Die NSU in Großenhain. Die NPD in Riesa. Ein paar Gedanken

Eigentlich, man wird es bemerkt haben, liegt Riesa nun etwas hinter mir. Ich wollte mich eigentlich auch nicht mehr äußern, so ein unausgegorener Plan. Aber manchmal passieren Dinge, und man denkt: Na gut, wenn es keinem anderen auffällt oder zumindest kein anderer drüber schreibt, dann schreibt man es halt mal kurz selbst auf.

Wir haben: Die Deutsche Stimme, ein Organ der NPD, im schönen Riesa. Wir haben ein Bekennervideo der sich selbst so nennenden NSU in Großenhain. Großenhain ist die Nachbarstadt von Riesa. Ich behaupte keinen Zusammenhang.

Ich behaupte hier gar nichts, ich weise nur auf ein paar Sachverhalte hin, da es mich verwundert, dass, jedenfalls bei intensiver Google-Recherche, noch niemand zusammenhängend darauf hingewiesen hat. Ich stelle hier gleich nochmal fest, dass ich keinen Zusammenhang zwischen der NPD in Riesa und der NSU behaupte. Ich referiere nur Tatsachen. Zuerst jene, dass ich mal einen Text über die NPD schrieb und gleich mehrere juristische Scharmützel folgten. Ich bin freier Journalist. Ich habe keine Rechtsabteilung, nur eine Rechtsschutz-Versicherung. Aber nun zur Sache.

Als langjähriger Journalist in Mittelsachsen habe ich es mir angewöhnt, ist Rechtsradikalismus durch ein besonderes bundesweites Ereignis wieder einmal auffällig geworden, zu googeln. Zwei Begriffe. Riesa und das, was sich gerade ereignete. Was kürzlich dazu führte, dass ich in einem Nebensatz eines Mediums vernehmen konnte, dass die NSU eines ihrer Bekennervideos an die Linken-Geschäftsstelle in Riesa schickte. Es folgte ein Telefonat mit der Linken-Chefin im Riesaer Stadtrat. Ich witterte eine Geschichte: Vielleicht wollte die NSU mit dem Bekennervideo nach Riesa darauf hinweisen, dass sie die NPD oder die „Deutsche Stimme“ cool findet? Das stand seltsamerweise nämlich nirgends, wo doch so viele Menschen gerade zu beweisen versuchen, es gebe eine Verbindung der NPD zur NSU. Andere, nicht ich.

Enttäuschung: Das Video ging nicht nach Riesa, sondern nach Großenhain. In die Linken-Geschäftsstelle der Landtagsabgeordneten Kerstin Lauterbach. Womit es unwahrscheinlich ist, dass die NSU darauf hinweisen wollte, dass sie die NPD cool findet, weil die ihr nahestehende „Deutsche Stimme“ ja in Riesa sitzt, in der Nachbarstadt. Nun ja, trotzdem Anruf in Großenhain, bei Kerstin Lauterbach. Das Video, unscheinbarer Umschlag, kein Absender, kam am 14. November an, und wurde inzwischen von der Polizei beschlagnahmt.

Sonst keine Auffälligkeiten? Nö, keine Auffälligkeiten, außer, nun ja, falsche Adresse. Falsche Adresse? Ja, die Post musste nachrecherchieren, erklärt Lauterbachs Mitarbeiter, die von der NSU verfasste Adresse an die „PDS Riesa-Großenhain“ war überklebt mit einem Aufkleber, auf dem die recherchierte Adresse stand.

Bis 2006 saß die PDS Riesa-Großenhain in der Katharinengasse in Großenhain. 2006 zog die Partei um, damals bekam Kerstin Lauterbach ein Landtagsmandat. Die NSU benutzte also offenbar eine Adresse von vor 2006 – also aus einer Zeit, als es noch nicht den Kreis Meißen gab, sondern den Kreis Riesa-Großenhain. Kreisstadt war Großenhain, deshalb hatte die PDS Riesa-Großenhain dort ihre zentrale Geschäftsstelle. Was also heißen könnte, ich spinne jetzt mal rum, dass die NSU der Linken zeigen wollte, dass sie die Deutsche Stimme oder die NPD gut findet, die ja nach Glauben der NSU ihren Sitz im gleichen Kreis haben. So im Untergrund bekommt man ja nun auch nicht jede Kreisreform mit.

Findet also die NSU die NPD in Riesa gut, wollte ich wissen, schließlich ist da ja eine Frage, die ziemlich viele Politiker gerade umtreibt. Ob die NSU die NPD gut findet, kann man die NSU schlecht fragen, deshalb schrieb ich heute Vormittag eine Mail an den gerade neu gewählten Bundesvorsitzenden der NPD und den Wahl-Riesaer Holger Apfel, der netterweise gleich antwortete.

Auf meine Frage, ob Apfel glaube, „dass die NSU das Video ausgerechnet nach Großenhain verschickte, weil die NPD im Altkreis präsent ist“ und ob er zudem denke, „dass es im Altkreis Riesa-Großenhain Unterstützer der NSU gibt“, erklärte er also Folgendes: „Nein, das glaube ich nicht. Nach meiner Kenntnis, die auf Pressemeldungen und Berichten meiner Abgeordnetenkollegen aus den Ausschüssen beruht, wurden diese Videos an diverse Adressen verschiedenster Parteien verschickt, so daß sich daraus keine regionalen Schlüsse ableiten lassen.“ Apfels abschließender Tipp: „Sie sollten Ihren Blick auch über den Landkreis hinaus richten.“ Das stimmt, ich habe am Anfang ja das Problem schon kurz angeschnitten.

Es gibt also keine Sympathien, geschweige denn Verbindungen, der NSU zur NPD oder zur Deutschen Stimme, sagt Holger Apfel. Ich werde das nicht bezweifeln.

Gerade noch die abschließende Anfrage beim Generalbundesanwalt. Der Sprecher sagt, die DVD aus Großenhain werde noch untersucht. Die „Andeutungen“, die er bei mir herausgehört haben möchte, sei sicher nicht ganz abwegig. Aber es dauere noch ein wenig, bis man dem nachgehen könne. Vielleicht kommt ja was bei rum. Was auch immer.

Ich wollte es nur mal aufgeschrieben haben, dafür ist ja so ein Blog ganz gut.


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Privatsphäre

Flüchtlinge werden in Ruhe gelassen, es sei ihr Recht, sagt der Staat. Der Afrikaner Kelly Michael wurde auch in Ruhe gelassen. So starb er alleine und unbemerkt in einem Thüringer Flüchtlingsheim.

