Der neue Mensch aus Leipzig

Johannes Krause vom Leipziger Max-Planck-Institut hat eine neue Menschenform entdeckt. Die Messestadt kann damit ihre Stellung als weltweites Zentrum der Urmenschen-Forschung ausbauen.

Etwas anstrengend ist es dann schon. Gegen acht Uhr kam Johannes Krause am Dienstag ins Leipziger Max-Planck-Institut (MPI) für evolutionäre Anthropologie, sowieso schon müde von einer langen Dienstreise am Vortag. 150 Mails von Wissenschaftsjournalisten aus aller Welt hatte der 29 Jahre alte Wissenschaftler bis dahin bekommen, dabei ging erst wenige Stunden zuvor die Ankündigung für die Pressekonferenz heraus. Krause ist seit Dienstag im Stress, weil er Ende letzten Jahres ein winziges Stück Knochen untersucht hat. Und dabei vielleicht den Yeti gefunden hat. Dazu später.

Seit gestern Abend ist die Information offiziell, auf Grundlage derer die Biologie-Lehrbücher in den kommenden Jahren zumindest ergänzt, wenn nicht umgeschrieben werden könnten. Eine neue Menschenform wurde von Krause und Kollegen entdeckt, in der Denisova-Höhle im südsibirischen Altai-Gebirge. Neben die bereits bekannten menschlichen Arten Homo erectus, Neandertaler und Homo sapiens gesellt sich nun eine vierte Form, für die noch ein Name gefunden werden muss. Johannes Krause ist, flapsig formuliert, der Vater dieses neuen Urmenschen. Oder weniger flapsig: Hauptautor der Studie, die gestern im Fachjournal Nature erschienen ist und in Wissenschaftskreisen nun wohl genauso einschlägt wie vor 13 Jahren die Entdeckung der Neandertal-DNA.

Bis jetzt ging man davon aus, dass drei Gruppen von sogenannten Hominen vor Urzeiten aus Afrika nach Asien und Europa auswanderten. Krause schnappt sich beim Gespräch auf der Terrasse des MPI den Notizblock, zeichnet drei Linien aufs Blatt, um zu veranschaulichen. Der Homo erectus verließ demnach vor zwei Millionen Jahren seine Heimat, der Neandertaler vor 500000 Jahren und der moderne Mensch vor 40000 Jahren. Das ist der alte Forschungsstand. Die vierte Linie zeichnet Krause nun zwischen Homo erectus und Neandertaler, sie markiert den Denisova-Menschen. Vor einer Million Jahre muss er nach Asien gewandert seien und sich damit von der Linie, die zum modernen Menschen führte, abgespalten haben. Das wäre der neue Forschungsstand.

In Leipzig soll nun die komplette Entschlüsselung des Denisova-Genoms beginnen. Es wäre das zweite spektakuläre Urmenschen-Genomprojekt weltweit. Das erste, die Entschlüsselung des Neandertalgenoms, findet zur Zeit ebenfalls am Leipziger MPI statt, in absehbarer Zeit sollen die Ergebnisse präsentiert werden. Dass Leipzig mit der neuen Entdeckung das weltweite Zentrum der Urmenschenforschung werden könnte, glaubt Krause nicht. „Das ist es ja schon längst“, sagt er. „ Allerdings können wir unsere Position auf diesem Gebiet jetzt weiter ausbauen.“

Der groß gewachsene und etwas schlaksige Wissenschaftler formuliert erst einmal vorsichtig. Schließlich stehe man erst am Anfang, er spricht deshalb auch von einer „neuen Menschenform“ anstatt einer „Menschenart“, von Hypothesen, nicht endgültigen Erkenntnissen, die es in der Wissenschaft aber sowieso nicht gibt. Nur halb im Scherz meint Krause dann, dass man „vielleicht ja auch den Yeti entdeckt“ habe.

Die plakative Formulierung braucht es nicht wirklich, die Entdeckung bietet auch so genügend Spektakuläres. Nicht nur die neue Menschenform, sondern auch die Erkenntnis einer bisher unbekannten Lebensgemeinschaft zum Beispiel. In der Nähe der Denisova-Höhle wurden nämlich auch schon Knochenreste von Neandertalern und Schmuckgegenstände von modernen Menschen ausgegraben. Das Alter des gefundenen Knochen, zwischen 48000 und 30000 Jahre, deutet darauf hin, dass eine Zeit lang in Sibirien drei Menschenformen nebeneinander gelebt haben. So eine Gemeinschaft „ist bisher nicht bekannt gewesen“, sagt Krause.

Im vergangenen Winter bekamen der Paläogenetiker Krause und Svante Pääbo, Leiter des Leipziger MPI, den Knochenfund von zwei russischen Archäologen zugesandt. Eine Kuppe des kleinen Fingers hatten die im Altei-Gebirge gefunden, 30 Milligramm schwer, wegen der sibirischen Kälte besonders gut erhalten. Krause hebt, als er davon erzählt, einen halben Kirschkern von der Erde, um Größe und Gewicht des Sensationsfundes zu veranschaulichen.

