Alles in Ordnung

Am Riesaer Rathausplatz, idyllisch gelegen am Fuße des mit Ranken berankten Rathauses, befindet sich ein altes leerstehendes Haus. Ich würde jetzt eigentlich „Café Starke“ schreiben wollen, weil man es auch so ausspricht. Muss aber „Kaffee Starke“ schreiben, weil das der offizielle Name des Etablissements ist, der offizielle Beiname ist indes „Schandfleck“. „Schandfleck“, so wird in Riesa seit jeher oder zumindest, seit man das darf, jedes Haus genannt, was nicht bei drei in einem Bundesprogramm für städtische Sanierung aufgenommen wurde. Ab und an baut man etwas vor das „Kaffee Starke“, das die Blicke ablenkt. Einen seltsamen sogenannten Zunftbaum zum Beispiel, beschmückt mit Wappen aller Art und insgesamt recht unansehnlich. Er ragt in die Höhe und nun bekomme ich gleich wieder Leserbriefe, in denen steht, dass ich zum Psychiater soll, weil ich überall in Riesa Phallus-Symbole sähe.

Das „Kaffee Starke“ versucht die Stadt seit Menschengedenken, zumindest seit meiner Anwesenheit, zu veräußern. Letztes Mal im vergangenen Jahr, als man mal wieder einen Investor ausgemacht zu haben glaubte, versprachen Rathausvertreter sogar im Überschwang einer Stadtratssitzung, jedem, der das alte Haus bezieht und dort eine Wohnung einrichtet, gleich noch einen Garten in einer städtischen Gartensparte am Rande der Stadt zu schenken. Vielleicht war es halb im Scherz gesagt, das weiß ich in Riesa nicht immer so recht – jedenfalls ein Gaul mit stinkendem Maul.

Nun gibt es einen neuen interessanten Aspekt im „Kaffee Starke“, eine Entwicklung, die es nicht mehr nahelegt, von einem Schandfleck zu sprechen, sondern vielleicht eher von einem Problemreaktor. Das Haus schimmelt nämlich, was an sich nicht problematisch wäre, da das Haus eh keiner leiden kann und ihm sicher viele Menschen einen schnellen Tod wünschen; es wird aber problematisch, da sich neben dem alten Haus ein anderes Haus befindet. Eine Grundschule. Eine Lehrerin meldete sich bei der jüngsten Bürgerfragestunde mit der Anmerkung, dass auffällig viele Kinder und Lehrer in letzter Zeit Atemwegserkrankungen hätten, ein Schüler würde immer so Anfälle kriegen, Pseudokrupp, sagen die Ärzte wohl.

Die Lehrerin äußerte freundlich den Verdacht, dass das mit den Schränken zusammenhängen könnte. Also nicht ganz, sie sagte, mit den Schimmelflecken hinter den Schränken, die man halt so entdeckt, wenn man die Schränke wegrückt, was die Lehrer nach Feierabend taten. Es muss wohl schwarz wie, nun ja, starker Kaffee, ausgesehen und so seltsam feucht geschimmert haben. Nicht so schlimm wie im Keller allerdings, dort muss es dem Vernehmen nach wie in einer verschimmelten Brotbüchse gerochen haben. Im stinkenden Keller werden ja aber auch keine Kinder unterrichtet, ist ja nicht die städtische Förderschule. Einzig der Hausmeister hat im Keller der Grundschule seinen Arbeitsplatz. Aber man kann ja auch was im Garten machen, so als Hausmeister einer Grundschule. Vielleicht Rauchen.

Die Stadt hat das Schimmelproblem nun erkannt und nach eigenen Angaben beseitigt. Ob die Krankheiten mit dem neckischen Schimmel zusammenhängen, sei nicht beweisbar. Größere Proteste seitens der Riesaer, vergleichbar mit denen, die es kürzlich gab, als sich der Bau einer Bundesstraße wegen Naturschutzfragen verzögerte, blieben aus. Allerdings war auch gerade mal wieder Frühlingsfest der Volksmusik in der Stadt. Florian Silbereisen moderierte, die Flippers spielten ein Abschiedslied. Da kann Schimmel schon mal untergehen. Flippers – eine gute Überleitung zum abschließenden Musiktipp.


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Begriffsklärung: Zynismus

Feiern, wo andere weinen


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Erdverbunden

Vorbemerkung: Dieser Text hat einen Knoten im roten Faden.

Am 1. September wurde vor 50 Jahren in der Stahlstadt Riesa ein Ortsteil eingemeindet, das schöne Mergendorf. Auch viele andere Ortsteile wurden zuvor und danach eingemeindet. Man will das jetzt feiern, verkündete der Riesaer Riese, das befellte Stadtmaskottchen. Im Online-Gästebuch der Stadt wandte sich der Riese (er ist wirklich ausnehmend riesig) ans Volk. Es solle die Eingemeindungen aller Art begehen beim kommenden Stadtfest im Juni. Und zwar so: „Bringt bitte aus jedem Ortsteil einen Stiefel Erde mit zum Rathausplatz“. Riesa, Stadt der Party-Ideen.

