Blühende Landschaften

Die ehemals „schmutzigste Stadt Europas“ ist heute fein saniert und ein Paradies für Naturfreunde. Die Bitterfelder fragen sich: Was bringts?

Die Stinketour ist ein einziger Blick auf den See. Kaum Bewegung in der Landschaft, der Wind bläst gerade so stark, dass die Gräser und jungen Bäume sich leicht nach rechts ins Bild wiegen, gleichmäßig, beruhigend. Der See zur Linken, das einzige Geräusch an diesem Morgen ist das Knattern der 125er-Suzuki, die ihre beiden Fahrer mit fast erstickendem Röcheln anzuflehen scheint, doch bitte etwas mehr Gas zu geben, damit man hier nicht in dieser unpassenden Idylle versackt. So als scheint die Maschine die Verwirrung des Besuchers zu verstehen, der die dreckigste Stadt Europas suchte und sich in einem Naherholungsgebiet wiederfindet.

Der Goitzschesee. Bitterfeld im südlichen Sachsen-Anhalt. Die Stadt, die zu DDR-Zeiten für Kohleabbau, Schmutz, Gestank und Chemieindustrie stand, einzig dafür. Der 13 Quadratkilometer große See entstand, als man beschloss, die Erinnerung an alte Tage unter Wasser zu begraben. Die Tagebaugrube wurde seit 1998 langsam geflutet, 2008 sollte das Projekt beendet sein. Es dauerte dann nur bis 2002, als das Jahrhunderthochwasser die Mulde erreichte und man in Bitterfeld froh war, dass das Wasser irgendwohin abfließen konnte. Die Flut brachte Schlamm und allerlei Biomasse in den See, der sich deswegen heute bester Gesundheit erfreut.

Hans Zimmermann liebt seine Heimatstadt Bitterfeld. Er liebte sie, als es hier stank und aussah wie in Teufels Küche, er liebt sie heute, da sich in ihrem südwestlichen Ende ein stiller See in die Hüfte drückt, ein Gewässer, an dem sich inzwischen Biber und Seeadler angesiedelt haben. Die Stinketour, erklärt Zimmermann bei voller Fahrt, die Stinketour mache er mit jedem Besucher. Er fährt die Strecke seit mehr als 20 Jahren. Besonders viel fuhr er 1990. Als Bürgerrechtler und Abgeordneter der einzigen demokratisch gewählten Volkskammer zeigte er vornehmlich CDU-Politikern, damals noch Parteifreunde, wie sehr Chemie und Tagebau eine Landschaft verstümmeln können. Klaus Töpfer war hier, Kanzler Kohl auch. International Furore machte dann aber ein anderer Besuch. Die Hollywoodschauspielerin und Umweltaktivistin Jane Fonda kam nach Bitterfeld – es war die Zeit, als der Ruf der „schmutzigsten Stadt Europas“ in die Welt getragen wurde.

Vielleicht stand Fonda an der gleichen Stelle, an der Zimmermann nun 20 Jahre später seine Suzuki zum Stehen bringt und in jene Richtung zeigt, in der sich die bescheidene Skyline Bitterfelds am anderen Ende des Sees breitmacht. Hier, auf dieser Seite, da bauen sich Biber Dämme und Familien auf, erzählt er. Eventuell also hier stand seinerzeit die Schauspielerin Jane Fonda im Schlamm, glücklicherweise war sie damals mit kniehohen Gummistiefeln und einem Parka bekleidet, anders als die Journalistin, die sich Fragen stellend vor Fondas Augen mit Highheels in den Boden herabbohrte. Der See war damals eine Grube, bis zu 90 Meter tief, dutzende weggebaggerte Dörfer groß. Ab und an zog von dort eine riesige Staubwolke in die Stadt, in den Senken sammelten sich im Gegenzug die giftigen Gase der Bitterfelder Chemiebetriebe. Die Fonda, so Hans Zimmermann im Rückblick, „war ehrlich betroffen“. So betroffen, wie man ist, wenn man merkt, dass die Nasenlöcher brennen und man weiß, dass die Menschen das hier seit Jahrzehnten ertragen müssen. Eine echte Drecksstadt.

Es wäre leicht einzusehen, wenn Zimmermann diese Story nicht mehr erzählen mag, von Jane Fonda und ihrer brennenden Nase. Tatsächlich ist seine eigene Geschichte wohl weit besser geeignet, etwas über Bitterfeld zu lernen. Über eine Stadt, mit der ihre Einwohner genauso haderten, als sie noch ein stinkender Kessel war, wie heute, da sie eine hochsanierte leergewohnte 15.000-Einwohner-Stadt ist.

