Sommerpause (Kunst)

Große Aufregung in Riesa an der Elbe. Anlässlich der Sommerpause der berühmten Talkshow „Anne Will“ und der damit einhergehenden großen Anne-Wills-kleine-Städte-Tour ist das Team der Sendung heute zu Gast in der Elb-Metropole, wie man hier so herrlich zynisch formuliert. Man gastiert im Freien, direkt neben dem Eishändler auf dem Parkplatz der Sparkasse und des angeschlossenen Autohauses. Es ist ein ganz spezieller Termin. Alle sind sie gekommen. Schon am Vormittag haben Rathausmitarbeiter die erste Reihe besetzt, in der zweiten nehmen Vertreter kommunaler Unternehmen Platz und Stadträte. Dahinter sitzt Volk. Die Sendung beginnt.

Will: Herzlich willkommen, meine Damen und Herren zuhause an den Geräten, herzlich willkommen, liebe Bürger hier in Pirna. Schön, dass Sie da sind, hier bei dieser Sendung

Buhrufe, erste Riesaer ziehen beleidigt ab. Einzelner Applaus bei Älteren.

Will: Wir haben heute ein nettes Thema. Überalterung, intellektuelles Ausbluten, Verzweiflung, leere Kassen. Riesa ist in den letzten Wochen zum Sinnbild eines sinnentleerten Ostens geworden, „Fleisch gewordene Endmetapher“, schrieb ein Feuilletonist der FAZ. Ich will heute mit meinen Gästen diskutieren: Hat das alles noch einen Sinn, oder besser gefragt: Warum?

Klatschen in der Rathausreihe. Erster Zank in der Stadtratsreihe, ausnahmslos innerhalb der Fraktionen.

Will: Meine Gäste. Zur Linken begrüßen Sie den Publizisten Arnulf Baring, der heute eigens angereist ist, um uns neue Einblicke zu gewähren. Baring wurde in der Nähe geboren, in Dresden.

Baring schaut auf die Elbe, grimmig. Applaus.

Will: Begrüßen Sie außerdem einen Riesaer Stadtrat. Ich darf Ihnen leider nicht, das war seine Bedingung und ich hab das in der Form noch nicht erlebt im Fernsehen, seinen Namen nennen. Er möchte sich zu Politik nur äußern, wenn er nicht zitiert, genannt und gezeigt wird. Großes Hallo also an den Stadtrat hinter der Gardine zu meiner Linken.

Getuschel in der Stadtratsreihe, Rathausmitarbeiter machen sich Notizen und schauen finster. Dann Applaus.

Will: Rechts von mir nun ein Lokaljournalist, Thomas Trapper. Guten Tag, Herr Krabbe.

TT: Hallo.

Will: Und last, but not least, der Rechtsextremist Jürgen Gansel. Schön, dass Sie in die Sendung gefunden haben, Herr Gansel.

Gansel: Guten Tag, Fräulein Will!

Will: Herr Baring…

Abrupt wird die Szene durchbrochen. Ein Mann mit Keule, Fell und einem riesigen Glas Bier betritt die Bühne und schüttet Sand auf ihr aus. Halb aus dem Off ist zu hören, dass es der Riesaer Riese ist mit Riesaer Erde, es handelt sich um ein skurriles Gastgeschenk, das hier lange Tradition hat.

Will: Bitte verlassen Sie die Sendung, stämmiger Mann. Security! Securityieee!

Der Riesaer Riese wird abgeführt. Gekeile drüben bei der Eisbude. Es fällt ein Warnschuss. Einige Zuschauer verlassen beleidigt den Platz.

Will: Also, nochmal Herr Baring. Sie haben sich ja mit der Situation in Riesa ausführlich beschäftigt. Stadtteile verkommen, überfüllte Altenheime, zerfallene Schulen. Was kann man tun?

Baring: Frau Will, gleich zu Beginn. Ich halte diese ganze Sendung für unangebracht und die Runde, die Sie hier zusammengestellt haben, dem Problem, gleich welchem, intellektuell nicht gewachsen. Wir werden hier nicht klüger oder irgendwas klären. Wir können lamentieren, ob wir die Stadt abreißen oder eben nicht, aber das ist doch Gutmenschen-Getue. Fakt ist: Es gibt Realpolitik. Das ist sehr simpel, warum versteht das hier keiner?

Will: Das werden wir ja sehen, vielen Dank, Professor Baring. Ich will da aber nochmal nachhaken. Ist mehr Geld immer eine Lösung?

Baring: Natürlich nicht! Wo leben wir denn?

Will: Herr Stadtrat. Sie wollen was sagen, ich spüre das.

