Der Urmensch in uns

Leipziger Wissenschaftler haben die DNA des Neandertalers entschlüsselt. Und damit auch den Menschen neu definiert.

Sie haben es getan. Es miteinander getrieben. Vielleicht ist es ja die Frage in der Paläontologie überhaupt, die die Wissenschaftler des Leipziger Max-Planck-Instituts für Evolutionäre Anthropologie (MPI EVA) nun gestern endgültig beantwortet haben. Nämlich jene, ob der Mensch jemals mit dem Neandertaler Sex hatte, in der Zeit, als die beiden Gruppen im eurasischen Teil der Welt nebeneinander lebten. Ja, es kam zum Sex, vor 40 000 bis 80 000 Jahren, und zwar in Arabien. Und das ganze schlägt sich nieder in den Genen der heutigen Menschen. Nach vier Jahren Forschung und versehen mit 57 Autoren ist die Studie zum Neandertal-Genomprojekt, in der das drin steht, gestern im Wissenschaftsmagazin Science erschienen.

Urmenschen, Menschen, Sex. Das Thema ist sexy, wie man so schön sagt, auch wenn der konkrete Gegenstand bei genauerer Betrachtung wohl eher als Entzücken einen wohligen Schauer auslöst. Man tut deshalb wahrscheinlich dem Leipziger Wissenschaftler Johannes Krause (29) nicht unrecht, wenn man ihm die Befürchtung unterstellt, dass jetzt alle Welt nachfragt, wie, wo, wann das denn war mit dem Sex, und darüber vergisst, dass es bei der Entdeckung um mehr geht. Krause ist der erste Mitarbeiter, den der Direktor des MPI EVA, Svante Pääbo, 2005 in sein Neandertal-Genom-Projekt holte, damals war Krause noch Doktorand. Heute will Krause erst mal nicht über Urmenschen-Sex reden, sondern über den in eigenen Augen wichtigeren Erfolg. „Wir sind der Antwort auf die Frage, was den Menschen zum Menschen macht, ein wenig näher gekommen.“

Klingt philosophisch, ist aber recht greifbar. Denn dadurch, dass die Leipziger zusammen mit einem internationalen Forscherteam rund zwei Drittel der Neandertaler-DNA entschlüsselt haben, sind nun Vergleiche möglich mit der menschlichen DNA, die bereits entschlüsselt ist. Warum sind die Urmenschen ausgestorben, während der Homo sapiens heute zum Mond fliegt? Eine Antwort darauf kann Krause zwar noch nicht geben. Noch nicht. Sehr wohl kann er aber bereits mit ersten Erkenntnissen aufwarten.

Zum Beispiel jener, dass sich beim Menschen im Laufe seiner Entwicklung Gene besonders stark verändert haben, die ihm die Fähigkeit zur sozialen Interaktion geben. Gene, die der Neandertaler in dieser Form nicht hatte. Menschen, bei denen diese Gene defekt sind, neigen zur Schizophrenie und zum Autismus. Nun ist es vielleicht nicht unbedingt überraschend, dass autistische und schizophrene Verhaltensweisen dem Menschen nicht nützen, aber, wie gesagt, die Forschung beginnt ja erst. „Wir werden erkennen können, welche Gene sich im Laufe der menschlichen Entwicklung besonders stark verändert haben und damit dem Träger einen Selektionsvorteil boten“, so Johannes Krause. Man arbeite gerade schon an einer Art Ranking, das Autismus-Gen steht ganz oben.

Den Weg zu diesem Ranking und dahin, in Leipzig das weltweit erste Genom-Projekt einer ausgestorbenen Menschenform zu vollenden, als steinig zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung. Es gab einige Höhen, vielmehr Tiefen, und mehr als einmal die Befürchtung, dass das ganze Projekt scheitern wird. Jenes Projekt, das sowas wie die Seele des Leipziger Instituts ist. Und es gab die Naivität, erinnert sich Krause.

Naiv war zum Beispiel diese Sache mit der Firma in den USA, die als erste über Hochleistungs-Sequenziertechnik verfügte. An die wurde zu Beginn, also 2005, Neandertaler-DNA geschickt. „Leider hatten die Labore zu der Zeit aber keine Ahnung, welche Gefahr menschliche Kontamination bedeutet“, also das, was von der massig frei fliegenden menschlichen DNA an die Untersuchungsobjekte gelangt. Am Ende wurde eine Studie mit den Ergebnissen veröffentlicht, die sich später als, nun ja, etwas peinlich entpuppte. 50 Prozent der untersuchten DNA war Kontamination. „Das hat uns in ein schlechtes Licht gerückt“, sagt Krause, ergänzt aber, dass beim damaligen Forschungsstand die Kontamination nicht zu erkennen gewesen sei. Man sei an einem Punkt gewesen, an dem die Fortsetzung der Arbeit ungewiss war. Schließlich ist in der renommierten Max-Planck-Gesellschaft auch Image eine wichtige Währung.

