Deutscher Müll

Dem glücklichen Journalisten, den ab und an, meist aber zu selten, Selbstzweifel plagen, er fragt sich des öfteren wohl auch, ob er infiziert ist vom lästigen Virus des Zynismus‘. Sitzt dann vor einem Blatt Papier, auf dem der erste Geburtstag der Parkinson-Selbsthilfegruppe angekündigt steht. Doch bevor er überhaupt denkt, da könne jemand dem Jubiläum entgegen zittern und sich ein wenig schämt, muss er lesen: „Das waren 365 bewegte Tage“.

Um missverständliche Äußerungen auf ihren beliebten Veranstaltungen zu vermeiden, hat die sympathische Volkspartei NPD ein ganz eigenes, nachvollziehbares und logisches Verfahren entwickelt. Zum Beispiel in der schmucken Elbestadt Torgau, in der die NPD gerade eine Demonstration der Jungen Nationalen Demokraten ankündigt. Damit die wissen, wo’s langgeht, wird seitens der NPD-Spitze nicht nur auf einen Führer vertraut, sondern auch auf die „Vorgabe themenbezogener Demonstrationsrufe während der Demonstration“. Zu lesen in der offiziellen Demo-Anmeldung.

Nun liegt der 1. April schon eine Weile zurück, Informationen jeglicher Art in Leserbriefen, triefenden Glossen und ähnlichem Gedöns als „verspäteten Aprilscherz“ (zwinker, zwinker) zu bezeichnen, geht langsam nicht mehr, bitte Formulierungen dieser Art wieder für ein Jahr einfrieren. Auch das Schreiben des Vermieters des Riesaer „Elbblicks“, eine Edelimmobilie für stillgelegte Mittelständler mit Hang zum Elbblick, kann damit nicht als verspäteter Aprilscherz gelten, zumal es schon im Januar verschickt wurde. Der Brief wurde in Reaktion auf zunehmende Vermüllung im Haus versendet. Aufgeführt wurde unter anderem, dass Neonröhren und halbe Stühle im Müll lagen, die Mieter teilweise viel zu große Beutel verwendeten. „Ich darf hier an Ihr Gewissen und Ihr Verständnis appellieren und dem guten Ruf eines deutschen Staatsbürgers nach (Sauberkeit, Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit) gerecht zu werden!“ Im Übrigen gehörten auch keine „Pflaschen“ in den Hausmüll.

Der Vermieter zeigt dann nochmal kurz, was passiert, wenn man in Riesa urban wird. „Der Anblick in und um den Müllbehälter herum erinnert zwangsläufig an einen Hinterhof in Berlin Kreuzberg!“ Wenn es doch so wäre. Erst kürzlich betrat ich einen sehr schönen Kreuzberger Hinterhof, Ranken rankten sich die Backsteinwand entlang und es roch nach unbeschnittenem Rasen. Auf den „Elbblick“-Komplex habe ich von der Redaktion nun einen guten Ausblick und sehe nichts dergleichen. Nur einen Teich und einen Gärtner, der unentwegt die Hecke rasiert.

Der Hausmeister sei kurzzeitig gezwungen gewesen, in die Mülltonnen zu kriechen und dort zu stopfen, steht in besagtem Schreiben auch noch. Schade, dass der „Elbblick“ nicht in der Sesamstraße liegt, aber für unwürdige Wortspiele musste ja schon oben genannte Selbsthilfegruppe herhalten.

Ich telefonierte später mit dem Vermieter. Auf meine unschuldige Frage, ob es bei ihm ein Müllproblem gebe, entgegnete er für mich recht unerwartet und aus meiner Sicht unkontextualisiert, dass er „nicht rechtsextrem“ sei. Distanzieren wolle er sich aber nicht von seinem Sarkasmus, auch wenn sich ein Bewohner beschwert habe. Inzwischen habe sich das Müllproblem auch gelegt. Er, der Vermieter, denke, dass sich die Mieter nach seinem letzten Brief „endlich schämen“. Das denke ich auch.


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4 Antworten zu “Deutscher Müll

  1. Wenn du das als Buch rausbringen würdest, also ich würd’s kaufen.

  2. … ich auch! Großes Kino, schöne Texte, beneidenswert…

  3. Ja bitte! Fast wie damals mit Axel Hackes ersten Büchern, nur in anderem Terrain.

  4. Den Hacke da rein zu bringen, verstehe ich nur im Zusammenhang mit dem unbeschnittenen Rasen, der im Übrigen eigentlich ja nicht riecht, deshalb ja ungeschnitten. Wiese hingegen riecht schon, aber wer riecht eigentlich nicht? Er vielleicht?

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