Stadtrat: Sehen Sie. Riesa hat eine lange Tradition, in vielerlei Hinsicht, auch als Stadt. Ich möchte deshalb auch auf Herrn Baring reagieren, und zwar mit einem Zitat von Cicero. „Wes Kleid ich trag, des Lied ich sing“. Verstehen Sie, das sind doch ganz andere Dimensionen, wenn der König nackt ist und das ist in Riesa nun mal nicht so. Wissen Sie, dass hier im Rathaus tagein tagaus mit Derivaten spekuliert wird? Darunter leidet nicht nur der Bürger, sondern am Ende auch die FVG. Und das ist eben nicht nur die Erdgasarena. Wir müssen doch mal die Kirche im Dorf lassen und überhaupt verbiete ich solche Unterstellungen, nicht im Fernsehen.

Betretenes Schweigen. Baring wird sichtbar wütend.

Will: Herr Trapper, Sie sind als Lokaljournalist schon lange in Riesa unterwegs, äußern sich immer wieder gegenüber vielen Medien über die Stadt, aus der Sie nicht kommen, wie mir gerade verraten wurde. Was macht Riesa aus, warum ist es liebenswert?

TT: Wissen Sie, Frau Will, ich will das Publikum hier nutzen für einen lange geplanten emotionalen Ausbruch. Ich habe keine Ahnung, was die Stadt ausmacht, hatte das auch nie. Ich war vor hundert Jahren mal für einen undotierten Preis nominiert und seitdem denken alle, ich könnte irgendwas zu der Stadt sagen. Kann ich nicht. Schauen Sie sich doch um, was soll man denn da verstehen, geschweige denn erklären? Ich weiß, wo es hier lecker Eis gibt und wann die ICEs fahren. Ich glaube der Stadtrat hat das ganz gut auf den Punkt gebracht. Abgesehen davon hab ich schon wieder Migräne. Ich heiß übrigens Trappe, wie der Vogel, nicht wie das Krustentier. Danke.

Will: Puh, hartes Pflaster. Vielleicht wird es Zeit für den Gang zum Publikumssofa?

TT: Dazu hab ich einen Witz, Frau Will. Wie nennt Herr Gansel sein Sitzmöbel?

Will: Keine Ahnung, Herr Trappe.

Trappe: Besetzungscouch!

Will: Danke, sehr lustig. Nun aber zum Publikumssofa, wo uns der bewanderte, ich durfte das im Vorgespräch schon feststellen, Lutz Walther erwartet.

Walther: Komm her, Kleene, nicht so schüchtern, der Onkel beißt nicht.

Will: Da bin ich. Herr Walther. Sie leben seit langem in Riesa.

Walther: Kann man so sagen, seit ich rauskam, verstehste? Da kam viel raus, damals, von Beatles was, aber das sag ich dir, mein Sound ist geiler und den kann nur ich. Kennste Beatles, ne kennste nicht, Kleene, kennste doch, mach Sachen, ich hau mich weg, so eine wie du liest doch nur, oder lieste da die Rillen auf der Platte? Wo waren wir stehengeblieben? Achja, Riesa. Ne, ehrlich, ich schreib meine Leberwerte an die Hauswand, das ist das einzig Ehrliche, was Du hier zu sehen bekommst, Riesa hat mehr Enden als jede Wurst, das sag ich dir, und immer wenns zu Ende ist kommt ein neuer Scheiß. Olympia, sag ich dir, große Idee, aber falsch umgesetzt, ich hab ja mal geboxt, aber was willsten in der Stadt mit Olympia, frag ich dich? Ein Blumenladen reicht hier, vielleicht noch ein Bestatter, damit man nicht so alleine ist, aber sei doch mal ehrlich, was denkste, warum die Leute hier so sind, wiese sind? Ne, ich weiß es nicht, ich weiß nur, dass in die Arena jetzt ne Go-Cart-Bahn kommt, ne, echt, sowas. So Kleene, mach dich rüber, mehr kann ich dir auch nicht helfen, da musste alleene durch nu.

Will: Danke, Herr Walther.

Zurück im Studio. Nun will auch Herr Gansel mal zu Wort kommen. Hallo Herr Gansel von der NPD!

Gansel: Danke, Frau Will.

Will: Bitte.

Herr Trappe. Es ist halb vier, Sie haben mir vor der Sendung verraten, da fährt der letzte Zug, Sie müssen also gleich los. Was ist Ihnen noch wichtig?