Mit dem sehr individuellen Feierritual wird ein Gesellschaftsentwurf angedeutet, der irgendwie spannend klingt, aber trotzdem im Kreistag Meißens (der auch Riesa repräsentiert) jüngst nicht verhandelt wurde. Auf der Tagesordnung stand ein Leitbildentwurf für den Landkreis, den ich nicht gelesen habe, dafür bin ich viel zu träge. Als Mitglied der Spaßgesellschaft kenne ich nur die Auslassungen der sympathischen NPD zur Leitbildfrage. Man ist da bei den Nationaldemokraten sehr engagiert. In diesem Zusammenhang sei noch kurz ein anderer Besucher im Riesaer Gästebuch zitiert. Ein Berliner Pensionär, der erklärt, „als Strafrechtler“ freue er sich „immer wieder über Seriosität und Lebensqualität“ in der Riesaer Gesellschaft. Seh ich ganz ähnlich, so als Mensch.

Wie die Sitzung ablief, weiß ich nicht, nach dem Bericht der NPD zu urteilen wurde offenbar aber viel gerülpst und gefurzt, vielleicht schütteten die von Mundgeruch geplagten Politiker auch Erde aus Stiefeln auf Kreistagstische. Das ist frei rein interpretiert, fest steht offenbar nur, dass ein Anwesender, man meint bei der NPD, es sei der Riesaer Finanzbürgermeister gewesen, in Richtung der NPD-Fraktion gebrüllt habe: „Halt’s Maul“. Das ist jetzt nicht unbedingt eine ungewöhnliche Wortwahl für den Bürgermeister, ich glaube trotzdem, man hat sich da bei der NPD verhört, denn in der Regel pflegt der Bürgermeister schlicht zu sagen, er ist da kein Mann vieler Worte: „Arschloch!

Wozu jetzt der Kreis Meißen ein Leitbild braucht, weiß ich nicht recht, es gibt doch Wein, Burg, Nudeln, Stahl und Elbe, da ist eigentlich alles gesagt. Aber das ist nicht meine Sache, die Leitbild-Frage ist nun mal in der Welt. Und damit auch die elf Änderungsanträge, eingebracht vom sympathischen NPD-Stadtrat Peter Schreiber aus Strehla bei Riesa. Er eröffnete seine Rede, so die NPD, „augenzwinkernd“ erklärend, dass „Demokratie Geduld verlangt“. (Wenn man augenzwinkernd und den Kopf in den Nacken gedrückt etwas vorträgt, sieht man ein wenig aus wie Thilo Sarrazin, ich hab das grade mal vorm Spiegel ausprobiert).

Wichtig ist der NPD eine Präambel im Meißner Leitkulturgedöns, in der vermerkt ist, dass „zwischen Strehla und Radeburg, Gröditz und Nossen die deutsche Volksgemeinschaft ein Stück Wirklichkeit“ werden soll, begründet dadurch, dass Riesa und Meißen „das traditionsreiche Herzland Sachsens“ sei und damit wohl irgendwie gefühlte Reichshauptstadt.

Was die Wünsche der NPD angeht, finde ich, da ist die Wirklichkeit schon weiter, als man dort vielleicht wahrhaben will. Denn durchaus möchte ich behaupten, dass, bedeutet eine Volksgemeinschaft nach Idee der NPD die durchgängige Umstellung weiblicher Frisuren auf Zweifarbigkeit (und ich glaube, das ist der Grundgedanke), im Raum Riesa schon einiges an Bringschuld gebracht ist. Weiterhin sind auch schon viele Autos getunt und Tankstellen zu Gemeindezentren umfunktioniert. Riesa hat eine Disco und einen McDonalds.

Und bald auch einen Erdhaufen auf dem Marktplatz. Und der Wolf ist auch schon im Anmarsch. Das wird noch mit dem Leitbild.


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… im Osten

Ich überlege seit einiger Zeit, einen Text über Tanzbären zu schreiben. Oder Lada-Rallys. Oder Essenknappheit im Konsum. Irgendsowasinderart. Biete es dann Redaktionen an, sagen wir mal, in Düsseldorf, Hamburg oder München. Könnte funktionieren.

Ich habe als freier Journalist in Leipzig Vorteile gegenüber den vielen Kollegen, die sich im Rest der Republik und vor allem in Berlin daran versuchen, ihre Existenz zu erhalten. Die Stadt liegt ein wenig im journalistischen Niemandsland, in der Mitte des sogenannten Mitteldeutschlands wimmelt es, wie man so schön sagt, nämlich nicht gerade von Journalisten oder gar Korrespondenten überregionaler Medien. Ein Umstand, den ich mir dergestalt zunutze gemacht habe, dass ich die Lücke erkannte und nun einigermaßen ausnutze. Ich schreibe also Geschichten aus Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt, die kriegt man relativ einfach los. Das ist sehr schön.

Für das Handelsblatt zum Beispiel verfasste ich im vergangenen Jahr einen Text über einen Nachfolgebetrieb der Orwo-Filmwerke in Bitterfeld. Ein nettes Unternehmen, das sich ganz gut macht und recht familiär hochwertige Filmrollen herstellt, Absatzmarkt weltweit. Ein recht glorreiches Ding, was die Damen und Herren da aus dem traurigen Erbe Bitterfeld-Wolfen gemacht haben. Vom Redakteur dann gesetzte Überschrift: „Das traurige Erbe der glorreichen Filmfabrik“.

