Allein die Nazis

Jamel ist ein Freilichtmuseum des Rechtsextremismus. Und das Ehepaar Lohmeyer erklärt es der Presse. Immer und immer wieder.

(erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung)

Das Wandporträt mit der jungen blonden Familie in nationalsozialistischer Stolz-Pose passt. „Frei, national, sozial“ – ein besserer Schriftzug ist nicht denkbar. Das Hinweisschild zur Führer-Wiege Braunau am Inn (855 Kilometer) am Ortseingang, passt ebenfalls! Ein richtiges Nazidorf, wie im Bilderbuch, wenn es solche Bilderbücher noch gäbe. Jamel, kurz vor der Ostsee im tiefsten Mecklenburg-Vorpommern, ist eine erstklassige Adresse für Journalisten, die etwas über Rechtsradikalismus berichten wollen. Hier müssen sie nicht tief graben, nicht erst mit O-Tönen die Gesinnung der meisten Bewohner beweisen. Nazi-Kult ist in Jamel so gegenwärtig wie Stroh im Misthaufen. Und Journalisten wissen das – seit dem vergangenen Jahr waren hier ungefähr zehnmal so viele Reporter, wie das Dorf Einwohner hat. Meist hatten die Reporter zwei Termine. Erst Nazis schauen im Dorf. Und dann Besuch bei den Lohmeyers.

Das Ehepaar Lohmeyer. Birgit, Jahrgang ’58, Krimiautorin. Und Horst, Musiker, Jahrgang ’56. Die beiden kommen aus Hamburg und wohnen seit acht Jahren in Jamel, dort restaurieren und leben sie einen alten Forsthof mit Haus und Scheune. Jamel ist ein Dorf im übelsten Sinne. Eine Straße, nicht mal ein Dutzend Häuser, Felder, nichts weiter. Und seit ungefähr fünf Jahren sind zwei Drittel des Dorfes in Hand von Neonazis. Unter ihrem derzeit inhaftiertem Anführer Sven Krüger haben sie das Nest zu der braunen Grotte gemacht, als das es sich heute darstellt. Die Lohmeyers halten dagegen: Organisieren jedes Jahr ein Rockfestival als Zeichen gegen die Nazi-Einheitsfront. Sie wurden dafür ausgezeichnet. 2011 vom Zentralrat der Juden mit dem Paul-Spiegel-Zivilcourage-Preis. Im gleichen Jahr als „Helden des Nordens“, eine Auszeichnung des NDR und vier norddeutschen Regionalzeitungen. Und dieses Jahr mit dem Bürgerpreis der deutschen Zeitungen, ausgelobt vom Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger. Die deutsche Presse fährt ab auf die Lohmeyers. Und die beantworten geduldig die immer gleichen Fragen.

In ihrem Büro haben die Lohmeyers eine Liste, auf ihr ist vermerkt, wann welche Journalisten da waren. 2010 war übersichtlich, ein paar regionale Medien schrieben und sendeten damals über das Rockfestival, Nazis kamen in den Berichten kaum vor – Kulturberichterstattung. Im Januar 2011 stehen der Spiegel und Spiegel Online auf der Liste, seitdem gab es kein Halten mehr. Ungefähr neunzig Journalisten oder ganze Fernsehteams kamen in dem Jahr zu den Lohmeyers, um später darüber zu berichten wie es sich lebt „allein unter Nazis“. So war der Spiegel-Text überschrieben, es folgten viele weitere Texte, in deren Überschriften die Worte „allein“, „Nazi“ und „Dorf“ vorkamen. Für die Lohmeyers war es ein stressiges Jahr, die Dienstage waren als Pressetage festgelegt und ab und an wollte noch ein Politiker schöne Wahlkampffotos machen. Seit diesem Jahr ist der Hype vorbei, nur ab und an kommt noch ein Journalist. Vor kurzem war es eine Reporterin der Rhein-Zeitung, ihre Recherchen mündeten in der Reportage „Allein unter Rechtsradikalen“.

Um zu den Lohmeyers zu gelangen, muss man nach Wismar, dann über eine lange Landstraße und schließlich rechtzeitig links abbiegen, damit man nicht im Zentrum des Nazi-Dorfes landet und von lauter Rechtsradikalen skeptisch beäugt wird. Die Lohmeyers empfangen auf einem alten Forsthof, liebevoll restauriert, Katzen, Apfelbäume, Windspiele, ein alter Holztisch. Kaum ein Bericht, der auf die Schilderung dieser Idylle verzichtet, um dann von den Kindern zu berichten, die im Dorf den Hitlergruß verrichten und den Eltern, die das alles zu verantworten haben. Auch vom Misthaufen, der eines Tages von Dorf-Nazis den Lohmeyers vor die Tür geschüttet wurde, wird dann gerne geschrieben.