Trappe: Ich bleib noch etwas, mit der Migräne kann ich nicht fahren. Es gibt einen Witz, der veranschaulicht vieles. Also in Riesa hats gebrannt, so geht der Witz los…

Baring: Sie sind so simpel. Jetzt erzählen Sie doch hier keine Witze. Das versteht doch hier eh keiner, und Sie selbst schon gar nicht…

Trappe: Naja, jedenfalls hats da gebrannt und dann steht nur noch…

Will: Danke, sehr spannend. Ich will aber noch ein anderes Thema ansprechen. Kürzlich hat der Stadtrat beschlossen, dass die Plattensiedlung Gröba-Merzdorf, so nennt man das wohl hier…

Buhrufe aus dem Publikum. Beleidigte Gröbaer und verletzte Merzdorfer verlassen die Runde. Große Aufregung, den Gröba-Merzdorf ist ein Kunstgebilde, das hier wenig Anhänger hat, ähnlich wie in Baden-Württemberg. Es beginnt eine Keilerei mit der Security.

Baring: Affentheater!

Will: Jedenfalls soll das abgerissen werden.

Gansel: Falsch, Fräulein Will. Es soll nicht abgerissen werden. Ausländer sollen dahin, damit der deutsche Plattenbau innerlich ausblutet.

Will: Hier gibt’s doch gar keine Ausländer, laut Statistik sind es nur sechs, ich hab mir das hier mal ausgedruckt.

Gansel: Hinten am Rathaus gibt’s zwei Griechen, dann den Italiener beim Eisstand und der Dönerverkäufer, auch Ausland. Das sind allein die, die ich kenne. Und das ist ja nur eine Dunkelziffer, sie verstehen, dunkel, nicht? Spaß beiseite, Politik muss ja auch Spaß machen, vor allem nationale Politik. Was ich sagen will, wenn Hochwasser kommt, wird es eng in der Stadt, man weiß das hier. Dann ist so eine Ausländerquote, die ohne Wasser ja noch verkraftbar erscheint, schon in einem ganz anderen Licht zu sehen.

Baring: Bei Hochwasser gibt’s Sandsäcke. Ist das simpel. Ich will nach Hause. Stimmt das mit dem ICE halb fünf?

Will: Gut. Beenden wir die Sendung. Herr Trappe, was sollte das jetzt mit diesem Blog-Eintrag?

TT: Keine Ahnung, ich weiß nur, dass hier gerade die Ebenen verschwimmen. Eigentlich wollte ich irgendwas schreiben, ohne zu wissen, was. Vollkommenen Blödsinn. Ich werde jetzt Kunst drüber schreiben, dann denken alle, da geb’s eine Meta-Ebene, viele gebrauchen ja das Wort, ohne zu wissen, was es bedeutet. Wenn Sie wüssten, wer hier alles Schriftsteller genannt wird, aber das ist ein anderes Thema.

Stadtrat: Cool! Glückwunsch.

Will: Liebes Publikum, herzlichen Dank für ihre Geduld. Nächste Woche sehen wir uns dann in Bottrop.

Die Rathausreihe löst sich auf, die Stadträte gehen, das Publikum bleibt sitzen, das Will-Team verteilt kostenlose Will-Kulis. Ein verwirrter älterer Mann murmelt Gedichte. Am Horizont strahlt die Sonne. Trappe erzählt endlich seinen Witz, doch die Kamera ist aus.


Flattr this

Advertisements

17 Antworten zu “Sommerpause (Kunst)

  1. Wer ist Anna Bill? Iche war letzte Woche bei Mario Bart
    Eingeladen-77700000 im Olympkessel -haben mir und allen
    Anderen zugejubelt. Viel Spass mit Anna [zu Lutz‘ Schutz gelöscht]
    Nudel ick wer ein Berliner!

  2. TT – Toller Trappe!

  3. Wieso war er eigentlich nicht eingeladen? Wegen Baring?
    p.s.: ihm nicht erzählen: Hab mir gerade vor Lachen in die Hose gemacht.

  4. Toller Beitrag. Bringt mich dazu, mal wieder Anne Will (und kann aber nicht) zu schauen.

  5. Hallo Herr Trappe, haben Sie mal wider was von meinem Freund „Dichter“ gehört. Ich habe ihn aus den Augen verloren, nicht aber aus dem Sinn. Ob er auch Sommerpause macht?

  6. jetzt will ich aber auch wissen, wie der Witz weitergeht…

  7. Der Sommer ist vorbei Herr Trappe!! Los jetzt, ran an die Tasten!

  8. Der Sommer war nie wirklich existent, Herr Geert. Aber der Trappe kommt ja auch nicht mehr nach Riesa, oder haben Sie neuerlich etwas von ihm gelesen?

  9. Der Neue ist aber auch um einiges smarter und ist dazu noch unfassbar fleißig (leider). Vielleicht konnte Herr Trappe damit nicht umgehen.