Zimmermann sieht aus wie der Weihnachtsmann. Jahrelang spielte er den für Bitterfelder Kinder, wegen seines langen weißen Bartes und der zum dünnen Zopf gebundenen Mähne nennen ihn Leute in der Stadt auch heute noch so. Zimmermann mag das. Geboren wurde der Weihnachtsmann 1948 in Bitterfeld, in jenen Tagen, als dort, wo heute der Goitzschesee ist, noch der Goitzschewald war. Als Kind pflückte Zimmermann hier regelmäßig sonntags Margeriten, um sie dann beim Markt in der Stadt in Taschengeld zu verwandeln. Nicht lange konnte er das tun, dann kam der Tagebau. Auf der einen Seite der Stadt die Grube, der Chemiepark auf der anderen, er schloss sich direkt an den Filmpark der Nachbargemeinde Wolfen an. Bitterfeld wurde von der Industrie umzingelt. Zimmermann ging den fast zwangsläufigen Weg – und wurde Chemielaborant. Im Betrieb holte er sich dann „jeden Tag eine andere Verätzung“, Arbeitsschutz hatte damals keine Priorität. Schnell merkte er, dass er nicht mehr kann und lernte um zum Klempner. In dieser Zeit versaute er sich seine Knochen – und entwickelte eine Haltung.

Seiner neuen Liebe und heutigen Frau wollte er Mitte der Siebziger zeigen, wo er als Kind Margeriten pflückte. Sicher, er wusste von dieser Steppe vor seiner Stadt, aber das „Was ist hier eigentlich los?“ schoss ihm in diesem Moment zum ersten Mal durch den Kopf. Hans Zimmermann wurde Umweltaktivist, spätestens als sein Sohn an der Atemwegskrankheit Pseudokrupp erkrankte. Schickte Eingaben an die Bezirksverwaltung wegen der Flugasche, die an manchen Tagen die ganze Stadt unter sich begrub. „Sofort aufhören“ war seine Forderung. Klar, dass er zwar wenig Gehör fand, dafür aber viel Aufmerksamkeit durch die Staatssicherheit, die im Laufe der Jahre eine 3628 Seiten dicke Akte über ihn anlegte.

In den 80ern suchte Zimmermann Gleichgesinnte, fand sie im Berliner „Netzwerk Arche“, eine kirchliche Ökobewegung. 1988 drehte er dann illegal mit einem westdeutschen Journalisten den Film „Bitteres aus Bitterfeld“, der wenig später im Westfernsehen ausgestrahlt wurde und das ganze Bitterfelder Elend der bundesdeutschen Öffentlichkeit bekannt machte. 1989 dankten die Bitterfelder ihm sein Engagement mit der Wahl zum Volkskammerabgeordneten, ein Jahr später war es vorbei mit der Dankbarkeit. Der gefühlte Grüne wurde von seiner CDU gegen einen Parteifreund ausgetauscht, der dann an Zimmermanns Stelle in den Bundestag zog. „Als die Gierigen kamen“, sagt Zimmermann, war es für ihn vorbei mit der Politik. Um seine Stadt kümmerte er sich weiter, vor allem um die geliebte Goitzsche.

Die Asche verschwand im Laufe weniger Jahre aus der Stadt, im Chemiepark steht heute ein weitgehend schmutzfreies BASF-Werk, Kohle wird nicht mehr gefördert. Von der Wohnung Zimmermanns, das Wohnzimmer ermöglicht einen ersten Blick auf den See, sind es nur wenige Minuten in die Innenstadt. Der nahe gelegene Plattenbau, er fällt durch eine ungewöhnliche dichte Bepflanzung des Rasens vorm Haus auf. Als hätten die Bewohner etwas nachzuholen, stören sie sich nicht daran, dass hier Bäume und Sträucher ihre Ausläufer in die Balkone hängen. Über die parallele „Grünstraße“ geht es in den Park „An der Sorge“. Der langgestreckte Rasen beherbergt an seinem Ende ein Toilettenhäuschen, schön oval, sauber, mit braunen Klinkern, eine städtische Angestellte überwacht, ob Kunden ihre 50 Cent Benutzungsgebühr in die Klingelkasse werfen.