(gekürzt erschienen auf Cicero online)

Das, was Ende von dem Mann namens Kelly Michael übrig bleibt, hat den Klang eines zynischen Witzes. Nachdem der Mann in einem Lager in der Thüringer Provinz einsam starb, die Staatsanwaltschaft die Legalität seines Todes festgestellt, das Amt den Fall für beendet erklärt und die Gemeinde die Leiche verbrannt hat, wird der Nachwelt einzig das erhalten bleiben, was im Obduktionsbericht geschrieben steht. Eine „landkartenartige Zeichnung“, so kann man lesen, erkannte man an den „Schnittstellen der Verfestigung der Lungengewebes“. Die durch HIV geschwächte und schließlich an einer Lungenentzündung kollabierte Lunge des Kelly Michael sieht also aus wie eine Landkarte. Die Lunge des Mannes, der nie irgendwo zuhause war, dessen Herkunft im Dunklen liegt – und von dem nach seinem Tod vor ein paar Wochen nichts weiter bleibt als ein paar Aschenkrümel an unbekanntem Ort.

„Der Mann ist mit seinem Tod sang- und klanglos von der Bildfläche verschwunden. Im besten Fall ist er ein nicht tilgbarer Vorgang im Archiv.“ Das sagt kein Flüchtlingsvertreter, das sagt Friedrich Krauser, als stellvertretender Landrat zuständig für das Flüchtlingslager in der thüringischen Rhön-Gemeinde Gerstungen, wo Michael starb. Krauser hasst die Umstände. Und Krauser kann es nicht ändern.

Das Leben und Sterben Kelly Michaels zu rekonstruieren fällt schwer, man muss sich auf wenige, oft sich widersprechende Angaben verlassen. Geboren wurde er vor 37 Jahren, und schon hier fangen die Widersprüche an, in Nigeria. In offiziellen Dokumenten, die auf Michaels eigenen Angaben beruhen, ist immer von Liberia die Rede, allerdings wurde ein nigerianischer Pass im Nachlass gefunden. Vor Langem – in einem Arztbrief ist von neun Jahren, ein Freund spricht von 15 – kam Michael als Asylbewerber nach Deutschland. Nach einem längeren Aufenthalt in, wahrscheinlich, Spanien kam er im Frühjahr zurück nach Deutschland, lebte seit dem 18. Mai im Lager in Gerstungen. Schwer erkrankt an HIV kam er am 27. Juni für zehn Tage in ein Jenaer Krankenhaus, erholte sich, kam zurück nach Gerstungen. Wo er mehrere Wochen später starb.

Dass Michaels Tod Interesse erregte, lag schließlich daran, dass andere Bewohner des Hauses schwere Vorwürfe gegen die Heimleitung erhoben: So soll die Leiche zehn Tage im Zimmer gelegen haben, hieß es, erst beißender Gestank habe dazu geführt, dass ein Arzt und schließlich der Leichenwagen gerufen wurde. Der Thüringer Flüchtlingsrat machte sich die Version zu eigen, ebenso die Flüchtlings-Organisation „The Voice“. Die Behörden weisen die Vorwürfe indes strikt von sich: So habe Michael Kelly nur vier Tage tot in seinem Zimmer gelegen.

Friedrich Krauser, der stellvertretende Landrat im Wartburgkreis, ist ein Mann, mit dem man sich gerne unterhält. Die Stimme des CDU-Manns ist warm, verständnisvoll fragt er nach, ob er bei der Recherche helfen kann. Tatsächlich ist hinter all dem kein Kalkül zu entdecken, die bekundete Trauer um den Toten nimmt man dem Mann mit dem sorgsam gekämmten und etwas schütterem Haar ab. Manchmal, sagt Krauser, stelle er sich vor, wie er sich wohl fühlen würde, wenn er in ein fremdes Land käme und dort ein Leben aufbauen müsste, weil er zuhause nicht mehr leben kann oder darf. „Das ist sicher furchtbar.“

Erst seit diesem September wird das Flüchtlingslager in Gerstungen, eine ehemalige Grenzkaserne, vom Kreis betrieben. Vorher war es in privater Trägerschaft, die Heiligenstädter Firma Hermann & Nienhaus GbR kümmerte sich darum. Nicht immer so, wie man sich das vorstellt, drückt sich Krauser offenbar zurückhaltend aus, deshalb sei es nun wieder in Händen des Kreises. Eine halbe Million Euro seien in den vergangenen eineinhalb Jahren vom Kreis in die Sanierung investiert worden, neue Heizungen, neue Elektronik, Schönheitsreparaturen. Letzte Arbeiten laufen noch, zum Beispiel werden einige undichte Fenster abgedichtet. „Klar, es ist immer noch eine Kaserne, kein Ort, an dem man dauerhaft leben sollte“, sagt Krauser. Aber man könne hier leben, grundsätzlich.

Die Anschuldigungen der Flüchtlingsvertreter weist Krauser von sich. „Das stimmt definitiv nicht“, sagt er. Michael sei am Freitag, 16. September, zuletzt von einem Heimbetreuer gesehen und schließlich dann am folgenden Dienstagvormittag tot in seinem Zimmer gefunden worden. Daran gebe es keinen Zweifel, erklärt auch das Thüringer Verwaltungsamt. Auch die zuständige Staatsanwaltschaft in Meiningen nennt diesen Todeszeitraum in ihrem Obduktionsbericht. Allen Angaben ist gemein: Sie beruhen auf der Aussage eines Betreuers, der angab, Michael am Freitag gesehen zu haben. „Einen Anlass, den Todeszeitpunkt zu prüfen, sehen wir nicht“, erklärt dazu der Sprecher der Staatsanwaltschaft.

Michael Kelly war erkrankt an HIV, eigentlich halb tot, ist in der Uniklinik Jena zu hören. Nach einem Gespräch mit zwei behandelnden Ärzten, die auf ihre Schweigepflicht verweisen, aber auch darauf, dass sie im Interesse des Verstorbenen etwas zum Krankheitsverlauf sagen wollen, ergibt sich folgendes Bild: Kelly Michael war demnach ein stark depressiver Patient, stark geschwächt durch HIV und eine Abneigung gegenüber der Schulmedizin. Trotzdem konnten ihn die Ärzte überzeugen, seine Medikamente zu nehmen und so seinen Gesundheitszustand stabilisieren. „Er hätte mit Medikamenten noch eine ganze Weile leben können“, sagt einer der Ärzte. „Klar war uns aber auch, dass es dazu jemanden gebraucht hätte, der sich darum kümmert. Er war kein einfacher Patient.“ Als Kelly Michael entlassen wurde, ging er mit einem Arztbrief, der ihm eine Nachbehandlung in Jena sicherstellte. Dieser Arztbrief gehört nun zum Nachlass Michaels.

