Archiv der Kategorie: Dorfgefühle

Alles in Ordnung

Am Riesaer Rathausplatz, idyllisch gelegen am Fuße des mit Ranken berankten Rathauses, befindet sich ein altes leerstehendes Haus. Ich würde jetzt eigentlich „Café Starke“ schreiben wollen, weil man es auch so ausspricht. Muss aber „Kaffee Starke“ schreiben, weil das der offizielle Name des Etablissements ist, der offizielle Beiname ist indes „Schandfleck“. „Schandfleck“, so wird in Riesa seit jeher oder zumindest, seit man das darf, jedes Haus genannt, was nicht bei drei in einem Bundesprogramm für städtische Sanierung aufgenommen wurde. Ab und an baut man etwas vor das „Kaffee Starke“, das die Blicke ablenkt. Einen seltsamen sogenannten Zunftbaum zum Beispiel, beschmückt mit Wappen aller Art und insgesamt recht unansehnlich. Er ragt in die Höhe und nun bekomme ich gleich wieder Leserbriefe, in denen steht, dass ich zum Psychiater soll, weil ich überall in Riesa Phallus-Symbole sähe.

Das „Kaffee Starke“ versucht die Stadt seit Menschengedenken, zumindest seit meiner Anwesenheit, zu veräußern. Letztes Mal im vergangenen Jahr, als man mal wieder einen Investor ausgemacht zu haben glaubte, versprachen Rathausvertreter sogar im Überschwang einer Stadtratssitzung, jedem, der das alte Haus bezieht und dort eine Wohnung einrichtet, gleich noch einen Garten in einer städtischen Gartensparte am Rande der Stadt zu schenken. Vielleicht war es halb im Scherz gesagt, das weiß ich in Riesa nicht immer so recht – jedenfalls ein Gaul mit stinkendem Maul.

Nun gibt es einen neuen interessanten Aspekt im „Kaffee Starke“, eine Entwicklung, die es nicht mehr nahelegt, von einem Schandfleck zu sprechen, sondern vielleicht eher von einem Problemreaktor. Das Haus schimmelt nämlich, was an sich nicht problematisch wäre, da das Haus eh keiner leiden kann und ihm sicher viele Menschen einen schnellen Tod wünschen; es wird aber problematisch, da sich neben dem alten Haus ein anderes Haus befindet. Eine Grundschule. Eine Lehrerin meldete sich bei der jüngsten Bürgerfragestunde mit der Anmerkung, dass auffällig viele Kinder und Lehrer in letzter Zeit Atemwegserkrankungen hätten, ein Schüler würde immer so Anfälle kriegen, Pseudokrupp, sagen die Ärzte wohl.

Die Lehrerin äußerte freundlich den Verdacht, dass das mit den Schränken zusammenhängen könnte. Also nicht ganz, sie sagte, mit den Schimmelflecken hinter den Schränken, die man halt so entdeckt, wenn man die Schränke wegrückt, was die Lehrer nach Feierabend taten. Es muss wohl schwarz wie, nun ja, starker Kaffee, ausgesehen und so seltsam feucht geschimmert haben. Nicht so schlimm wie im Keller allerdings, dort muss es dem Vernehmen nach wie in einer verschimmelten Brotbüchse gerochen haben. Im stinkenden Keller werden ja aber auch keine Kinder unterrichtet, ist ja nicht die städtische Förderschule. Einzig der Hausmeister hat im Keller der Grundschule seinen Arbeitsplatz. Aber man kann ja auch was im Garten machen, so als Hausmeister einer Grundschule. Vielleicht Rauchen.

Die Stadt hat das Schimmelproblem nun erkannt und nach eigenen Angaben beseitigt. Ob die Krankheiten mit dem neckischen Schimmel zusammenhängen, sei nicht beweisbar. Größere Proteste seitens der Riesaer, vergleichbar mit denen, die es kürzlich gab, als sich der Bau einer Bundesstraße wegen Naturschutzfragen verzögerte, blieben aus. Allerdings war auch gerade mal wieder Frühlingsfest der Volksmusik in der Stadt. Florian Silbereisen moderierte, die Flippers spielten ein Abschiedslied. Da kann Schimmel schon mal untergehen. Flippers – eine gute Überleitung zum abschließenden Musiktipp.


