Tatort Gartenzaun

In Wolfgang Standkes Grundstück sind schon mehr als hundert Autos gerast. Mit stoischer Ruhe repariert der Rentner den Zaun – immer und immer wieder.

Das Dorf Schweta, Ortsteil im sächsischen Mügeln, erreicht man von Norden aus kommend am besten über die A13. An der Ausfahrt Schönborn auf die B98, vorbei an einigen sächsischen Kleinstädten, weiter auf die B6. Man hat hier gute Sicht und kann zügig fahren. Kurz vor Schweta, man ist inzwischen auf der S31 unterwegs, kommt ein Bahnübergang, danach darf man wieder auf 80 beschleunigen, nicht mehr ganz so gute Sicht, es kommt ein Ortseingangsschild, man bremst auf 50, es kommt eine Kurve, man bremst stärker, durchbrettert einen Zaun und steht mit seinem gerade zerstörten Auto in einem gepflegten Vorgarten. Dann kommt Wolfgang Standke, Besitzer des Gartens, und fragt, ob’s gut geht, sagt vielleicht auch nur „Guten Tag“. Überrascht schaut der Rentner nicht, nur ein bisschen genervt.

Die Oschatzer Straße 2 in Schweta ist eine vielbefahrene, und natürlich landen nicht alle Durchreisenden im Grundstück des 66-Jährigen, aber doch ein erheblicher Teil. Mehr als hundert Autos und Motorräder sind in den vergangenen 30 Jahren in das Grundstück gefahren, das am Ortseingang ungünstig liegt, da man vor der spitzen hohen Kurve kaum ahnen kann, dass sich hier nicht eine geradeaus weiterführende Straße befindet, sondern das Obst-Beet von Herrn Standke. Der Mann lebt seit 1973 mit seiner Frau in dem Haus, einen Großteil seiner Freizeit verbrachte Standke damit, den Zaun zu reparieren. Meist fahren Jugendliche in den Zaun, Standke schätzt „zu 85 Prozent“. Wie viele Unfälle es exakt waren, weiß Standke nicht.

Der Mann mit den ordentlich gekämmten Haaren, dem gepflegten Hemd und der Jeans empfängt mit festem Händedruck, wie es sich für einen gelernten Maurer gehört. Es ist ein sonniger Tag, er arbeitet gerade im Garten, der sich vor dem zweistöckigen Haus etwa sieben Meter vor dem Haus erstreckt, eine Sicherheitszone, wird man später lernen. Standke zeigt das Haus, erzählt vom alten Kohlenkeller, der inzwischen ein Hobbykeller ist. Die schwarze Katze versucht das Aufnahmegerät zu fressen. Es ist nicht seine Katze, sagt Wolfgang Standke, sondern die vom Nachbarn. Er selbst hatte vor Jahren eigene Katzen, die wurden aber alle überfahren, „fünf oder sechs Stück“. Wie gesagt, Standkes Haus hat eine fragwürdige Verkehrsanbindung.

Der letzte Unfall liegt am Tag des Interviews schon eine Weile zurück. Es war Dezember, als eine Frau mit Opel Astra in den Zaun fuhr. Sie selbst erklärte, sie habe nur 30 Stundenkilometer auf dem Tacho gehabt, aber Standke ist da aus Erfahrung etwas skeptisch. Zwei Zaunfelder wurden komplett weggefahren, außerdem zwei Betonsäulen. Sowohl was den Unfallhergang als auch den Schaden angeht, ein durchschnittlicher Unfall. Damals war tiefer Winter, Standke hoffte, in dieser Zeit von Unfällen verschont zu bleiben, weil der Schnee die Autos vielleicht abbremsen konnte. Stattdessen „hat das Auto den ganzen Schnee in den Garten geschoben.“

Seit dem 14. Februar steht der Zaun wieder, glattes Holz, sattes Braun, schön gerade und parallel. Seit mehreren Monaten ist am Tag des Gesprächs nichts passiert, rein statistisch, sagt Standke, müsste es bald wieder krachen. Wenige Stunden später wird er wissen, warum man Dinge nicht beschreien soll. Doch jetzt steht er erst mal an einem frisch reparierten Zaun und erzählt ein wenig.

