Von der Tartanbahn in die Pressestelle

Für mich als oft sogenannten Riesa-Blogger ist es eine feine Sache, dass viele Vereine der Region, zum Beispiel die sympathische NPD, ihre Pressemitteilung dauerhaft abrufbar im Internet parken. Ich kann dann meine beliebten ironischen Betrachtungen zeit- und ortsunabhängig anstellen, muss mit niemanden reden, das mach ich eh nicht so gerne. Auch andere Institutionen erleichtern mir jetzt die Arbeit, indem sie in Gruppendynamik nach bestem Gewissen  verzapfte Unterhaltung online stellen. Zum Beispiel der Sportclub (SC) Riesa.

Der Fall ist in seiner Einfachheit begeisternd, gibt doch die Simplizität der Vorgänge treffend Eindruck von den ihnen zugrunde liegenden Denkstrukturen. Anlass einer jetzt in der „Sportstadt“ geführten Debatte ist eine eher harmlose Kritik am SC-Präsidenten durch einen anderen Vereinspräsidenten, jenen vom TSV Stahl Riesa (Fußball). Um das ganze nicht unnötig kompliziert zu machen sei hier zusammengefasst: Der kritisierte SC-Präsident ist gleichzeitig Finanzbürgermeister der Stadt (CDU), in der Folge der Kritik wurde der kritisierende Vereinspräsident aufgefordert, sich öffentlich beim Bürgermeister zu demütigen entschuldigen. Tue er es nicht, so die implizite Drohung, werde Stahl Riesa die Möglichkeit entzogen, unter annehmbaren Bedingungen auf städtischen Sportplätzen zu trainieren. Derweil die Oberbürgermeisterin der Stadt fleißig NPD-Appelle unterschreibt, in denen es meist um „demokratische Grundprinzipien“ geht.

Der zur Rede stehende relativ erfolgreiche Fußballverein TSV Stahl Riesa diente dem Rathaus bisher gerne mal dazu, den Sportstadt-Anspruch zu manifestieren. Dass sportlicher Erfolg nicht einhergeht mit dem Recht, sich auf Artikel 5 des Grundgesetzes auszuruhen, wird jetzt nun in Riesa umso eindrucksvoller demonstriert. Was die Sache für die Stadt relevant macht, ist, dass im Breitensportclub ZK SC Riesa jeder zehnte Riesaer Mitglied ist, die meisten davon Kinder mit Familienhintergrund. Soll heißen, fast jeder Riesaer ist vom SC und dessen Umgangsformen irgendwie betroffen.

Was die Sache für das Blog interessant macht, sind, wie angedeutet, die Pressemitteilungen, die hier wenigstens in Auszügen einer noch größeren Nachwelt bekannt gemacht werden sollen.

Es begann also mit der harmlosen Kritik des Stahl-Riesa-Präsidenten, der Finanzbürgermeister möge seiner Macht als SC-Präsident Ausdruck verleihen, sodass Stahl Riesa annehmbare Trainingszeiten auf dem jüngst gebauten Kunstrasenplatz der Stadt bekommt. Ein Platz, über den der SC die Schlüsselgewalt hat. Täte das der SC-Präsident nicht, so der TSV-Präsident, sei der Finanzbürgermeister als SC-Präsident vielleicht arbeitsmäßig zu sehr belastet, sollte doch also vielleicht zurücktreten von seiner SC-Funktion. So weit der demokratische Brauch bei Debatten.

Anschließend erklärte der SC, dass der TSV nicht mehr auf den Platz kommt, solange sich dessen Präsident nicht entschuldigt, „offiziell, schriftlich und vor allem persönlich bei unserem Präsidenten“, so die Geschäftsführung des SC. Es werde erwartet, „dass dies über alle zur Verfügung stehenden Medien erfolgt“. Es sei „völlig unverständlich, das in dieser Art und Weise ein Verein und vor allem dessen Präsident öffentlich in Frage gestellt werden“.