Das ist was Grundsätzliches, glaube ich.

Mittlerweile schreibe ich Firmen-Porträts für eine andere überregionale Zeitung, das Handelsblatt hat die dafür geeignete Rubrik eingestellt. Der jüngste Text behandelte die Orgelbaufirma Eule in Bautzen, auch das ein recht erfolgreiches Unternehmen, und zwar im Bundesvergleich. Doch auch hier manifestierte sich jüngst der Effekt, den ein Text aus dem Osten bei vielen Redakteuren in den alten Bundesländer offenbar auslöst. Der Nachrichtenwert wurde wie folgt zusammengefasst: „Orgeln aus dem Osten“.

Mich grämt das kaum, es sind vollkommen nachvollziehbare redaktionelle Reaktionsmuster, vor allem weil der jüngste Text in der personell engen Weihnachtszeit gesetzt wurde. Ich sag ja nur. Und dann ist da noch Spiegel Online.

Vor einem halben Jahr hatte ich das Vergnügen, ein Protagonist zu sein in einer Spon-Geschichte über das schöne Riesa in Mittelsachsen an der Elbe, dort arbeite ich ab und an und werde unter anderem was gefragt von anderen Journalisten, irgendwas mit Nazis meist. Die Spon-Mitarbeiterin hatte vernommen, dass es in Riesa ein Problem mit Neonazis gibt, ich hatte das hier und dort angedeutet. Wir trafen uns und sie fragte mich damals sinngemäß, wo denn jetzt die ganzen rechtsradikalen Fahnen hängen. Ich sagte, es sei etwas diffiziler, gerade wegen des Umstands, dass die Fahnen hier oft in den Köpfen, und nicht aus den Fenstern hängen. Man sehe das Problem in den Straßen kaum, die Stadt sei ja irgendwie ganz schmuck, und das ist Teil des Problems. Voll tiefgründig und so.

Die Geschichte handelte dann von zerfallenen Straßen und SS-artigen Ausschreitungen in der Innenstadt. Beigefügt wurden Bilder von zerfallenen Häusern, die ich beim besten Willen noch nie gesehen hatte. Thema verdreht und damit perfekt konfektioniert für die Massentauglichkeit. Hier wurde das Motto, den Leser beim Osten nicht mit Neuigkeiten zu erschrecken befolgt, das traurige Erbe von Stefan Aust. Dabei hätte man eine viel schönere Geschichte machen können, auch mit Hitler und Gedöns.

Die Spon-Journalistin und ich sprachen in dem Zusammenhang auch über mein Blog. Ich erzählte da die gleiche Anekdote, die ich immer wieder erzähle. Ich erzähle, dass ich übrigens auf Sylt mein Handwerk gelernt habe, in einer äußerst kompetenten Redaktion (in der meine Ostherkunft nie Thema war, aber das hat jetzt mit der Anekdote nichts zu tun). Jedenfalls erzähle ich dann von erschreckend prolligen Sylt-Urlaubern aus dem Rheinland, grenzdemokratischen Bürgermeistern und Gemeinderäten weit hinter der Grenze zur Zurechenbarkeit. Meine Pointe ist immer, dass das Blog dort vielleicht noch besser als in Riesa funktioniert hätte, genauso wie in Bottrop (keine Ahnung, warum ich dann immer diese Stadt nenne, habs mir so angewöhnt). Und dann sag ich immer, Riesa ist überall in Deutschland. Und am Ende wird dann meist draus, ich gäbe Einblicke in ostdeutsche Abgründe. Nö, in deutsche Abgründe.

Ich wurde mal von einer Berliner Journalistin gefragt, ob ich nun „nicht schon alles über die DDR geschrieben habe“, sie meinte das witzig. War es auch, aber es ist eben auch nicht so weit weg von dem, was viele Redakteure im Nicht-Osten sich so zusammendenken.

Ich könnte über all das viel überzeugender klagen, hätte ich nicht so oft die Schrunzdummigkeit in allzu vielen ostdeutschen Redaktionen mitbekommen, geht es um den westlichen Teil der Republik. Wenn der „Wessi“ nicht nur eine alltäglich gebrauchte Floskel ist, sondern auch als Charakterzuschreibung taugt. Besonders schlimm, da die allermeisten ostdeutschen Journalisten schon mal „im Westen“ waren und es besser wissen sollten, wenn sie nur wollten. Bei den westdeutschen Kollegen hingegen kann man das Umgekehrte nicht unterstellen, Vorurteile also eher nachvollziehen.

Ich habe mal in einer Regionalzeitung einen Bericht gelesen, in dem die Wessis für Schlaglöcher in den Straßen verantwortlich gemacht wurden. Ehrlich.