Das Grundstück, das hat sich wegen der Unfälle so ergeben, ist in mehrere Bereiche aufgeteilt. Den Anfang der Zone bildet der schöne Zaun. Früher stand dahinter eine Hecke, „da haben wir dann aber bei den ganzen Unfällen kein Geschicke mehr reingekriegt“, so Standke im schönsten Sächsisch. Wo Hecke war ist jetzt also Rasen, der notgedrungen immer wieder frisch gesät werden muss. Sichtschutz bietet jetzt ein halbes Dutzend Zypressen, bestärkt mit Holzlatten, zwei Reihen. Dahinter das Beet, auf dem Standke dieses Jahr Rhabarber und Erdbeeren anbauen will, ein paar Keramikfiguren wachen darüber. Hier beginnt die sichere Zone, alles vor der Baumreihe steht ständig zur Disposition. 2006 vernichtete ein Passat zwei der Zypressen. Das Auto kam in der Baumreihe schon mit Telefonmasten, Straßenschild, zwei Zaunfeldern mitsamt Masten und einen gänzlich unverletztem Fahrer an. Zypressen pflanzt Standke übrigens, weil die sehr schnell nachwachsen.

In Schweta, ein Dorf mit einer Eigenheimsiedlung und zwei Hauptstraßen, wohnt Wolfgang Standke, seit er denken kann. Als Einjähriger kam er 1945 aus Schlesien hierher. Als seine Frau das zweite Kind erwartete, wurde es im Elternhaus zu eng, man suchte eine neue Bleibe. Unten im Dorf, direkt am Dorfteich, stand eine alte Scheune, 1973 wurde sie gekauft und schließlich zu dem Haus, in dem die Standkes heute noch wohnen und gerade eine gemütliche Grillecke anbauen, hinten im Garten, ganz hinten. Anfangs ging alles gut, „vielleicht einmal im Jahr ist da jemand reingefahren“, aber schon Ende der 70er wurde es nervig. „Hätte ich das gewusst, wäre ich hier nicht eingezogen.“

Es ging los mit Mopeds und Motorrädern. Am Straßenrand der Schotter, das war das Problem. „Wenn die mit dem Moped da erst mal drauf waren, da kamen die nicht mehr hoch, da waren die drin.“ Prellungen waren meist die Folgen, Schürfwunden, was Schlimmes ist bisher noch niemanden passiert, betont Standke. In der Garage lagern seitdem Decken und Verbandszeug, die Nachbarin ist Krankenschwester.

In den 80ern ging es richtig los, drei- bis viermal pro Jahr krachte es, in anderen Jahren aber auch mal gar nicht. Man solle nicht denken, dass Trabante nicht ordentlich Schaden anrichten können, sagt Standke, sein Blick verrät, dass er gerade an viele Zaunfelder denkt. Einmal, erinnert er sich, sei in der Kurve ein Trabi abgehoben, habe sich in der Luft gedreht und sei schließlich mit dem Dach in der Hofeinfahrt gelandet, „wie ein Maikäfer“. Der Fahrer war unverletzt, aber unter Schock. „Der ist dann mit seiner Aktentasche in der Hand die Straße runtergelaufen, den mussten wir zurückholen.“ Später kam die Polizei, der Trabi war noch ganz, wurde umgedreht, weiter ging die Fahrt.

1977 war es wie im Schlaraffenland, da floss die Milch in Standkes Vorgarten, bis zum Knie. Ein Milchlaster der LPG kriegte die Kurve nicht mehr und kippte in den Garten. Für das ganze Dorf ein Höhepunkt, jeder Zweite hatte Vieh im Hof, das sich über Milch freute. Eimerweise wurde der Milchschlamm aus dem Garten geschippt und später verfüttert. Nur für Standke selbst war es nicht schön. Im Jahr darauf blühte nämlich nichts mehr. „Das war zu viel Milch.“ Allgemein scheint es eine gute Rohstoffverwertung in Schweta zu geben. Die zertrümmerten Zäune bekommt eine inzwischen ältere Dame im Dorf, sie heizt noch mit Holz, ist ja billig zu haben.

Wie viel Geld Standke für seine Zäune bereits ausgeben hat, weiß er nicht. Pro Unfall gehen zwischen 700 und 1.500 Euro drauf, das zahlt die Versicherung. Meistens repariert der Hausherr selbst, zumal er als Rentner jetzt Zeit hat. Problematisch wird es, wenn die Unfallfahrer flüchten, ungefähr dreißig Mal kam das bisher vor. „Dann muss ich selber zahlen.“ Rabatt bekommt Standke im örtlichen Baumarkt leider nicht, auch wenn man dort schon weiß, dass er regelmäßig nach brauner Farbe und Zaunlatten fragt.