All das war im Heim bekannt und so drängt sich die Frage an den Vize-Landrat Krauser auf, warum niemand nach Michael schaute, seien es nun zehn oder vier Tage? Krauser hat die Frage in den vergangenen Wochen schon mehrmals beantwortet. „Die Flüchtlinge haben das Recht auf eine Privatsphäre. Das heißt auch, dass sie nicht von einem Wärter kontrolliert werden.“ Leider hieße das auch, dass sie, wie jeder andere Mensch auch, unbemerkt in ihrem Zimmer sterben können, räumt Krauser ein.

Auch den nächsten Einwand lässt er nicht gelten. Nämlich jene Frage, wie es einher geht, die Flüchtlinge in Ruhe zu lassen, ihnen aber im Lager die gleichzeitig Möglichkeit zu nehmen, sich ein eigenes Leben aufzubauen? „Wir können nur die Gesetze umsetzen, die es gibt.“ Werden die Kommunen alleine gelassen? „Sie sind auf jeden Fall das letzte Glied in einer sehr komplizierten Situation.“

Fahrt nach Gerstungen. Eine halbe Autostunde ist es von der Kreisstadt Bad Salzungen dorthin. Die Rhön bietet hier kurvenreiche Pfade, viel Wald und Höhenzüge. Gerstungen an der Grenze zu Hessen fühlt sich an wie ein Dorf, ist dann aber doch eine Gemeinde mit 6.000 Einwohnern. Auf einer Wiese abseits des Dorfes, auf der anderen Seite der Bahnschiene, wurden kürzlich hunderte Solaranlagen aufgestellt, man geht mit der Zeit. Gleich neben der Wiese befindet sich die alte Kaserne, die 70 Asylanten als Unterkunft dient.

In dem Heim leben Afghanen, Chinesen, Russen, Aserbaidschaner, Iraker, Iraner, Syrier und Serben. Jeder hier ist auf sich gestellt. „Es kommt bei so vielen Kulturkreisen keine Lagergemeinschaft auf“, sagte Landrat Krauser vorher und alle, die man im Heim fragt, bestätigen das. Viele wohnen seit Ewigkeiten hier, die Familie des 22-jährigen Syriers Abdullah zum Beispiel seit neun Jahren. Seinen Namen will sonst niemand nennen. Auch nicht der Mann, der als Einziger im Heim überhaupt mit Kelly Michael gesprochen hat. Er kämpfe gerade um eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis, wer wisse schon, was man da nicht alles lassen sollte, sagt er.

Kelly Michael, erzählt der Mann, ging es vom ersten Tag an miserabel. Ihm habe er gesagt, dass er gerne weg möchte, nach Frankreich, warum, sagte er nicht. Auch von einem Sohn und einer Frau in Spanien sei öfters die Rede gewesen. Eines Tages habe sich Michael von dem Bekannten einen Fernseher ausgeliehen und sei in sein Zimmer verschwunden. „Seitdem habe ich ihn nicht mehr gesehen. Das war zwei Wochen, bevor er gefunden wurde.“ Entdeckt worden sei Michael Kelly schließlich von einer Putzfrau, zu der Zeit, Spätsommer, habe es schon extrem aus dem Zimmer gerochen.

Der Mann, der erst gar nicht erzählen wollte, erzählt nun mehr. Dass er seit zwölf Jahren in Gerstungen lebe und schwere Diabetes habe und Angst, eines Tages in seinem Zimmer zu sterben, ohne dass es jemand merkt. „Die ersten Tage nach Kellys Tod haben die Betreuer jeden Tag die Zimmer kontrolliert. Vier Tage lang – jetzt lassen das wieder.“

„Wir lassen die Bewohner so weit es geht in Ruhe.“ Den Satz, der in diesem Heim plötzlich einen fahlen Beigeschmack bekommt, wiederholt nun auch der Betreuer Hermann Abel, der laut offizieller Darstellung Kelly Michael das letzte Mal lebend gesehen hat. Abel ist erst seit wenigen Wochen hier beschäftigt, als der Kreis das Haus übernahm, wurden neue Leute eingestellt. Nun sei es nicht so, dass man keinen Überblick habe über die Bewohner, sagt Aberle, im Gegenteil, es werden Anwesenheitslisten geführt. „Da klopfen wir aber nicht an die Türen, sondern schauen einfach, wen wir auf dem Flur begegnen.“ Die Listen sind nötig um zu sehen, ob alle Bewohner da sind. Denn wer nicht da ist, dem werden die Tagespauschalen gestrichen.

Aberle schildert sein letztes Treffen mit Kelly Michael, an dem Freitag, als der noch gelebt habe. Da gerade die Fenster im Haus erneuert wurden, habe er in Michaels Zimmer schauen wollen, „ob die Fensterrahmen ordentlich eingemörtelt sind“. Michael habe auf seinem Bett gelegen. „Ich habe ihn dann angestoßen und er hat ein bisschen gestöhnt.“ Dann habe Aberle das Zimmer wieder verlassen. Am Dienstag darauf sei er dann wiedergekommen, weil Michael „einen Termin bei der Botschaft in Berlin hatte. Ich wollte ihn wecken.“ Die ganze Geschichte sei sehr tragisch und mache ihn traurig. „Aber was sollen wir machen? Wir können die Leute ja nicht dauerhaft überwachen.“

Noch wird im Lager Gerstungen über Kelly Michael gesprochen, doch langsam verebbt die Wut und die Trauer. Da es in Deutschland keine bekannten Angehörigen gebe, könne man auch niemanden informieren, erklärt das Landratsamt. Die Spur nach Spanien werde man nicht verfolgen. Außerdem habe man die Botschaft von Liberia und Nigeria über Michaels Tod informiert, Reaktionen habe es allerdings noch nicht gegeben.

