Fundhund in der Gartensparte

In letzter Zeit gibt es in einem Dorf nahe Riesa an der Elbe wiederholt die Gegebenheit, dass ein Hund gefunden wird, im derben örtlichen Jargon dann Fundhund genannt. Das Gröditzer Tierheim bittet dann immer, dass die örtliche Zeitung, der ich mich ein wenig verbunden fühle, den Fund dieser Hunde meldet, auf dass sich jemand ihrer erbarmt. Warum werden in Gröditz so viele Hunde gefunden? Sind sie die Vorhut des Wolfes? Denn der feiert im nur wenige Kilometer nördlich gelegenen Brandenburg bekanntlich fröhlich Urständ. Und auch benanntes Gröditz liegt nunmal in einer Gegend, in der in absehbarer Zeit die relevanten bevölkerungspolitischen Fragen sich wohl nicht mehr darum kreisen, wie die vereinzelten jungen Menschen in der Region oder wenigstens im örtlichen Kameradentreff gehalten werden können, sondern um jene, wie verhindert wird, dass der Wolf bald gänzlich das Ruder übernimmt.

Die etwas abwegige Einleitung soll natürlich irgendwo hinführen, am besten in die Demografie-Problematik und damit in die Riesaer Gartensparten. Die Gartensparte mitsamt all ihren zahlreichen Rabattenpflegern und Heckenästheten ist in Riesa, und nun zur Kernaussage, politisch in ihrer Würde unantastbar. Vor kurzem gab es die Idee im örtlichen Rathaus, da die Stadt zweifelsohne pleite ist, vielleicht auch die Gartenspartenpachten um wenige Prozent anzuheben, eine Mehrbelastung um mehrere zehn Euro wäre auf die Gartenspartenpächter zugekommen.

Es bedurfte keines geharnischten Protestes der Gartenfreunde, um diesen Vorschlag der Verwaltung fraktionsübergreifend und unbesehen des Grünen Daumens von der Tagesordnung zu hacken, nein, dies geschah ohne Diskussion. Der Grund ist recht einleuchtend: Keine Fraktion will diejenige sein, die an die Speckschwarten der Gartensparten greift. Allein die Menge der Leserbriefschreiber, die sich in Riesa höchst engagiert und seit Schrebers Zeiten zum Gartenwesen äußert und dabei nicht davor zurückschreckt, einen Bogen vom Nahostkonflikt zu Riesaer Gartensparten zu schlagen, lässt diese Befürchtung einleuchtend erscheinen.

Gartensparten nehmen nach meiner jeder Grundlage entbehrenden Schätzung die Hälfte des Riesaer Stadtgebietes ein. Grund genug also, mal eine zu besuchen, dachte ich mir, und griff die Gelegenheit beim Schopfe, als mich aus einer Gartensparte der Hilferuf ereilte, in der und um die Sparte vermülle es zusehends, Ordnung und Beete seien im Höchstmaße gefährdet. Vorbei an rechtwinkligen Hecken, streng gescheitelten Beeten und ordentlich abgetrennten Rabatten führte mich mein Weg zum vom Müll geplagtem Gartenspatenpächter, der recht wütend war, da er Pacht bezahle und Stadt und Ordnungsamt trotzdem nicht spuren.

Denn hinter seinem Garten weilt, das ist eben so in Gartensparten, ein weiterer Garten. Er führte mich hin und zeigte auf das Übel. Dort ein Holzlatte, dort, vollkommen unparallel, eine weitere, nicht weit entfernt lagen zwei Dachziegel, kreuz und quer über den ganzen Rasen verstreut, den ungemähten. „Sieht so ein Garten aus?“ wurde ich vom ehemaligen Stahlwerker gefragt, der im Übrigen durchaus sympathisch war, dem die Pacht zu erhöhen sich nicht zu getrauen mir aber durchaus nachvollziehbar erscheint. Weiterhin verwies er mich darauf, dass er vor kurzem in dem Garten einen Hund gefunden habe, der wahrscheinlich dem ungehobelten Nachbarn gehöre, der Hund sei bissig.

Von der Gartensparte ist es kein weiter Weg zur Erdgasarena, dem klotzbaulichem Riesaer Äquivalent zur Sparte. Gleiches Zielpublikum, gleiche politische Unantastbarkeit. Die Erdgasarena wurde seinerzeit vom damaligen Oberbürgermeister und späteren Axel-Schulz-Manager Wolfram Köhler gebaut, sie sollte Riesa zur Eventstadt machen. Passiert ist später dann leider etwas anderes, inzwischen zieht sie nämlich in schöner Regelmäßigkeit Volksmusiksendungen und damit zum Beispiel Florian Silbereisen (Junge Union) an, was freilich den Ruf Riesas ziemlich in den Dreck zieht. (Zur Entschuldigung wird dann oft vorgebracht, dass auch Udo Lindenberg schon in Riesa war und damit angeblich jüngeres Publikum kommt. Stimmt aber nicht, das Publikum ist genauso alt und klatscht genauso unrhythmisch zur Musik – nur dass es dabei Lederjacken trägt.)

Die Fragen, ob für Volksmusiksendungen in Riesa weiter Fantastilliarden Euro Zuschüsse gezahlt werden und die Gartensparten weiterleben sollen, werden wohl die dominierenden im beginnenden Oberbürgermeisterwahlkampf sein, der mit diesem Blogeintrag offiziell eröffnet sei. Dessen etwas anarchischer Aufbau und abrupter Schluss sei übrigens damit entschuldigt, dass heute der 1. Mai ist und ich jetzt los muss.


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3 Antworten zu “Fundhund in der Gartensparte

  1. Achja, die Arena…ich erinnere mich, wie ich in den ersten Jahren (wo dort noch Acts wie AC/DC, Elton John oder Bryan Adams – also nicht unbedingt internationale Laufkundschaft – zu sehen waren) unkte, wie lange sich Dresden, Leipzig und Chemnitz von einem Provinzkaff die (Veranstaltungs)Butter vom Brot nehmen lassen. Und siehe da, alle drei setzten sich nach und nach schicke neue Hallen in die Gegend und so zieht die Veranstalterkarawane wie gewohnt an Riesa vorbei und die Stadt bleibt auf ihrem Unterhaltungskostenfresser sitzen. Denn für permanente Nackt…äh, Nachtflohmärkte hat olle Wolfram das Ding wohl nicht bauen lassen…

    PS: Gröditz ist kein Dorf. 😉

  2. Ich finde diesen Artikel sehr interessant, auch wenn ich von den lokalpolitischen Zusammenhängen natürlich nicht alles verstehe.
    Der Ausdruck „Fundhund“ ist mir bislang neu. Es ist jedenfalls sehr gut, dass hier die Presse mithilft unschuldige und hilflose Tiere Hunde zu vermitteln. Noch wichtiger sind nötigen Pflegefamilien, in denen diese Hunde hoffentlich aufgenommen werden. Viele Grüße

  3. Folgendes Lob passt vielleicht nicht voll zum Thema, aber besser jetzt hier, bevor ich es nirgends anbringe:
    Im Sommer 2009 besuchten meine Partnerin (Meißen) und ich (Dresden) mit einem damals dreijährigen Kind das Riesaer Stadtfest – und fanden alles dort am Elbufer sehr kinderfreundlich. Dies fiel uns beim Vergleich mit den Stadtfesten unserer eigenen Städte positiv auf.

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