Der Ostinstinkt funktioniert zudem ja auch in ostdeutschen Redaktionen. Ab und an, so jedes Jahr ein paar Mal, schreibe ich Geschichten über Rumänien, genauer gesagt, über die deutsche Minderheit in Siebenbürgen, eine meiner verschrobenen Interessen. Im Laufe der Zeit habe ich gelernt, dass die bei einem guten Glas Borschtsch und Polka im Hintergrund geschriebenen Texte über Schriftsteller, Kulturhauptstädte und Minderheitenprobleme zwar ganz gut sein können, ein Abnehmer aber wahrscheinlicher wird, wenn noch etwas beigefügt wird: Pferdekutschen. Tatsächlich habe ich drei größere Geschichten für Ost- wie Westzeitungen geschrieben, die allesamt nichts mit der Pferdezucht zu tun hatten, aber unabhängig voneinander mit Kutsche und Pferd bebildert wurden. Auch daraus habe ich meine Lehren gezogen. Ich fotografiere bei Recherchen in Rumänien jetzt immer Kutschen mit Pferden, auch wenn ich dafür in Regionen reisen muss, die Rumänen wahrscheinlich als irgendwie ganz schön ostig beurteilen würden.

Also, kleiner Tipp an die Kollegen: Thema anbieten, und hintendran schreiben, spielt im Osten. Und dann kyrillisch unterschreiben.


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Blühende Landschaften

Die ehemals „schmutzigste Stadt Europas“ ist heute fein saniert und ein Paradies für Naturfreunde. Die Bitterfelder fragen sich: Was bringts?

Die Stinketour ist ein einziger Blick auf den See. Kaum Bewegung in der Landschaft, der Wind bläst gerade so stark, dass die Gräser und jungen Bäume sich leicht nach rechts ins Bild wiegen, gleichmäßig, beruhigend. Der See zur Linken, das einzige Geräusch an diesem Morgen ist das Knattern der 125er-Suzuki, die ihre beiden Fahrer mit fast erstickendem Röcheln anzuflehen scheint, doch bitte etwas mehr Gas zu geben, damit man hier nicht in dieser unpassenden Idylle versackt. So als scheint die Maschine die Verwirrung des Besuchers zu verstehen, der die dreckigste Stadt Europas suchte und sich in einem Naherholungsgebiet wiederfindet.

Der Goitzschesee. Bitterfeld im südlichen Sachsen-Anhalt. Die Stadt, die zu DDR-Zeiten für Kohleabbau, Schmutz, Gestank und Chemieindustrie stand, einzig dafür. Der 13 Quadratkilometer große See entstand, als man beschloss, die Erinnerung an alte Tage unter Wasser zu begraben. Die Tagebaugrube wurde seit 1998 langsam geflutet, 2008 sollte das Projekt beendet sein. Es dauerte dann nur bis 2002, als das Jahrhunderthochwasser die Mulde erreichte und man in Bitterfeld froh war, dass das Wasser irgendwohin abfließen konnte. Die Flut brachte Schlamm und allerlei Biomasse in den See, der sich deswegen heute bester Gesundheit erfreut.

Hans Zimmermann liebt seine Heimatstadt Bitterfeld. Er liebte sie, als es hier stank und aussah wie in Teufels Küche, er liebt sie heute, da sich in ihrem südwestlichen Ende ein stiller See in die Hüfte drückt, ein Gewässer, an dem sich inzwischen Biber und Seeadler angesiedelt haben. Die Stinketour, erklärt Zimmermann bei voller Fahrt, die Stinketour mache er mit jedem Besucher. Er fährt die Strecke seit mehr als 20 Jahren. Besonders viel fuhr er 1990. Als Bürgerrechtler und Abgeordneter der einzigen demokratisch gewählten Volkskammer zeigte er vornehmlich CDU-Politikern, damals noch Parteifreunde, wie sehr Chemie und Tagebau eine Landschaft verstümmeln können. Klaus Töpfer war hier, Kanzler Kohl auch. International Furore machte dann aber ein anderer Besuch. Die Hollywoodschauspielerin und Umweltaktivistin Jane Fonda kam nach Bitterfeld – es war die Zeit, als der Ruf der „schmutzigsten Stadt Europas“ in die Welt getragen wurde.

Vielleicht stand Fonda an der gleichen Stelle, an der Zimmermann nun 20 Jahre später seine Suzuki zum Stehen bringt und in jene Richtung zeigt, in der sich die bescheidene Skyline Bitterfelds am anderen Ende des Sees breitmacht. Hier, auf dieser Seite, da bauen sich Biber Dämme und Familien auf, erzählt er. Eventuell also hier stand seinerzeit die Schauspielerin Jane Fonda im Schlamm, glücklicherweise war sie damals mit kniehohen Gummistiefeln und einem Parka bekleidet, anders als die Journalistin, die sich Fragen stellend vor Fondas Augen mit Highheels in den Boden herabbohrte. Der See war damals eine Grube, bis zu 90 Meter tief, dutzende weggebaggerte Dörfer groß. Ab und an zog von dort eine riesige Staubwolke in die Stadt, in den Senken sammelten sich im Gegenzug die giftigen Gase der Bitterfelder Chemiebetriebe. Die Fonda, so Hans Zimmermann im Rückblick, „war ehrlich betroffen“. So betroffen, wie man ist, wenn man merkt, dass die Nasenlöcher brennen und man weiß, dass die Menschen das hier seit Jahrzehnten ertragen müssen. Eine echte Drecksstadt.