Dass von dem jungen Afrikaner nichts übrig bleibt, dafür sorgt gerade die Gemeinde Gerstungen. Man mache das, was das Thüringer Bestattungsgesetz vorschreibe, sagt Bürgermeister Werner Hartung. „Die Leiche wurde verbrannt und wird demnächst anonym bestattet“, sagt er. Zwar gibt es auf dem Gerstunger Friedhof eine sogenannte Grüne Wiese für anonyme Bestattungen, ohne Kreuze, nur mit einem Gedenkstein. Doch hier soll Michael, er war Christ, nicht hinkommen. „An einem ungenannten Ort“ werde die Urne vergraben, sagt Hartung. „Es soll ja anonym sein“. Für die Gemeinde sei vor allem wichtig, dass irgendjemand die Bestattung zahlt. „Aber ich nehme mal an, da ist das Landratsamt zuständig.“


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Sommerpause (Kunst)

Große Aufregung in Riesa an der Elbe. Anlässlich der Sommerpause der berühmten Talkshow „Anne Will“ und der damit einhergehenden großen Anne-Wills-kleine-Städte-Tour ist das Team der Sendung heute zu Gast in der Elb-Metropole, wie man hier so herrlich zynisch formuliert. Man gastiert im Freien, direkt neben dem Eishändler auf dem Parkplatz der Sparkasse und des angeschlossenen Autohauses. Es ist ein ganz spezieller Termin. Alle sind sie gekommen. Schon am Vormittag haben Rathausmitarbeiter die erste Reihe besetzt, in der zweiten nehmen Vertreter kommunaler Unternehmen Platz und Stadträte. Dahinter sitzt Volk. Die Sendung beginnt.

Will: Herzlich willkommen, meine Damen und Herren zuhause an den Geräten, herzlich willkommen, liebe Bürger hier in Pirna. Schön, dass Sie da sind, hier bei dieser Sendung

Buhrufe, erste Riesaer ziehen beleidigt ab. Einzelner Applaus bei Älteren.

Will: Wir haben heute ein nettes Thema. Überalterung, intellektuelles Ausbluten, Verzweiflung, leere Kassen. Riesa ist in den letzten Wochen zum Sinnbild eines sinnentleerten Ostens geworden, „Fleisch gewordene Endmetapher“, schrieb ein Feuilletonist der FAZ. Ich will heute mit meinen Gästen diskutieren: Hat das alles noch einen Sinn, oder besser gefragt: Warum?

Klatschen in der Rathausreihe. Erster Zank in der Stadtratsreihe, ausnahmslos innerhalb der Fraktionen.

Will: Meine Gäste. Zur Linken begrüßen Sie den Publizisten Arnulf Baring, der heute eigens angereist ist, um uns neue Einblicke zu gewähren. Baring wurde in der Nähe geboren, in Dresden.

Baring schaut auf die Elbe, grimmig. Applaus.

Will: Begrüßen Sie außerdem einen Riesaer Stadtrat. Ich darf Ihnen leider nicht, das war seine Bedingung und ich hab das in der Form noch nicht erlebt im Fernsehen, seinen Namen nennen. Er möchte sich zu Politik nur äußern, wenn er nicht zitiert, genannt und gezeigt wird. Großes Hallo also an den Stadtrat hinter der Gardine zu meiner Linken.

Getuschel in der Stadtratsreihe, Rathausmitarbeiter machen sich Notizen und schauen finster. Dann Applaus.

Will: Rechts von mir nun ein Lokaljournalist, Thomas Trapper. Guten Tag, Herr Krabbe.

TT: Hallo.

Will: Und last, but not least, der Rechtsextremist Jürgen Gansel. Schön, dass Sie in die Sendung gefunden haben, Herr Gansel.

Gansel: Guten Tag, Fräulein Will!

Will: Herr Baring…

Abrupt wird die Szene durchbrochen. Ein Mann mit Keule, Fell und einem riesigen Glas Bier betritt die Bühne und schüttet Sand auf ihr aus. Halb aus dem Off ist zu hören, dass es der Riesaer Riese ist mit Riesaer Erde, es handelt sich um ein skurriles Gastgeschenk, das hier lange Tradition hat.

Will: Bitte verlassen Sie die Sendung, stämmiger Mann. Security! Securityieee!

Der Riesaer Riese wird abgeführt. Gekeile drüben bei der Eisbude. Es fällt ein Warnschuss. Einige Zuschauer verlassen beleidigt den Platz.

Will: Also, nochmal Herr Baring. Sie haben sich ja mit der Situation in Riesa ausführlich beschäftigt. Stadtteile verkommen, überfüllte Altenheime, zerfallene Schulen. Was kann man tun?

Baring: Frau Will, gleich zu Beginn. Ich halte diese ganze Sendung für unangebracht und die Runde, die Sie hier zusammengestellt haben, dem Problem, gleich welchem, intellektuell nicht gewachsen. Wir werden hier nicht klüger oder irgendwas klären. Wir können lamentieren, ob wir die Stadt abreißen oder eben nicht, aber das ist doch Gutmenschen-Getue. Fakt ist: Es gibt Realpolitik. Das ist sehr simpel, warum versteht das hier keiner?

Will: Das werden wir ja sehen, vielen Dank, Professor Baring. Ich will da aber nochmal nachhaken. Ist mehr Geld immer eine Lösung?

Baring: Natürlich nicht! Wo leben wir denn?

Will: Herr Stadtrat. Sie wollen was sagen, ich spüre das.

Stadtrat: Sehen Sie. Riesa hat eine lange Tradition, in vielerlei Hinsicht, auch als Stadt. Ich möchte deshalb auch auf Herrn Baring reagieren, und zwar mit einem Zitat von Cicero. „Wes Kleid ich trag, des Lied ich sing“. Verstehen Sie, das sind doch ganz andere Dimensionen, wenn der König nackt ist und das ist in Riesa nun mal nicht so. Wissen Sie, dass hier im Rathaus tagein tagaus mit Derivaten spekuliert wird? Darunter leidet nicht nur der Bürger, sondern am Ende auch die FVG. Und das ist eben nicht nur die Erdgasarena. Wir müssen doch mal die Kirche im Dorf lassen und überhaupt verbiete ich solche Unterstellungen, nicht im Fernsehen.

Betretenes Schweigen. Baring wird sichtbar wütend.

Will: Herr Trapper, Sie sind als Lokaljournalist schon lange in Riesa unterwegs, äußern sich immer wieder gegenüber vielen Medien über die Stadt, aus der Sie nicht kommen, wie mir gerade verraten wurde. Was macht Riesa aus, warum ist es liebenswert?

