Kein Kinderkram

Wenn sich der sympathische hessische Ministerpräsident Roland Koch gerade dafür einsetzt, dass Kindergärten und Grundschulen abgeschafft werden, ruft das vielerorts Verwunderung hervor, wenn nicht gar Schlimmeres. Dabei würde auch in diesem Fall ein Blick nach Riesa reichen, um zu verstehen, dass Kinder nun mal nicht wählen dürfen.

Es war im Blog schon des öfteren von der sogenannten Erdgasarena in Riesa an der Elbe die Rede, auch wurde angedeutet, dass die Arena oft für, nun ja, Streit sorgt. Unter anderem, weil sich in der Veranstaltungshalle immer wieder Volksmusikzellen gründen und dann irgendwann hochgehen. Die Arena wurde einst für Erwachsene gebaut, nicht für Kinder, die in Riesa unter anderem in einer halbwegs verrotteten Förderschule und einer leicht Irak-haften Mittelschule untergebracht sind.

Die Arena kostet die Stadt, auch davon war schon die Rede: viel Geld. Nun hat die Rechtsaufsicht des Kreises angekündigt, dass Riesa ab 1. Juni von Unternehmensberatern zwangsverwaltet wird, sollte das Rathaus nicht seinen Haushalt irgendwie in den Griff kriegen, sprich: viel Geld sparen. Viele Augen gingen nun auf benannte Erdgasarena.

Ich will nochmal die Arena anhand einiger Stichwörter einordnen. Helene Fischer. Mario Barth. Doppelauftritt.

Die These, dass Riesa die Arena braucht, um ein Image als Eventstadt, mithin sogar jugendliche Eventstadt zu bekommen, wird in der Stadt von gut informierten Greisen hochgehalten, die postulieren, dass Mario Barth für Image sorgt, vielleicht sogar ein gutes. Zum Beispiel der beliebte Stadtrat Dr. Arzt, der sich mir gegenüber mal beschwerte, dass manche Unterschichtenkinder immer undankbarer werden und das damit begründete, dass ein ihm bekanntes Unterschichtenkind in den Urlaub gefahren ist, an die Nordsee gar.

Dr. Arzt organisiert nun gerade im Stadtrat Widerstand gegen die Pläne des Rathauses, der Arena keine Zuschüsse mehr für Helene Fischer, Mario Barth, Doppelauftritt zu zahlen. Begründet wird das vom Stadtrat Dr. Arzt vor allem damit, dass er als jener, der bei der jüngsten Wahl die meisten Wählerstimmen erhalten hat, eine besondere Verantwortung trägt, zum Beispiel dafür, dass eine Helene-Fischer-Flatrate in Riesa sichergestellt ist.

Im Haushaltskonzept, in dem die geplanten Kürzungen bei der Arena stehen, sind auch erhebliche Einschnitte im Jugendbereich, zum Beispiel beim Zuschuss für Schulbücher angekündigt. Proteste dagegen im Stadtrat blieben weitgehend aus, oder sie gingen unter in den Protesten gegen die Erhöhung von Parkgebühren, Gartenspartenpachten und vor allem im Einsatz für die Barth-Arena.

Wie gesagt, auch in Riesa dürfen Kinder nicht wählen. Und wer braucht Schulbücher, wenn er Mario Barth haben kann?


Flattr this

Advertisements

8 Antworten zu “Kein Kinderkram

  1. Sehr geehrter Herr Trappe,
    haben Sie schon mal an die Mitarbeiter der FVG gedacht, die sehr angagiert ihre Arbeit tun? Und das tun sie nicht nur in der Erdgasarena, nein auch beim Museum, der Bibliothek und dem Tierpark.
    Haben sie schon mal daran gedacht, das mögliche Kürzungen in dieser Richtung auch Kürzungen in der Bildung sind? An dieser Stelle hinkt aus meiner Sicht Ihre Darstellung. Denn eine neue, die Stadt entlastende Lösung, gibt es derzeit nicht, obwohl von uns mehrfach hinterfragt. Eine mögliche Lösung wird zwar durch Sie und Herrn Mütsch in der Öffentlichkeit diskutiert, ist aber zahlenmäßig nicht untersetzt. Ist das verantwortungsbewußt und verantwortbar?
    Diese Diskussionen sind nicht zielführend und dienen nur zur Ablenkung vom eigentlichen Problem. Wir stehen vor der Entscheidung, was können wir uns als Stadt leisten. Hier gilt es Inhalte und Prioritäten zu setzen. Das setzt eine gründliche und umfängläche Darstellung unseres Leistungsvermögens voraus und eine genau so ehrliche Darstellung unserer derzeitig getätigten „freiwilligen“ Aufgaben. Warum fordern Sie nicht das? Die Kinder und Bildung, übrigens nicht nur für Kinder ist Bildung wichtig, an erster Stelle zu stellen, ist kein schlechter Anfang. Sie bleiben bei oberflächlichen Erscheinungen haften. Schade!