Alles in Bitterfeld scheint verklinkert und poliert. Die Straße, die geradlinig auf den Bahnhof führt, war früher pechschwarz von Asche, alte Filmaufnahmen zeigen das. Heute überwiegt hier gelb und rotbraun. Damit die Fußgänger auf der breiten Straße nicht allzu verloren wirken, hat sich die Stadt was einfallen lassen. In die Mitte kam ein dreispuriger Parkplatz, an beide Ränder verbreiterte Radwege. Viel Verkehr ist hier trotzdem nicht. Ist es diese Stille, die sich Zimmermann wünschte, als er die Bezirksverwaltung bat, gefälligst sofort aufzuhören? Wollte er dieses Bitterfeld, das wirkt wie ein Kurort ohne Kurgäste? Es sind die Fragen, die wohl am ehesten in die Seele einer versehrten Stadt blicken lassen, am besten stellt man sie an einem am See gelegenen Kiosk, in dem der junge Mann bedient, der sich mit Zimmermann einig ist, dass es nicht so einfach ist mit dem sauberen Bitterfeld, in dem sich alles zum Guten gewandelt hat und Schluss.

Der Name des Imbissverkäufers ist unwichtig, wichtiger ist, dass er 26 Jahre alt ist. Zur Wendezeit kam er grad in die Schule, die schmutzige Epoche seiner Heimat kann nicht mehr als eine ferne Erinnerung sein. Eins weiß er aber trotzdem. „Früher hatten wir ein geregeltes Leben.“ Sicher, Schmutz, den habe es gegeben, genauso wie dieses permanente Hintergrundgeräusch, von dem Zimmermann erzählt hat. „Aber nach zwei Wochen hatte man das doch hingenommen.“ Der junge Mann mit den dunklen vollen Haaren, der hier an einem See in aller Ruhe Kaffee ausschenkt und Würste auf dem Grill wendet, glaubt nicht, dass die neue Zeit ihm gut tut. Und ja, da fällt er, dieser Satz: „Früher war nicht alles schlecht“. Als Imbissverkäufer kennt der junge Mann viele Bitterfelder, vielleicht hat er mehr Einblick in ihre Sorgen als der Bürgermeister. Sein Urteil zählt.

Auch Hans Zimmermann, der kurz zuvor im Gespräch noch davon redete, wie sehr er in der DDR um seine Freiheit fürchten musste, wirkt nun nicht so richtig glücklich, spricht er über die Stadt, wie sie heute ist. Es war nicht so, dass er ein Fundamentalist war, erklärt Zimmermann, mithin nicht dafür war, dass fast die gesamte Industrie aus Bitterfeld abzieht. Rücksicht auf die Natur, das hätte ihm gereicht. Handwerker, die nicht nur in Bitterfeld sanieren, sondern sich auch hier niederlassen, warum habe es denn das nicht gegeben, fragt er. Wo sind all die Menschen, für deren Stadtsanierung man hier nach seinen Kenntnissen eine halbe Billion D-Mark ausgegeben hat? „Man sagte uns, wir sollen global denken. Und schon waren die Firmen ins Ausland verschwunden.“ Zimmermann liebt seinen See und sein Bitterfeld, versöhnt hat er sich mit der neuen Stadt aber noch lange nicht.

Spricht er über Wachstum in Bitterfeld, dann spricht er über die Bäume, die inzwischen am See wieder meterhoch stehen, von der steigenden Seeadlerpopulation, vom wachsenden Schilf. Seit Zimmermann vor kurzem ein Hüftleiden bekam, geht er nicht mehr so oft vor die Tür, wenn, dann meist mit der Suzuki Richtung See, wo er als ehrenamtlicher Naturschützer für den Landkreis arbeitet. In der Stadt lässt er sich selten blicken, er sei dort bei den meisten Politikern sowieso ein Störfaktor, ein „Nestbeschmutzer“, meint er. Weil er, jetzt, wo es um die Goitzsche geht, schon wieder sagt, Aufhören!

Während der Umweltschützer Zimmermann also gerade von der Ferne die Fortschritte beim Dammbau der Biber beobachtet, schaut nun Lutz Bernhardt ein paar Kilometer weiter ebenfalls auf den See. Bernhardt, mit geigelten, leicht angegrauten Haaren und Schnauzer, fährt genauso gerne wie Zimmermann um die Goitzsche, allerdings in seinem Jeep. Bernhardt passt mit seiner frischen Urlaubsbräune ganz gut in das Ferienressort, das er als Chef der städtischen Entwicklungs-, Betreiber- und Verwertungsgesellschaft Goitzsche (EBV) verwaltet. Klar, tausende Arbeitsplätze seien es nicht, die durch den Goitzschesee entstehen, aber hunderte schon, sagt er. Am neu gebauten Hafen wird das neueste Millionenprojekt geplant. Etwas hinter dem Ende der Mole, auf dem Wasser, soll ein schwimmendes Hotel entstehen. Knapp 30 Millionen Euro wird das „Aqua-Hotel“ mitsamt Bernstein-Erlebniswelt kosten. Die Suche nach Investoren ist keine leichte, der Ruf Bitterfelds sei da durchaus ein Handicap, räumt Bernhardt ein.

