser hätten Ex-Nazis nun gar keinen Bedarf.

Der Umgang mit Aussteigern im NPD- und NSU-Kernland Sachsen ist eine Grundsatzfrage, die Ankele und Wagner anders beantworten als deren Kritiker, die sich nicht nur bei der Demokratie AG finden. Ein Beispiel von vielen: Ein Jahr ist es her, dass Ankele kurz davor stand, die Arbeit mit einem 18 Jahre alten Aussteiger David (Name geändert) erfolgreich zu beenden. Der früher gewalttätige Teenager hatte inzwischen die Szene weit hinter sich gelassen und eine Ausbildung begonnen, seine Freundin war schwanger. Vor allem linke Initiativen, so Ankele damals, forderten eine lange Haftstrafe für den Ex-Nazi – unisono mit lokalen Rechtsextremisten, die den „Verräter“ ebenfalls im Gefängnis sehen wollten. Heute sitzt David die Strafe mit täglichem Freigang ab.

„Einmal Nazi, immer Nazi.“ Exit-Chef Wagner sagt, dass dieses Denkmuster es der Demokratie AG unmöglich mache, Ankeles Arbeitsweise zu akzeptieren. Mit Präventionsangeboten wende man sich dort vor allem an Menschen, die sowieso schon demokratisch gefestigt seien. Von Neonazis halte man sich fern, sie seien ja das Feindbild. Wer Aussteigern helfen wolle, müsse über diesen Schatten springen können. „Stattdessen wird moralisiert.“

Der Sprecher des sächsischen Innenministeriums kennt das Schreiben, man wolle es aber nicht kommentieren. Dass die Verantwortlichen in Dresden allerdings keine Fans von Ankeles Arbeit sind, lässt sich vermuten. So startete das Ministerium im Oktober ein eigenes Aussteigerprogramm, zuvor wurde per Ausschreibung ein erfahrener Projektpartner gesucht. Auch Ankele bewarb sich – und erhielt bis heute keine Antwort. Inzwischen habe das Innenministerium einen Partner gefunden, hieß es auf Nachfrage. Im Oktober begann die Arbeit.

Auf der Internetseite des Aussteigerprogramms Sachsen werden Neonazis aufgefordert, eine Handynummer anzurufen, wenn Sie aus der Szene raus wollen, im Impressum wird das Innenministerium angegeben. Bisher habe sich noch kein Aussteiger gemeldet, erklärte der Sprecher der Seite. Ankele wundert das nicht. Auch ihn habe auch noch kein Ausstiegswilliger auf dem Handy kontaktiert. „Deshalb gehe ich ja zu denen.“

Derzeit stehe Ankele „zwischen Baum und Borke“, geht es um die Zukunft seines Projektes und damit der Aussteigerarbeit in ganz Sachsen. Staatliche Förderung hat er zuletzt vor drei Jahren bekommen, seitdem hält er sich mit Honoraren aus Vorträgen, Spenden und Vereinsbeiträgen über Wasser. Neue Förderer zu finden, sei durch das Positionspapier unwahrscheinlicher geworden. „Irgendwie wird es schon weiter gehen, auch wenn ich noch nicht weiß, wie“, sagt er. Bernd Wagner gruselt es inzwischen, schaut er nach Sachsen. „Die einzigen, die was von dieser Aktion haben, sind die Nazis.“

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Privatsphäre

Flüchtlinge werden in Ruhe gelassen, es sei ihr Recht, sagt der Staat. Der Afrikaner Kelly Michael wurde auch in Ruhe gelassen. So starb er alleine und unbemerkt in einem Thüringer Flüchtlingsheim.

(gekürzt erschienen auf Cicero online)

Das, was Ende von dem Mann namens Kelly Michael übrig bleibt, hat den Klang eines zynischen Witzes. Nachdem der Mann in einem Lager in der Thüringer Provinz einsam starb, die Staatsanwaltschaft die Legalität seines Todes festgestellt, das Amt den Fall für beendet erklärt und die Gemeinde die Leiche verbrannt hat, wird der Nachwelt einzig das erhalten bleiben, was im Obduktionsbericht geschrieben steht. Eine „landkartenartige Zeichnung“, so kann man lesen, erkannte man an den „Schnittstellen der Verfestigung der Lungengewebes“. Die durch HIV geschwächte und schließlich an einer Lungenentzündung kollabierte Lunge des Kelly Michael sieht also aus wie eine Landkarte. Die Lunge des Mannes, der nie irgendwo zuhause war, dessen Herkunft im Dunklen liegt – und von dem nach seinem Tod vor ein paar Wochen nichts weiter bleibt als ein paar Aschenkrümel an unbekanntem Ort.

