Wahrheiten

Neulich in einer Bar der Leipziger Südvorstadt. Der Abend war relativ weit vorgedrungen und die Bedingtheit der Existenz abschließend verurteilt, als es zu jenem folgenlosen Dialog kam. Auf die Frage des betrunkenen Zudringlichen, was ich so mache, entschloss ich mich zu entwaffnender Ehrlichkeit und antwortete halbwegs wahrheitsgemäß „Freier Journalist“, auch um dem Gespräch keinen weiteren unnötigen Drive zu verpassen. Leider gibt es anders als in Berlin in Leipziger Bars auch durchaus Besucher, die nicht freien Journalismus als ihren Beruf angeben, soll heißen, der Mann brach trotz aller Gegebenheiten das Gespräch nicht ab. Und deutete mit nun folgender Nachfrage an, dass er nicht nur betrunken ist, sondern es auch vermag, einen gesamten Berufsstand anhand von drei Wörtern allumfassend zu analysieren. Er wollte meine journalistische Tätigkeit also konkretisiert wissen, indem er fragte: „Politik oder Kabarett?“

Zurück nach Riesa, der Heimat des kabarettistischen Journalismus. Die Elbe steigt hier in jüngster Vergangenheit tendenziell unaufhörlich, während der sympathische NPD-Stadtrat Jürgen Gansel gegen israelische Unternehmer in Dresden schimpft, ohne weiter auszuführen, was er eigentlich gegen Israel hat.

Eine Woche zuvor las der Kabarettist Olaf Sundermeyer am Riesaer Amtsgericht aus seinem Buch „In der NPD – Reisen in die national befreite Zone“, oder, um die naheliegende NPD-Einordnung des Mannes vorwegzunehmen, der „freie“ Systemjournalist Olaf Sundermeyer las aus seinem Lügenextrakt. Auch ich bequemte mich aus meiner gemütlichen Redaktions-Couch hin zu einer dieser seltsamen Vororttermine mit Recherche.

Sundermeyer erzählte und las also vor über die sympathische NPD, die einige Vertreter zu der Lesung entsandte, sie waren damit die einzigen Riesaer Politiker. Die anderen waren wohl bei einer Sitzung des örtlichen Wasserwerks, wenn ich das richtig aufgeschnappt habe. Billige Wortspiele mit NPD vor Gericht spar ich mir hier, das ist ja hier keine örtliche Lokalzeitung, in der solcherart Klamauk gut unterkommt.

Im Laufe der Lesung kam es jedenfalls zu einem Wortgefecht zwischen einem örtlichen Jugendclubleiter und dem sympathischen Strehlaer NPD-Stadtrat Peter Schreiber. Man bezog sich nicht auf Sundermeyer, sondern auf mich, was mir unangenehm war. Der Jugendclubleiter monierte eine dem Riesaer sogenannten Kampf gegen die NPD abträgliche Berichterstattung meinerseits, die geeignet sei, die NPD-Gegner der Stadt zu spalten, im metaphorischen Sinne jetzt. Man müsse geschlossen und ohne Streit auftreten, erklärte der Jugendclubchef, um der demokratiefeindlichen Ideologie der NPD etwas entgegenzusetzen.

Er verwies auf einen meiner Berichte, dessen Essenz war, dass beim Riesaer Appell gegen Rechts ganz schön gemurkst wurde. Woraufhin Peter Schreiber nun bekannt gab, dass Herr Trappe „dann endlich mal die Wahrheit geschrieben hat“ und ich rot wurde. Am Ende der Lesung konkretisierte der Jugendclubchef gegenüber mir seine Vorwürfe, versehen mit dem Hinweis, es sei in der Stadt bekannt, dass ich parteiisch sei – und zwar mal für den und mal für den.

Grund genug, das hier mal auszuwälzen, diesen grundsätzlichen Verdacht, der mir seit langem entgegenschlägt. So wird mir abwechselnd vorgeworfen, die „Linie“ des Rathauses und die Politik der CDU grundsätzlich zu boykottieren. Weiterhin unterstellte mir im Laufe der Zeit die Linke, die SPD, die FDP, die Freien Wähler, dass ich zu sehr die Politik des Finanzbürgermeisters (CDU) unterstütze und der Finanzbürgermeister dereinst, ich sei der verlängerte Arm der gesammelten Linken. Häufig garniert mit der Bemerkung, ich wohne nicht in und komme nicht aus Riesa, ich könnte die Seele der Stadt nicht auf den dunklen Grund schauen.

Hiermit stelle ich also nun ein für alle mal klar. Meine Haltung gegenüber Riesaer Themen ist absolut willkürlich, meine Berichterstattung von Launen bestimmt und Recherchen finden nur im Notfall statt, soll heißen, wenn das Internet nicht geht. Alles, was ich in Riesa will, ist möglichst viel zu zerstören, was seit der Gründung der Stadt aufgebaut wurde. Von Riesa kenne ich nur den Weg vom Bahnhof zur Redaktion, vor allen anderen Gegenden habe ich schreckliche Angst. Ich habe noch nie Riesaer Nudeln gegessen, nur einmal im Suff Riesaer Zündhölzer, ich hielt sie für Pommes rotweiß. Ich verachte den Riesaer Stahl, dem ich ohne Überprüfung unterstelle, er diene zur Herstellung iranischer Atombomben. Von einem ehemaligen Oberbürgermeister kriege ich regelmäßig Geld und Anweisungen, was ich zu schreiben hab. Auch Sport geht mir am Arsch vorbei, die Elbe konnte ich auch noch nie leiden und ich komme aus dem Westen, aus’m Pott!

Und was soll eigentlich dieser politische Journalismus bringen, von dem der Mann in der Bar da geredet hat?


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7 Antworten zu “Wahrheiten

  1. Ich hab schon immer geahnt, dass der Trappe seine Fahne nachm Wind hängt. Aber wo verortet ihn das? Bliese eben jener (der Wind, nicht der Trappe) von rechts, so wehte das Fähnchen ja nach links . Umgekehrt genauso. Nur anders eben.
    Und was is, wenn der Wind mal gar nich weht? Bläst er (der Trappe, nicht der Wind) dann selbst um ihn (den Wind) selbst zu erzeugen und seiner (also dem Trappe seiner) freien Journalistentätigkeit Futter zu geben?! Ich verstehs nicht. Ab morgen wieder Bummi.

  2. Prinzipienloser Lokalkosmopolit. Sowas in der Art…
    Ab morgen wieder Frösi.

  3. Das gefällt mir!
    Auch morgen wieder nicht des Sohnes Bummi.

  4. Junge kritische Journalisten ,w erden in Riesa immer die Bösen sein.Aber
    in Riesa,ist egal,wo Du auf der Skala,der Strasse derBesten stehst.Manchmal
    bist Du natürlich ein grosses intellektuelles Arschloch!!!Sei froh,manchmal
    für den einen oder anderen Sympathien zu haben-nur nicht für die Falschen.
    Viel Spass bei der Wegfindung!
    Lutz der letzte schreibende Proletarier Riesas

  5. meine güte!!!!!
    mach bloß weiter so wie bisher. der weg ist das ziel.halte die fahne hoch im schönen riesa! ja nicht schlappmachen.oder entmutigen lassen.
    es grüßt,
    einer der treuesten leserlein 🙂

  6. Die korrekte Antwort an den Zechbruder wäre also gewesen: Kabarett

  7. Pingback: Tweets that mention Wahrheiten | Thomas Trappe -- Topsy.com

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