Warum Akif Pirincçi aus falschen Gründen das Richtige passierte und warum das nicht gut ist

Dass ein deutscher Rassist mit türkischen Wurzeln den Pegida-Chef Lutz Bachmann, der schon länger vor radikalisierten Südländern warnt, dazu bringt, sich nach rechts abzugrenzen, indem er sich von einem Migranten distanziert: Das allein ist ein Treppenwitz, bei dessen Besteigung man sich die Beine bricht. Kein Wunder also, dass das mir vorliegende Internet in den letzten beiden Tagen frei dreht und gar kein Halten mehr ist ob dieser kognitiven Dissonanzen, die gerade fröhlich tanzen (Anstrengende Bilder, oder um es in den Worten Akif Pirincçis zu sagen: Was für ein versifftes Metaphern-KZ hier).

Ein KZ-Vergleich also. Akif Pirincçi sprach, kurz bevor ihm am Montag zum Einjährigen von Pegida das Mikro abgedreht wurde, von KZs, die leider nicht mehr in Betrieb seien. Es war ein Satz, den Pirincçi nach aktuellem Stand bei vollsten Bewusstsein äußerte und der nun seine Existenz gefährdet – Pegida hat damit zumindest schon mal einen Türken arbeitslos gemacht. Nun ist die Sache mit diesem Satz, dass er anders gemeint war, als es weithin verbreitet wurde. Pirincçi sprach über die „Macht“, das ist Aluhut-Deutsch für Regierung, die den „Respekt vor dem eigenen Volk so restlos abgelegt zu haben [scheint], dass man ihm schulterzuckend die Ausreise empfehlen kann, wenn er gefälligst nicht pariert.“ Danach folgt der KZ-Satz: „Es gäbe natürlich andere Alternativen. Aber die KZs sind ja derzeit außer Betrieb.“ Es dauerte nur wenige Stunden, bis dann Akif Pirincçi außer Betrieb war. Was vollkommen in Ordnung ist, nur, und das soll hier der Punkt sein: Aus völlig falschen Gründen.

Denn besagte Äußerung wird seitdem immer wieder in einen falschen Kontext gesetzt. Zum Beispiel bei Spiegel Online. Die grundsätzliche richtige Behauptung, Pirincçi habe „nicht mehr alle Tassen im Schrank“ wurde hier damit begründet, dass der Katzenkrimi-Autor mit seinem KZ-Verweis gefordert habe, so mit „Politikern umzugehen, die bereit sind Flüchtlinge aufzunehmen“. Das war, und zwar ganz offensichtlich, falsch. Pirincçi sagte, ihm und seinen Gesinnungsgenossen drohe das KZ. Inzwischen hat man bei Spiegel Online diesen Fehler auch korrigiert. Die Auffassung, Pirincçi wolle KZs öffnen, ist aber dank der breiten Berichterstattung mit eben jener Quintessenz in der Welt und wird da auch bleiben.

Den einschlägigen Seiten im Netz und wohl auch einem Großteil der „Besorgten“ hat man damit die argumentative Grundlage geliefert, „Lügenpresse“ bellend zu behaupten, hier werde ein „Systemgegner“ mundtot gemacht. Was natürlich Blödsinn ist, denn Pirincçi hat ja tatsächlich eine Hassrede gehalten, die durch eine Auschwitz-Fantasie kaum gesteigert worden wäre.  „Moslemmüllhalden“ zum Beispiel, und der die gesamte Rede durchziehende Subtext, Araber seien genetisch bedingt nur zur Vergewaltigung fähig. Und auch den KZ-Satz muss man in seiner Bedeutung nicht umpolen, um ihn volksverhetzend zu nennen: Behauptet er doch, wir alle lebten unter einer Regierung, die mit dem Gedanken spiele, uns, das Volk, ins KZ zu stecken. Was anderes ist das als der Versuch einer Volksverhetzung mit unabsehbaren Gewaltpotenzial? Kurz: Es war unnötig, hier irgendetwas in der medialen Resonanz zu überspitzen oder verkehrt einzuordnen. Die Bloßstellung lieferte Pirincçi ganz allein.