Damals gingen alle Beteiligten noch davon aus, dass es sich entweder um Knochen von Neandertalern oder eben Menschen handeln muss. Routine eben, immerhin hat Krauses Chef Pääbo schon an die 100 Neandertalknochen in seiner Forschungssammlung, Pääbo war es auch, der 1997 entdeckte, dass der moderne Mensch nicht vom Neandertaler abstammt. Routiniert verliefen dann auch die ersten Analysen des Knochenstücks, bis es eines Abends etwas länger dauerte. Fast schockartig stellte Krause damals fest, dass es sich diesmal ganz und gar nicht um Routine handelt. Die sogenannte Mitochondrial-DNA des Fundes wich im Vergleich zum Neandertaler auf ungefähr doppelt so vielen Positionen von denen des modernen Menschen ab. Die Mitochondrial-DNA stellt nur einen Bruchteil der Erbinformation des Organismus dar, lässt sich genetisch jedoch besonders gut bestimmen. Damals fielen das erste Mal die Worte von der neuen Menschenform.

„Damit hat bei uns keiner gerechnet“, sagt Krause, der seitdem viel Arbeit hatte. Der Weg bis zur gestrigen Veröffentlichung glich einem Wettlauf, wenn auch ohne direkte Gegner. Sensationsnachrichten lassen auch in der Wissenschaft nicht gerne auf sich warten. Am Anfang habe Krause „noch etwas ungläubig“ vor den Analyseergebnissen gesessen, und deshalb auch sehr viel Arbeit in die Überprüfung gesetzt. Durchschnittlich 150 Mal wurde jedes Basenpaar bestimmt, insgesamt 16500 sind bisher untersucht. „Erkenntnisse, die auf dieser Grundlage beruhen, können als sicher gelten, die wird niemand anzweifeln können“, sagt Krause.

Nun reichen 16000 Basenpaare für erste Hypothesen, die richtig harte Arbeit steht aber noch bevor. 3,2 Milliarden Bausteine sind insgesamt zu sequenzieren, erst dann kann die komplette Entschlüsselung bekannt gegeben werden. Es ist zunächst vor allem eine technische Herausforderung, denn die Sequenzierung übernehmen Hochleistungsmaschinen, die am Leipziger MPI bereitstehen. Sie wurden seinerzeit für die Entschlüsselung des Neandertalgenoms gekauft.

Überhaupt ist das Leipziger MPI durch dieses erste Genomprojekt gut gerüstet, auch das zweite schnell über die Bühne zu bringen. „Sicher ist die große Abteilung und die hervorragende technische Ausstattung ein Vorteil, um schnell Ergebnisse liefern zu können“, meint Krause. Als das Neandertalgenomprojekt vor fünf Jahren begann, war er der einzige Mitarbeiter im Projekt. Inzwischen arbeiten daran 30 Wissenschaftler in Leipzig, zusätzlich ein Dutzend Forschungsgruppen weltweit.

Schon bei der Untersuchung der Neandertalgene stand laut Krause die Frage im Vordergrund, was „den Menschen zum Menschen macht“, ihn vom Urmenschen unterscheidet. Wie hat sich Sprache entwickelt, ist da noch eine der abstrakteren Fragen. Wann und wie menschliche Krankheiten entstanden, eine der konkreteren. Dass es beim Neandertal-Genomprojekt darauf entscheidende Antworten gibt, ist im Institut kein Geheimnis, vor der Veröffentlichung der entsprechenden Studien kann sich Krause dazu freilich nicht äußern. Allerdings kann er sagen, dass sein neuer Fund Erkenntnisse bringen könnte, die eventuell noch tiefer gehen als die bisherigen. Der Blick reicht schlicht weiter zurück in die Vergangenheit, hat sich der Denisova-Mensch nach bisheriger Kenntnis ja wahrscheinlich vor doppelt so vielen Jahren wie der Neandertaler von der menschlichen Linie getrennt.

Zum Feiern fehlt dem gebürtigen Thüringer Krause gerade die Zeit, er verbringt die kommenden Tage wohl damit, mit Journalisten zu telefonieren. Bis zum Ende wird er die Entschlüsselung des Denisova-Menschen nicht begleiten. Gerade berät er über das Angebot einer renommierten süddeutschen Universität, noch in diesem Jahr eine Professur anzutreten, vermutlich würde er damit einer der jüngsten Professoren überhaupt in Deutschland. Wehmütig ist er nicht, dass seine Entdeckung wahrscheinlich ohne ihn weiter erforscht werden muss. „Die Arbeit in Leipzig war bisher eine schöne Herausforderung“, sagt er. „Aber jetzt freue ich mich auf neue Aufgaben.“

Sächsische Zeitung, Wissen, 24. März 2010


Flattr this

Advertisements

4 Antworten zu “Der neue Mensch aus Leipzig

  1. Pingback: Daisyworld » Blog Archive » news about the past

  2. Die Messestadt kann damit ihre Stellung als weltweites Zentrum der Urmenschen ausbauen.

  3. Pingback: Frau Klein during the week in the interweb | Frau Klein

  4. Pingback: Frau Klein im Internet during the week | kerstins kleiner blog

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s