TT: Wissen Sie, Frau Will, ich will das Publikum hier nutzen für einen lange geplanten emotionalen Ausbruch. Ich habe keine Ahnung, was die Stadt ausmacht, hatte das auch nie. Ich war vor hundert Jahren mal für einen undotierten Preis nominiert und seitdem denken alle, ich könnte irgendwas zu der Stadt sagen. Kann ich nicht. Schauen Sie sich doch um, was soll man denn da verstehen, geschweige denn erklären? Ich weiß, wo es hier lecker Eis gibt und wann die ICEs fahren. Ich glaube der Stadtrat hat das ganz gut auf den Punkt gebracht. Abgesehen davon hab ich schon wieder Migräne. Ich heiß übrigens Trappe, wie der Vogel, nicht wie das Krustentier. Danke.

Will: Puh, hartes Pflaster. Vielleicht wird es Zeit für den Gang zum Publikumssofa?

TT: Dazu hab ich einen Witz, Frau Will. Wie nennt Herr Gansel sein Sitzmöbel?

Will: Keine Ahnung, Herr Trappe.

Trappe: Besetzungscouch!

Will: Danke, sehr lustig. Nun aber zum Publikumssofa, wo uns der bewanderte, ich durfte das im Vorgespräch schon feststellen, Lutz Walther erwartet.

Walther: Komm her, Kleene, nicht so schüchtern, der Onkel beißt nicht.

Will: Da bin ich. Herr Walther. Sie leben seit langem in Riesa.

Walther: Kann man so sagen, seit ich rauskam, verstehste? Da kam viel raus, damals, von Beatles was, aber das sag ich dir, mein Sound ist geiler und den kann nur ich. Kennste Beatles, ne kennste nicht, Kleene, kennste doch, mach Sachen, ich hau mich weg, so eine wie du liest doch nur, oder lieste da die Rillen auf der Platte? Wo waren wir stehengeblieben? Achja, Riesa. Ne, ehrlich, ich schreib meine Leberwerte an die Hauswand, das ist das einzig Ehrliche, was Du hier zu sehen bekommst, Riesa hat mehr Enden als jede Wurst, das sag ich dir, und immer wenns zu Ende ist kommt ein neuer Scheiß. Olympia, sag ich dir, große Idee, aber falsch umgesetzt, ich hab ja mal geboxt, aber was willsten in der Stadt mit Olympia, frag ich dich? Ein Blumenladen reicht hier, vielleicht noch ein Bestatter, damit man nicht so alleine ist, aber sei doch mal ehrlich, was denkste, warum die Leute hier so sind, wiese sind? Ne, ich weiß es nicht, ich weiß nur, dass in die Arena jetzt ne Go-Cart-Bahn kommt, ne, echt, sowas. So Kleene, mach dich rüber, mehr kann ich dir auch nicht helfen, da musste alleene durch nu.

Will: Danke, Herr Walther.

Zurück im Studio. Nun will auch Herr Gansel mal zu Wort kommen. Hallo Herr Gansel von der NPD!

Gansel: Danke, Frau Will.

Will: Bitte.

Herr Trappe. Es ist halb vier, Sie haben mir vor der Sendung verraten, da fährt der letzte Zug, Sie müssen also gleich los. Was ist Ihnen noch wichtig?

Trappe: Ich bleib noch etwas, mit der Migräne kann ich nicht fahren. Es gibt einen Witz, der veranschaulicht vieles. Also in Riesa hats gebrannt, so geht der Witz los…

Baring: Sie sind so simpel. Jetzt erzählen Sie doch hier keine Witze. Das versteht doch hier eh keiner, und Sie selbst schon gar nicht…

Trappe: Naja, jedenfalls hats da gebrannt und dann steht nur noch…

Will: Danke, sehr spannend. Ich will aber noch ein anderes Thema ansprechen. Kürzlich hat der Stadtrat beschlossen, dass die Plattensiedlung Gröba-Merzdorf, so nennt man das wohl hier…

Buhrufe aus dem Publikum. Beleidigte Gröbaer und verletzte Merzdorfer verlassen die Runde. Große Aufregung, den Gröba-Merzdorf ist ein Kunstgebilde, das hier wenig Anhänger hat, ähnlich wie in Baden-Württemberg. Es beginnt eine Keilerei mit der Security.

Baring: Affentheater!

Will: Jedenfalls soll das abgerissen werden.

Gansel: Falsch, Fräulein Will. Es soll nicht abgerissen werden. Ausländer sollen dahin, damit der deutsche Plattenbau innerlich ausblutet.

Will: Hier gibt’s doch gar keine Ausländer, laut Statistik sind es nur sechs, ich hab mir das hier mal ausgedruckt.

Gansel: Hinten am Rathaus gibt’s zwei Griechen, dann den Italiener beim Eisstand und der Dönerverkäufer, auch Ausland. Das sind allein die, die ich kenne. Und das ist ja nur eine Dunkelziffer, sie verstehen, dunkel, nicht? Spaß beiseite, Politik muss ja auch Spaß machen, vor allem nationale Politik. Was ich sagen will, wenn Hochwasser kommt, wird es eng in der Stadt, man weiß das hier. Dann ist so eine Ausländerquote, die ohne Wasser ja noch verkraftbar erscheint, schon in einem ganz anderen Licht zu sehen.

Baring: Bei Hochwasser gibt’s Sandsäcke. Ist das simpel. Ich will nach Hause. Stimmt das mit dem ICE halb fünf?

Will: Gut. Beenden wir die Sendung. Herr Trappe, was sollte das jetzt mit diesem Blog-Eintrag?

TT: Keine Ahnung, ich weiß nur, dass hier gerade die Ebenen verschwimmen. Eigentlich wollte ich irgendwas schreiben, ohne zu wissen, was. Vollkommenen Blödsinn. Ich werde jetzt Kunst drüber schreiben, dann denken alle, da geb’s eine Meta-Ebene, viele gebrauchen ja das Wort, ohne zu wissen, was es bedeutet. Wenn Sie wüssten, wer hier alles Schriftsteller genannt wird, aber das ist ein anderes Thema.

Stadtrat: Cool! Glückwunsch.

Will: Liebes Publikum, herzlichen Dank für ihre Geduld. Nächste Woche sehen wir uns dann in Bottrop.

Die Rathausreihe löst sich auf, die Stadträte gehen, das Publikum bleibt sitzen, das Will-Team verteilt kostenlose Will-Kulis. Ein verwirrter älterer Mann murmelt Gedichte. Am Horizont strahlt die Sonne. Trappe erzählt endlich seinen Witz, doch die Kamera ist aus.


