Reingefahr’n

Etwas neulich, in der Riesaer Hauptstraße, zu ihrem Ende hin, so weit weg vom Zentrum, dass man schon fast am Rathaus war. Es war einer dieser letzten warmen Sommertage, in denen sich Riesaer einfach mal treiben lassen und draußen, vor den fein sortierten Cafétischen in Anbetracht wärmender Sonnenstrahlen… Also einfach mal draußen frustriert sind. Es war also auch nicht vor meinem Riesaer Lieblingscafé, dem „Schneider’s“, wo urbane Lebensfreude auf den unbekümmerten Deppenapostrophen trifft, nein, es war, und nun zum Punkt, am anderen Ende der Stadt.

Ein Auto fuhr heran, in keiner Methode, die Hass und Abscheu zu erzeugen geeignet war, jedenfalls innerhalb meiner Person. Nun hielt das Auto an, die Situation lief geradewegs auf die Vollendung ihrer Unspektakulärität zu. Dann setzte besagtes Auto kraft des beinhaltenden Fahrers also dazu an, eine Wendung zu vollbringen, in vollem Schritttempo. Alles weiter unspannend, wärs ein Film, wäre ich ins nächste Theater geflüchtet. Was das ganze nun erinnerungs- und vielleicht erzählwürdig machte, war nun die Reaktion, die im Café zehn Meter weiter verweilender Beisitzer sich genötigt sah zu zeitigen. Kreisrund schwang er seine Hände, ganz so, als seien sie autarke Glieder eines Systems, dessen Zentrum der Mann zwar bildet, das er aber nicht kontrollieren kann. Vulgo: Er gestikulierte wild. Der folgende Monolog nun sei hier wiedergegeben, ohne Dialekt. „Fahr doch am besten noch rein! Na, fahr doch noch rein! Fahr doch rein! Du Arschloch!“

Mir blieben Fragen, die ich mich nicht getraute, dem Herrn selbst zu stellen. Warum schrie er so? Warum wollte er, dass der Autofahrer rein fährt, wo das doch dazu geführt hätte, dass eine Schaufensterscheibe zu Bruch geht? Ist er Fahrlehrer? Oder fand er allgemein den vorliegenden Tag kritikwürdig? Oder das Ladengeschäft, in das rein gefahren werden sollte?

Ich weiß es nicht. Nur weiß ich, dass es keiner weiteren Szenenschilderung bedarf, die oft zitierte sächsische Herzlichkeit zu beschreiben, die zumindest in Mittelsachsen meiner inzwischen gefestigten Meinung nach darin besteht, dass einer überbordenden verbalen Ausfälligkeit keine Gewalt folgt. Die folgte nämlich nicht, der Mann blieb aufgebracht vor dem Café sitzen und brüllte seine Wut in die langsam anbrechende Nacht. „Fahr doch rein!“

Insgesamt zeichnen sich, ich will damit wohl auch die hier geringer werdende Frequenz des Bloggens begründen, die letztverbrachten Erlebnisse meiner in Riesa seltener werdenden Tage durch eine weitgehende Dramaturgiefreiheit aus, was entweder in einer Abstumpfung meinerseits oder am allgemein erschlaffenden Weltgeist liegen mag.

Kürzlich, das zum Schluss, diese Szene erlebt. Drei Männer brachten gleich mehrere Aspekte des Dilemmas einer ganzen Region auf den Punkt, indem einer von ihnen erklärte: „Hier ist doch immer was los, zum Beispiel das Fest der Blasmusik jeden Monat.“ Und zum Brunch geht’s ins „Schneider’s“.


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12 Antworten zu “Reingefahr’n

  1. … Endlich wieder was zu lesen hier, und gleich sowas schönes…. aber warum isser denn nicht reingefahren?

  2. Du warst im Kopf (vieleicht Dein Glück),in Riesa nie richtig angekommen.
    Du wirst mir fehlen! 30 Jahre , als Trinker ,als Clown ,als Judas,als nachdenklicher geborener Riesaer,stehe ich vor der Scheibe und überlege
    hineinzufahren.
    Gruß Nudel Walter

  3. @Lutz Walter: Lieber Lutz, ich bin doch noch da, wollte nur sagen, etwas seltener. Kein Grund, die Abschiedskeule zu schwingen!