„Der Mann ist mit seinem Tod sang- und klanglos von der Bildfläche verschwunden. Im besten Fall ist er ein nicht tilgbarer Vorgang im Archiv.“ Das sagt kein Flüchtlingsvertreter, das sagt Friedrich Krauser, als stellvertretender Landrat zuständig für das Flüchtlingslager in der thüringischen Rhön-Gemeinde Gerstungen, wo Michael starb. Krauser hasst die Umstände. Und Krauser kann es nicht ändern.

Das Leben und Sterben Kelly Michaels zu rekonstruieren fällt schwer, man muss sich auf wenige, oft sich widersprechende Angaben verlassen. Geboren wurde er vor 37 Jahren, und schon hier fangen die Widersprüche an, in Nigeria. In offiziellen Dokumenten, die auf Michaels eigenen Angaben beruhen, ist immer von Liberia die Rede, allerdings wurde ein nigerianischer Pass im Nachlass gefunden. Vor Langem – in einem Arztbrief ist von neun Jahren, ein Freund spricht von 15 – kam Michael als Asylbewerber nach Deutschland. Nach einem längeren Aufenthalt in, wahrscheinlich, Spanien kam er im Frühjahr zurück nach Deutschland, lebte seit dem 18. Mai im Lager in Gerstungen. Schwer erkrankt an HIV kam er am 27. Juni für zehn Tage in ein Jenaer Krankenhaus, erholte sich, kam zurück nach Gerstungen. Wo er mehrere Wochen später starb.

Dass Michaels Tod Interesse erregte, lag schließlich daran, dass andere Bewohner des Hauses schwere Vorwürfe gegen die Heimleitung erhoben: So soll die Leiche zehn Tage im Zimmer gelegen haben, hieß es, erst beißender Gestank habe dazu geführt, dass ein Arzt und schließlich der Leichenwagen gerufen wurde. Der Thüringer Flüchtlingsrat machte sich die Version zu eigen, ebenso die Flüchtlings-Organisation „The Voice“. Die Behörden weisen die Vorwürfe indes strikt von sich: So habe Michael Kelly nur vier Tage tot in seinem Zimmer gelegen.

Friedrich Krauser, der stellvertretende Landrat im Wartburgkreis, ist ein Mann, mit dem man sich gerne unterhält. Die Stimme des CDU-Manns ist warm, verständnisvoll fragt er nach, ob er bei der Recherche helfen kann. Tatsächlich ist hinter all dem kein Kalkül zu entdecken, die bekundete Trauer um den Toten nimmt man dem Mann mit dem sorgsam gekämmten und etwas schütterem Haar ab. Manchmal, sagt Krauser, stelle er sich vor, wie er sich wohl fühlen würde, wenn er in ein fremdes Land käme und dort ein Leben aufbauen müsste, weil er zuhause nicht mehr leben kann oder darf. „Das ist sicher furchtbar.“

Erst seit diesem September wird das Flüchtlingslager in Gerstungen, eine ehemalige Grenzkaserne, vom Kreis betrieben. Vorher war es in privater Trägerschaft, die Heiligenstädter Firma Hermann & Nienhaus GbR kümmerte sich darum. Nicht immer so, wie man sich das vorstellt, drückt sich Krauser offenbar zurückhaltend aus, deshalb sei es nun wieder in Händen des Kreises. Eine halbe Million Euro seien in den vergangenen eineinhalb Jahren vom Kreis in die Sanierung investiert worden, neue Heizungen, neue Elektronik, Schönheitsreparaturen. Letzte Arbeiten laufen noch, zum Beispiel werden einige undichte Fenster abgedichtet. „Klar, es ist immer noch eine Kaserne, kein Ort, an dem man dauerhaft leben sollte“, sagt Krauser. Aber man könne hier leben, grundsätzlich.