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Von der Tartanbahn in die Pressestelle

Für mich als oft sogenannten Riesa-Blogger ist es eine feine Sache, dass viele Vereine der Region, zum Beispiel die sympathische NPD, ihre Pressemitteilung dauerhaft abrufbar im Internet parken. Ich kann dann meine beliebten ironischen Betrachtungen zeit- und ortsunabhängig anstellen, muss mit niemanden reden, das mach ich eh nicht so gerne. Auch andere Institutionen erleichtern mir jetzt die Arbeit, indem sie in Gruppendynamik nach bestem Gewissen  verzapfte Unterhaltung online stellen. Zum Beispiel der Sportclub (SC) Riesa.

Der Fall ist in seiner Einfachheit begeisternd, gibt doch die Simplizität der Vorgänge treffend Eindruck von den ihnen zugrunde liegenden Denkstrukturen. Anlass einer jetzt in der „Sportstadt“ geführten Debatte ist eine eher harmlose Kritik am SC-Präsidenten durch einen anderen Vereinspräsidenten, jenen vom TSV Stahl Riesa (Fußball). Um das ganze nicht unnötig kompliziert zu machen sei hier zusammengefasst: Der kritisierte SC-Präsident ist gleichzeitig Finanzbürgermeister der Stadt (CDU), in der Folge der Kritik wurde der kritisierende Vereinspräsident aufgefordert, sich öffentlich beim Bürgermeister zu demütigen entschuldigen. Tue er es nicht, so die implizite Drohung, werde Stahl Riesa die Möglichkeit entzogen, unter annehmbaren Bedingungen auf städtischen Sportplätzen zu trainieren. Derweil die Oberbürgermeisterin der Stadt fleißig NPD-Appelle unterschreibt, in denen es meist um „demokratische Grundprinzipien“ geht.

Der zur Rede stehende relativ erfolgreiche Fußballverein TSV Stahl Riesa diente dem Rathaus bisher gerne mal dazu, den Sportstadt-Anspruch zu manifestieren. Dass sportlicher Erfolg nicht einhergeht mit dem Recht, sich auf Artikel 5 des Grundgesetzes auszuruhen, wird jetzt nun in Riesa umso eindrucksvoller demonstriert. Was die Sache für die Stadt relevant macht, ist, dass im Breitensportclub ZK SC Riesa jeder zehnte Riesaer Mitglied ist, die meisten davon Kinder mit Familienhintergrund. Soll heißen, fast jeder Riesaer ist vom SC und dessen Umgangsformen irgendwie betroffen.

Was die Sache für das Blog interessant macht, sind, wie angedeutet, die Pressemitteilungen, die hier wenigstens in Auszügen einer noch größeren Nachwelt bekannt gemacht werden sollen.

Es begann also mit der harmlosen Kritik des Stahl-Riesa-Präsidenten, der Finanzbürgermeister möge seiner Macht als SC-Präsident Ausdruck verleihen, sodass Stahl Riesa annehmbare Trainingszeiten auf dem jüngst gebauten Kunstrasenplatz der Stadt bekommt. Ein Platz, über den der SC die Schlüsselgewalt hat. Täte das der SC-Präsident nicht, so der TSV-Präsident, sei der Finanzbürgermeister als SC-Präsident vielleicht arbeitsmäßig zu sehr belastet, sollte doch also vielleicht zurücktreten von seiner SC-Funktion. So weit der demokratische Brauch bei Debatten.

Anschließend erklärte der SC, dass der TSV nicht mehr auf den Platz kommt, solange sich dessen Präsident nicht entschuldigt, „offiziell, schriftlich und vor allem persönlich bei unserem Präsidenten“, so die Geschäftsführung des SC. Es werde erwartet, „dass dies über alle zur Verfügung stehenden Medien erfolgt“. Es sei „völlig unverständlich, das in dieser Art und Weise ein Verein und vor allem dessen Präsident öffentlich in Frage gestellt werden“.