  4. Hier ist auch nix los. Stau jeden morgen im Bus. In den Ferien haben sie die Ampelanlage in Berlin Blankenburg optimiert.
    Gruss, Michael

  5. Die Gegend scheint der Brennpunkt von Riesa zu sein. Folgende Story:
    Am 20. August befuhr eine ca. 50 jährige Frau mit ihrem Pkw verkehr herum aus Richtung Meißen die Einbahnstraße Richtung Bahnhofsstraße. Hinter ihr ein Polizeiwagen und entgegen kommend brachte ein zweiter Polizeiwagen die Fahrerin zum Stand.Sie wurde in die Fußgängerzone geleitet. Dort wurde der Fahrerin begreiflich gemacht, das die StVO auch in Sachsen, speziell in Riesa seine Gültigkeit hat. Die Dame hatte es fast akzeptiert. Doch dann kam der weiße Ritter, der Retter in Gestalt eines ca. 70 jährigen. Er machte den inzwischen 4 Polizisten- schließlich handelte es sich ja um einen Großeinsatz 2.Klasse- klar, dass sie ja nur diese arme Frau belästigen, weil sie Deutsche sei. Die Polizei solle sich besser um die kriminellen Ausländer kümmern. Ich bewunderte die Ruhe der Beamten.

  6. Ich komme gerade aus Hoyerswerda-Riesa ich liebe Dich!!!!
    Schön zu hören,dass es ein Abschied ,auf Raten wird.
    Lutz Walter-Der letzte schreibende Arbeiter Riesas

  7. Wilkommen zurück und zunächst auch wieder vielen Dank für einen weiteren amüsanten Beitrag! Soll zwei Sachen sagen: Erstens ist es schön, dass sie wieder da sind und das auch noch , anscheinend zumindest, wohlbehalten und zum zweiten soll es ermuntern auch bei anhaltender Dramaturgiefreiheit ruhig mal den eine oder anderen Beitrag zu verfassen. 🙂
    In diesem Sinne,
    Tobias

  8. Lokalschmierantis-„muss“ und anderer Dünnschiss

    Der Robert von Zeitung der pennt,
    der ist für Fakten resistent.
    Die FVG die sei „privat“,
    dabei gehört sie ganz dem Staat!

    Der Robert meint man muss man muss,
    Rücklagen halten bis zum Schluss.
    Gewinne machen (denkt?) der Wicht,
    das brauchen ja „Private“ nicht.

    Wie einst bei Erich will er’s haben,
    an Subventionen soll sich laben,
    Ein „Wasserkopf“ zehn Mann plus eins,
    „Kindergärtnerberatungsheinz“.

    Es kommt nur Dünnschiss bis zum Schluss,
    nur geistiger Latrinenfluss !

    Dichter

  9. @Dichter: Ich würde Sie bitten, fortan beim Thema zu bleiben. Weder ihr Freund Robert noch die FVG sind Thema dieses Blogs. Ihr Kommentarverhalten ist, mit Verlaub, recht penetrant.

  10. „Nur weiß ich, dass es keiner weiteren Szenenschilderung bedarf, die oft zitierte sächsische Herzlichkeit zu beschreiben, die zumindest in Mittelsachsen meiner inzwischen gefestigten Meinung nach darin besteht, dass einer überbordenden verbalen Ausfälligkeit keine Gewalt folgt.“

    Verdammt, ich glaub das schneid ich mir aus und häng es an die Wand.. und ja, ich drucke es aus bevor ich mit dem Ausschneiden beginne.

  11. Hallo Thomas -Sag einfach DANKE- Du kannst jeden Tag schreiben (auch von
    der Seele) und mußt nicht auf ein Buch warten.
    Gruß Lutz
    P.S. Eine kleine Annektote vom gestrigen Olteimerrennen-Einer der vielen
    ehrentamtlichen Helfer ,stellte die Frage ,möchten Sie zum Rennen oder
    zum Friedhof( der Weg zum Friedhof war ohne Eintritt übrigens 3Euro und
    man konnte vom Friedhof das Rennen einsehen. Ich bete für viele Riesaer,daß
    unser Herr NACHSICHT übt oder vieleicht auch nicht!!!!!

  12. Thomas, anhand der Kommentare sieht man, dass die Riesaer noch irrer sind, als Du es je schildern könntest. Was zur Hölle ist da eigentlich 40 Jahre lang passiert??? Ich meine, bei uns haben sie gefischt, aufs Haff gestarrt und Goldkrone gesoffen, aber in Riesa…gabs da Atomtests?

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