Es wäre leicht einzusehen, wenn Zimmermann diese Story nicht mehr erzählen mag, von Jane Fonda und ihrer brennenden Nase. Tatsächlich ist seine eigene Geschichte wohl weit besser geeignet, etwas über Bitterfeld zu lernen. Über eine Stadt, mit der ihre Einwohner genauso haderten, als sie noch ein stinkender Kessel war, wie heute, da sie eine hochsanierte leergewohnte 15.000-Einwohner-Stadt ist.

Zimmermann sieht aus wie der Weihnachtsmann. Jahrelang spielte er den für Bitterfelder Kinder, wegen seines langen weißen Bartes und der zum dünnen Zopf gebundenen Mähne nennen ihn Leute in der Stadt auch heute noch so. Zimmermann mag das. Geboren wurde der Weihnachtsmann 1948 in Bitterfeld, in jenen Tagen, als dort, wo heute der Goitzschesee ist, noch der Goitzschewald war. Als Kind pflückte Zimmermann hier regelmäßig sonntags Margeriten, um sie dann beim Markt in der Stadt in Taschengeld zu verwandeln. Nicht lange konnte er das tun, dann kam der Tagebau. Auf der einen Seite der Stadt die Grube, der Chemiepark auf der anderen, er schloss sich direkt an den Filmpark der Nachbargemeinde Wolfen an. Bitterfeld wurde von der Industrie umzingelt. Zimmermann ging den fast zwangsläufigen Weg – und wurde Chemielaborant. Im Betrieb holte er sich dann „jeden Tag eine andere Verätzung“, Arbeitsschutz hatte damals keine Priorität. Schnell merkte er, dass er nicht mehr kann und lernte um zum Klempner. In dieser Zeit versaute er sich seine Knochen – und entwickelte eine Haltung.

Seiner neuen Liebe und heutigen Frau wollte er Mitte der Siebziger zeigen, wo er als Kind Margeriten pflückte. Sicher, er wusste von dieser Steppe vor seiner Stadt, aber das „Was ist hier eigentlich los?“ schoss ihm in diesem Moment zum ersten Mal durch den Kopf. Hans Zimmermann wurde Umweltaktivist, spätestens als sein Sohn an der Atemwegskrankheit Pseudokrupp erkrankte. Schickte Eingaben an die Bezirksverwaltung wegen der Flugasche, die an manchen Tagen die ganze Stadt unter sich begrub. „Sofort aufhören“ war seine Forderung. Klar, dass er zwar wenig Gehör fand, dafür aber viel Aufmerksamkeit durch die Staatssicherheit, die im Laufe der Jahre eine 3628 Seiten dicke Akte über ihn anlegte.

In den 80ern suchte Zimmermann Gleichgesinnte, fand sie im Berliner „Netzwerk Arche“, eine kirchliche Ökobewegung. 1988 drehte er dann illegal mit einem westdeutschen Journalisten den Film „Bitteres aus Bitterfeld“, der wenig später im Westfernsehen ausgestrahlt wurde und das ganze Bitterfelder Elend der bundesdeutschen Öffentlichkeit bekannt machte. 1989 dankten die Bitterfelder ihm sein Engagement mit der Wahl zum Volkskammerabgeordneten, ein Jahr später war es vorbei mit der Dankbarkeit. Der gefühlte Grüne wurde von seiner CDU gegen einen Parteifreund ausgetauscht, der dann an Zimmermanns Stelle in den Bundestag zog. „Als die Gierigen kamen“, sagt Zimmermann, war es für ihn vorbei mit der Politik. Um seine Stadt kümmerte er sich weiter, vor allem um die geliebte Goitzsche.

Die Asche verschwand im Laufe weniger Jahre aus der Stadt, im Chemiepark steht heute ein weitgehend schmutzfreies BASF-Werk, Kohle wird nicht mehr gefördert. Von der Wohnung Zimmermanns, das Wohnzimmer ermöglicht einen ersten Blick auf den See, sind es nur wenige Minuten in die Innenstadt. Der nahe gelegene Plattenbau, er fällt durch eine ungewöhnliche dichte Bepflanzung des Rasens vorm Haus auf. Als hätten die Bewohner etwas nachzuholen, stören sie sich nicht daran, dass hier Bäume und Sträucher ihre Ausläufer in die Balkone hängen. Über die parallele „Grünstraße“ geht es in den Park „An der Sorge“. Der langgestreckte Rasen beherbergt an seinem Ende ein Toilettenhäuschen, schön oval, sauber, mit braunen Klinkern, eine städtische Angestellte überwacht, ob Kunden ihre 50 Cent Benutzungsgebühr in die Klingelkasse werfen.

Alles in Bitterfeld scheint verklinkert und poliert. Die Straße, die geradlinig auf den Bahnhof führt, war früher pechschwarz von Asche, alte Filmaufnahmen zeigen das. Heute überwiegt hier gelb und rotbraun. Damit die Fußgänger auf der breiten Straße nicht allzu verloren wirken, hat sich die Stadt was einfallen lassen. In die Mitte kam ein dreispuriger Parkplatz, an beide Ränder verbreiterte Radwege. Viel Verkehr ist hier trotzdem nicht. Ist es diese Stille, die sich Zimmermann wünschte, als er die Bezirksverwaltung bat, gefälligst sofort aufzuhören? Wollte er dieses Bitterfeld, das wirkt wie ein Kurort ohne Kurgäste? Es sind die Fragen, die wohl am ehesten in die Seele einer versehrten Stadt blicken lassen, am besten stellt man sie an einem am See gelegenen Kiosk, in dem der junge Mann bedient, der sich mit Zimmermann einig ist, dass es nicht so einfach ist mit dem sauberen Bitterfeld, in dem sich alles zum Guten gewandelt hat und Schluss.