Spannend zu sehen ist dann, dass jede These, die ich über die Riesaer Seele schon aufgestellt habe, mit den Presseerklärungen des SC bei weitem überboten wird. So erbärmlich, wie der SC die Jugendlichen der Stadt beschreibt, wäre es mir wohl höchstens während Fieberfantasien über den hereinbrechenden Faschismus aus der Feder gesprungen. Denn mit statistischer Lust rechnet der SC aus, dass 1.002 Kinder eine Stunde pro Woche im Verein trainieren. Wenn jedes Riesaer Kind also „nur 1 h pro Woche trainiert, sind dies 1.002 Stunden in der Woche, die nicht durch Vandalismus, Zerstörung, Diebstahl und Raub von Kindern und Jugendlichen geprägt sind“, so der SC. Insgesamt seien das, wie auch immer, „21.943.800 Stunden“, in denen in Riesa nicht randaliert, zerstört, geklaut und vor allem keine Kinder entführt würden. Nach meiner Berechnung würde also, selbst wenn der SC heute geschlossen würde, erst im Jahr 4515 Riesa in Gewalt und Chaos versinken, dann aber deftig.

Da die Veranstaltungen des SC „in der ganzen Welt bekannt sind“, gibt sich die Vereinsführung auch im weiteren Verlauf mit Rückgriff aufs gute alte Faustrechnen sichtlich Mühe, ihren geliebten Führer zu verteidigen. Nachdem also stolz bekanntgegeben wurde, dass der SC bei Riesaer Fleischern und Bäckern schon 62.000 Euro umgesetzt hat und außerdem, dass „die Liste des Erreichten unendlich lang“ sei und sich „über mehrere Seiten (siehe Anlage)“ ziehe, wird auch noch berechnet, wie lange der SC-Präsident und Finanzbürgermeister arbeiten müsste, wenn man mal den bösen Präsidenten von Stahl Riesa zum Vergleich heranzieht. Bitte:

„Im Durchschnitt arbeitet ein Vereinsvorsitzender oder Abteilungsleiter mit der Größe eines Vereines, wie beispielsweise dem TSV Stahl Riesa mit 160 Mitgliedern, ca. 5-6 Stunden in der Woche ehrenamtlich für den Verein. In Zahlen verdeutlicht, müsste Herr Mütsch (der SC-Präsident, tt), 204 Stunden/Woche für den SC arbeiten, um allen 34 Abteilungen bzw. Sektionen gerecht zu werden. – das sind in Tagen ausgedrückt 8,5 Wochentage.“ Völlig zu Recht schließt die Berechnung mit erschütternder Erkenntnis in fett: „Aber eine Woche hat doch bekanntlich nur 7 Tage?“

Es ist sicher keine überraschende Erkenntnis, dass einige Sportler nicht ohne Aufsicht Pressemitteilungen schreiben sollten. Und auch keine Selbstverständlichkeit, dass Demokatietheoretiker viel Zeit auf Reck und Matte verbringen. Aber warum ich mich hier ständig mit der NPD beschäftige, wo das Gute doch viel näher liegt, will mir nicht mehr so Recht in den Kopf.


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18 Antworten zu “Von der Tartanbahn in die Pressestelle

  1. Innocent Töpper

    Köstlich!

  2. In Laucha werden sogar jahrelang „Judenbengel“ von Fußballtrainern betreut, die ihre Gesinnung in Form mittig-platzierter Oberlippenquadrate zur Schau tragen. Wahrscheinlich um sie von Taschengelderpressungen und Weltübernahmeseminaren abzuhalten. Allerdings kommen eben jene „Judenbengel“ nur solange in den Genuß sportlicher Züchtigung, solange sie sich nicht über sonstige Leibesertüchtigung, vollzogen ausserhalb des Trainings und am „Judenbengel“ selbst, beschweren.

  3. Ich hab mir die besagten Pressemitteilungen auch durchgelesen. Und was soll ich sagen? Mir stehen immer noch die Haare zu Berge!!!!

    Soviel Einfachheit ist kaum erträglich.

    Danke für diesen Artikel!

