Heimat Oberland

„Alles Ochsen“, sagt der Fahrer. Wir schlängeln uns jetzt schon eine Stunde durch dieses Land. Oberland, Niederschlesien. Mit der Christianisierung sei es hier noch nicht so weit her, sagt der Mann, der NPD-Aussteiger betreut. Ochsen und Böcke, alle. Einmal sei es bei einer Stadtratssitzung um die Hundesteuer gegangen, er hatte Angst, dass es zu Lynchmord kommt. Sehr speziell hier, sagt er, aber ich liebe es, ergänzt er. Er sei Oberlandbotschafter.

Oberland

Die Dörfer in der Ecke zwischen Bischofswerda und Zittau sind Schläuche. Das Dorf Oderwitz hat wohl die Ausdehnung von Görlitz, liegt aber streng versammelt an der Hauptstraße. Einen Spaziergang durchs Dorf sollte man hier nicht tun, man käme nie an. Außerdem ist Niederoderwitz mit Oberoderwitz verfeindet, im ersten Ortsteil dominieren die Rechten, im anderen die Linken. Da wird mal fein gedroschen, wenn man sich vermischt, wird erzählt. Früher traf man sich im „Stern“, der ist jetzt zu. Was macht man hier als Jugendlicher, frage ich? Tja, höre ich. Man geht. Oder man bleibt.

***

Würde man mit vorgehaltener Waffe gezwungen (was der Polizeipräsenz in der Region nach zu urteilen nicht selten vorkommt), etwas Großstädtisches am Oberland zu benennen, man käme wohl nicht darum herum zu sagen, dass die Spree durch die Gegend fließt. Wir fahren vorbei an der Wasserscheide. Hinter uns, das fließt in die Nordsee, vor uns, das fließt in die Ostsee. Rechts von uns liegt Tschechien, links von uns liegt Polen. Jenseitig hier im Grenzland, fast jeder Blick weist einen darauf hin, dass man hier weg kann. Muss?

***

Wir fahren an einem Schützenhaus vorbei, es liegt linksschläuchig. Ein Adler an der Wand blickt aggressiv. Die Frage, ob sich hier die Nazis treffen, denke ich, stelle sie aber nicht. Ich halte sie für dämlich und klischeehaft. Ein wenig Schweigen, dann fragt der Fahrer mich, ob ich das Schützenhaus mit dem Adler gesehen habe? Ich bejahe. „Dort treffen sich die Nazis.“ Ach ja, interessant, sage ich.

***

Die Feuerwehr ist hier der wichtigste Verein. Mein Begleiter ist nicht in der Feuerwehr, im Dorf ist er deswegen nichts, erzählt er. Kameradschaft geht hier über alles, bei der Feuerwehr und bei den freien Rechten. Es ist vielleicht wie mit der Wasserscheide. Die einen verprügeln kameradschaftlich, die anderen löschen kameradschaftlich, je nachdem, wo man herkommt. Das Bier gibt’s in einem Fall vorher, im anderen nachher. Kameradschaft geht mir über alles, sagt mir der NPD-Aussteiger später, der jetzt bei der Feuerwehr ist. Mein Begleiter sagt, er sei für die Aussteiger „der Führer“. Die brauchen das, sagt er.

Zittau

In Zittau gibt es ein Vereinshaus, das gehört den Nazis, man vernagelte hier die Fenster und ist schön unter sich. Reinzugehen, davon rät man mir ab. Mein Begleiter zeigt auf Eltern mit Kinderwagen, unscheinbar. Sei ein stadtbekannter Nazi, der Papa. Er hat eine neue Weise gefunden, Nazi-Nachwuchs zu rekrutieren. Er zeugt ihn.

***

Zittau wurde offenbar nie zerbombt, es sieht hier daher sehr undeutsch aus. Ich denke immer häufiger an Transsylvanien. Es ist nach sechs, die Geschäfte schließen. Meine Suche nach etwas zu Essen eskaliert, ich gehe in eine Gaststätte. Der Laden hat gerade vor zwei Wochen geöffnet, ich bestelle Krautroulade. Viel zu viel Fleisch, viel zu viel Kraut, zu viel Sahne. Ungarische Küche. Der Kellner ist zu gut zu mir. Es gibt heute Studentenrabatt, sagt er. Ich bin kein Student, sage ich. Irgendein Ausweis reicht, sagt er. Ich denke an die Sturheit, auf die mich mein Begleiter hinwies. Ich überlege, ob ich den Kellner frage, ob er auch die Bahncard als Rabattschein akzeptieren würde? Und lasse es, denn ich glaube, er würde akzeptieren. Ich verspreche ihm, den Laden weiter zu empfehlen, treffe aber auf dem Weg in die Pension keinen Menschen mehr, dem ich etwas empfehlen kann.

Bischofswerda

Am China-Imbiss weint ein Mädchen. Es weinte schon, bevor ich kam. Ich gucke es an, es guckt zurück, leer. Die Eltern trinken Kaffee, dem Kind ist eine Bockwurst zugeordnet. Der Vater weist die Kleine darauf hin, dass ihr Fuß schief steht. Er zieht ihn gerade. Das Kind weint noch deutlicher. Die Mutter sagt zum Vater, das Kind sei unmöglich. Das Kind steht gerade und weint, die Mutter fragt das Kind, warum es so sei? Fuß gerade, sonst ist dein Kakao Asche, sagt die Mutter. Das Kind weint weiter, die Mutter lacht es aus, lässt sich den Kakao schmecken, jetzt ist er weg. Sie lacht das Kind weiter aus, sehr dreckig. Sagt dem Kind, dass der Gips gleich wieder dran komme, wenn sie nicht aufhört, so zu sein. Manche Menschen glauben nicht, dass Kinder verzweifelt sein können. Ich gehe, das Kind guckt mir hinterher. Der Zug nach Dresden wird sie nicht mitnehmen, nur mich. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie sich der Vater die Bockwurst des Kindes schnappt. Er hat offenbar Hunger.

