Grünen-Missbrauch im Stadtrat

Auch Riesa hat jetzt seinen wohlverdienten Missbrauchsskandal. Die Grünen, sie fühlen sich missbracht, genauer, sie wähnen den Missbrauch ihres Stadtrats Thoralf Koß. Die NPD habe ihn missbraucht, heißt es. Vielleicht fange ich anders an: Zum Missbrauch gehören manchmal auch zwei. Nein, ich fange ganz anders an, die letzte These ist am Ende nicht haltbar.

Also, es ist wohl ein halbes Jahr her, da saß ich im Wohnzimmer des Stadtrates Koß. Wir redeten über die NPD, früher oder später reden wir immer über die NPD, wenn wir aufeinander treffen, es ist Koß‘ Lebensthema, mein Lebensabschnittsthema. Das Gespräch blieb mir in sympathischer Erinnerung, weil Koß zu Beginn dröhnend laut U2 auflegte, er brauche Musik zum entspannten Gespräch, erklärte er. Das Interview wurde dadurch etwas ungewöhnlich, ich musste heimlich die Anlage leiser drehen, während Koß Kaffee kochte, der später gut schmeckte.

An einer Stelle des Gesprächs waren wir uneinig. Koß sagte, er wolle progressiv mit der NPD umgehen, was auch hieße, dass er Stadtrats-Anträgen, die von der NPD kommen, aber trotzdem nicht dumm sind, zustimmen würde. Ich sagte damals sinngemäß, dass ich das anders sehe, und damit war gut, die Diskussion hatte ja eher akademischen Charakter. Bis zur vergangenen Woche.

Die NPD in Riesa kündigte an, einen Antrag zu stellen, dass die Aufwandsentschädigungen für Stadträte, rund 50 Euro im Monat, gekürzt werden sollen, um 20 Prozent. Die NPD stellt Anträge, Diäten und Bezüge zu kürzen, seit 1832 in jedem Parlament auf der ganzen Welt, ein arg durchschaubarer Propagandatrick. Gegenüber Kollegen formulierte ich dann die ernstgemeinte Voraussage, dass der Grüne Koß dem Antrag zustimmen wird, als einziger Stadtrat. Man glaubte mir nicht. Und ich hatte dann auch unrecht. Denn Koß stimmte zwar zu, aber die beiden FDP-Räte enthielten sich, was meiner Wahrsager-Karriere einen herben Dämpfer verpasst.

Koß, der mir grundsätzlich Sympathie abringt, konnte es dann nicht vermeiden, dass ich während des Stadtrats ein Geräusch absonderte, dass Außenstehende durchaus als „Alter Idiot“ interpretieren könnten. Am nächsten Tag feierte die NPD in einer Pressemitteilung die Entscheidung Koß‘, bei ihrem Antrag den rechten Arm zur Abstimmung zu heben. Er habe gezeigt, dass Lagergrenzen im Sinne des deutschen Volkes überwunden werden können.

Jetzt werden 15.000 Flugblätter ähnlichen Inhalts in der Stadt verteilt, zum Beispiel vor Schulen. Bei der letzten NPD-Flugblatt-Aktion vor dem Riesaer Gymnasium war ein Lehrer sehr engagiert, diese Aktion zu behindern: Der Grünen-Stadtrat Thoralf Koß. Wenn die Geschichte Treppen baut, wirds meistens lustig, man kennt das ja.

Und nun schreiben die Grünen, ihr Stadtrat wird von der NPD missbraucht. Ich muss leider widersprechen. Die NPD lud herzlich zum Missbrauch ein, und Koß ging hin. Sorry,eh.


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7 Antworten zu “Grünen-Missbrauch im Stadtrat

  1. Pff! Aber ja doch!
    Lese das, wie immer, mit einer Mischung aus Vergnügen und Kopfschütteln.

  2. und auch ich muss wieder sagen, dass was du da schreibst ist wirklich großes Kino, hat ne große Plattform verdient… freue mich schon aufs nächste Episödchen.