Die Anschuldigungen der Flüchtlingsvertreter weist Krauser von sich. „Das stimmt definitiv nicht“, sagt er. Michael sei am Freitag, 16. September, zuletzt von einem Heimbetreuer gesehen und schließlich dann am folgenden Dienstagvormittag tot in seinem Zimmer gefunden worden. Daran gebe es keinen Zweifel, erklärt auch das Thüringer Verwaltungsamt. Auch die zuständige Staatsanwaltschaft in Meiningen nennt diesen Todeszeitraum in ihrem Obduktionsbericht. Allen Angaben ist gemein: Sie beruhen auf der Aussage eines Betreuers, der angab, Michael am Freitag gesehen zu haben. „Einen Anlass, den Todeszeitpunkt zu prüfen, sehen wir nicht“, erklärt dazu der Sprecher der Staatsanwaltschaft.

Michael Kelly war erkrankt an HIV, eigentlich halb tot, ist in der Uniklinik Jena zu hören. Nach einem Gespräch mit zwei behandelnden Ärzten, die auf ihre Schweigepflicht verweisen, aber auch darauf, dass sie im Interesse des Verstorbenen etwas zum Krankheitsverlauf sagen wollen, ergibt sich folgendes Bild: Kelly Michael war demnach ein stark depressiver Patient, stark geschwächt durch HIV und eine Abneigung gegenüber der Schulmedizin. Trotzdem konnten ihn die Ärzte überzeugen, seine Medikamente zu nehmen und so seinen Gesundheitszustand stabilisieren. „Er hätte mit Medikamenten noch eine ganze Weile leben können“, sagt einer der Ärzte. „Klar war uns aber auch, dass es dazu jemanden gebraucht hätte, der sich darum kümmert. Er war kein einfacher Patient.“ Als Kelly Michael entlassen wurde, ging er mit einem Arztbrief, der ihm eine Nachbehandlung in Jena sicherstellte. Dieser Arztbrief gehört nun zum Nachlass Michaels.

All das war im Heim bekannt und so drängt sich die Frage an den Vize-Landrat Krauser auf, warum niemand nach Michael schaute, seien es nun zehn oder vier Tage? Krauser hat die Frage in den vergangenen Wochen schon mehrmals beantwortet. „Die Flüchtlinge haben das Recht auf eine Privatsphäre. Das heißt auch, dass sie nicht von einem Wärter kontrolliert werden.“ Leider hieße das auch, dass sie, wie jeder andere Mensch auch, unbemerkt in ihrem Zimmer sterben können, räumt Krauser ein.

Auch den nächsten Einwand lässt er nicht gelten. Nämlich jene Frage, wie es einher geht, die Flüchtlinge in Ruhe zu lassen, ihnen aber im Lager die gleichzeitig Möglichkeit zu nehmen, sich ein eigenes Leben aufzubauen? „Wir können nur die Gesetze umsetzen, die es gibt.“ Werden die Kommunen alleine gelassen? „Sie sind auf jeden Fall das letzte Glied in einer sehr komplizierten Situation.“

Fahrt nach Gerstungen. Eine halbe Autostunde ist es von der Kreisstadt Bad Salzungen dorthin. Die Rhön bietet hier kurvenreiche Pfade, viel Wald und Höhenzüge. Gerstungen an der Grenze zu Hessen fühlt sich an wie ein Dorf, ist dann aber doch eine Gemeinde mit 6.000 Einwohnern. Auf einer Wiese abseits des Dorfes, auf der anderen Seite der Bahnschiene, wurden kürzlich hunderte Solaranlagen aufgestellt, man geht mit der Zeit. Gleich neben der Wiese befindet sich die alte Kaserne, die 70 Asylanten als Unterkunft dient.

In dem Heim leben Afghanen, Chinesen, Russen, Aserbaidschaner, Iraker, Iraner, Syrier und Serben. Jeder hier ist auf sich gestellt. „Es kommt bei so vielen Kulturkreisen keine Lagergemeinschaft auf“, sagte Landrat Krauser vorher und alle, die man im Heim fragt, bestätigen das. Viele wohnen seit Ewigkeiten hier, die Familie des 22-jährigen Syriers Abdullah zum Beispiel seit neun Jahren. Seinen Namen will sonst niemand nennen. Auch nicht der Mann, der als Einziger im Heim überhaupt mit Kelly Michael gesprochen hat. Er kämpfe gerade um eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis, wer wisse schon, was man da nicht alles lassen sollte, sagt er.