    Dies hier ist immer noch mein unangefochtener Lieblingsblog 😉

    Gruß,

    kattel

  4. alles richtig, was der sc riesa berechnet. allerdings sollte er auch noch die wegezeit zum training berechnen. allerdings verwundert es mich doch, daß die jugendlichen des sc riesa in ihrer freizeit nur randale, verwüstungen und andere böse sachen veranstalten. wenn nicht, stimmt auch die rechnung leider nicht mehr.
    und unser finanzbürgermeister ist wirklich mehr als 7 tage der woche für den verein täig. BEWEIS: siehe unsere stadtfinanzen.dafür blieb nämlich wirklich keine zeit. der geehrte und beschützte sc riesa hat sich hoffentlich bei ihrem vorsitzenden bedankt, daß die prokopf-verschuldung bei vergleichbaren städten hier sachsenweit am höchsten ist.
    aber damit hat ja der finazbürgermeister nichts zu tun, wenn er 7 tage in der woche in seinem ehrenamt arbeitet.

  5. Ich folge schon seit längerem dem Blog. Nun hinterlasse ich auch mal einen Kommentar:
    Kennen die Riesaer „Verantwortlichen“ eigentlich nicht den Spruch „trau´ keiner Statistik (die du nicht selbst gefälscht hast)“ ?
    Und das noch öffentlich machen? 8,5 Tage in der Woche? LOL
    Es bleibt nur noch ein Kopfschütteln übrig aber mit einem Schmunzeln im Gesicht. Worte schwirren im Kopf: Dorfposse deluxe!
    Immer wieder herrlich hier die Geschichten zu lesen.
    Bitte machen Sie weiter so!

  6. Sport FREI Trappatotti Riesas!!!!
    Spatzi, um den Riesaer Sport zu verstehen(inclusive präsendjaler Freihandonanie), mußt Du erst mal einige Boxkämpfe bestritten und
    mehrere Schläge auf die Nuss gegriegt haben um mit zu reden.
    Nimm Dir ein Beispiel an den Riesaer Boxer Ekcid Ledun .
    Immer voll und voll auf die 12 bekommen-ein Riesaversteher!!
    Mit sportlichen Grüssen Nudel-Walter

  7. Hallo Herr Trappe!
    Toller Blog zum Thema. Gefällt mir sehr gut. Vielleicht treten Sie auch unserer Fangruppe von Stahl Riesa bei FB bei? Würden uns freuen!
    Grüße stahl-riesa.com- Team

  8. Hallo Kollege
    Mensch gibt es Verwechslungen-Mein Präsident ist nicht Dein Präsident-SORRY
    TH. T

  9. Danke. Da weiß man gleich wieder, wo man lebt. Schöne „Sport“stadt…

  10. Ist schon eigenartig in Riesa, da wird wegen 20 Internatsplätzen demonstriert und um einen Kunstplatz gestritten, aber fürs Grubestadion was überregional bekannt ist und tausenden Fans unvergessliche Erlebenisse bereitete, interessiert sich keiner mehr.

  11. Beim ersten Lesen des Blogs habe ich herzlich gelacht!
    Beim zweiten Lesen standen mir Tränen in den Augen, aber leider nicht vor Lachen!
    Beim dritten Lesen wurde mir klar, dass der SC Riesa unbedingt eine neue Abteilung namens „Freytägliche Sport-Wunder im M(ü)ATSCHEN zur Offenlegung aller Sponsoren“ eröffnen sollte, die definitiv auf spekulativen Zinsderivatgeschäften aufgebaut sein sollte!
    Beim letzten Lesen war mir klar, dass heute Freytag ist und ich plötzlich diesen Tag nicht mehr ausstehen kann. Woran könnte das nur liegen?
    Welche Möglichkeiten der Erpressung gibt es eigentlich, um verantwortungslose Verantwortliche zum Rücktritt zu bewegen???