Der Name des Imbissverkäufers ist unwichtig, wichtiger ist, dass er 26 Jahre alt ist. Zur Wendezeit kam er grad in die Schule, die schmutzige Epoche seiner Heimat kann nicht mehr als eine ferne Erinnerung sein. Eins weiß er aber trotzdem. „Früher hatten wir ein geregeltes Leben.“ Sicher, Schmutz, den habe es gegeben, genauso wie dieses permanente Hintergrundgeräusch, von dem Zimmermann erzählt hat. „Aber nach zwei Wochen hatte man das doch hingenommen.“ Der junge Mann mit den dunklen vollen Haaren, der hier an einem See in aller Ruhe Kaffee ausschenkt und Würste auf dem Grill wendet, glaubt nicht, dass die neue Zeit ihm gut tut. Und ja, da fällt er, dieser Satz: „Früher war nicht alles schlecht“. Als Imbissverkäufer kennt der junge Mann viele Bitterfelder, vielleicht hat er mehr Einblick in ihre Sorgen als der Bürgermeister. Sein Urteil zählt.

Auch Hans Zimmermann, der kurz zuvor im Gespräch noch davon redete, wie sehr er in der DDR um seine Freiheit fürchten musste, wirkt nun nicht so richtig glücklich, spricht er über die Stadt, wie sie heute ist. Es war nicht so, dass er ein Fundamentalist war, erklärt Zimmermann, mithin nicht dafür war, dass fast die gesamte Industrie aus Bitterfeld abzieht. Rücksicht auf die Natur, das hätte ihm gereicht. Handwerker, die nicht nur in Bitterfeld sanieren, sondern sich auch hier niederlassen, warum habe es denn das nicht gegeben, fragt er. Wo sind all die Menschen, für deren Stadtsanierung man hier nach seinen Kenntnissen eine halbe Billion D-Mark ausgegeben hat? „Man sagte uns, wir sollen global denken. Und schon waren die Firmen ins Ausland verschwunden.“ Zimmermann liebt seinen See und sein Bitterfeld, versöhnt hat er sich mit der neuen Stadt aber noch lange nicht.

Spricht er über Wachstum in Bitterfeld, dann spricht er über die Bäume, die inzwischen am See wieder meterhoch stehen, von der steigenden Seeadlerpopulation, vom wachsenden Schilf. Seit Zimmermann vor kurzem ein Hüftleiden bekam, geht er nicht mehr so oft vor die Tür, wenn, dann meist mit der Suzuki Richtung See, wo er als ehrenamtlicher Naturschützer für den Landkreis arbeitet. In der Stadt lässt er sich selten blicken, er sei dort bei den meisten Politikern sowieso ein Störfaktor, ein „Nestbeschmutzer“, meint er. Weil er, jetzt, wo es um die Goitzsche geht, schon wieder sagt, Aufhören!

Während der Umweltschützer Zimmermann also gerade von der Ferne die Fortschritte beim Dammbau der Biber beobachtet, schaut nun Lutz Bernhardt ein paar Kilometer weiter ebenfalls auf den See. Bernhardt, mit geigelten, leicht angegrauten Haaren und Schnauzer, fährt genauso gerne wie Zimmermann um die Goitzsche, allerdings in seinem Jeep. Bernhardt passt mit seiner frischen Urlaubsbräune ganz gut in das Ferienressort, das er als Chef der städtischen Entwicklungs-, Betreiber- und Verwertungsgesellschaft Goitzsche (EBV) verwaltet. Klar, tausende Arbeitsplätze seien es nicht, die durch den Goitzschesee entstehen, aber hunderte schon, sagt er. Am neu gebauten Hafen wird das neueste Millionenprojekt geplant. Etwas hinter dem Ende der Mole, auf dem Wasser, soll ein schwimmendes Hotel entstehen. Knapp 30 Millionen Euro wird das „Aqua-Hotel“ mitsamt Bernstein-Erlebniswelt kosten. Die Suche nach Investoren ist keine leichte, der Ruf Bitterfelds sei da durchaus ein Handicap, räumt Bernhardt ein.

430.000 Besucher sind laut Bernhardt im vergangenen Jahr an den Goitzschesee gekommen. Problematisch sei allerdings, dass die meisten nicht lange blieben, Hotels und Pensionen profitieren also kaum von Übernachtungsgästen. Dass Bitterfeld als Urlaubsziel weit entfernt ist, macht auch ein Blick in die Ferienhaussiedlung deutlich, gelegen ein paar Kilometer Ufer weiter. Rote Holzverzkleidungen dominieren in der betont dänisch gehaltenen Siedlung genauso wie Limousinen des gehobenen Preissegments – fast alle mit örtlichen Kennzeichen. Nach Bernhardts Kenntnis kaufen sich fast nur Leute aus der Region ein Haus am Bitterfelder See. Das ändert sich, hofft er.