  10. Nachtijall, ick hör Dir Trappe …

    Vom Dach pfeift es die Nachtigall
    die Trappe ist nun weg vom Ball,
    abgetrappst wo anders hin,
    weit weg von hier nach Groß – Berlin!

    SZ gefüllt mit Vogeldreck,
    toll gemacht nun ist sie weg.
    Die Trappe hat ans Bein gepisst,
    die Leute die das nie vermisst.

    Du großer Vogel Pelz mit Laus
    gibst nun als Gertt Dich auch noch aus?
    Der Blog hier scheint Dich nur zu quälen
    die Seite nicht mehr zu empfehlen.

    Drum schalte ab den ganzen Scheiß,
    die Nominierung ja ich weiß.
    Hast Du Anstand Vogeljung ?
    für Riesa ’ne Entschuldigung ?

    RR der Freund aus deinem Nest
    besorgt’s nun dem Proletenrest.
    Ich seh’ den Vögeln in’s „Gesichte“,
    doch da seh’ ich nur Taugenichte.

    Die Vögel fliegen, kommen, gehen
    wir bleiben hier und wollen stehen,
    unsern Mann Tag ein Tag aus,
    wenn Vögeln geht die Puste aus.

    Wir wollen nicht woanders hin,
    wir haben für die Heimat Sinn.
    Wir müssen nicht durch Städte reisen,
    um andern auf den Kopf zu scheißen.

    Kehre Dich um und reue Dich,
    willst Du Gertt einen Freund wie mich…

  11. Tittenverächter

    Ach wie süß, den kleinen dicken Dichter gibt es ja auch noch. Vielleicht solltet ihr mal darüber nachdenken, dass Riesa nun mal nicht der Nabel der Welt ist, nicht der Nabel von Sachsen, nicht mal der Nabel des Landkreises ist. Vielleicht hat Herr Trappe einfach besseres zu tun, als jeden Tag in dieses unbedeutende Kaff zu kommen. Gott, ihr seid so lächerlich…aber genau das kommt ja auch in dem Sommerpausebeitrag von Herrn Trappe herüber.

  12. Ich glaube Herr Trappe selber ist der Dichter. Respekt

  13. @Dichter: Ich bin nicht Gert.
    @Silke: Ich bin nicht der Dichter.
    So, und jetzt beruhigen sich alle wieder.

  14. Klar, dass du das jetzt abstreitest.

  15. Nö, ich bin so froh das mein alter Kumpel wieder „dichtet“. Wie er das mit so einem abgedichteten Verstand kann ist für mich immer wieder beeindruckend.
    Übrigens Herr Trappe, der Verdienstkreuz Beitrag auf der Riesaer Seite ist schöner als Ihrer!
    Geht eigentlich auch Verdienstkreuz und Riesa in einem Vers?
    Schreiben Sie doch vielleicht einmal etwas über smarte Dichter, die vögelnd etwas verachten.
    @Dichter/@TV: Ich komme bei Ihrer Schreibweise meines Namens total durcheinander.

    der Geertt (wenn das der Herr Mackenroth sieht, auweia)

  16. Na, biTTe es geht doch! (morgen)

    Neues Thema: Stasiland ist abgebrannt???

    Danke Vogel für den Beitrag,
    Donnerstag und nicht am Freitag !
    Alle sollten Dieses lesen,
    denn so ist’ im Land gewesen!

    Russenkino, Stasihaft
    die Partei hat das geschafft!
    Rote Ärsche gab’s (gibt’s) hier viel,
    heut gereinigt mit Persil!

    Ob in Rathaus, Schule, Amt,
    „keiner“ DER PARTEI entstammt???
    „Reine“ Weste fette Knete,
    für das Pack von Erichs Fete.

    Gefall’n wie Engel hoch vom Himmel,
    preisen heut’ den Köhlerpimmel.
    Gern in der Arena feiert,
    wer einst Parolen rotgeseiert.

    Geh’ ich heute durch diese Stadt,
    seh’ ich wer das Sagen hat.
    Vogels Beitrag hat gesessen,
    endlich kontra dem Vergessen.

    Mein Wunsch die Zeitung in der Hand,
    Stasiland wär’ abgebrannt….
    Ehrenbürger wär’ dann nicht,
    ein [gelöscht].

    Haft für Schreiberlinge dann und wann,
    schon war der Meisterbürger dran.
    Gewandelt vom Betonverrecker,
    zu Erichs Reichspolitvollstrecker.

    So nun reicht die Dichterei,
    eh mir heut’ schwillt ein Dickes Ei…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s