430.000 Besucher sind laut Bernhardt im vergangenen Jahr an den Goitzschesee gekommen. Problematisch sei allerdings, dass die meisten nicht lange blieben, Hotels und Pensionen profitieren also kaum von Übernachtungsgästen. Dass Bitterfeld als Urlaubsziel weit entfernt ist, macht auch ein Blick in die Ferienhaussiedlung deutlich, gelegen ein paar Kilometer Ufer weiter. Rote Holzverzkleidungen dominieren in der betont dänisch gehaltenen Siedlung genauso wie Limousinen des gehobenen Preissegments – fast alle mit örtlichen Kennzeichen. Nach Bernhardts Kenntnis kaufen sich fast nur Leute aus der Region ein Haus am Bitterfelder See. Das ändert sich, hofft er.

Lutz Bernhardt ist inzwischen 65, er wird der EBV nicht mehr lange vorstehen. Seit 40 Jahren lebt der gebürtige Sachse in Bitterfeld, arbeitete zunächst in der Filmfabrik, die touristische Erschließung der Goitzsche kann getrost als sein Lebenswerk bezeichnet werden. „Wer den Dreck hier gesehen hat, für den kann das Ganze nur wie ein Wunder erscheinen“, sagt er, zeigt auf die Häuserfront rechterhand. Bruchbuden waren das einst, jetzt wolle hier jeder wohnen. In Häusern, die plötzlich nicht mehr am Grubenabgrund stehen, sondern am Strand. „Auf was sonst außer Tourismus wollen wir hier denn setzen“, fragt Bernhardt. Es ginge ja auch nur um das Drittel des Goitzschegebiets, das nicht als Landschaftsschutzgebiet ausgewiesen ist. Dieses Drittel allerdings, da sei touristisch noch Luft nach oben. Bis vielleicht irgendwann der „Pegelturm“ am See das zentrale Wahrzeichen des Urlaubsorts Bitterfeld werden könnte. Wie eine Spirale windet sich das Bauwerk in die Höhe, einen prima Blick auf Stadt, Land und See hat man von hier. Bernhard zeigt den Turm gerne, um zu unterstreichen, was seine Idee vom neuen Bitterfeld ist.

Hans Zimmermann auch. Der Turm sei wie ein Nagel, findet er. Hingenagelt von der Stadt, um Hoffnungen auf eine schöne Zukunft dran aufzuhängen. Es könne nicht sein, dass einst der Tagebau mit Wasser begraben wurde, um jetzt Pläne für eine Taucherinsel zu spinnen, von der aus „die High Society“ dann unter dem Grund des Sees nach Bernstein wühlen kann, sagt Zimmermann. Das Hotel mitten auf dem Wasser. Die geplanten Schleusen an der Stelle, wo gerade die Biber bauen. Zimmermann kann genügend Pläne aufzählen, die ihn zur Weißglut bringen, im Rathaus dagegen für leuchtende Augen sorgen. Für Zimmermann ist klar, dass der Hafen nie ein Segelboot sehen wird und die Investoren keine Schlange stehen werden. Dass die Stadt versuchen wird, wie damals bei der Kohle nun aus ihrem See rauszuholen, was nur geht. Hans Zimmermann leidet an der Goitzsche-Euphorie, die so anders ist als seine eigene.

Nur noch ganz selten schaut er seinen alten Fernsehbeitrag „Bitteres aus Bitterfeld“ an, er ist auf einer privaten DVD konserviert. Zimmermann hatte damals die Stadt verändert, vielleicht ein Stück die Welt. Die Zeiten sind vorbei. Heute sagt Zimmermann mit einer Mischung aus Resignation und Zukunftsangst, „vielleicht wird es ja doch was mit dem Tourismus“. Sehr glaubhaft wirkt er dabei nicht. Wichtiger ist ihm sowieso, dass kürzlich der Seeadler zurück nach Bitterfeld kam.


Gekürzt erschienen im Tagesspiegel und der Sächsischen Zeitung


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3 Antworten zu “Blühende Landschaften

  1. Wenn 60jährige- Umweltverständnis aufbringen ist es normal-Hut ab Thomas
    Die Welt ist bekloppt-zerstören um aufzubauen-die einzigen denkenden
    Lebewesen auf unserem Erdball vernichten sich selbst!!!!!!!
    WELCH ANACHRONISMUS
    Grüne Überlebensgrüße Nudel-Walter

  2. Pingback: Blühende Fantasien in Bitterfeld: Eine Leseempfehlung | Gut wie Gold. Musik, sonst (fast) nix.

  3. sehr interessanter Artikel.

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