Lutz Bernhardt ist inzwischen 65, er wird der EBV nicht mehr lange vorstehen. Seit 40 Jahren lebt der gebürtige Sachse in Bitterfeld, arbeitete zunächst in der Filmfabrik, die touristische Erschließung der Goitzsche kann getrost als sein Lebenswerk bezeichnet werden. „Wer den Dreck hier gesehen hat, für den kann das Ganze nur wie ein Wunder erscheinen“, sagt er, zeigt auf die Häuserfront rechterhand. Bruchbuden waren das einst, jetzt wolle hier jeder wohnen. In Häusern, die plötzlich nicht mehr am Grubenabgrund stehen, sondern am Strand. „Auf was sonst außer Tourismus wollen wir hier denn setzen“, fragt Bernhardt. Es ginge ja auch nur um das Drittel des Goitzschegebiets, das nicht als Landschaftsschutzgebiet ausgewiesen ist. Dieses Drittel allerdings, da sei touristisch noch Luft nach oben. Bis vielleicht irgendwann der „Pegelturm“ am See das zentrale Wahrzeichen des Urlaubsorts Bitterfeld werden könnte. Wie eine Spirale windet sich das Bauwerk in die Höhe, einen prima Blick auf Stadt, Land und See hat man von hier. Bernhard zeigt den Turm gerne, um zu unterstreichen, was seine Idee vom neuen Bitterfeld ist.

Hans Zimmermann auch. Der Turm sei wie ein Nagel, findet er. Hingenagelt von der Stadt, um Hoffnungen auf eine schöne Zukunft dran aufzuhängen. Es könne nicht sein, dass einst der Tagebau mit Wasser begraben wurde, um jetzt Pläne für eine Taucherinsel zu spinnen, von der aus „die High Society“ dann unter dem Grund des Sees nach Bernstein wühlen kann, sagt Zimmermann. Das Hotel mitten auf dem Wasser. Die geplanten Schleusen an der Stelle, wo gerade die Biber bauen. Zimmermann kann genügend Pläne aufzählen, die ihn zur Weißglut bringen, im Rathaus dagegen für leuchtende Augen sorgen. Für Zimmermann ist klar, dass der Hafen nie ein Segelboot sehen wird und die Investoren keine Schlange stehen werden. Dass die Stadt versuchen wird, wie damals bei der Kohle nun aus ihrem See rauszuholen, was nur geht. Hans Zimmermann leidet an der Goitzsche-Euphorie, die so anders ist als seine eigene.

Nur noch ganz selten schaut er seinen alten Fernsehbeitrag „Bitteres aus Bitterfeld“ an, er ist auf einer privaten DVD konserviert. Zimmermann hatte damals die Stadt verändert, vielleicht ein Stück die Welt. Die Zeiten sind vorbei. Heute sagt Zimmermann mit einer Mischung aus Resignation und Zukunftsangst, „vielleicht wird es ja doch was mit dem Tourismus“. Sehr glaubhaft wirkt er dabei nicht. Wichtiger ist ihm sowieso, dass kürzlich der Seeadler zurück nach Bitterfeld kam.


Gekürzt erschienen im Tagesspiegel und der Sächsischen Zeitung


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Neue Rubrik: Im Vorbeigehen aufgeschnappt und ohne Überprüfung online gestellt (Teil1)

„Früher gab es auf solchen Verbindungen noch Kinowagen. Da konntest du im Zug Kino gucken!“


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Von der Tartanbahn in die Pressestelle

Für mich als oft sogenannten Riesa-Blogger ist es eine feine Sache, dass viele Vereine der Region, zum Beispiel die sympathische NPD, ihre Pressemitteilung dauerhaft abrufbar im Internet parken. Ich kann dann meine beliebten ironischen Betrachtungen zeit- und ortsunabhängig anstellen, muss mit niemanden reden, das mach ich eh nicht so gerne. Auch andere Institutionen erleichtern mir jetzt die Arbeit, indem sie in Gruppendynamik nach bestem Gewissen  verzapfte Unterhaltung online stellen. Zum Beispiel der Sportclub (SC) Riesa.

Der Fall ist in seiner Einfachheit begeisternd, gibt doch die Simplizität der Vorgänge treffend Eindruck von den ihnen zugrunde liegenden Denkstrukturen. Anlass einer jetzt in der „Sportstadt“ geführten Debatte ist eine eher harmlose Kritik am SC-Präsidenten durch einen anderen Vereinspräsidenten, jenen vom TSV Stahl Riesa (Fußball). Um das ganze nicht unnötig kompliziert zu machen sei hier zusammengefasst: Der kritisierte SC-Präsident ist gleichzeitig Finanzbürgermeister der Stadt (CDU), in der Folge der Kritik wurde der kritisierende Vereinspräsident aufgefordert, sich öffentlich beim Bürgermeister zu demütigen entschuldigen. Tue er es nicht, so die implizite Drohung, werde Stahl Riesa die Möglichkeit entzogen, unter annehmbaren Bedingungen auf städtischen Sportplätzen zu trainieren. Derweil die Oberbürgermeisterin der Stadt fleißig NPD-Appelle unterschreibt, in denen es meist um „demokratische Grundprinzipien“ geht.