Am Falle Pirincçis lässt sich damit etwas beobachten, was für mich eines der größten Ärgernisse bei der Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus ist: Das Fokussieren auf Symbole. Pirincçi hat KZ gesagt. Es passierte das Gleiche wie einst mit Lutz Bachmann, der wegen eines Hitlerbärtchens fast unehrenhaft von seiner eigenen Pegida entlassen worden wäre. KZ sagen, Hitler sagen, das sind die Codes, mit denen in Deutschland immer noch Nazis identifiziert werden. Nur: Pirincçi hat den gleichen rassistischen Müll wie am Montag zuvor schon ohne Widerspruch im ZDF-Morgenmagazin äußern können, und die größte Gefahr von Lutz Bachmann geht sicher nicht von seiner Mundbehaarung aus. Denken wir jetzt noch an Eva Hermann und an die Autobahnen und halten gleich mehrere Dinge fest. Erstens: Die Gründe, warum solche Personen kurzzeitig oder für immer von der Bühne verschwinden, sind meist triviales NS-Wording. Zweitens: Es trifft in aller Regel die Richtigen. Drittens: Indem man es sich aber so einfach macht, gibt man ihnen und ihren Unterstützern die Rolle, die sie so gerne einnehmen, nämlich die des unterdrückten Querdenkers. Was sie, viertens, niemals sind.

Die Symbolfixierung bei der Auseinandersetzung mit rechtsextremen Strukturen hat dabei Auswirkungen auf die selbige. Man sieht das bei Pegida ganz gut. Nämlich in dem festen Glauben der Pegidisten, sie seien tatsächlich keine Rassisten und faschistoidem Gedankengut gegenüber immun – während sie zwischen Galgen wandern und Schildern, auf denen wahlweise das „System“, die Rothschilds, die Amerikaner oder sonst wer zur Hölle gewünscht werden. Rassisten oder Nazis, davon sind sie überzeugt, können sie nicht sein, weil sie keine Hitlerbärte tragen und sich auch klar, ganz klar!, keine KZs wünschen. Das Unverständnis der Pegida, als rechtsextreme Bewegung wahrgenommen zu werden, stößt dann auf den völlig nachvollziehbaren Schock von Journalisten, in welcher Parallelwelt diese Pegidas da eigentlich leben. Wir Journalisten haben zwar vollkommen recht, kommen damit aber gerade nicht weiter.

Vielleicht wäre es deswegen an der Zeit, das hoffnungslose Unterfangen, der Pegida ihre eigene Beschränktheit klar zu machen, aufzugeben. Und stattdessen vielleicht mal auf die moralische Degeneriertheit der Pegida-Führung einzugehen. Klar, die ist seit Langem mit Händen zu greifen, aber am Montag wurde hier eine ganz neue Qualität deutlich, die auch manchen Anhänger verschrecken könnte, wie ich finde. Die Rede ist von den wenigen Sekunden, in denen Lutz Bachmann Akif Pirincçi von der Bühne befördert.

Jeder konnte wissen, wie Akif Pirincçi denkt. Das, was er am Montag sagte, hatte er genau so schon hundertmal zuvor formuliert, auch schon wesentlich brutaler. Und natürlich wusste auch Lutz Bachmann, wen er sich da einlädt. Dass er Pirincçi wie einen ungebetenen Partygast von der Bühne schmiss und sich einen Tag später von ihm distanzierte, zeigt Vieles. Dass Bachmann kein eigenes Gefühl dafür besitzt, wann Grenzen der Menschlichkeit überschritten werden – er diese selbst also offenbar nicht hat. Dass er sich von eruptiven Stimmungen seiner Anhänger leiten lässt – er also die Überzeugungsstärke eines Puddings kompensiert mit bedingungslosem Opportunismus. Dass er bereit ist, einen Verbündeten deswegen ohne ein Wimperzucken von der Klippe zu stoßen. Und dass er für all das am Ende wieder die Anderen verantwortlich macht. Für diese Kombination an Persönlichkeitseigenschaften gibt es, auch im Abendland, ein ganz treffendes Wort: Charakterlosigkeit.