  3. Ich lass den aktuell-konkreten Fall mal außen vor, aber zu diesem Zitat…

    „An einer Stelle des Gesprächs waren wir uneinig. Koß sagte, er wolle progressiv mit der NPD umgehen, was auch hieße, dass er Stadtrats-Anträgen, die von der NPD kommen, aber trotzdem nicht dumm sind, zustimmen würde. Ich sagte damals sinngemäß, dass ich das anders sehe, und damit war gut“

    …würde ich doch gerne was sagen. Also ich hab höchsten Respekt vor einem gewählten Volksvertreter, der genau das macht, wofür ihn der Souverän in den Stadtrat gesetzt hat – die Interessen der Stadt und ihrer Bürger zu fördern – und dabei nicht im Lagerdenken gefangen bleibt. Die Diätensache deckt das jetzt nicht unbedingt ab, weil es tatsächlich eher plumper Populistenmüll ist, aber vom Prinzip her? Die Wahrscheinlichkeit ist nicht hoch, dass von der NPD was wirklich Nützliches jenseits von platter Propaganda kommt, aber gesetzt dem Fall, WENN? Stur ablehnen und eventuell der Stadt schaden, weil ja nicht sein kann, was nicht sein darf? Ich hab als Demokrat damit so meine Probleme…

  4. Wenn ein NPD-Mensch irgendwann mal die Wahrheit sagt, muss man dann wirklich immer widersprechen? Fänd ich blöd. Es spricht natürlich nix dagegen, darauf hinzuweisen, dass da eventuell unlautere Motive hinterstecken, aber _prinzipiell_ gegen jemandes Meinung zu sein, weil er NPD-Mitglied ist, wäre die Form von Diskriminierung, die wir denen doch lieber als Alleinstellungsmerkmal überlassen sollten.

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  7. Na sowas, wie’s scheint, lese ich noch nicht lange genug den Blog – da ist mir dieser Artikel über mich glattweg entgangen.
    Darum hier der Versuch einer kurzen Klarstellung.
    Zuvor aber am Rande: Ich habe übrigens den liebevoll gekochten Kaffee mit Herrn Trappe ebenfalls genossen und mich gewundert, warum U2, die Pop-Moralisten Par Excellence, plötzlich so „klienlaut“ geworden waren. Jetzt ist’s klar: Der Trappe hat sich heimlich in meiner Abwesenheit an meine Anlage geschlichen und an ihr rumgespielt. Ja, ja – diese vertrauensvollen Journalisten 😉
    Doch jetzt zum ernsten Thema:
    Bevor es zu meinem Abstimmungsverhalten kam, hatte ich im Vorfeld – ich weiß noch genau, wann es war, nämlich zu meinem Geburtstag am 1. März – mit Frau Töpfer gesprochen und darum gebeten, etwas gegen den lange zuvor angekündigten Antrag der NPD zu unternehmen. Irgendein Gegenantrag, der ein ähnliches Ziel verfolgt. Aber es kam nichts.
    Dann habe ich mit meiner Tochter gesprochen, die zurzeit in Finnland studiert – und die sagte zu mir: „Vati, dein Leben lang hast du aus Überzeugung gehandelt. Das solltest du auch jetzt tun.“ Und sie hatte recht.
    Darum habe ich, bevor es zur Abstimmung kam (und was in diesem Blog etwas unterschlagen wird), einen Redebeitrag zu meinem Abstimmungsverhalten geleistet, in dem ich meine Abscheu der Partei gegenüber zum Ausdruck brachte und von dem Dilemma sprach, in dem wir uns befinden, weil staatliche Stellen zu „doof“ sind, die Partei zu verbieten und sie statt dessen in Sachsen mit 12 Mio. € fördern. Ein Unding für mich nach wie vor.
    Als Demokrat aber muss ich einen Sachantrag immer auf seinen Gehalt überprüfen. Darum geriet ich in diese desaströse Situation – für die im Grunde Andere verantwortlich sind.
    Die NPD hat mich nicht missbraucht … und ich bin auch nicht auf sie reingefallen! Im Grunde wollte ich nur ein Zeichen setzen, in welche Gefahr uns diese Rechtsradikalen bringen können, so lange man ihnen in unserer Demokratie derartige Spielräume (Stadt-, Kreis- und Landtag) zugesteht.
    Wehrhafte Demokratie finde ich, sieht anders aus!
    Für mich nach wie vor ein Dilemma, besonders weil wir die NPD nicht demokratisch bekämpfen können, so lange wir sie als demokratisch gewählte Partei zulassen und auch noch mit Unsummen von Steuergeldern fördern! Hier läuft in der deutschen Demokratie ernsthaft was schief.

    Huch, dieser „Rechtfertigungs“-Beitrag ist doch etwas länger geworden – na ja, ist ja auch ein schrecklich ernsthaftes Thema – meint zumindest der dauerhafte Kämpfer gegen Rechts … Thoralf Koß

    PS: Und jetzt höre ich nicht U2, sondern Konstantin Wecker … erst „Sage nein!“ und dann „Die weiße Rose“! (Obwohl mich der Wecker auch maßlos enttäuscht hat bei seinem Stimmverhalten gegenüber Gauck!)

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