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Tatort Gartenzaun

In Wolfgang Standkes Grundstück sind schon mehr als hundert Autos gerast. Mit stoischer Ruhe repariert der Rentner den Zaun – immer und immer wieder.

Das Dorf Schweta, Ortsteil im sächsischen Mügeln, erreicht man von Norden aus kommend am besten über die A13. An der Ausfahrt Schönborn auf die B98, vorbei an einigen sächsischen Kleinstädten, weiter auf die B6. Man hat hier gute Sicht und kann zügig fahren. Kurz vor Schweta, man ist inzwischen auf der S31 unterwegs, kommt ein Bahnübergang, danach darf man wieder auf 80 beschleunigen, nicht mehr ganz so gute Sicht, es kommt ein Ortseingangsschild, man bremst auf 50, es kommt eine Kurve, man bremst stärker, durchbrettert einen Zaun und steht mit seinem gerade zerstörten Auto in einem gepflegten Vorgarten. Dann kommt Wolfgang Standke, Besitzer des Gartens, und fragt, ob’s gut geht, sagt vielleicht auch nur „Guten Tag“. Überrascht schaut der Rentner nicht, nur ein bisschen genervt.

Die Oschatzer Straße 2 in Schweta ist eine vielbefahrene, und natürlich landen nicht alle Durchreisenden im Grundstück des 66-Jährigen, aber doch ein erheblicher Teil. Mehr als hundert Autos und Motorräder sind in den vergangenen 30 Jahren in das Grundstück gefahren, das am Ortseingang ungünstig liegt, da man vor der spitzen hohen Kurve kaum ahnen kann, dass sich hier nicht eine geradeaus weiterführende Straße befindet, sondern das Obst-Beet von Herrn Standke. Der Mann lebt seit 1973 mit seiner Frau in dem Haus, einen Großteil seiner Freizeit verbrachte Standke damit, den Zaun zu reparieren. Meist fahren Jugendliche in den Zaun, Standke schätzt „zu 85 Prozent“. Wie viele Unfälle es exakt waren, weiß Standke nicht.

Der Mann mit den ordentlich gekämmten Haaren, dem gepflegten Hemd und der Jeans empfängt mit festem Händedruck, wie es sich für einen gelernten Maurer gehört. Es ist ein sonniger Tag, er arbeitet gerade im Garten, der sich vor dem zweistöckigen Haus etwa sieben Meter vor dem Haus erstreckt, eine Sicherheitszone, wird man später lernen. Standke zeigt das Haus, erzählt vom alten Kohlenkeller, der inzwischen ein Hobbykeller ist. Die schwarze Katze versucht das Aufnahmegerät zu fressen. Es ist nicht seine Katze, sagt Wolfgang Standke, sondern die vom Nachbarn. Er selbst hatte vor Jahren eigene Katzen, die wurden aber alle überfahren, „fünf oder sechs Stück“. Wie gesagt, Standkes Haus hat eine fragwürdige Verkehrsanbindung.

Der letzte Unfall liegt am Tag des Interviews schon eine Weile zurück. Es war Dezember, als eine Frau mit Opel Astra in den Zaun fuhr. Sie selbst erklärte, sie habe nur 30 Stundenkilometer auf dem Tacho gehabt, aber Standke ist da aus Erfahrung etwas skeptisch. Zwei Zaunfelder wurden komplett weggefahren, außerdem zwei Betonsäulen. Sowohl was den Unfallhergang als auch den Schaden angeht, ein durchschnittlicher Unfall. Damals war tiefer Winter, Standke hoffte, in dieser Zeit von Unfällen verschont zu bleiben, weil der Schnee die Autos vielleicht abbremsen konnte. Stattdessen „hat das Auto den ganzen Schnee in den Garten geschoben.“

Seit dem 14. Februar steht der Zaun wieder, glattes Holz, sattes Braun, schön gerade und parallel. Seit mehreren Monaten ist am Tag des Gesprächs nichts passiert, rein statistisch, sagt Standke, müsste es bald wieder krachen. Wenige Stunden später wird er wissen, warum man Dinge nicht beschreien soll. Doch jetzt steht er erst mal an einem frisch reparierten Zaun und erzählt ein wenig.

Das Grundstück, das hat sich wegen der Unfälle so ergeben, ist in mehrere Bereiche aufgeteilt. Den Anfang der Zone bildet der schöne Zaun. Früher stand dahinter eine Hecke, „da haben wir dann aber bei den ganzen Unfällen kein Geschicke mehr reingekriegt“, so Standke im schönsten Sächsisch. Wo Hecke war ist jetzt also Rasen, der notgedrungen immer wieder frisch gesät werden muss. Sichtschutz bietet jetzt ein halbes Dutzend Zypressen, bestärkt mit Holzlatten, zwei Reihen. Dahinter das Beet, auf dem Standke dieses Jahr Rhabarber und Erdbeeren anbauen will, ein paar Keramikfiguren wachen darüber. Hier beginnt die sichere Zone, alles vor der Baumreihe steht ständig zur Disposition. 2006 vernichtete ein Passat zwei der Zypressen. Das Auto kam in der Baumreihe schon mit Telefonmasten, Straßenschild, zwei Zaunfeldern mitsamt Masten und einen gänzlich unverletztem Fahrer an. Zypressen pflanzt Standke übrigens, weil die sehr schnell nachwachsen.

In Schweta, ein Dorf mit einer Eigenheimsiedlung und zwei Hauptstraßen, wohnt Wolfgang Standke, seit er denken kann. Als Einjähriger kam er 1945 aus Schlesien hierher. Als seine Frau das zweite Kind erwartete, wurde es im Elternhaus zu eng, man suchte eine neue Bleibe. Unten im Dorf, direkt am Dorfteich, stand eine alte Scheune, 1973 wurde sie gekauft und schließlich zu dem Haus, in dem die Standkes heute noch wohnen und gerade eine gemütliche Grillecke anbauen, hinten im Garten, ganz hinten. Anfangs ging alles gut, „vielleicht einmal im Jahr ist da jemand reingefahren“, aber schon Ende der 70er wurde es nervig. „Hätte ich das gewusst, wäre ich hier nicht eingezogen.“

Es ging los mit Mopeds und Motorrädern. Am Straßenrand der Schotter, das war das Problem. „Wenn die mit dem Moped da erst mal drauf waren, da kamen die nicht mehr hoch, da waren die drin.“ Prellungen waren meist die Folgen, Schürfwunden, was Schlimmes ist bisher noch niemanden passiert, betont Standke. In der Garage lagern seitdem Decken und Verbandszeug, die Nachbarin ist Krankenschwester.

