Rosenkrieg

Die Riesaer SPD macht sich in Stadtratssitzungen vor allem dadurch auffällig, dass die Fraktionsmitglieder sich mehr Zeit zum Nachdenken erbeten. Der Chef schimpft regelmäßig, so auch in der jüngsten Ratssitzung, dass schon wieder Dinge aus geheimen Stadtratsunterlagen in der Zeitung stehen, die der SPD-Ortsverein noch gar nicht ausdiskutiert hat. Wenn von anderen Fraktionen Anträge während der Sitzungen gestellt werden, heißt es meist, das ginge jetzt zu schnell, man enthält sich erst mal. Zwei Monate später hat man sich dann meist überlegt, dass man so stimmt, wie es die Verwaltung empfiehlt. Die SPD konnte sich in diesem Jahr auch nicht dazu entschließen, einen Oberbürgermeisterkandidaten aufzustellen. Man berate, einen zu unterstützen, wen, das wird schon noch entschieden. Die Wahl ist ja erst im Sommer.

Umso bemerkenswerter nun also die vergangene Sitzung des Stadtrats, in der sich die SPD unverzüglich äußerte und entschied. Ganz ohne Antrag, den Tagesordnungspunkt zu verschieben. Es ging um die Idee der Verwaltung, die Mannheimer Straße umzubenennen, in Geschwister-Scholl-Straße. Gag ist, dass in der Mannheimer Straße die sympathische Riesaer NPD und ihre Zeitung „Deutsche Stimme“ sitzt. Im Gedenken an die Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ stand vor jedem Stadtrat anlässlich des Tagesordnungspunkts eine weiße Rose. Außer vor den beiden NPD-Stadträten, Jürgen Gansel fragte dann, wer eigentlich die Rosen gekauft hat? Im Vorfeld hatte er angekündigt, sich nicht auf Wortmeldungen zur Umbenennung einzulassen.

Ganz hielt es der sympathische Stadtrat nicht durch. Nachdem sogar der Grünen-Stadtrat Thoralf Koß, der in den meisten anderen Sitzungen in der Regel Klassenkeile durch den Rest des Rates erfährt, Zustimmung zum emotionalen Statement gegen die NPD und für weiße Rosen bekam, flog Gansels Hand dann doch zur Wortmeldung nach oben. Die Vorfreude bei mir war groß, wurde dann aber einigermaßen enttäuscht.

Für gewöhnlich sagt Gansel entweder was Menschenverachtendes, zumeist aber was Lustiges. Nun aber war neben dem Hinweis an den Finanzbürgermeister, er solle bei einer Bank arbeiten, nur dieses bescheidene Wortspiel drin: Statt „Rathausspitze“ sagte Gansel „Theaterspitze“. So jedenfalls vernahm es ein Kollege der Zeitung, der ich nahestehe. Ich war viel zu fasziniert von den vielen Rosen im Raum, um zuzuhören. Im nächsten Augenblick dachte ich, dass das besser geht. Ich erwischte mich also bei dem Gedanken, dass ich wohl aus der Hüfte ganz gut NPD-Statements formulieren könnte, sozusagen ein guter Instant-Agitprop-Faschist wäre.

Ziemlich naheliegend ist doch zum Beispiel der Vorschlag, statt der Geschwister Scholl die Gebrüder Grimm als Namensgeber vorzuschlagen, „bei den ganzen Märchen der Riesaer Systempolitiker“, zum Beispiel. Oder warum wurde hier nicht der „bundesrepublikanische Gedenkterror“ angeprangert, auch diese Wortschöpfung ist jetzt erstbesetzt, liebe sympathische NPD? Genauso wie der „Rosenholocaust“. Auch folgende kurz skizzierten Witze hat sich Gansel entgehen lassen, dabei lagen sie wie ein Ball auf dem Elfmeterpunkt:

  1. „Bin ich hier im Stadtrat, verehrtes Rathaus, oder bei Fleurop?“
  2. „Wolle Rose kaufe?“

Nein, nichts dergleichen wurde vorbereitet, stattdessen las Gansel aus einer fünf Tage alten Pressemitteilung. Mehr kam da vom zweiten NPD-Kollegen, der ging nämlich derweil aufs Klo.

Es harkt also in der Pressestelle der NPD, was ich schon ahnte. Vor drei Tagen rund kam von dort nämlich auch die „E-Post“, in der beklagt wurde, dass kein Journalist zu NPD-Pressekonferenzen gehe und, vor allem, noch niemand von der Systempresse gefragt habe, wie denn die drei NPD-Wahlmänner bei der kommenden Bundesversammlung im eventuellen dritten Wahlgang abstimmen werden, sollte ihr Bundespräsidentschaftskandidat, Schlagersänger und Herrentorte der Herzen Frank Rennicke (anschauen!), zuvor keine Mehrheit bekommen. Ein NPD-Wahlmann ist der sympathische Riesaer Holger Apfel. Deswegen und in der Hoffnung, hier mal geilen Exklusivcontent bieten zu können, fragte ich nach, wen denn die drei NPD-Wahlmänner im dritten Wahlgang wählen würden? Bis heute warte ich auf die Antwort von der Pressestelle. Nicht nur bei der SPD ist man also manchmal unschlüssig.


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2 Antworten zu “Rosenkrieg

  1. Kollege Reuther

    Hübsch!!! Der sympathische Stadtrat Herr Gansel wies übrigens die „Theaterspitze“ als einen Hörfehler meinerseits zurück. Passen würde es dennoch, immerhin kann man sich beim üblichen Rathauskonzert wohl doch manchmal wie im Theaterstadl vorkommen.

  2. Selten habe ich so herzlich über einen Artikel gelacht, der sich vor Ironie übersprudelnd mit der NPD und dem endlich in unserer Stadt begonnenen Kampf gegen die „Deutsche Stimme“ auseinandersetzt. Schon die Überschrift ist ein Knaller, aber noch schöner sind die Vorschläge an Herrn Gansel, wie er demnächst seine Stadtratsauftritte würzen sollte. Da hat er so einiges verpasst – und zum Glück einen Thomas Trappe zum Gegner und nicht als Presseberater!

    Weiter so – meint zumindest der eine Stadtrat, der immer „Klassenkeile“ bezieht!

    Thoralf Koß

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