Tafeldienst

„Das soll jetzt also diese sogenannte Demokratie sein“, hätte es mir in Art des Lesers, der mir kürzlich vor 15 Monaten schrieb, entfahren können, als ich davon erfuhr, dass der Sächsische Landtag eine NPD-Abgeordnete in den Gefängnisbeirat des Zeithainer Gefängnisses bei Riesa entsandt hat. Die Frau soll sich dort mit anderen Beiräten um die Belange der Insassen kümmern, die zu fünf bis sieben Prozent Ausländer sind. Die Konstellation ist also eine, die grundsätzlich berichtenswert ist.

Es ergibt sich ein Dilemma. Berichte ich nun in der Zeitung davon, dass es problematisch ist, dass die NPD-Frau in einem Gremium sitzt, das zu einem nicht unwesentlichen Teil die Interessen von Ausländern vertreten soll? Das Problem ist dabei nicht das Thema, sondern die Erwähnung der Tatsache, dass im Gefängnis Ausländer sitzen. Eigentlich keine große Sache, nur deshalb problematisch, weil die NPD dann wenig später Pressemitteilungen schreibt, in denen steht, dass im Gefängnis Ausländer sitzen, mit dem bedeutungsschwangeren Vermerk, dass das ja nun einiges aussage. Nun, man schreibt es dann am Ende, denn die Pressemitteilungen lese ja sowieso nur ich. Und in Richtung Gefangene bleibt zu sagen, dass sie da keinen guten Umgang pflegen, aber das liegt ja nicht in ihrer Hand.

Die NPD in Riesa feiert an diesem Wochenende ein besonderes Familienfest. Auf ihren beliebten Flyern weisen sie darauf hin, dass seit zehn Jahren die „Deutsche Stimme“ in Riesa sitzt und Dinge druckt. Anlass für eine große Sause. Außerdem freut sich die Partei, die seit 1999 im Riesaer Stadtrat sitzt, in ihrer Pressemitteilung, dass sie seit 2004 im Stadtrat sitze. Bei Daten der jüngeren Vergangenheit scheint da langsam ein lockerer Umgang einzukehren.

Großes Thema während des Familienfestes in einer alten Lagerhalle für Kloschüsseln wird sicher auch der drohende deutsche Volkstod sein, der ja in der sympathischen NPD immer wieder Anlass für lustiges Necken bietet. Sehr um treibt nämlich Stadtrat Jürgen Gansel, dass aufgrund der rapiden Veralterung im Riesaer Stadtteil Merzdorf dort einige Wohnblöcke abgerissen werden und, um das völlige Aussterben zu verhindern, auch Zuwanderer angesiedelt werden sollen. Abgesehen davon, dass ich mir schwer vorstellen kann, dass man in Riesa mit einmal Ausländer finden kann, die dann auch noch freiwillig ins gerontologische Exil gehen, muss ich dem während des Stadtrates geäußerten Vorschlag, Gansel solle, sinngemäß, doch mal versuchen, Merzdorf jung zu bumsen, stark in seiner Sinnhaftigkeit anzweifeln. Ebenso aber Gansels Vorschlag, die Merzdorfer selbst sollten Merzdorf jung bumsen, denn die sind im Durchschnitt 60 Jahre alt.

Die gleich dann schon dreimalige Erwähnung des Wortes bumsen lässt den richtigen Schluss zu, dass ich in den vergangenen Tagen verstärkt Umgang mit meinem Freund Lutz Walther gepflegt habe, der gegenüber mir und einer Kollegin vom Deutschlandradio Kultur, dazu erzähl ich irgendwann später mal was, erklärte, dass er seiner kulturellen Verantwortung in Riesa wieder gewahr geworden ist. Er wolle deshalb demnächst wieder seine seit einem halben Jahr verschwundenen Tafeln aufhängen, auf denen er dann wieder wie früher philosophische Botschaften an die Stadt unterbringen wird. Außerdem beklagte er den Umstand, dass er in einer Gegend wohne, in der junge Menschen zu viel Bier trinken und brüllen, vor seiner Tür oft.

Neben Lutz Walthers Aussage, dass er gerade für die GEZ gebetet habe, ist mir aus dem Gespräch eine weitere Passage angenehm in Erinnerung. Nämlich jene, in der er erläuterte, dass seine Botschaften zu Beginn gar nicht so philosophisch waren wie von mir immer behauptet. So war das erste, was er je auf der Tafel notierte, folgendes: „Kilo Bananen – 99 Pfennig“. Zur Erinnerung: Lutz Walther ist in Riesa berühmt geworden, weil er vor etwas mehr als zehn Jahren anfing, für Außenstehende wirre Botschaften an Tafeln vor seinem Nudelimbiss zu schreiben. Er war damit Riesas erster Blogger und soll hier immer in ehrlicher Bewunderung geehrt sein.

Wann die Tafeln nun raus kommen, ist noch unklar, wie man hier so sagt. Lutz schränkte den Zeitraum auf seine ihm typische Art ein. Irgendwann zwischen spätestens in zwei Wochen und frühestens in einem halben Jahr, anhängig von Umständen, die er nicht beeinflussen und ich nicht verstehen kann. Sollten sie bald rauskommen, wird wohl auch das neueste Gesellenstück des Rathauses in Kreide gebannt. Die baut nämlich grad per Eilentscheidung eine Brücke für viel Geld zwischen zwei Wiesen über einen Fluss, für die Brücke muss nach dem Bau nochmal Geld ausgegeben werden muss. Um ein Geländer zu installieren. Die Pointe überlasse ich gerne meinem Freund Lutz von der einzig wahren Riesaer Tafel, vielleicht geht ja irgendwas mit fehlende Geländer und Überalterung oder so.


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4 Antworten zu “Tafeldienst

  1. Toller Tafeldienst, ach ja, und wie ER den Helge Schneider gespielt hat, es war wieder sensationell, die ganze Kunsthochschule war außer sich

  2. Ich würde Ihre Beiträge sehr gern Flattrn.

  3. @Gary: Dann mal zu:)

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