In den 80ern ging es richtig los, drei- bis viermal pro Jahr krachte es, in anderen Jahren aber auch mal gar nicht. Man solle nicht denken, dass Trabante nicht ordentlich Schaden anrichten können, sagt Standke, sein Blick verrät, dass er gerade an viele Zaunfelder denkt. Einmal, erinnert er sich, sei in der Kurve ein Trabi abgehoben, habe sich in der Luft gedreht und sei schließlich mit dem Dach in der Hofeinfahrt gelandet, „wie ein Maikäfer“. Der Fahrer war unverletzt, aber unter Schock. „Der ist dann mit seiner Aktentasche in der Hand die Straße runtergelaufen, den mussten wir zurückholen.“ Später kam die Polizei, der Trabi war noch ganz, wurde umgedreht, weiter ging die Fahrt.

1977 war es wie im Schlaraffenland, da floss die Milch in Standkes Vorgarten, bis zum Knie. Ein Milchlaster der LPG kriegte die Kurve nicht mehr und kippte in den Garten. Für das ganze Dorf ein Höhepunkt, jeder Zweite hatte Vieh im Hof, das sich über Milch freute. Eimerweise wurde der Milchschlamm aus dem Garten geschippt und später verfüttert. Nur für Standke selbst war es nicht schön. Im Jahr darauf blühte nämlich nichts mehr. „Das war zu viel Milch.“ Allgemein scheint es eine gute Rohstoffverwertung in Schweta zu geben. Die zertrümmerten Zäune bekommt eine inzwischen ältere Dame im Dorf, sie heizt noch mit Holz, ist ja billig zu haben.

Wie viel Geld Standke für seine Zäune bereits ausgeben hat, weiß er nicht. Pro Unfall gehen zwischen 700 und 1.500 Euro drauf, das zahlt die Versicherung. Meistens repariert der Hausherr selbst, zumal er als Rentner jetzt Zeit hat. Problematisch wird es, wenn die Unfallfahrer flüchten, ungefähr dreißig Mal kam das bisher vor. „Dann muss ich selber zahlen.“ Rabatt bekommt Standke im örtlichen Baumarkt leider nicht, auch wenn man dort schon weiß, dass er regelmäßig nach brauner Farbe und Zaunlatten fragt.

Die Idee, den Zaun einfach wegzureißen, kam Standke nie. „Ich bin das so gewöhnt, außerdem würden sonst die Leute in meinen Garten kommen“, fürchtet er. Seine Frustrationstoleranz scheint bewundernswert. Einmal, ist schon ewig her, reparierte er mit dem Bruder den Zaun. Als Belohnung für die geschaffte Arbeit gab es am Ende ein Bier – der Plopp der Flasche wurde übertönt vom Krachen, das ein Auto im neuen Zaun verursachte. Danach wurde der Zaun wieder repariert.

Von der Kommune würde sich Standke wünschen, dass sie endlich eine Tempo-30-Zone vor seinem Haus einrichtet, doch er wird nicht erhört. Der Sprecher des Landkreises Nordsachsen erklärte auf Anfrage, dass man nichts tun könne. Standke setzt darauf, dass der Verkehr in Schweta bald durch eine Umgehungsstraße entlastet wird. Bis dahin muss man einfach hoffen, ist ja schon lange nichts passiert, sagt Standke zum Abschied.

Einen Tag später ruft er an. Heute Morgen war es soweit. Ein Gülle-Trecker. Das Hinterrad fiel in der Kurve ab und rollte direkt ins erste Zaunfeld, der Trecker kippte zum Glück nicht um. Es wird Frühling, Wolfgang Standke hat jetzt wieder im Garten zu tun.

so ähnlich erschienen im Tagesspiegel


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Alles in Ordnung

Am Riesaer Rathausplatz, idyllisch gelegen am Fuße des mit Ranken berankten Rathauses, befindet sich ein altes leerstehendes Haus. Ich würde jetzt eigentlich „Café Starke“ schreiben wollen, weil man es auch so ausspricht. Muss aber „Kaffee Starke“ schreiben, weil das der offizielle Name des Etablissements ist, der offizielle Beiname ist indes „Schandfleck“. „Schandfleck“, so wird in Riesa seit jeher oder zumindest, seit man das darf, jedes Haus genannt, was nicht bei drei in einem Bundesprogramm für städtische Sanierung aufgenommen wurde. Ab und an baut man etwas vor das „Kaffee Starke“, das die Blicke ablenkt. Einen seltsamen sogenannten Zunftbaum zum Beispiel, beschmückt mit Wappen aller Art und insgesamt recht unansehnlich. Er ragt in die Höhe und nun bekomme ich gleich wieder Leserbriefe, in denen steht, dass ich zum Psychiater soll, weil ich überall in Riesa Phallus-Symbole sähe.

Das „Kaffee Starke“ versucht die Stadt seit Menschengedenken, zumindest seit meiner Anwesenheit, zu veräußern. Letztes Mal im vergangenen Jahr, als man mal wieder einen Investor ausgemacht zu haben glaubte, versprachen Rathausvertreter sogar im Überschwang einer Stadtratssitzung, jedem, der das alte Haus bezieht und dort eine Wohnung einrichtet, gleich noch einen Garten in einer städtischen Gartensparte am Rande der Stadt zu schenken. Vielleicht war es halb im Scherz gesagt, das weiß ich in Riesa nicht immer so recht – jedenfalls ein Gaul mit stinkendem Maul.

Nun gibt es einen neuen interessanten Aspekt im „Kaffee Starke“, eine Entwicklung, die es nicht mehr nahelegt, von einem Schandfleck zu sprechen, sondern vielleicht eher von einem Problemreaktor. Das Haus schimmelt nämlich, was an sich nicht problematisch wäre, da das Haus eh keiner leiden kann und ihm sicher viele Menschen einen schnellen Tod wünschen; es wird aber problematisch, da sich neben dem alten Haus ein anderes Haus befindet. Eine Grundschule. Eine Lehrerin meldete sich bei der jüngsten Bürgerfragestunde mit der Anmerkung, dass auffällig viele Kinder und Lehrer in letzter Zeit Atemwegserkrankungen hätten, ein Schüler würde immer so Anfälle kriegen, Pseudokrupp, sagen die Ärzte wohl.

