Torgau

Fährt man aus Berlin nach Torgau, um dort ein Firmenporträt über die dort ansässige Brauerei und ihr wohlschmeckendes Produkt „Zille’s Fassbrause“ zu schreiben, hat man einen schönen Ausblick auf die Elbe, die sich an der Ecke Sachsen-Brandenburg gerade einen Weg durch diverse Gassen, Wälder und Gartensparten bahnt. Man kommt dann irgendwann in Falkenberg/Elster an, hier muss man umsteigen. Ist etwas irritiert, weil die Zuganzeige Irritierendes preisgibt. Kommt in ein Gespräch mit einem, wie man denkt, Italiener, der auch nach Torgau möchte und ebenso nicht recht weiter weiß (nicht sein Ziel ist dafür der Grund, sondern die Zuganzeige).

Man ergeht sich in gemeinsamer Problemlösung und stellt die Frage, wo er denn herkomme? Immerhin unterhält man sich auf Englisch, der Mann ist also mit hoher Wahrscheinlichkeit kein Italiener. Er ist Mazedonier. Er macht Spannendes. Ist Bildhauer, recht lange schon. Arbeitete in New York, in Kanada, und nun jüngst in Australien, wo er eine eigene Galerie und ein Haus hat. Man prüft das nach, lässt sich seinen australischen Führerschein zeigen. Und fragt sich und später den Mann, warum um Gottes willen er dieses Ziel hat: Das Wohnheim für Asylsuchende in Torgau, wo er gerade wohnt. Der Mann erzählt seine Geschichte, erzählt von seinem Leben und dass er auch nicht so recht weiß, wie das passieren kann. Die Galerie in Australien, und jetzt der mehrwöchige Aufenthalt in einem Asylantenheim in Nordsachsen.

Er heißt Miha, oder so ähnlich, meine Bulgarischkenntnisse sind arg verblasst in den letzten Jahren. Nein, seine Geschichte ist nichts für die Zeitung, das ist ihm zu riskant, er will ja nach Down Under, nicht in die Zeitung. Gut, Miha, erzähl trotzdem, und sei mir nicht böse, darf ich deinen australischen Führerschein sehen? Das klingt mir alles zu krass. Nicht böse gemeint, Miha! Er zeigt seinen australischen Führerschein.

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, nach einem Krieg in Jugoslawien, reichte es also Miha. Er war damals ein junger Staatsbürger eines noch jüngeren Staates, sein Glück meinte er in diesem Land aber trotzdem nicht finden zu können. Er ging. Nicht ins Nachbarland Bulgarien, wie viele seiner Landsleute, sondern nach Amerika, so wie in den Träumen vieler seiner Landsleute.

New York, später New Jersey. Lernte das Handwerk eines Bildhauers. Seitdem baut er Skulpturen. Miha wurde politisch aktiv. Gründete in Jersey einen Verein der Exil-Mazedonier. Für Leute, die sich kritisch gegenüber einem grundsätzlich korrupten System zeigten, er meint das mazedonische, wird wütend, wenn er nur dran denkt. Später ging er nach Kanada, in den französischen Teil, er konnte Französisch, weil er zuvor in Paris gelebt hatte. Miha erzählt das, als erzähle er vom Rezept für Erdbeermarmelade.

Das alles war nicht seins, er möchte woanders hin, nur nicht zurück nach Mazedonien, da sei er wegen seiner Aktivität im Ausland nicht so gelitten. Ging nach Australien. Baute sich eine Karriere auf, hatte Erfolg. Das Haus, es ist nicht seins, es ist gemietet, ebenso die Galerie in dem Haus in Sydney. Er mag Australien.

Ab und an besucht Miha seine alte Heimat, er meint Mazedonien, seine gesamte Familie lebt dort, da muss man sich doch mal blicken lassen. Wie vor einigen Wochen, als er kam und wie immer wusste, dass er wieder gehen muss, es geht hier nicht, „corruption, everywhere, eyerybody“, sagt er. Miha will ausreisen, wie er es schon so oft tat. Diesmal kam es anders. Die Grenzbeamten nahmen ihm den Pass, Anweisung vom Computer. Miha hatte nur den Pass, Aufenthaltsgenehmigungen und Führerscheine, ja, aus Australien. Miha wurde staatenlos, hier auf einem Flughafen in seinem Heimatland.