Spannend zu sehen ist dann, dass jede These, die ich über die Riesaer Seele schon aufgestellt habe, mit den Presseerklärungen des SC bei weitem überboten wird. So erbärmlich, wie der SC die Jugendlichen der Stadt beschreibt, wäre es mir wohl höchstens während Fieberfantasien über den hereinbrechenden Faschismus aus der Feder gesprungen. Denn mit statistischer Lust rechnet der SC aus, dass 1.002 Kinder eine Stunde pro Woche im Verein trainieren. Wenn jedes Riesaer Kind also „nur 1 h pro Woche trainiert, sind dies 1.002 Stunden in der Woche, die nicht durch Vandalismus, Zerstörung, Diebstahl und Raub von Kindern und Jugendlichen geprägt sind“, so der SC. Insgesamt seien das, wie auch immer, „21.943.800 Stunden“, in denen in Riesa nicht randaliert, zerstört, geklaut und vor allem keine Kinder entführt würden. Nach meiner Berechnung würde also, selbst wenn der SC heute geschlossen würde, erst im Jahr 4515 Riesa in Gewalt und Chaos versinken, dann aber deftig.

Da die Veranstaltungen des SC „in der ganzen Welt bekannt sind“, gibt sich die Vereinsführung auch im weiteren Verlauf mit Rückgriff aufs gute alte Faustrechnen sichtlich Mühe, ihren geliebten Führer zu verteidigen. Nachdem also stolz bekanntgegeben wurde, dass der SC bei Riesaer Fleischern und Bäckern schon 62.000 Euro umgesetzt hat und außerdem, dass „die Liste des Erreichten unendlich lang“ sei und sich „über mehrere Seiten (siehe Anlage)“ ziehe, wird auch noch berechnet, wie lange der SC-Präsident und Finanzbürgermeister arbeiten müsste, wenn man mal den bösen Präsidenten von Stahl Riesa zum Vergleich heranzieht. Bitte:

„Im Durchschnitt arbeitet ein Vereinsvorsitzender oder Abteilungsleiter mit der Größe eines Vereines, wie beispielsweise dem TSV Stahl Riesa mit 160 Mitgliedern, ca. 5-6 Stunden in der Woche ehrenamtlich für den Verein. In Zahlen verdeutlicht, müsste Herr Mütsch (der SC-Präsident, tt), 204 Stunden/Woche für den SC arbeiten, um allen 34 Abteilungen bzw. Sektionen gerecht zu werden. – das sind in Tagen ausgedrückt 8,5 Wochentage.“ Völlig zu Recht schließt die Berechnung mit erschütternder Erkenntnis in fett: „Aber eine Woche hat doch bekanntlich nur 7 Tage?“

Es ist sicher keine überraschende Erkenntnis, dass einige Sportler nicht ohne Aufsicht Pressemitteilungen schreiben sollten. Und auch keine Selbstverständlichkeit, dass Demokatietheoretiker viel Zeit auf Reck und Matte verbringen. Aber warum ich mich hier ständig mit der NPD beschäftige, wo das Gute doch viel näher liegt, will mir nicht mehr so Recht in den Kopf.


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An der Kuchenbar

Es gibt nicht sehr viele Popularitäten in Riesa. Mehr sowas wie eine örtliche Schönheitskönigin, die, gefragt nach ihren drei Stärken, Schlagfertigkeit, Ausdauer, Belesenheit und Schönheit angibt oder ein älterer Herr, der immer Betriebsfeste moderiert und dessen Namen ich dann auch immer sofort wieder vergesse. Und eine sogenannte Renate Preuß, die übrigens an diesem Wochenende oder so in der Bibliothek liest oder im Museum, habs vergessen. Ja, der Bundesinnenminister hat in Riesa ein Wahlkreisbüro, aber das ist Politik, und daher eher Schmuddelkram für den gepflegten Stahlstädter. Und dann gibt es natürlich noch mich, der sich laut wenige Meter hinter meinen guten Ohren während einer Pressekonferenz durch Verwaltungsmitarbeiter geäußerter Meinung „sowieso für den Größten hält“. Das ist sicher so, aber hier nicht Thema.

Es geht darum, dass Riesa also arm an Popularitäten ist und daher volles Verständnis dafür aufzubringen ist, dass es zu einer kollabierenden Innenstadt führt, treten die teilweise über Sachsen hinaus bekannten „Randfichten“ auf. Unter Innenstadt sei an dieser Stelle mal das örtliche Einkaufszentrum subsumiert, die Spitze des Eisbergs wenn man so will und wenn die Riesaer Innenstadt ein Eisberg wäre. Das Ereignis ist jetzt schon einige Wochen her (das ist ja hier auch kein Nachrichtenportal) und trotzdem in guter Erinnerung.