Die Lehrerin äußerte freundlich den Verdacht, dass das mit den Schränken zusammenhängen könnte. Also nicht ganz, sie sagte, mit den Schimmelflecken hinter den Schränken, die man halt so entdeckt, wenn man die Schränke wegrückt, was die Lehrer nach Feierabend taten. Es muss wohl schwarz wie, nun ja, starker Kaffee, ausgesehen und so seltsam feucht geschimmert haben. Nicht so schlimm wie im Keller allerdings, dort muss es dem Vernehmen nach wie in einer verschimmelten Brotbüchse gerochen haben. Im stinkenden Keller werden ja aber auch keine Kinder unterrichtet, ist ja nicht die städtische Förderschule. Einzig der Hausmeister hat im Keller der Grundschule seinen Arbeitsplatz. Aber man kann ja auch was im Garten machen, so als Hausmeister einer Grundschule. Vielleicht Rauchen.

Die Stadt hat das Schimmelproblem nun erkannt und nach eigenen Angaben beseitigt. Ob die Krankheiten mit dem neckischen Schimmel zusammenhängen, sei nicht beweisbar. Größere Proteste seitens der Riesaer, vergleichbar mit denen, die es kürzlich gab, als sich der Bau einer Bundesstraße wegen Naturschutzfragen verzögerte, blieben aus. Allerdings war auch gerade mal wieder Frühlingsfest der Volksmusik in der Stadt. Florian Silbereisen moderierte, die Flippers spielten ein Abschiedslied. Da kann Schimmel schon mal untergehen. Flippers – eine gute Überleitung zum abschließenden Musiktipp.


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Begriffsklärung: Zynismus

Feiern, wo andere weinen


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Erdverbunden

Vorbemerkung: Dieser Text hat einen Knoten im roten Faden.

Am 1. September wurde vor 50 Jahren in der Stahlstadt Riesa ein Ortsteil eingemeindet, das schöne Mergendorf. Auch viele andere Ortsteile wurden zuvor und danach eingemeindet. Man will das jetzt feiern, verkündete der Riesaer Riese, das befellte Stadtmaskottchen. Im Online-Gästebuch der Stadt wandte sich der Riese (er ist wirklich ausnehmend riesig) ans Volk. Es solle die Eingemeindungen aller Art begehen beim kommenden Stadtfest im Juni. Und zwar so: „Bringt bitte aus jedem Ortsteil einen Stiefel Erde mit zum Rathausplatz“. Riesa, Stadt der Party-Ideen.

Mit dem sehr individuellen Feierritual wird ein Gesellschaftsentwurf angedeutet, der irgendwie spannend klingt, aber trotzdem im Kreistag Meißens (der auch Riesa repräsentiert) jüngst nicht verhandelt wurde. Auf der Tagesordnung stand ein Leitbildentwurf für den Landkreis, den ich nicht gelesen habe, dafür bin ich viel zu träge. Als Mitglied der Spaßgesellschaft kenne ich nur die Auslassungen der sympathischen NPD zur Leitbildfrage. Man ist da bei den Nationaldemokraten sehr engagiert. In diesem Zusammenhang sei noch kurz ein anderer Besucher im Riesaer Gästebuch zitiert. Ein Berliner Pensionär, der erklärt, „als Strafrechtler“ freue er sich „immer wieder über Seriosität und Lebensqualität“ in der Riesaer Gesellschaft. Seh ich ganz ähnlich, so als Mensch.

Wie die Sitzung ablief, weiß ich nicht, nach dem Bericht der NPD zu urteilen wurde offenbar aber viel gerülpst und gefurzt, vielleicht schütteten die von Mundgeruch geplagten Politiker auch Erde aus Stiefeln auf Kreistagstische. Das ist frei rein interpretiert, fest steht offenbar nur, dass ein Anwesender, man meint bei der NPD, es sei der Riesaer Finanzbürgermeister gewesen, in Richtung der NPD-Fraktion gebrüllt habe: „Halt’s Maul“. Das ist jetzt nicht unbedingt eine ungewöhnliche Wortwahl für den Bürgermeister, ich glaube trotzdem, man hat sich da bei der NPD verhört, denn in der Regel pflegt der Bürgermeister schlicht zu sagen, er ist da kein Mann vieler Worte: „Arschloch!

Wozu jetzt der Kreis Meißen ein Leitbild braucht, weiß ich nicht recht, es gibt doch Wein, Burg, Nudeln, Stahl und Elbe, da ist eigentlich alles gesagt. Aber das ist nicht meine Sache, die Leitbild-Frage ist nun mal in der Welt. Und damit auch die elf Änderungsanträge, eingebracht vom sympathischen NPD-Stadtrat Peter Schreiber aus Strehla bei Riesa. Er eröffnete seine Rede, so die NPD, „augenzwinkernd“ erklärend, dass „Demokratie Geduld verlangt“. (Wenn man augenzwinkernd und den Kopf in den Nacken gedrückt etwas vorträgt, sieht man ein wenig aus wie Thilo Sarrazin, ich hab das grade mal vorm Spiegel ausprobiert).

Wichtig ist der NPD eine Präambel im Meißner Leitkulturgedöns, in der vermerkt ist, dass „zwischen Strehla und Radeburg, Gröditz und Nossen die deutsche Volksgemeinschaft ein Stück Wirklichkeit“ werden soll, begründet dadurch, dass Riesa und Meißen „das traditionsreiche Herzland Sachsens“ sei und damit wohl irgendwie gefühlte Reichshauptstadt.

Was die Wünsche der NPD angeht, finde ich, da ist die Wirklichkeit schon weiter, als man dort vielleicht wahrhaben will. Denn durchaus möchte ich behaupten, dass, bedeutet eine Volksgemeinschaft nach Idee der NPD die durchgängige Umstellung weiblicher Frisuren auf Zweifarbigkeit (und ich glaube, das ist der Grundgedanke), im Raum Riesa schon einiges an Bringschuld gebracht ist. Weiterhin sind auch schon viele Autos getunt und Tankstellen zu Gemeindezentren umfunktioniert. Riesa hat eine Disco und einen McDonalds.

Und bald auch einen Erdhaufen auf dem Marktplatz. Und der Wolf ist auch schon im Anmarsch. Das wird noch mit dem Leitbild.


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