Keine Nachwuchssorgen

Nein, Riesa ist kein schwerfälliger, von Ignoranz, gedanklicher Trägheit und Abneigung gegen alles Fremde und Neue geprägter Ort. Hier sind auch nicht alle rassistisch. Ich will jetzt was anderes sagen.

Am Abend steht in der Bahnhofshalle ein dunkelhäutiger Mann, Anfang 30. Er riecht leicht, ist nicht ganz gut beisammen und singt laut in den Bahnhof hinein. Er rappt wohl auch. Wenige Augenblicke zuvor dachte ich mir, das Blog hier wurde schon lange nicht mit Inhalt gefüllt, man könnte mal wieder was über Alltagsrassismus schreiben, doch nichts passiert, was tun, dachte ich mir. Und nun steht da ein Schwarzer im Riesaer Bahnhof.

Jetzt ist es zunächst einmal erschreckend, dass ich denke, wenn da ein Schwarzer steht, brauche ich nur in dessen Nähe zu gehen, um schnell einen rassistischen Ausfall mitzubekommen. Denke ich aber und setze mich in die Nähe. Nein, ich will mich setzen, denn ich sehe einen Vater, der mit seinen zwei Kindern, nennen wir sie Neo Chantal und Retro Ronny, dem Schwarzen ebenfalls entgegen kommt. Wie praktisch, denke ich, dann kannst du die rassistischen Ausfälle sicher im Vorbeigehen mitnehmen, da sparst du das anstrengende Sitzen.

Machen wir es kurz, Daddy nimmt seinen elterlichen Erziehungsauftrag wahr und erklärt den für neues Wissen offenen Kindern, dass der Mann „stinkt, der kommt direkt aus dem Urwald“. Dabei zwinkert er mir verschwörerisch zu. Wie gesagt, ich sage nicht, dass alle Riesaer Rassisten sind, nur, dass sich sicher einer finden wird, wenn im Riesaer Bahnhof ein entrückter Schwarzer seltsam singt.

Indes verschickt das Reichssicherheitshauptamt Briefe an Stadträte in Gröditz, eine Kleinst-Stadt in der Nähe Riesas. Nun ja, ein Aprilscherz verspielter Neonazis, aber trotzdem ein paar weniger Erwähnungen hier würdig. In dem Brief wird den Fraktionschefs geschrieben, dass sie ihres Amtes enthoben seien, sie und Rathausmitarbeiter ihre Ämter und Amtsstuben verlassen sollen, ansonsten käme die „Garde der neuen Volksmiliz, welche aus dem Heer von jungen Deutschen besteht, das von der nationalen Jugendbewegung gestellt wurde“.

Weiterhin habe Adolf Hitler nie kapituliert und deshalb werde am 1. April die Bundesrepublik aufgelöst, die komplette Argumentationskette erspar ich mir jetzt. Und zitiere noch kurz den Schluss: „Wir wünschen Ihnen und den demokratischen Speichelleckern der Internationalen Hochfinanz, welche als Ihre ehemaligen Kollegen bezeichnet werden müssen, trotz alledem einen schönen Tag und ein gutes Gelingen bei der Flucht nach Israel bzw. in die USA“. Weiterhin wird vermerkt, dass „dieses Szenario bald Realität werden“ könnte.

Ein Betroffener bat mich, die Sache nicht zu hoch zu hängen, vielleicht sagte er sogar, ich solle die Nazis nicht zu hoch hängen. Ich will dem nachkommen und auch aufgrund schlechter Erfahrungswerte nicht mutmaßen, wer die Briefe verschickt haben könnte, zumal das grad die Staatsanwaltschaft versucht, rauszubekommen.

Im Gröditzer Stadtrat sitzen übrigens Vertreter der CDU, Linken, SPD, Bürgerbewegung Wählervereinigung und der NPD.


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3 Antworten zu “Keine Nachwuchssorgen

  1. Au weia, da haben sie es ja wirklich trefflich beschrieben, vorgestern. Es wäre zum hysterisch Lachen, wenn’s nicht zum Weinen oder Würgen wäre.

  2. Pingback: Filme gegen Rassismus 2

  3. Üble Geschichte aber leider nicht ungewöhnlich.
    Was mich daneben bewegt: Hat das RSHA jetzt seinen Sitz in Riesa? Warum grad die Staahlstadt und nicht zum Beispiel Wolfsburg (würde auch besser zur Mentalität der Leute passen) oder Braunschweig?
    Apropos Braunschweig. Braunschweig war vor 75 Jahren dafür verantwortlich, dass Hitler die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen hat und damit als Kanzler wählbar wurde. BRAUN SCHWEIG. Ein Treppenwitz der Geschichte…

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