Miha musste handeln, für ihn scheint das kein neuer Zustand zu sein in seinem Leben. Verließ den Flughafen, ging ein wenig, fuhr ein wenig, bis er schließlich an einer Autobahn stand, die, über die die LKW-Fahrer Richtung Europa fahren. So wie jener, dessen Ziel Frankreich war, super, das kenne ich, sagte Miha, gibt Geld und steigt ein. An der Grenze versteckte er sich im Laderaum. Miha übertritt illegal Grenzen. Bis irgendwann die EU-Grenze kam. Miha spricht viel von der EU. Er mag die EU. Bist du drin, ist alles gut. Miha muss überlegen, wie diese Stadt hieß, in der es dann nicht mehr gut war. Saarbrücken, sagt er schließlich. Dort wollten Polizisten seinen Pass sehen, man war schon auf dem Weg nach Metz, in Frankreich fühlt sich Miha sicherer, in Deutschland sei es für Ausländer irgendwie schwierig, sagt er. Er kann das nicht begründen, ist nur so ein Gefühl. Miha hat keinen Pass, die Polizisten wollen aber einen sehen. Miha musste entscheiden, er wollte jetzt nicht in einen Reisebus zurückgeschickt werden.

Der Bildhauer beantragte Asyl in Deutschland.

Asylsuchende, egal, ob sie nun in Frankfurt oder hinter Saarbrücken aufgegriffen werden, erklärt mir Miha, landen mit hoher Wahrscheinlichkeit in Torgau, oder zumindest in Ostdeutschland, weil es hier sonst keine Ausländer gibt und die Toleranz am größten sein müsste. So haben sie es Miha erklärt, der es jetzt mir erklärt. Nein, von Torgau habe er zuvor nicht einmal gehört, Leipzig kenne er, das sei aber ja auch so eine kleine Stadt. Da leben doch vielleicht grad mal eine Million Menschen, sagt er mir. Die Hälfte, sage ich, er nickt, schaut aus dem Fenster, sagt, sehr klein. Dann lacht er.

Miha ist guter Dinge, dass bald alles glatt geht, gerade kommt er ja von der australischen Botschaft in Berlin. Jetzt muss er aber zurück ins Asylantenheim, es ist da hinten, sehen Sie, den Teich und dann rechts. Ich weiß nicht, wo er hinzeigt, ich war ja noch nie in Torgau. Warum auch?

Man wünscht sich Erfolg, man wünscht sich Glück, man wünscht sich Australien. Miha gibt einem die Hand, sagt, dass er Miha heißt. Wäre eine schöne Geschichte, sage ich, Nein, Nein, sagt Miha, er will nur wieder nach Australien, man will nichts riskieren. Miha geht Richtung Teich (vielleicht ist es auch die Elbe auf einer Wiese, was weiß man schon). Man geht in die andere Richtung, zur Brauerei. Ist ja auch eine interessante Geschichte.


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3 Antworten zu “Torgau

  1. Thomas sei froh ,noch nie in Torgau gewesen zu sein. Ein Brauereiessay
    is ja wohl ,ne typische Lohnarbeit.Staatenloser Bildhauer in Torgau-es hat
    sich doch gelohnt!Für Mazzedonier kann Torgau noch nach Paradies klingen.
    Globelplayer in Torgau-ist die Welt gerecht-NEIN-machen wir sie gerechter-NEIN.
    Prost Nudel-Walter

  2. „Lutz Walter:Thomas sei froh ,noch nie in Torgau gewesen zu sein…“
    Der „Brüller
    Genau alle die nach Torgau kommen werden in den Jugendwerkof gesperrt,oder in der Elbe ertränkt…… 🙂
    Überlegt bevor ihr über Torgau schreibt, oder laßt es einfach sein,wenn
    man keine Ahnung hat und solchen „journalistischen Müll “ produziert.

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