Die Idee, den Zaun einfach wegzureißen, kam Standke nie. „Ich bin das so gewöhnt, außerdem würden sonst die Leute in meinen Garten kommen“, fürchtet er. Seine Frustrationstoleranz scheint bewundernswert. Einmal, ist schon ewig her, reparierte er mit dem Bruder den Zaun. Als Belohnung für die geschaffte Arbeit gab es am Ende ein Bier – der Plopp der Flasche wurde übertönt vom Krachen, das ein Auto im neuen Zaun verursachte. Danach wurde der Zaun wieder repariert.

Von der Kommune würde sich Standke wünschen, dass sie endlich eine Tempo-30-Zone vor seinem Haus einrichtet, doch er wird nicht erhört. Der Sprecher des Landkreises Nordsachsen erklärte auf Anfrage, dass man nichts tun könne. Standke setzt darauf, dass der Verkehr in Schweta bald durch eine Umgehungsstraße entlastet wird. Bis dahin muss man einfach hoffen, ist ja schon lange nichts passiert, sagt Standke zum Abschied.

Einen Tag später ruft er an. Heute Morgen war es soweit. Ein Gülle-Trecker. Das Hinterrad fiel in der Kurve ab und rollte direkt ins erste Zaunfeld, der Trecker kippte zum Glück nicht um. Es wird Frühling, Wolfgang Standke hat jetzt wieder im Garten zu tun.

so ähnlich erschienen im Tagesspiegel


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11 Antworten zu “Tatort Gartenzaun

  1. Nudel Walter

    Wir Riesaer.ziehen weg,wenn Uns jemad reinfaehrt!!!!oder anpisst!!!!

  2. Was für eine Geschichte…überall werden 30er Zonen eingerichtet, wo sie zum Teil gar nicht sinnvoll sind und hier lernt man nicht aus langjähriger Erfahrung. Die Vernunft der Bürokratie!

    Kleine Korrektur am Rande:
    „Die Oschatzer Straße 2 in Schweta ist eine vielbefahrene, und natürlich landen nicht alle Durchreisenden im Grundstück des 66-Jährigen, aber doch ein erheblicher Teil.“
    Nach „vielbefahrene“ fehlt das Wort „Straße“.

    Hat Spaß gemacht zu lesen! Guter Post!

  3. Ich freu mich immer, wenn mein reader mit mitteilt, dass es hier mal wieder was neues gibt.. sehr schöner Text mal wieder, herr Trappe.. 🙂

    @Largos
    Der Satz ist korrekt.. 🙂

  4. Pingback: Blogs aus Sachsen im Wikio-Ranking Mai 2011 – Von Stefan Stahlbaum

  5. Wieder mal sehr schön zu lesen!

    @Jan / Largos
    Nicht ganz korrekt: Die Oschatzer Straße 2 ist eine Hausnummer, seltenst ‚vielbefahren‘. Gemeint ist wohl die [gesamte] Oschatzer Straße, die durchaus eine vielbefahrene sein kann.

  6. Lieber Thomas, wie schön, einen überlokalen Text über Mügeln lesen zu dürfen ohne die Wörter „Nazis“, „Hetzjagd“ und „Gotthard Deuse“. Hätte es schon längst geben sollen. Ich dachte nur, den würde dann ich schreiben. Warst schneller, Punkt für Dich! Gruß aus O!

    • @Christine Mügeln hat seit dem 28. März einen anderen Bürgermeister.Scheint in eurer Region üblich zu sein das alles noch später ankommt als im Rest Sachsens.Ich meine mit den Menschenrechten,Meinungsfreiheit und so….

      Viele Grüße ins ferne Land

  7. Tittenverächter

    schon schön, aber viel los ist hier gerade auch nicht mehr 😦

  8. Zweizeiler für ratlose Blogbetreiber:

    Da scheint jemand ratlos es flattert das Ohr,
    es fehlt ihm ein Fettwanst der flüstert was vor… (?)

    Dichter

  9. Pingback: Blogs aus Sachsen im Wikio-Ranking Juni 2011 – Von Stefan Stahlbaum

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