Bielefeld

Die schöne Stadt Großenhain ist eine jener, von denen man nicht weiß, dass es sie gibt. Will man sie erreichen, muss man in Priestewitz umsteigen (ein Dorf, in dem eine offenbar vollkommen überteuerte Fußgängerbrücke über den Bahnhof gebaut wurde, deren einziger Zweck darin bestehen könnte, die erhöhte Nachfrage nach Suizidmöglichkeiten vor Ort zu befriedigen). Großenhain ist dann zwar nur zwölf Kilometer vom schönen Riesa an der Elbe entfernt, aber immerhin 45 Zugminuten. Außerdem liegt Großenhain an keinerlei Elbe, wenn ich das richtig verstanden habe.

Mich führte ein Treffen mit einem Catcher in die Stadt, ein Treffen, das ich mir schon lange wünschte, da ich Catcher-Publikum saublöd finde, die Sportart an sich aber grenzphilosophisch. Während der Fahrt dorthin kam es wieder zu einer der befürchteten Auseinandersetzungen zwischen Zugwächter und Fahrgästen, was sich bereits auf Höhe Oschatz andeutete, da die Funktion des Fahrgastes von einem offensichtlichen Ausländer eingenommen wurde, die ja hier gerne mal Ärger auf sich ziehen.

Da der Ausländer mit ganz offensichtlich Ausländern einer anderen Nation ein Gruppenticket teilte, wurde der Schaffner fuchsig, weil die ja offenbar nicht zusammen gehören konnten, sieht man ja, geht nicht. Nach der Drohung mit dem Rausschmiss kam jene mit der Polizei, doch schließlich löste sich die Situation unerwartet auf, ich weiß nicht warum. „Die Entfernung eines Schwarzfahrers“, wie letztens im Zug nach Berlin durchgesagt, blieb also aus.

Im Regionalexpress brüllen Schaffner immer Ausländer an, während sie bei Neonazis ängstlich gucken. Ich finde das nicht kohärent, komme aber vom Thema ab, das heute der Catcher sein sollte.

Der Catcher ist Sternau, ein 31 Jahre alter Wrestler aus besagtem Großenhain ohne Elbe. Er kämpft in einem von ihm organisierten Wrestlingkampf an diesem Wochenende gegen Thumbtack Jack, der immer sagt, dass alle Sachsen stinken und so ganz gut die Rolle des advocatus diaboli mimt. Sternau erzählte mir, dass er sich beim Catchen bereits zwei Finger gebrochen hat, beim Fußball allerdings schon zwei Arme. Nein, reine Choreografie sei Wrestling aber nicht, schon ein Kampfsport im herkömmlichen Sinne. Es gibt einen Dogmafilm, in dem Thumbtack Jack nach Sternau mit einem Stuhl schmeißt und anschließend sagt, dass er gerne nach Sachsen zum Dreschen käme, es dort aber so stinke wegen des Publikums.

Am Samstag werden die beiden in einem Käfig kämpfen. Die Regel besagt ungefähr, dass dem Gegner Gliedmaßen überdehnt werden müssen, um zu gewinnen. Oder aber, man schafft es, aus dem Käfig rauszuklettern, dann hat man auch gewonnen. Sport frei!

Auf dem Rückweg durch das mit Gold gepflasterte Großenhain kehrte ich schließlich noch im örtlichen Bahnhof ein, es gab Makkaroni mit Hack und Käse, zwozwanzig die Portion. Zum Essen gesellte sich ein nicht mehr ganz taufrischer Clochard, behangen mit einer schweren Tasche. Diese allerdings führte zu einer Schwerpunktverlagerung des Trägers zu Ungunsten des Trägers, was er innerhalb der Bahnhofshalle noch gut vertuschen konnte, indem er der nach vorne strebenden Tasche sozusagen hinterher lief. Am Ende der Halle, also bei der Tür, strebte die Taktik jedoch ihrem unausweichlichem Ende entgegen und der Clochard fiel zu Boden bzw. in die Tür, die den Abschluss der niedlichen Bahnhofshalle darstellte.

Der Clochard durchdrang dann die Tür, nur, um dann gleich nochmal auf den Bahnhofsvorplatz zu knallen, Szenen, derer ich zuletzt an der Kölner Domplatte habhaft wurde. Der Clochard bestieg mit mir den Zug, stieg auch mit mir in Priestewitz aus, wo er eine viertel Stunde vor der überteuerten Fußgängerbrücke verweilte und ins Sinnieren über dieses vollkommen sinnlose Bauobjekt geriet, kurz fiel er nochmal hin.

Und nun kommt endlich die vollkommen unpolitische Pointe des Stücks. Er, der Clochard, erklärte dem Publikum, also mir, dass er beabsichtige, weiter zu fahren, und zwar bis nach Bielefeld. Und da diese Fahrt vier Stunden dauert, freue er sich, da er sich zwischen Leipzig und Bielefeld nochmal, genau, hinlegen könne. Ende.


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3 Antworten zu “Bielefeld

  1. Was will uns der Autor mit diesem Beitrag mitteilen..?

    Grübelnd
    Klaus

  2. Das ist mein persönlicher Lieblingsbeitrag. Großartig!

    Sich freuend,
    die Lektorin

  3. Das ist doch Auftragsjournalismus im Namen A.G.s hier!

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