Hannah Arendt hat gesagt, eine Bewegung duldet keinen Stillstand und schafft sich dafür immer neue Feinde. Ohne Feind kein Hass keine Mobilisierung keine Bewegung. Treffen kann es jeden, auch die eigene Gefolgschaft, der Henker von heute ist das Opfer von morgen. Ich bin sicher, Akif Pirincçi hat in dieser Woche sehr viel über das Wesen der Gesellschaft gelernt, die er sich so sehr herbeisehnt. Jetzt sollten seine Fans noch die richtigen Schlüsse ziehen.

Advertisements

6 Antworten zu “Warum Akif Pirincçi aus falschen Gründen das Richtige passierte und warum das nicht gut ist

  1. https://youtu.be/CuWnuuEThXg [Don’t talk to fascists!]
    Mit Verblendeten und Rasenden ist kein Reden. Aber über sie reden ist in der Tat wichtig! (Wo schreibt Arendt das? Bei Canetti gibt es ja auch die Hertzmeute. Masse und Macht.)

  2. Alter Nihilist: Sie schreibt es in „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“, dritter Teil im Abschnitt „Ideologie und Terror: Eine neue Staatsform“. Habe dafür jetzt nochmal meine Studienunterlagen hervorgekramt.

  3. Danke! (Den dritten Teil hab ich vor einiger Zeit mal gelesen. Könnte ich nochmal…) [Korr. Hetzmeute.]

  4. Pingback: Markierungen 10/23/2015 - Snippets

  5. Unstreitig hat der Begriff „Nazi“ duch die Inflationierung seiner Anwendung und den „Kampf gegen Rechts“ eigentlich fast jede Bedeutung verloren.
    Wer kann denn schon noch definieren, was ein „Nazi“ war?
    Wenn man dann vom 12-Punkte-Programm der NSDAP erzählt, rollen viele mit den Augen. Nazis waren keine extremistische Klein-Gruppe, sondern durchaus die große Mehrheit des Volkes.

    Dazu kommt noch, dass nichtdeutsche faschistoide und rechtsextreme Gruppen nahezu keinerlei Beschränkungen seitens der Buntbürger erfahren. Ob Bozkurt, Salafisten oder sonstwas. Wegen jedes AfD-Infostandes muss fast Polizeischutz angemeldet werden,während Großdemos mit hunderten und tausenden „Allahuakbar“ und „Juden ins Gas!“ schreienden Arabern und Türken als möglicherweise etwas übertrieben Israelkritisch nachsichtig betrachtet werden.

    Pirincci wurde meiner Meinung nach nur deswegen medial, politisch, ökonomisch und sozial hingerichtet, weil er „Türke“ ist. Necla Kelek oder Ayaan Hirsi Ali trifft ja auch stets der gleiche Diskursausschluss-Vorwurf: „Rechts“ zu sein.

    Ein Sarrazin hingegen ist weiter SPD-Mitglied und seine Bücher werden weder geschreddert noch hat er de facto Publikationsverbot

  6. Till auf dem Drahtseil

    Pirincci hat indirekt vorgeschlagen, bestimmte Menschen(gruppen) in KZs zu stecken. Das ist inakzeptabel und vermutlich justiziabel und dabei ist es egal, um welche Menschen es sich handelt. Die Verbrechen der Nazis wurden verurteilt und die Todesstrafe wurde aus gutem Grunde abgeschafft und Genozid ist ein schlimmes Verbrechen. Und hier könnte man noch mehr anführen.

    Pirincci hat meiner Meinung nach absichtlich nicht deutlich und nicht genau gesagt, welche Menschen er denn ins KZ stecken will. Und jetzt jammert er, dass er falsch verstanden wurde. Bei unklarer, zweideutiger Ausdrucksweise kann ein Redner eben immer jammern, dass er falsch verstanden wurde. Und unklare, zweideutige Ausdrucksweisen können einen Redner eben vor Anklage wegen Volksverhetzung und ähnlichem bewahren.

    Diese Zusammenhänge bitte im Hinterkopf behalten.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s