Der zur Rede stehende relativ erfolgreiche Fußballverein TSV Stahl Riesa diente dem Rathaus bisher gerne mal dazu, den Sportstadt-Anspruch zu manifestieren. Dass sportlicher Erfolg nicht einhergeht mit dem Recht, sich auf Artikel 5 des Grundgesetzes auszuruhen, wird jetzt nun in Riesa umso eindrucksvoller demonstriert. Was die Sache für die Stadt relevant macht, ist, dass im Breitensportclub ZK SC Riesa jeder zehnte Riesaer Mitglied ist, die meisten davon Kinder mit Familienhintergrund. Soll heißen, fast jeder Riesaer ist vom SC und dessen Umgangsformen irgendwie betroffen.

Was die Sache für das Blog interessant macht, sind, wie angedeutet, die Pressemitteilungen, die hier wenigstens in Auszügen einer noch größeren Nachwelt bekannt gemacht werden sollen.

Es begann also mit der harmlosen Kritik des Stahl-Riesa-Präsidenten, der Finanzbürgermeister möge seiner Macht als SC-Präsident Ausdruck verleihen, sodass Stahl Riesa annehmbare Trainingszeiten auf dem jüngst gebauten Kunstrasenplatz der Stadt bekommt. Ein Platz, über den der SC die Schlüsselgewalt hat. Täte das der SC-Präsident nicht, so der TSV-Präsident, sei der Finanzbürgermeister als SC-Präsident vielleicht arbeitsmäßig zu sehr belastet, sollte doch also vielleicht zurücktreten von seiner SC-Funktion. So weit der demokratische Brauch bei Debatten.

Anschließend erklärte der SC, dass der TSV nicht mehr auf den Platz kommt, solange sich dessen Präsident nicht entschuldigt, „offiziell, schriftlich und vor allem persönlich bei unserem Präsidenten“, so die Geschäftsführung des SC. Es werde erwartet, „dass dies über alle zur Verfügung stehenden Medien erfolgt“. Es sei „völlig unverständlich, das in dieser Art und Weise ein Verein und vor allem dessen Präsident öffentlich in Frage gestellt werden“.

Spannend zu sehen ist dann, dass jede These, die ich über die Riesaer Seele schon aufgestellt habe, mit den Presseerklärungen des SC bei weitem überboten wird. So erbärmlich, wie der SC die Jugendlichen der Stadt beschreibt, wäre es mir wohl höchstens während Fieberfantasien über den hereinbrechenden Faschismus aus der Feder gesprungen. Denn mit statistischer Lust rechnet der SC aus, dass 1.002 Kinder eine Stunde pro Woche im Verein trainieren. Wenn jedes Riesaer Kind also „nur 1 h pro Woche trainiert, sind dies 1.002 Stunden in der Woche, die nicht durch Vandalismus, Zerstörung, Diebstahl und Raub von Kindern und Jugendlichen geprägt sind“, so der SC. Insgesamt seien das, wie auch immer, „21.943.800 Stunden“, in denen in Riesa nicht randaliert, zerstört, geklaut und vor allem keine Kinder entführt würden. Nach meiner Berechnung würde also, selbst wenn der SC heute geschlossen würde, erst im Jahr 4515 Riesa in Gewalt und Chaos versinken, dann aber deftig.

Da die Veranstaltungen des SC „in der ganzen Welt bekannt sind“, gibt sich die Vereinsführung auch im weiteren Verlauf mit Rückgriff aufs gute alte Faustrechnen sichtlich Mühe, ihren geliebten Führer zu verteidigen. Nachdem also stolz bekanntgegeben wurde, dass der SC bei Riesaer Fleischern und Bäckern schon 62.000 Euro umgesetzt hat und außerdem, dass „die Liste des Erreichten unendlich lang“ sei und sich „über mehrere Seiten (siehe Anlage)“ ziehe, wird auch noch berechnet, wie lange der SC-Präsident und Finanzbürgermeister arbeiten müsste, wenn man mal den bösen Präsidenten von Stahl Riesa zum Vergleich heranzieht. Bitte:

„Im Durchschnitt arbeitet ein Vereinsvorsitzender oder Abteilungsleiter mit der Größe eines Vereines, wie beispielsweise dem TSV Stahl Riesa mit 160 Mitgliedern, ca. 5-6 Stunden in der Woche ehrenamtlich für den Verein. In Zahlen verdeutlicht, müsste Herr Mütsch (der SC-Präsident, tt), 204 Stunden/Woche für den SC arbeiten, um allen 34 Abteilungen bzw. Sektionen gerecht zu werden. – das sind in Tagen ausgedrückt 8,5 Wochentage.“ Völlig zu Recht schließt die Berechnung mit erschütternder Erkenntnis in fett: „Aber eine Woche hat doch bekanntlich nur 7 Tage?“

Es ist sicher keine überraschende Erkenntnis, dass einige Sportler nicht ohne Aufsicht Pressemitteilungen schreiben sollten. Und auch keine Selbstverständlichkeit, dass Demokatietheoretiker viel Zeit auf Reck und Matte verbringen. Aber warum ich mich hier ständig mit der NPD beschäftige, wo das Gute doch viel näher liegt, will mir nicht mehr so Recht in den Kopf.


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