Man kann jetzt an dieser Stelle all das wiederholen, was über Auftritte von Volksmusikern in Einkaufszentren schon geschrieben wurde (erbärmlich, traurig, unwürdig, Mobmagnet), man könnte schreiben, dass das Publikum sehr alt ist im Durchschnitt, oder darüber philosophieren, warum Volksmusikanten immer so verkokst wirken (Koks). Aber man kann auch darüber schreiben, dass Konzerte in Einkaufszentren super sind, da man nebenbei Kuchen essen kann.

Das kann man ganz gut, hat bloß den Nachteil, dass, wenn die Bäckerei mit Sitzgelegenheit sich an der der Bühne gegenüberliegenden Seite befindet, sich zwischen Bühne und Kuchen viele andere Menschen drängen, die keinen Platz beim Kuchenbäcker mit Sitzgelegenheit ergattert haben. Zum Beispiel ich.

Was nun auf den bekuchten Plätzen herrschte, verdrängte die Gefühle Musikalität und Sättigung radikalst, hervor kam die blanke Wut ob der Verdeckung der Sicht auf die „Randfichten“, die vorne gewohnt textsicher dem Publikum auflauerten. Mit Kuchen war schlecht nach mir und Nebenstehenden zu schmeißen, da bereits vertilgt, doch auch Blicke und ungeduldiges Hinundherrutschen spricht ja eine deutliche Sprache. Ich trollte mich.

Die, oder wie es wohl korrekt heißt, „De Randfichten“, hatten an diesem Tag zunächst leichte Probleme mit ihrem Sächsisch, es klang ein wenig verdächtig nach Hochdeutsch. Der peinliche Fehler wurde schnell korrigiert beim nächsten Lied, es ging ums Holzhacken, vielleicht auch um Frauen oder Rennwagen oder alles viers zusammen, wie man so schön sagt hier.

Die Flucht nach vorn Richtung Bühne weg vom Kuchen muss dann aber keine gewinnbringende sein, denn unversehens gerät man in den nächsten Konfliktherd, der mich ein bisschen an Fernsehbilder radikaler Protestanten in den USA erinnerte – nicht zu gewalttätig, aber auch gut, dass grad keine Fackeln zur Hand sind. Denn sich parallel bewegende Ströme einkaufswilliger Riesaer treffen auf Schwärme stehender Riesaer, die Volksmusik hören wollen. Sich widersprechende Gefühle und Meinungen drückte die zum Teil wippende, zum Teil schiebende Masse dadurch aus, dass sie sich gegenseitig Einkaufswagen in die Hacken und Ellenbogen in die Seiten rammte, schlechter Atem allerorten, Dederon und blaues Haar, Pogromstimmung fast. Momente der Überreizung und Migräne, in denen ich überlege, ob es jetzt nicht Sinn ergäbe zu brüllen: „Hier vorne singen sie Volksmusik und ihr fresst Kuchen!“ Nein, es ergäbe keinen Sinn, wäre es doch nur verhallender Protest gegen längst bekanntes Unrecht.

Im Übrigen verschickt die örtliche NPD seit Neuestem immer Pressemitteilungen, in denen sie einen gewissen Thilo Sarrazin dafür lobt, dass er das gesunde deutsche Volksempfinden, ich nenn das jetzt mal einfach so, zurück in die Debatte bringe.

Ich weiß zwar nicht warum, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass man diese beiden Informationen in einem Text unterbringen kann, ohne dass er unzusammenhängend wirkt. Mal sehen, ob’s stimmt.


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Wahrheiten

Neulich in einer Bar der Leipziger Südvorstadt. Der Abend war relativ weit vorgedrungen und die Bedingtheit der Existenz abschließend verurteilt, als es zu jenem folgenlosen Dialog kam. Auf die Frage des betrunkenen Zudringlichen, was ich so mache, entschloss ich mich zu entwaffnender Ehrlichkeit und antwortete halbwegs wahrheitsgemäß „Freier Journalist“, auch um dem Gespräch keinen weiteren unnötigen Drive zu verpassen. Leider gibt es anders als in Berlin in Leipziger Bars auch durchaus Besucher, die nicht freien Journalismus als ihren Beruf angeben, soll heißen, der Mann brach trotz aller Gegebenheiten das Gespräch nicht ab. Und deutete mit nun folgender Nachfrage an, dass er nicht nur betrunken ist, sondern es auch vermag, einen gesamten Berufsstand anhand von drei Wörtern allumfassend zu analysieren. Er wollte meine journalistische Tätigkeit also konkretisiert wissen, indem er fragte: „Politik oder Kabarett?“