„Man erzählt immer die gleiche Geschichte“, sagt Horst Lohmeyer, im Hintergrund hört man das Windspiel klimpern. „Und irgendwann dreht man sich im Kreis. Es sind immer wieder die gleichen Fragen, aber nicht die, die man sich selbst so stellt.“ Die Lohmeyers stellen sich vor allem die Frage, ob das hier in Jamel eigentlich immer so weitergehen wird – und ob irgendjemand aus dem Beschriebenen mal eine Lehre zieht? „Richtig geht da nichts voran“, sagt dann Birgit Lohmeyer. Im Gegenteil: „Wir haben das Gefühl, das es langsam Ermüdungserscheinungen in der Lokal- und Landespolitik gibt.“

Der Paul-Spiegel-Preis ist mit 5.000 Euro dotiert, die Auszeichnung des Zeitungsverlegerverbands mit 20.000 Euro. Summen, die den Lohmeyers nicht gegönnt werden, wie sie vermuten. Die Vorwürfe, vornehmlich aus der rechten Ecke, man habe es hier mit Berufsprotestlern zu tun, würden nun auch von Lokalpolitikern und Bewohnern des Landkreises aufgenommen. „Wir spüren eine gehörige Portion Sozialneid“, sagt Birgit Lohmeyer, und fasst das Stimmungsbild so zusammen: „Die Menschen denken, wir machen es wegen des Geldes.“

Was die unmittelbaren Nachbarn so denken, wissen die Lohmeyers aus der Lokalzeitung. Zwei Nachbarn, beide keine Rechtsextremisten, gaben dort vor einem Jahr ein Interview, in dem sie klarstellten, dass sie keine Nazis seien. Dank der Lohmeyers müsste man das als Jameler jetzt betonen. Ein Nachbar beklagte sich, dass er von Banken keine Kredite mehr bekomme, weil er aus Jamel komme. Außerdem werde ständig sein Haus von Kamerateams ins Visier genommen. Mit den Lohmeyers reden sie nicht mehr. „Das war am Anfang anders, da haben sie sich bei uns immer über die Nazis beschwert“, sagt Birgit Lohmeyer. „Inzwischen beklagen sie sich bitterlich darüber, dass wir diese Unruhe ins Dorf gebracht haben.“ Sie habe den Eindruck, dass sich die Nachbarn inzwischen eher mit den Nazis als ihnen solidarisieren würden.

Ein bekannter Effekt, man kennt es aus dutzenden Dörfern und Kleinstädten in Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern: Wird über Rechtsradikalismus berichtetet, lastet der größte Druck immer auf jenen, die sich gegen die Nazis exponieren. Das liegt zuerst an dörflichen Strukturen, die die rechte Gefahr als herbeigeredet betrachten und die eigene Gemeinde in bester Ordnung wähnen. Aber nicht selten leisten die herbeigereisten Berichterstatter ihren ganz eigenen Beitrag zur Ausgrenzung der Demokratie-Verteidiger, indem sie das Bild eines braunen Nestes zeichnen. Grautöne sind nicht gefragt und werden, oft wider besseren Wissens, weggelassen. Die Reichskriegsflagge im Vorgarten und die Hakenkreuze an der Bushaltestelle lassen sich einfacher verkaufen als eine komplizierte Analyse über einen Rechtsextremismus, der sich subkutan und ohne NPD-Abzeichen langsam in einer Gemeinde breitmacht. Journalismus interessiert sich für das Nazi-Endstadium, am besten mit Hitler-Label – und deshalb liebt der Journalismus Jamel.