***

Ich lege meine Jacke auf den Sitz gegenüber, eine Regionalbahn mit diesen knietiefen Fenstern. Ein schätzungsweiser Zwanzigjähriger setzt sich gegenüber, streng bemüht, an mir vorbei zu schauen, und zwar finster. Er setzt sich auf die Jacke. Ich ziehe sie weg, will nicht, dass er drauf sitzt. Ich ziehe, er bewegt sich nicht, weder Auge noch Arsch. Er ist stur. Ich ziehe fester, habe die Jacke schließlich unter ihm weggezerrt. Er starrt weiter geradeaus. Ich schlage den Laptop auf und fange an zu schreiben: „Alles Ochsen“.

Nachtrag: Mehrere Zittauer wiesen mich darauf hin, dass ich in etwas irre. Zittau gehört nicht mehr zum Oberland, nur Oderwitz und Reste. Ich bitte den Fehler zu entschuldigen.

10 Antworten zu “Heimat Oberland

  1. Ich kann es als Zittauer nicht lassen, darauf hinzuweisen, dass die Menschen dort zwar gewöhnungsbedürftig und Hartz-IV-gezeichnet, die Stadt und Landschaft aber unbedingt eine Wochenendreise wert sind.

  2. Mark, da hast du vollkommen recht, ich hätte wirklich auf die landschaftliche Schönheit eingehen können. Ich kann Menschen leider besser als Landschaft beschreiben. Und die sind ja auch nicht alle so!

  3. Als ursprüngliche Zittauerin und interessierte Leserin dieser wunderbar sarkastisch anmutenden Artikel möchte ich mich nun auch einmal zu Wort melden. Mich hat der Artikel sehr angesprochen, besonders der durchaus poetische Abschnitt über Bischofswerda. Nun möchte ich jedoch zwei Dinge anmerken: Zum einen fehlen mir in der Darstellung über die Region die ebenso vorhandenen schönen und überraschenden Gegensätze zur verarmten und verlassenen Milieutypik, zum anderen bestehe ich darauf, dass die Region NICHT Oberland, sondern Oberlausitz heißt. Dafür stehe ich mit meinem Namen.
    Und noch was: Woas sull oack warn?

  4. Symphatischer Artikel, aber kleiner geographischer Hinweis: Als Oberlausitzer liegt für mich keiner der beschriebenen Orte im Oberland. Das Oberland ist für mich die Gegend um Neusalza und Ebersbach. Oder- (nieder- und ober-) witz zählen da auch nicht dazu. Mit Niederschlesien hat die ledigliche die nördliche Oberlausitz zu tun, insofern, als das sie von Preußen Niederschlesien per Verwaltungsreform zugeschlagen wurde. Kulturell empfinde ich aber Niederschlesien und die Oberlausitz als zwei paar Schuh (weswegen mir die Niederschlesische Oberlausitz schon immer suspekt war 😉

  5. Ok, ich korrigiere mich mal… Oderwitz zählt laut Wikipedia auch zum Oberland. Sowas…

  6. Moin,

    wieder ein schön zu lesender Artikel aus dem Osten der Republik, danke dafür!

    Generell muss man wohl einfach akzeptieren das Menschen eben Menschen sind und desöfteren komische oder auch erschreckende Sachen machen. Aber die Episode mit dem weinenden Mädchen bringt mich auf die Palme. Das hätte sofort und unvermittelt Ärger mit mir gegeben, richtig üblen Ärger. Kinder können nicht nur verzweifelt sein, Kinder können daran zerbrechen. Das geht ganz schnell.

    Generell und nicht an den Verfasser adressiert:
    In einigen Jahren – nachdem ein solchermaßen misshandeltes Kind zur „verbogenen“ Jugendlichen geworden ist – kräht die Gesellschaft, wettert (geifert?) gegen die verderbte Jugend. Dass aber zum Schutz des Kindes mal der Mund aufgemacht wird, das ist dann wohl doch zuviel erwartet… oder wie, oder was?

    Das, Herr Trappe, war für mich die Gruselgeschichte des Tages.

  7. Tobias Schilling

    Dass du keinen Abstecher nach Bautzen gemacht hast und ich dich folglich nicht auf einen Kaffee einladen konnte, nehme ich dir schwer übel. ansonsten toll. beste grüße tobias (schilling)

  8. Marc, das Deprimierende ist, dass es (von der eigenen Seelenhygiene vielleicht abgesehen) nichts bringt, „in solchen Fällen den Mund aufzumachen“. Niemand lässt sich gern in die Erziehung seiner Kinder hineinreden, solche Eltern schon gar nicht. Am Ende muss wieder das Kind es ausbaden. Man kann nur seine ohnmächtige Wut hinunterschlucken und versuchen, seine eigenen Kinder besser zu behandeln.

    • Moin Moin,

      es führt sicherlich zu weit und hat mit dem Thema nichts zu tun. Nichtsdestotrotz würde ich niemals die Klappe halten. Eine wirkliche, langfristig wirkende Hilfe wäre z.B. sicherlich eine Art Familienhilfe, Personen, die zwei-/dreimal wöchentlich schauen wie es läuft und vor allem Hilfestellung geben. Nicht anbieten sondern aktiv geben. Aber wie eingangs geschrieben, das führt dann doch zu weit weg von Thema.

      Beste Grüße
      Marc

  9. Wie Tobias (Schilling) schon richtig bemerkte – Bautzen, nicht ganz so schlauchartig, dafür umso schöner, fehlt!

    Grüße

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s