Zurück nach Riesa, der Heimat des kabarettistischen Journalismus. Die Elbe steigt hier in jüngster Vergangenheit tendenziell unaufhörlich, während der sympathische NPD-Stadtrat Jürgen Gansel gegen israelische Unternehmer in Dresden schimpft, ohne weiter auszuführen, was er eigentlich gegen Israel hat.

Eine Woche zuvor las der Kabarettist Olaf Sundermeyer am Riesaer Amtsgericht aus seinem Buch „In der NPD – Reisen in die national befreite Zone“, oder, um die naheliegende NPD-Einordnung des Mannes vorwegzunehmen, der „freie“ Systemjournalist Olaf Sundermeyer las aus seinem Lügenextrakt. Auch ich bequemte mich aus meiner gemütlichen Redaktions-Couch hin zu einer dieser seltsamen Vororttermine mit Recherche.

Sundermeyer erzählte und las also vor über die sympathische NPD, die einige Vertreter zu der Lesung entsandte, sie waren damit die einzigen Riesaer Politiker. Die anderen waren wohl bei einer Sitzung des örtlichen Wasserwerks, wenn ich das richtig aufgeschnappt habe. Billige Wortspiele mit NPD vor Gericht spar ich mir hier, das ist ja hier keine örtliche Lokalzeitung, in der solcherart Klamauk gut unterkommt.

Im Laufe der Lesung kam es jedenfalls zu einem Wortgefecht zwischen einem örtlichen Jugendclubleiter und dem sympathischen Strehlaer NPD-Stadtrat Peter Schreiber. Man bezog sich nicht auf Sundermeyer, sondern auf mich, was mir unangenehm war. Der Jugendclubleiter monierte eine dem Riesaer sogenannten Kampf gegen die NPD abträgliche Berichterstattung meinerseits, die geeignet sei, die NPD-Gegner der Stadt zu spalten, im metaphorischen Sinne jetzt. Man müsse geschlossen und ohne Streit auftreten, erklärte der Jugendclubchef, um der demokratiefeindlichen Ideologie der NPD etwas entgegenzusetzen.

Er verwies auf einen meiner Berichte, dessen Essenz war, dass beim Riesaer Appell gegen Rechts ganz schön gemurkst wurde. Woraufhin Peter Schreiber nun bekannt gab, dass Herr Trappe „dann endlich mal die Wahrheit geschrieben hat“ und ich rot wurde. Am Ende der Lesung konkretisierte der Jugendclubchef gegenüber mir seine Vorwürfe, versehen mit dem Hinweis, es sei in der Stadt bekannt, dass ich parteiisch sei – und zwar mal für den und mal für den.

Grund genug, das hier mal auszuwälzen, diesen grundsätzlichen Verdacht, der mir seit langem entgegenschlägt. So wird mir abwechselnd vorgeworfen, die „Linie“ des Rathauses und die Politik der CDU grundsätzlich zu boykottieren. Weiterhin unterstellte mir im Laufe der Zeit die Linke, die SPD, die FDP, die Freien Wähler, dass ich zu sehr die Politik des Finanzbürgermeisters (CDU) unterstütze und der Finanzbürgermeister dereinst, ich sei der verlängerte Arm der gesammelten Linken. Häufig garniert mit der Bemerkung, ich wohne nicht in und komme nicht aus Riesa, ich könnte die Seele der Stadt nicht auf den dunklen Grund schauen.