    Thoralf Koß

  12. Ein köstlicher Artikel!

    Wobei ich gar nicht weiß worum sich der Streit eigentlich dreht. Es sieht doch eher nach Harmonie und Verständnis füreinander aus wenn der SC die Theorie des Stahl-Präsidenten mit einer satten Rechnung zur 8,5 Tage Woche untermauert…

  13. Nun Herr Koß als Stadtrat sollten Sie sich dafür einsetzen dass diesen Typen die Förderung gekürzt wird. Da fallen mir die Worte eines Stahlfans nach der letzten MV des FC Stahl 98 im Jahre 2003 ein.
    „Diese MV war eine einzige Farce.Was die 3 Heiligen vom SC Riesa abgelassen haben,war wie Ostern u.Weihnachten
    auf einen Tag !!! Unsere gutgläubigen Mitglieder kamen aus dem Staunen gar nicht wieder heraus. Aber wartet das
    böse Erwachen kommt noch,doch dann ist es zu spät.Bis jetzt hatte ich mit meinen Prognosen immer Recht behalten.
    Von Martick und Konsorten die über den Fußball noch nie eine gute Meinung hatten,haben wir nichts gutes zu erwarten…..“

  14. Hallo Fußballfan,
    meine Positionierung ist doch eindeutig – und ich empfinde es übrigens als Stadtrat einer doch recht kleinen Stadt wie Riesa unerträglich, dass sich Sportvereine im Umgang miteinander komplett unsportlich verhalten. Das liegt nicht an den aktiven Sportlern oder ehrenamtlichen Trainern, sondern einigen Amtlichen (Bürokraten), die nichts Besseres zu tun haben, um bei finanziellen Befindlichkeiten oder der Vergabe von Trainingszeiten auf Kunstrasenplätzen übel zu foulen.
    Das tut unserem Ruf als Sportstadt genauso wenig gut wie unseren Sportlern, egal, ob sie nun im Leistungs-, Breiten- oder Kinder- und Jugend- sowie Freizeit-Sport aktiv sind!
    Gut, dass ein Thomas Trappe, der „Leipziger, der keine Ahnung hat“ ;-), diese Diskussion losgetreten hat!

  15. Rivalität gehört zum Sport, auch Unfairness kommt vor das können wir nicht ändern. Genauer hinschauen sollte die Stadt aber wenn Jahr für Jahr große Summen an Fördergeldern an einen Verein wie den SC Riesa vergeben werden. Dieser Riesenverein ist inzwischen ein Fass ohne Boden, keiner weiß dort genau für was städtische Gelder verwendet werden. Das wollte ich damit sagen. Und was den Fußball betrifft haben die Canitzer inzwischen mehr Nachwuchsmannschaften als der SC, normalerweise sollte die SG Canitz den Schlüssel zum Kunstplatz bekommen. Ich finde es eine Frechheit wenn der SC den Platz als sein Eigentum betrachtet.

  16. Nuja, lieber Thomas, kaum bin ich mal drei Wochen weg, schon gehen die Fussballer in die Vollen. Ich durfte nur ueber das harmlose Vorgeplaenkel schreiben. Auf jeden Fall habe ich mich koestlich amuesiert ueber deinen Text. Aus der Ferne wirkt Riesa noch absurder, als wenn man jeden Tag dort verkehrt. In einer Woche bin ich wieder da, lass mir noch ein paar schicke Themen uebrig 😉

  17. Wolframs Erbe(n)

    Seh` ich da Licht in Trappes Dunkel,
    ein kleines geistiges Gefunkel?
    Längst sifft die „Sportstadt“ Pest und krank,
    riecht er nun endlich den Gestank?

    Es ist die Seuche die gebracht,
    ein Typ der langsam nicht mehr lacht.
    Es ist nun fast 8 Jahre her,
    als „Heiland“ rannte hin und her.

    Der „FVG Berater“ ging herum,
    und linkte das (SC) Präsidium.
    Seither ich vegetieren seh`
    den Stümper – Fußball beim SC.

    Man muss nur frech sein, dumm und faul,
    und vor dem „Stern“ das große Maul.
    Ein sportliches Politbüro,
    getarnt als SC Sportstadt Zoo.

    Es war die Hausmacht für den Mann,
    der alles wollte und nichts kann.
    Die „Sportstadt“ ist nun abgesagt,
    ob Gerti Mut hat, ob sie’s wagt?

    Als erstes schlage ich mal vor,
    Schilder ab am Einfallstor !

    Dichter

  18. Klaus Thomas Heck

    Wie ging die Geschichte eigentlich aus – beziehungsweise weiter? Das ist ja sooooooooo spannend. 🙂

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