Kelly Michael, erzählt der Mann, ging es vom ersten Tag an miserabel. Ihm habe er gesagt, dass er gerne weg möchte, nach Frankreich, warum, sagte er nicht. Auch von einem Sohn und einer Frau in Spanien sei öfters die Rede gewesen. Eines Tages habe sich Michael von dem Bekannten einen Fernseher ausgeliehen und sei in sein Zimmer verschwunden. „Seitdem habe ich ihn nicht mehr gesehen. Das war zwei Wochen, bevor er gefunden wurde.“ Entdeckt worden sei Michael Kelly schließlich von einer Putzfrau, zu der Zeit, Spätsommer, habe es schon extrem aus dem Zimmer gerochen.

Der Mann, der erst gar nicht erzählen wollte, erzählt nun mehr. Dass er seit zwölf Jahren in Gerstungen lebe und schwere Diabetes habe und Angst, eines Tages in seinem Zimmer zu sterben, ohne dass es jemand merkt. „Die ersten Tage nach Kellys Tod haben die Betreuer jeden Tag die Zimmer kontrolliert. Vier Tage lang – jetzt lassen das wieder.“

„Wir lassen die Bewohner so weit es geht in Ruhe.“ Den Satz, der in diesem Heim plötzlich einen fahlen Beigeschmack bekommt, wiederholt nun auch der Betreuer Hermann Abel, der laut offizieller Darstellung Kelly Michael das letzte Mal lebend gesehen hat. Abel ist erst seit wenigen Wochen hier beschäftigt, als der Kreis das Haus übernahm, wurden neue Leute eingestellt. Nun sei es nicht so, dass man keinen Überblick habe über die Bewohner, sagt Aberle, im Gegenteil, es werden Anwesenheitslisten geführt. „Da klopfen wir aber nicht an die Türen, sondern schauen einfach, wen wir auf dem Flur begegnen.“ Die Listen sind nötig um zu sehen, ob alle Bewohner da sind. Denn wer nicht da ist, dem werden die Tagespauschalen gestrichen.

Aberle schildert sein letztes Treffen mit Kelly Michael, an dem Freitag, als der noch gelebt habe. Da gerade die Fenster im Haus erneuert wurden, habe er in Michaels Zimmer schauen wollen, „ob die Fensterrahmen ordentlich eingemörtelt sind“. Michael habe auf seinem Bett gelegen. „Ich habe ihn dann angestoßen und er hat ein bisschen gestöhnt.“ Dann habe Aberle das Zimmer wieder verlassen. Am Dienstag darauf sei er dann wiedergekommen, weil Michael „einen Termin bei der Botschaft in Berlin hatte. Ich wollte ihn wecken.“ Die ganze Geschichte sei sehr tragisch und mache ihn traurig. „Aber was sollen wir machen? Wir können die Leute ja nicht dauerhaft überwachen.“

Noch wird im Lager Gerstungen über Kelly Michael gesprochen, doch langsam verebbt die Wut und die Trauer. Da es in Deutschland keine bekannten Angehörigen gebe, könne man auch niemanden informieren, erklärt das Landratsamt. Die Spur nach Spanien werde man nicht verfolgen. Außerdem habe man die Botschaft von Liberia und Nigeria über Michaels Tod informiert, Reaktionen habe es allerdings noch nicht gegeben.

Dass von dem jungen Afrikaner nichts übrig bleibt, dafür sorgt gerade die Gemeinde Gerstungen. Man mache das, was das Thüringer Bestattungsgesetz vorschreibe, sagt Bürgermeister Werner Hartung. „Die Leiche wurde verbrannt und wird demnächst anonym bestattet“, sagt er. Zwar gibt es auf dem Gerstunger Friedhof eine sogenannte Grüne Wiese für anonyme Bestattungen, ohne Kreuze, nur mit einem Gedenkstein. Doch hier soll Michael, er war Christ, nicht hinkommen. „An einem ungenannten Ort“ werde die Urne vergraben, sagt Hartung. „Es soll ja anonym sein“. Für die Gemeinde sei vor allem wichtig, dass irgendjemand die Bestattung zahlt. „Aber ich nehme mal an, da ist das Landratsamt zuständig.“