Ein Nachbar hatte es in der Lokalzeitung vorgerechnet. Insgesamt zehn Häuser gibt es in Jamel, das Dorf besteht ja nur aus der Sackgasse einer Landstraße. Fünf Häuser würden den Rechten gehören. Damit wäre Jamel nur ein halbes Nazidorf. Der Spiegel schrieb von sieben Nazi-Häusern. Wie genau die Mehrheitsverhältnisse sind, ist jedenfalls einem der von den Lohmeyers genervten Nachbarn egal. Eberhard Heinrich, der es der Lokalzeitung schon mal versicherte, macht es beim spontanen Besuch erneut: „Wir sind keine Nazis.“

Eberhard Heinrich ist Rentner, er zog 2006 mit seiner Frau aus Thüringen nach Jamel. Er hat kräftige Hände, mit ihnen packt er eine Holzbank und schwingt sie in die Garageneinfahrt. Zum Reden will er sitzen. Eberhard Heinrich arbeitete früher als Arbeitstherapeut, zusammen mit Junkies und Schwerkriminellen. Kein Wunder, dass er sich mit den neuen Nachbarn in Jamel arrangieren konnte. Als er hörte, dass es hier früher Brandanschläge gegeben habe, ging Heinrich eines Tages zum Anführer der Nazigruppe und teilte ihm mit, dass er „auch weiß, wie man ein Haus anzündet“. Würde es bei ihm brennen, brenne es einen Tag später bei bei den Nazis. Einmal kamen Heinrich ein paar Jungs aus dem Dorf dumm, da stand er mit einer Holzlatte auf der Straße. „Seitdem war Ruhe.“

Eberhard Heinrich ist ein Grauton im Nazidorf, und meistens wird er damit zitiert, dass er sich mit den Rechten arrangiert habe. Er will jetzt nicht mehr. „Ständig irgendwelche Journalisten und Politiker, die kommen und glotzen, und dann ändert sich doch nichts“. Gerade schauen er und seine Frau sich in Südthüringen nach einem Haus um. „Sobald wir hier einen Käufer gefunden haben, sind wir weg aus Jamel.“ Dann wären die Lohmeyers fast alleine unter Nazis.

Horst Lohmeyer hat da einen ganz hübschen Satz, wie man damit umgeht, in Jamel vollkommen isoliert zu sein. „Wir kennen die Anonymität, wir haben ja früher in einer Großstadt gelebt.“ Weniger locker nimmt er es, dass sich manche Freunde in den vergangenen Jahren von ihnen abgewandt hätten, „weil ihnen das alles zu kritisch geworden ist, sie Musik machen wollten, keine Politik“. Sie könnten sich vor allem auf die alten Freunde aus Hamburg und jene, die sich woanders gegen Rechtsextremismus engagieren, verlassen, sagt seine Frau. „Je dichter die Leute an Jamel dran sind, desto geringer ist ihre Bereitschaft, sich zu äußern oder zu engagieren.“ Oder sich mit den Lohmeyers einzulassen.

Es war vorher klar, denn es stand ja dutzendfach in Zeitungen: Das Ehepaar Lohmeyer ist ein fröhliches. Und trotz aller Widrigkeiten und Frustrationen: „Es ist nicht alles bedrückend hier. Sonst würden wir ja auch nicht in Jamel leben“, sagt Birgit Lohmeyer. Und auch auf die Journalisten will sie nichts kommen lassen. „Wir haben sie doch ganz bewusst einbezogen.“ Die Presse ist ihr Schutzschild. „Wenn hier Not am Mann ist, kann ich jederzeit meine Kontakte nutzen.“ Ein Redakteur von Stern TV zum Beispiel habe ihr gesagt, dass sie sich jederzeit melden könne, „wenn was ist“.

Zum Abschied ein Rundgang durchs Dorf. Das sei ungefährlich für Journalisten, sagen die Lohmeyers, man werde höchstens angepöbelt. Es stimmt, es passiert nichts. Eine Frau vertreibt eine Katze unter ihrem Auto, Kinder spielen auf einem Gerüst. Kein Hitlergruß. Das berühmte Hinweisschild ist nicht mehr zu finden, es soll inzwischen in einem Hinterhof verfrachtet worden sein. Die Kilometerangaben stimmen sowieso nicht: Nach Braunau am Inn sind es 738 Kilometer Luftlinie und 890 auf der Autobahn. Die Anhänger des großdeutschen Reiches können nicht mit Landkarten umgehen. Aber das ist ja nicht das Thema.

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Eine Antwort zu “Allein die Nazis

  1. »Paris 1547 km« *hahaha* Heul doch!
    Ein feiner Ort, diesen Auswüchsen nachzugehen dürfte auch Usedom sein. Schönste Insel, leider bis zu 25% NPD. Am kleinen Hafen von Kaminke keine normale Wanderkarte, sondern Die Ostsee in den Grenzen von 1939. Reichskreuze an Autos allenthalben.

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