    In dem sinne einen schönen Tag

    Anmerkung tt: Uta Knebel ist Fraktionschefin der Linken im Riesaer Stadtrat und Oberbürgermeisterkandidatin ihrer Partei. Markus Mütsch (CDU) ist Finanzbürgermeister.

  2. Wie kann man auch schon auf die beknackte Idee kommen, eine Vergnügungsstätte „Erdgasarena“ zu nennen? Klingt wirklich sehr vertrauenserweckend. Was kommt als nächstes? Das Dioxintheater? Das Asbesthotel? Der Erdölbadesee?

  3. @AndreasP: Der Hauptsponsor der Arena kommt aus dem Energiegewerbe. Vorher hieß sie „Sachsenarena“.

  4. @Fr. Knebel: Was haben denn die Kinder von Tierpark, Bibliothek oder Museum wenn die Orte wo sich ein Grossteil ihres Lebens abspielt, sprich die Schulen, aussehen als waere die letzte Sanierung anno dazumal gewesen. Sie haben ja voellig recht, dass die Stadt entscheiden muss, was sie sich leisten kann und will. Aber es gibt Dinge die muessen sich einfach selber finanzieren und da gehoeren Leute wie Mario Barth Helene Fischer nun mal dazu. Entweder es finden sich genug Leute die diesen Spass sehen wollen und entsprechend fuer zahlen oder sie kommen eben nicht nach Riesa.

  5. Ist doch klar: Ohne Köhler läuft das nicht. Riesa ohne Köhler braucht auch keine Erdgas-Arena. Das ist wie ein Supermotor ohne Kraftstoff. Das fährt einfach nicht. Man sollte dann auf einen kleineren Motor umsteigen.

  6. Über Kultursubventionen kann man wohl endlos diskutieren. Mit dem Verstand und dem Geschmack sagt man als Bildungsbürger: Oper und Theater sollen unterstützt werden, denn das ist »Hochkultur«.

    Aber dann kommen natürlich auch die Volksmusik-Fans und legen dar, wie gut sie doch das alte Liedgut am Leben halten. Und die Fußball-Fans wollen ihr »Public Viewing«. Und so weiter …

    Es kann eigentlich nur eine Lösung geben: solche Subventionen müssen per Gesetz strengstens eingeschränkt werden. Wenn an jeder Ecke eine neue Interessengruppe ihre Forderungen in die Luft hält — wer will das bezahlen?

    Zum Supermanager Köhler: Ich bin sehr froh, dass wir in Dresden verschont geblieben sind 😉

  7. Ein Beitrag, der mir aus dem Herzen spricht. Da kann man nur noch vor sich hin sinnieren, warum so viele das nicht verstehen (wollen) können…

    @ Frau Knebel: Mit dem Museum haben wir’s im Moment ja auch nicht so dolle, oder?

    @Tobias: Falsch. Nach Köhler kommt die Haushaltssanierung…

  8. Was soll Riesa mit Prestigeobjekten, die ja doch fast nie genutzt werden? Wer bzw. wie viele Riesaer nutzen die Sportanlagen wirklich. Für den Bürger der vielleicht nach Feierabend vielleicht etwas laufen möchte sind sie tabu. Was wir Riesaer denn wirklich davon ?
    An den schönsten und wertvollsten Plätzen sollten unsere Kinder mit Ihren Eltern Lust verspüren zu verweilen. Eingezäumte Plätze mit Spielgeräten für Kleinkinder, Picknikbänke und auch WC-Anlagen mit Wickeltisch, wo es Sonnen- und Schattenplätze gibt, sind gut für eine Familie. Solche Anlagen gibt es z.B. in England überall. meist noch mit kostenlosen Parkplatz und Famielienrestaurant die gesunde Kost anbietet. (Nicht Microwelle oder Friteuse) Könnte das nicht ein Projekt für Riesa sein ?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s