An der Kuchenbar

Es gibt nicht sehr viele Popularitäten in Riesa. Mehr sowas wie eine örtliche Schönheitskönigin, die, gefragt nach ihren drei Stärken, Schlagfertigkeit, Ausdauer, Belesenheit und Schönheit angibt oder ein älterer Herr, der immer Betriebsfeste moderiert und dessen Namen ich dann auch immer sofort wieder vergesse. Und eine sogenannte Renate Preuß, die übrigens an diesem Wochenende oder so in der Bibliothek liest oder im Museum, habs vergessen. Ja, der Bundesinnenminister hat in Riesa ein Wahlkreisbüro, aber das ist Politik, und daher eher Schmuddelkram für den gepflegten Stahlstädter. Und dann gibt es natürlich noch mich, der sich laut wenige Meter hinter meinen guten Ohren während einer Pressekonferenz durch Verwaltungsmitarbeiter geäußerter Meinung „sowieso für den Größten hält“. Das ist sicher so, aber hier nicht Thema.

Es geht darum, dass Riesa also arm an Popularitäten ist und daher volles Verständnis dafür aufzubringen ist, dass es zu einer kollabierenden Innenstadt führt, treten die teilweise über Sachsen hinaus bekannten „Randfichten“ auf. Unter Innenstadt sei an dieser Stelle mal das örtliche Einkaufszentrum subsumiert, die Spitze des Eisbergs wenn man so will und wenn die Riesaer Innenstadt ein Eisberg wäre. Das Ereignis ist jetzt schon einige Wochen her (das ist ja hier auch kein Nachrichtenportal) und trotzdem in guter Erinnerung.

Man kann jetzt an dieser Stelle all das wiederholen, was über Auftritte von Volksmusikern in Einkaufszentren schon geschrieben wurde (erbärmlich, traurig, unwürdig, Mobmagnet), man könnte schreiben, dass das Publikum sehr alt ist im Durchschnitt, oder darüber philosophieren, warum Volksmusikanten immer so verkokst wirken (Koks). Aber man kann auch darüber schreiben, dass Konzerte in Einkaufszentren super sind, da man nebenbei Kuchen essen kann.

Das kann man ganz gut, hat bloß den Nachteil, dass, wenn die Bäckerei mit Sitzgelegenheit sich an der der Bühne gegenüberliegenden Seite befindet, sich zwischen Bühne und Kuchen viele andere Menschen drängen, die keinen Platz beim Kuchenbäcker mit Sitzgelegenheit ergattert haben. Zum Beispiel ich.

Was nun auf den bekuchten Plätzen herrschte, verdrängte die Gefühle Musikalität und Sättigung radikalst, hervor kam die blanke Wut ob der Verdeckung der Sicht auf die „Randfichten“, die vorne gewohnt textsicher dem Publikum auflauerten. Mit Kuchen war schlecht nach mir und Nebenstehenden zu schmeißen, da bereits vertilgt, doch auch Blicke und ungeduldiges Hinundherrutschen spricht ja eine deutliche Sprache. Ich trollte mich.

Die, oder wie es wohl korrekt heißt, „De Randfichten“, hatten an diesem Tag zunächst leichte Probleme mit ihrem Sächsisch, es klang ein wenig verdächtig nach Hochdeutsch. Der peinliche Fehler wurde schnell korrigiert beim nächsten Lied, es ging ums Holzhacken, vielleicht auch um Frauen oder Rennwagen oder alles viers zusammen, wie man so schön sagt hier.

Die Flucht nach vorn Richtung Bühne weg vom Kuchen muss dann aber keine gewinnbringende sein, denn unversehens gerät man in den nächsten Konfliktherd, der mich ein bisschen an Fernsehbilder radikaler Protestanten in den USA erinnerte – nicht zu gewalttätig, aber auch gut, dass grad keine Fackeln zur Hand sind. Denn sich parallel bewegende Ströme einkaufswilliger Riesaer treffen auf Schwärme stehender Riesaer, die Volksmusik hören wollen. Sich widersprechende Gefühle und Meinungen drückte die zum Teil wippende, zum Teil schiebende Masse dadurch aus, dass sie sich gegenseitig Einkaufswagen in die Hacken und Ellenbogen in die Seiten rammte, schlechter Atem allerorten, Dederon und blaues Haar, Pogromstimmung fast. Momente der Überreizung und Migräne, in denen ich überlege, ob es jetzt nicht Sinn ergäbe zu brüllen: „Hier vorne singen sie Volksmusik und ihr fresst Kuchen!“ Nein, es ergäbe keinen Sinn, wäre es doch nur verhallender Protest gegen längst bekanntes Unrecht.

Im Übrigen verschickt die örtliche NPD seit Neuestem immer Pressemitteilungen, in denen sie einen gewissen Thilo Sarrazin dafür lobt, dass er das gesunde deutsche Volksempfinden, ich nenn das jetzt mal einfach so, zurück in die Debatte bringe.

Ich weiß zwar nicht warum, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass man diese beiden Informationen in einem Text unterbringen kann, ohne dass er unzusammenhängend wirkt. Mal sehen, ob’s stimmt.


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8 Antworten zu “An der Kuchenbar

  1. »Bekucht« ist gut. 🙂
    (Irgendwie hat der T. S. ja nicht nur die Genossen der NPD angestachelt… *g*)
    Gruss, der Bestullte.

  2. Kollege Reuther

    du hättest heute mal beim wiegen der boxer, das an selber stelle wie der auftritt der randfichten stattfand, sein sollen. selbes bild, bloß mit grimmigen, glatzköpfigen und stöpsel im ohr tragenden security-typen, an denen all der kuchen abgeprallt ist, wie an einer schrankwand – oder an der wand von t.s. buch nebenan im buchladen.

    übrigens empfehle ich dir dringend einen besuch der hiesigen shelltankstelle. dort gibt es noch gute deutsche reichsgrenze-schilder zu kaufen, direkt neben der sz

    das beides kann man gefühlterweise doch auch in einen kommentar unterbingen, oder 🙂

  3. Kackmann & Kackmann

    Das was Ihr schreibt passt gut zu hier,
    Proleten alle so wie Ihr.

    Der Kuchen-Kackmann hat‘s nicht leicht,
    für Koks hat’s bei Ihm nicht gereicht.
    Plaste-Pilsner, Bockwurstpappe,
    die Dröhnung für den Zeitungstrappe.

    Im Kopf ein Faustkampfhirnödem,
    sieht man den zweiten Kackmann stehn.
    Hochkarätig steht geschrieben,
    Dabei war‘s nur eine Fettwanstschieben.

    Ein Kackmann dem es hier missfällt,
    kann ziehen in die weite Welt.
    Er macht dann frei den Arbeitsplatz,
    ein anderer schreibt ‘nen klugen Satz.

    Dichter

  4. Haallloo!!!
    Schwierig noch etwas hinzuzufügen!Man muß bei Dir sofort kommentieren,
    ansonsten ist ALLES gesagt.
    Nudel-Walter

  5. @Dichter: Sind sie umgezogen? Ihre IP-Adresse lässt darauf schließen. Hauptsache Dresden!

  6. Kollege Reuther

    Ja, Thomas, der letzte Vers war wohl auf den Dichter selbst bezogen :-)))

  7. Hallo Liebesengel!
    Vor langer langer Zeit ,begegnete ich einen alten Dresdner Schulfreund
    im schönen Riesa. Seine Worte waren „Ach hier bist Du gelandet“
    Jetzt sind wir schon ZWEI !!!Zwei die zusammenführen wollen und
    trotzdem trennen.
    Lutz

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