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Alles in Ordnung

Am Riesaer Rathausplatz, idyllisch gelegen am Fuße des mit Ranken berankten Rathauses, befindet sich ein altes leerstehendes Haus. Ich würde jetzt eigentlich „Café Starke“ schreiben wollen, weil man es auch so ausspricht. Muss aber „Kaffee Starke“ schreiben, weil das der offizielle Name des Etablissements ist, der offizielle Beiname ist indes „Schandfleck“. „Schandfleck“, so wird in Riesa seit jeher oder zumindest, seit man das darf, jedes Haus genannt, was nicht bei drei in einem Bundesprogramm für städtische Sanierung aufgenommen wurde. Ab und an baut man etwas vor das „Kaffee Starke“, das die Blicke ablenkt. Einen seltsamen sogenannten Zunftbaum zum Beispiel, beschmückt mit Wappen aller Art und insgesamt recht unansehnlich. Er ragt in die Höhe und nun bekomme ich gleich wieder Leserbriefe, in denen steht, dass ich zum Psychiater soll, weil ich überall in Riesa Phallus-Symbole sähe.

Das „Kaffee Starke“ versucht die Stadt seit Menschengedenken, zumindest seit meiner Anwesenheit, zu veräußern. Letztes Mal im vergangenen Jahr, als man mal wieder einen Investor ausgemacht zu haben glaubte, versprachen Rathausvertreter sogar im Überschwang einer Stadtratssitzung, jedem, der das alte Haus bezieht und dort eine Wohnung einrichtet, gleich noch einen Garten in einer städtischen Gartensparte am Rande der Stadt zu schenken. Vielleicht war es halb im Scherz gesagt, das weiß ich in Riesa nicht immer so recht – jedenfalls ein Gaul mit stinkendem Maul.

Nun gibt es einen neuen interessanten Aspekt im „Kaffee Starke“, eine Entwicklung, die es nicht mehr nahelegt, von einem Schandfleck zu sprechen, sondern vielleicht eher von einem Problemreaktor. Das Haus schimmelt nämlich, was an sich nicht problematisch wäre, da das Haus eh keiner leiden kann und ihm sicher viele Menschen einen schnellen Tod wünschen; es wird aber problematisch, da sich neben dem alten Haus ein anderes Haus befindet. Eine Grundschule. Eine Lehrerin meldete sich bei der jüngsten Bürgerfragestunde mit der Anmerkung, dass auffällig viele Kinder und Lehrer in letzter Zeit Atemwegserkrankungen hätten, ein Schüler würde immer so Anfälle kriegen, Pseudokrupp, sagen die Ärzte wohl.

Die Lehrerin äußerte freundlich den Verdacht, dass das mit den Schränken zusammenhängen könnte. Also nicht ganz, sie sagte, mit den Schimmelflecken hinter den Schränken, die man halt so entdeckt, wenn man die Schränke wegrückt, was die Lehrer nach Feierabend taten. Es muss wohl schwarz wie, nun ja, starker Kaffee, ausgesehen und so seltsam feucht geschimmert haben. Nicht so schlimm wie im Keller allerdings, dort muss es dem Vernehmen nach wie in einer verschimmelten Brotbüchse gerochen haben. Im stinkenden Keller werden ja aber auch keine Kinder unterrichtet, ist ja nicht die städtische Förderschule. Einzig der Hausmeister hat im Keller der Grundschule seinen Arbeitsplatz. Aber man kann ja auch was im Garten machen, so als Hausmeister einer Grundschule. Vielleicht Rauchen.

Die Stadt hat das Schimmelproblem nun erkannt und nach eigenen Angaben beseitigt. Ob die Krankheiten mit dem neckischen Schimmel zusammenhängen, sei nicht beweisbar. Größere Proteste seitens der Riesaer, vergleichbar mit denen, die es kürzlich gab, als sich der Bau einer Bundesstraße wegen Naturschutzfragen verzögerte, blieben aus. Allerdings war auch gerade mal wieder Frühlingsfest der Volksmusik in der Stadt. Florian Silbereisen moderierte, die Flippers spielten ein Abschiedslied. Da kann Schimmel schon mal untergehen. Flippers – eine gute Überleitung zum abschließenden Musiktipp.


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Begriffsklärung: Zynismus

Feiern, wo andere weinen


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