Hiermit stelle ich also nun ein für alle mal klar. Meine Haltung gegenüber Riesaer Themen ist absolut willkürlich, meine Berichterstattung von Launen bestimmt und Recherchen finden nur im Notfall statt, soll heißen, wenn das Internet nicht geht. Alles, was ich in Riesa will, ist möglichst viel zu zerstören, was seit der Gründung der Stadt aufgebaut wurde. Von Riesa kenne ich nur den Weg vom Bahnhof zur Redaktion, vor allen anderen Gegenden habe ich schreckliche Angst. Ich habe noch nie Riesaer Nudeln gegessen, nur einmal im Suff Riesaer Zündhölzer, ich hielt sie für Pommes rotweiß. Ich verachte den Riesaer Stahl, dem ich ohne Überprüfung unterstelle, er diene zur Herstellung iranischer Atombomben. Von einem ehemaligen Oberbürgermeister kriege ich regelmäßig Geld und Anweisungen, was ich zu schreiben hab. Auch Sport geht mir am Arsch vorbei, die Elbe konnte ich auch noch nie leiden und ich komme aus dem Westen, aus’m Pott!

Und was soll eigentlich dieser politische Journalismus bringen, von dem der Mann in der Bar da geredet hat?


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Reingefahr’n

Etwas neulich, in der Riesaer Hauptstraße, zu ihrem Ende hin, so weit weg vom Zentrum, dass man schon fast am Rathaus war. Es war einer dieser letzten warmen Sommertage, in denen sich Riesaer einfach mal treiben lassen und draußen, vor den fein sortierten Cafétischen in Anbetracht wärmender Sonnenstrahlen… Also einfach mal draußen frustriert sind. Es war also auch nicht vor meinem Riesaer Lieblingscafé, dem „Schneider’s“, wo urbane Lebensfreude auf den unbekümmerten Deppenapostrophen trifft, nein, es war, und nun zum Punkt, am anderen Ende der Stadt.

Ein Auto fuhr heran, in keiner Methode, die Hass und Abscheu zu erzeugen geeignet war, jedenfalls innerhalb meiner Person. Nun hielt das Auto an, die Situation lief geradewegs auf die Vollendung ihrer Unspektakulärität zu. Dann setzte besagtes Auto kraft des beinhaltenden Fahrers also dazu an, eine Wendung zu vollbringen, in vollem Schritttempo. Alles weiter unspannend, wärs ein Film, wäre ich ins nächste Theater geflüchtet. Was das ganze nun erinnerungs- und vielleicht erzählwürdig machte, war nun die Reaktion, die im Café zehn Meter weiter verweilender Beisitzer sich genötigt sah zu zeitigen. Kreisrund schwang er seine Hände, ganz so, als seien sie autarke Glieder eines Systems, dessen Zentrum der Mann zwar bildet, das er aber nicht kontrollieren kann. Vulgo: Er gestikulierte wild. Der folgende Monolog nun sei hier wiedergegeben, ohne Dialekt. „Fahr doch am besten noch rein! Na, fahr doch noch rein! Fahr doch rein! Du Arschloch!“

Mir blieben Fragen, die ich mich nicht getraute, dem Herrn selbst zu stellen. Warum schrie er so? Warum wollte er, dass der Autofahrer rein fährt, wo das doch dazu geführt hätte, dass eine Schaufensterscheibe zu Bruch geht? Ist er Fahrlehrer? Oder fand er allgemein den vorliegenden Tag kritikwürdig? Oder das Ladengeschäft, in das rein gefahren werden sollte?

Ich weiß es nicht. Nur weiß ich, dass es keiner weiteren Szenenschilderung bedarf, die oft zitierte sächsische Herzlichkeit zu beschreiben, die zumindest in Mittelsachsen meiner inzwischen gefestigten Meinung nach darin besteht, dass einer überbordenden verbalen Ausfälligkeit keine Gewalt folgt. Die folgte nämlich nicht, der Mann blieb aufgebracht vor dem Café sitzen und brüllte seine Wut in die langsam anbrechende Nacht. „Fahr doch rein!“

Insgesamt zeichnen sich, ich will damit wohl auch die hier geringer werdende Frequenz des Bloggens begründen, die letztverbrachten Erlebnisse meiner in Riesa seltener werdenden Tage durch eine weitgehende Dramaturgiefreiheit aus, was entweder in einer Abstumpfung meinerseits oder am allgemein erschlaffenden Weltgeist liegen mag.

Kürzlich, das zum Schluss, diese Szene erlebt. Drei Männer brachten gleich mehrere Aspekte des Dilemmas einer ganzen Region auf den Punkt, indem einer von ihnen erklärte: „Hier ist doch immer was los, zum Beispiel das Fest der Blasmusik jeden Monat.“ Und zum Brunch geht’s ins „Schneider’s“.


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