Narren ohne Sicht

Vielleicht ist das Blog der richtige Ort dafür, das mal klarzustellen: Stadträte sind nicht per se korrupt. Nun ist es raus. Ich hoffe, das liest auch die Frau des Stadtrates, die mich bat, das mal in der Zeitung ganz unprätentiös und vor allem ohne Anlass zu vermelden. Vorausgegangen war dem Ganzen eine klitzefitzekleine Meldung darüber, dass der Stadtrat eine Baumaßnahme vergeben hat, und dass die begünstigte Firma einem Stadtrat gehört. „Was sollen die Leute denn denken?“, fragte die Frau. Und ich wiederhole hier: Nein, er ist nicht korrupt.

Weiterhin eine Neuigkeit aus dem Riesaer Vereinsleben. Hier gibt es erhebliche Fortschritte bei der Überwindung der Rassentrennung, sie scheint sogar fast gänzlich überwunden. So jedenfalls interpretierte ich die Satzung eines neu gegründeten Vereins, in der neben der konfessionellen und weltanschaulichen Neutralität auch festgeschrieben steht, dass man „rassisch neutral“ sei. Erschließt sich freilich nicht auf den ersten Blick, wie das gemeint ist, auf den zweiten allerdings auch nicht. Irgendwie unglücklich progressiv, würde ich das diffuse Gefühl mal umschreiben, das sich da beim Stöbern aufdrängt.*

Lange war an dieser Stelle nicht mehr die Rede vom beliebten Stadtrat Dr. Arzt, der sich aber förmlich um eine Erwähnung beworben hat. Sauer stieß ihm nämlich in einer Stadtratssitzung auf, dass ein Mensch aus dem Meißner Landratsamt, „den ich nicht einmal kenne“, sich wieder einmal erdreistete, mit mir, der Presse, zu sprechen. Besagter Rechtsaufseher bestätigte mir nämlich auf Anfrage, was ich auch schon vorher wusste, nämlich, dass er das Haushaltssanierungskonzept der Stadt Riesa nicht so toll findet. Er hielt sich bei der Wortwahl aber im sehr höflichen Rahmen, rassisch neutral, könnte man es vielleicht formulieren. Das stand dann so in der Zeitung, was Dr. Arzt missfiel. Er bat die Frau Oberbürgermeisterin, beim Landrat zu opponieren, dass dieser dann den untergebenen Rechtsaufseher diszipliniere. Da könnt ja am Ende jeder was sagen.

Etwas robuster ging es ein paar Tage später am örtlichen Gericht zu. Hier bedrohte ein Kutscher die anwesende Presse, also mich, deutlich wenn auch undetailliert: „Pass auf, was du schreibst, sonst…“ kündigte er an. Verhandelt wurde ein Kutschunfall, vor einem Jahr passierte er im Rahmen des traditionell beliebten Karnevalsumzug im bekanntlich sehr schönen Strehla bei Riesa. Juristisch wurde das, weil ein Teil der Kutschfahrt über den Hals eines Sechsjährigen führte (ich schreibe das hier so ungezwungen, weil dem Kind dabei wunderbarerweise nichts passierte).

Die Anwältin des Karnevalsverein, von der ich ruhigen Gewissens behaupte, dass sie eine gute Schlamm-Catcherin abgeben würde, hatte eine gewagte, am Ende aber erfolgreiche Linie. In ihrer Verteidigungs-Bütt wies sie mehrmals daraufhin, dass man auf so einer Kutsche halt nichts sehe, dann sei es an den Kindern, zu schauen, was da so zwischen den Bonbons langreitet. Zur empirischen Untermauerung ihrer These hielt sie sich einen Aktenordner vor die Augen und bellte ins Publikum, dass man auf einer Kutsche genauso wenig sehe. Im Übrigen sei die Stadtverwaltung schuld. Es ging übrigens um 250 Euro Schmerzensgeld für das Kind. So ein Karnevalsverein muss ja auch haushalten.

*Nachtrag: Wie ich gerade erfuhr, ist der Begriff „rassisch neutral“ eine Vorgabe des Landessportbundes. Oder so. Also keine Riesaer Spezialität. Aber trotzdem!


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4 Antworten zu “Narren ohne Sicht

  1. „Rassisch neutral“ scheint irgendwie eine recht gängige Formulierung zu sein, auch wenn ich sie vorher noch nie gehört habe. Amtsdeutsch?

  2. „…dass sie eine gute Schlamm-Catcherin abgeben würde…“.

    Hahaha. Danke für diesen mir bisher noch nicht geläufigen Vergleich!

  3. Hallo Thomas, Katja hat mir den Blog empfohlen, wir waren vor einem knappen Jahr mal im U Fleku ein Bier trinken und ich wollt nur mal kurz loben, finds wirklich unwahrscheinlich lesenswert und unterhaltsam, wenn auch erschreckend… Danke!

  4. Hallo Herr Trappe,
    gerade habe ich erfahren, dass die von Ihnen doch recht unschön als „Schlamm-Catcherin“ bezeichnete Rechtsanwältin, genau die Anwältin ist, die mich bereits dreimal erfolgreich bei einem Rechtsstreit vertreten hat. Gerade ihre unglaublich sachliche Art und ihr ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden haben mich bei jedem Prozess extrem beeindruckt.
    Warum schreibe ich das?
    Vielleicht um darauf hinzuweisen, dass es bei dem Prozess aus meiner Sicht nicht in erster Linie um das Schmerzensgeld ging, sondern darum, wer im Recht und wer im Unrecht ist. Ich glaube, dass, auch wenn er sich Ihnen gegenüber unmöglich benommen hat, der Kutscher im Recht ist, die Mutter aber im Unrecht. Denn wäre sie ihrer Aufsichtspflicht gewissenhaft nachgekommen, hätte der Unfall vermieden werden können.
    Noch viel zu oft erlebe ich als Lehrer, dass gerade Eltern, die den wichtigsten Teil im Leben ihrer Kinder zu verantworten haben, dieser Aufsichtspflicht nicht immer nachkommen. Einige denken sogar, die Schule könne das ausbügeln, was sie zuhause falsch machen.
    Der Unfall ist also für mich ein Ergebnis von einer durch die Mutter vernachlässigten Aufsichtspflicht. Und hätte der Kutscher die Schuld übertragen bekommen, obwohl er sich nichts zuschulden kommen ließ, wäre das für seine weitere Zukunft als Kutscher wahrscheinlich ziemlich verhängnisvoll geworden.
    Und so habe ich sogar hier die Chance, der Anwältin, die für mich niemals „Schlamm-Catcherin“ war, sondern immer Schutzengel von ganzem Herzen zu danken!

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