Es ging weiter, nach der Naivität kam dann aber das Pech. Denn jene DNA, die in die USA geschickt wurde, „war die beste, die wir je hatten“. Soll heißen, in keinem anderen der in Leipzig vorhandenen Knochen waren soviel DNA-Sequenzen vorhanden, nämlich ganze vier Prozent. „Bei den neuen Extrakten gab es diese Quote nie wieder“, so Krause. Eines Morgens kam die deprimierende Nachricht, dass nach jetzigem Wissensstand noch rund 20 Jahre geforscht und 60 Millionen Euro investiert werden müssten, um zu publizierbaren Ergebnissen zu kommen. Die Forscher hatten damals keine Wahl: Sie mussten ihren Wissensstand rapide erweitern.

Und vielleicht ist das ja der Grund, warum Leipzig inzwischen als das uneinholbare Zentrum der Neandertalforschung gilt. Dass Krause und andere Spitzen-Nachwuchsforscher aus der ganzen Welt sich zusammensetzen und es später tatsächlich schaffen. Nämlich ein Verfahren zu entwickeln, das die Ausbeute aus dem vorhandenen Material um den Faktor 300 erhöht. Die nötige Anzahl der Sequenzierläufe von 6 000 auf 20 zu verringern. Und schließlich ein kompliziertes Markierungsverfahren zu entwickeln und damit menschliche Kontamination bei den Proben auszuschließen.

Knapp zwei Jahre wurden die Untersuchungsverfahren optimiert. Später entwickelte das Team um Svante Pääbo noch Verfahren, um DNA von Bakterien und Pilzen aus der sequenzierten DNA auszusortieren. Ende 2008 konnte dann innerhalb von zwei Monaten das sequenziert werden, was später ausgewertet und nun gestern in Leipzig präsentiert wurde. 67 Prozent der Neandertaler-DNA ist nun sequenziert. 80 Prozent ist das bei solch alten Knochen maximal Mögliche, bis an diese Grenze will man in Leipzig weiter forschen.

Doch in den kommenden Wochen wird es wohl bei den meisten Anfragen um Sex gehen, das scheint sicher. Wohl auch innerhalb des Leipziger Instituts. Immerhin hatte Direktor Svante Pääbo bis heute keine Anzeichen gefunden, dass es keinen sexuellen Kontakt zwischen Mensch und Neandertaler gegeben hat. Seine neue Studie sagt nun genau das Gegenteil.

Wenn Johannes Krause den neuen Forschungsstand referiert, klingt alles auch ganz einleuchtend. Menschen drangen irgendwann vor 80000 bis 50000 Jahren aus ihrer Heimat Afrika raus in die Welt, alle Wege führten über Arabien, wo es zu der Zeit auch Neandertaler gab. Endgültige Erkenntnisse, wie der Neandertaler lebte, gibt es laut Krause nicht. Wenn er sich zu Aussagen hinreißen lässt, dann nur zu Vermutungen. Auf einen ausgesprochenen Fleischfresser sind die Menschen wohl damals gestoßen, jemand, der den Einwanderern Nahrungskonkurrent war. Krause ist sicher, „dass der Mensch den Neandertaler verdrängt hat“, es gibt aber auch genügend Wissenschaftler, die daran glauben, der Urmensch sei ohne menschlichen Einfluss ausgestorben. Auch bestreitet Krause die These, Neandertaler hätten umfangreiche Kunstfertigkeiten besessen.

Trotz aller Gegensätze kam es in Arabien aber zum Sex, so viel steht fest. Es muss im Nahen Osten, es muss in dieser Zeit geschehen sein. Um das zu beweisen, verglichen die Leipziger Forscher die DNA von fünf modernen Menschen mit der des Neandertalers. Bei Europäern und Asiaten, also jenen, die nach der Theorie Nachfahren der ausgewanderten Afrikaner seien müssen, fanden sich tatsächlich immer Neandertaler-Gene, und zwar zwischen zwei und vier Prozent. Bei zwei Afrikanern, also Menschen, deren Vorfahren nicht ausgewandert sind, wurden diese Gene nicht gefunden. Da es in Asien keine Neandertaler gab und auch nie eine Auswanderung von Europa nach Asien stattfand, ist damit der Beweis erbracht, dass die Durchmischung in Arabien geschehen sein muss.

Es braucht keine prophetischen Gaben, um abzusehen, was dieser Entdeckung folgen wird. Wird es lange dauern, bis erste Firmen den Gen-Test anbieten, der die Frage beantwortet, wieviel Neandertaler in einem steckt? Sicher nicht, das kann auch Krause nicht bestreiten, auch wenn er selbst einem solchen Test nicht viel abgewinnen könnte. Der Unterschied zwischen den meisten Menschen sei sowieso nur minimal, eher im Promille- denn im Prozentbereich, so Krause. „Zu 96 Prozent sind wir weiterhin Afrikaner.“

Sächsische Zeitung, Seite Drei, 7. Mai 2010


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