Nicht dafür!

Aller Voraussicht nach wird in den kommenden Tagen, wahrscheinlich eher Stunden, der Bundespräsident zurücktreten. Ich weiß das nun auch nicht besser als andere, habe zu der Diskussion auch nicht viel beizutragen. Der Mann hatte Geldsorgen, ich kenne das, ist gar nicht so lange her. Was mich stört: Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, ist offenbar ein Beschimpfungs-Anruf bei Kai Diekmann. Das finde ich ekelhaft.

Wie sich die Dinge darstellen, haben Redakteure der Bild-Zeitung schon lange in der Causa Wulff recherchiert. Über seine Kreditgeschäfte, das ist unbestritten. Es gab aber auch die Behauptung, sie hätten sich sehr intensiv mit dem  Privatleben von Wulffs Frau beschäftigt, offenbar wegen einer Vergangenheit in irgendwelchen Zusammenhängen, die nach Meinung der Bild einer First Lady nicht gebühren. Irgendein Fernsehmoderator hat das mal gesagt, Bildmann Blome entgegnete, das sei schlicht Blödsinn. Nach menschlichen Ermessen muss man dazu sagen: Es gibt keinen Grund, dem Bildmann das abzunehmen, aber viele, der vorangegangenen Behauptung zu glauben.

Unterstellen wir also, ein Bundespräsident erfährt, eine Rotte skrupelloser Bildredakteure recherchiert in Sachen Kreditaffäre Wulff. Es gibt keine Berechtigung, deswegen einen Redakteur zu beschimpfen. Nehmen wir aber an, dass Wulff erfährt, eine Rotte von Bildredakteuren versuche herauszufinden, dass seine Frau etwas getan habe, was eigentlich niemanden was angeht, dann kann er sich denken: Ekelhaft! Und das dem Chefredakteur sagen. Das ist vielleicht politisch unklug, menschlich aber nachvollziehbar. Eigentlich gehört es sogar in die Rubrik Zivilcourage.

Wir brauchen aber gar nichts zu unterstellen, um Wulffs Anruf irgendwie was Gutes abzugewinnen. Schließlich hat er den Bildchef angerufen und wahrscheinlich beschimpft. Und das ist, man kann es nicht anders sagen, immer und überall richtig.

Vielmehr noch, es ist nötig. Wenn ich es mir recht überlege, stelle ich mir, seit der Anruf bekannt wurde, nicht die Frage, ob Wulff für das Amt des Bundespräsidenten geeignet ist. Vielmehr frage ich mich, ob alle seine Vorgänger nicht ungeeignet waren – schließlich ist von keinem bekannt, dass er jemals einen Bildchef beschimpft hat. Eine Handlung, die heute genauso richtig ist wie sie es immer war.

Richtig ist auch, dass Wulff mit seinem Verhalten einen Beitrag zur Diskreditierung der gesamten politischen Klasse geleistet hat. Denn machte der Präsident doch schlagartig klar, dass bei der eines geschlossen unterbleibt: Den Bildchef zu beschimpfen. Möglich wäre es ja. Nimmt man Minister, Kanzler, Staatssekretäre und vielleicht noch die Pressesprecher, kommt man auf ein beachtliches Reservoir an Leuten, die den Bildchef täglich anrufen und beschimpfen könnten, meinetwegen auch auf die Mailbox. Man könnte einen Schichtdienst einführen, sodass jeder nur alle sechs Wochen die Schmuddelnummer anrufen muss.

Es gab mal einen anderen ehemaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten, der sagte, ihm reiche zum Regieren Bild, Bams und Glotze. Als Gerhard Schröder das sagte, war er schon Kanzler. Zurücktreten musste er wegen dieses Spruchs nicht, im Gegenteil, irgendwie fanden das alle geil. Christian Wulff soll gerne zurücktreten – aber bitte nicht mit der Begründung, er habe sich unpassend gegenüber einem Dreckskübelblatt verhalten. Der Bundespräsident soll doch Schaden vom Land abwenden.

Disclosure: 2002 war ich vier Wochen Praktikant bei der Bild Leipzig. Heute schweige ich das meist tot.


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5 Antworten zu “Nicht dafür!

  1. ‎“Die Presse muss die Freiheit haben, alles zu sagen, damit gewissen Leuten die Freiheit genommen wird, alles zu tun!“ (Louis Terrenoir – französischer Journalist & Politiker)

    Dieser Franzose mit der seltsamen Kombination aus zwei sich eigentlich ausschließenden Berufen starb leider schon 1992. Aber diese Wort beschreiben wohl sehr deutlich, was sich hinter dem Begriff „Pressefreiheit“ verbirgt. Und das ist auch gut so – egal, welches „Wurst“-Blatt davon auch Gebrauch macht.

    Und hier habe ich ein Problem mit Ihrem Artikel, Herr Trappe. Wulff hat nicht die BILD-Zeitungs-Leutchen beleidigt – und zwar öffentlich, was sehr gut wäre. Nein, er hat versucht, sie im Geheimen zu erpressen und unter Druck zu setzen, damit sie Herrn Wulff schonen. Und damit hat er als höchster Mann im Staate gezeigt, dass genau dieses Wort „Pressefreiheit“ für ihn nur dann gilt, wenn andere davon betroffen sind.

    Solche Schein“Heiligen“ kann sich kein demokratisches Land an solchen Positionen leisten, weil es sich dadurch selbst unglaubwürdig macht.

  2. Herr Koß,

    die Androhung strafrechtlicher Konsequenzen ist keine Erpressung. Denn wenn man keine Straftat begangen hat, folgen auch keine Konsequenzen.

    Sonst müssen wir demnächst die Ladendiebstahls-Warnschilder abmontieren, weil sie, der BZ-Logik folgend, ebenfalls Erpressung wären.

    http://feydbraybrook.wordpress.com/2012/01/03/bild-zeitung-ladendiebstahls-schilder-bedrohen-die-freiheit/

  3. Mir wäre es einfach lieber, wenn man an der Bundespräsidenten-Tür das Schild „C. Wulff“ abmontieren würde. Spätestens nach dem ZDF-Interview!!!

    Jeder, der „Macht seines Amtes“ Druck auf „Freigeister“, selbst wenn sie in diesem Falle leider aus dem Hause Springer kommen, ausübt, der hat sich die Chance vertan, glaubwürdig ein „öffentliches Amt“ auszuüben!

    Und außerdem geht es hier nicht um „Ladendiebstahl“, sondern eher um „Stimmen- und Vertrauens-Diebstahl“!

  4. großer beitrag, sollten eigentlich alle online-nachrichtenseiten parallel in den aufmacher heben.

  5. Ein interessanter Beitrag, sehr gut geschrieben.

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