Die guten alten Gutmenschen

Kürzlich war der liebe sächsische Ministerpräsident Tillich (CDU) zu Besuch in Riesa. Was die Pressestelle des Riesaer Rathauses dazu verführte, den Grünen-Stadtrat Thoralf Koß vorzuführen. Ein eher ungewöhnliches Verhalten für die Pressestelle, die zwar auch sonst gegenüber mir nicht um launige Worte verlegen ist, sich sonst aber eher amtlich-dezent im Hintergrund hält.

Es ist wie folgt. Tillich besuchte die Ausstellung der Deutschen Bahn, „Sonderzüge in den Tod“, in der sich das Unternehmen mit seiner Rolle als Holocaust-Transportunternehmen beschäftigt. Anwesend war auch Koß, der sich während der Veranstaltung in einen etwas, um noch als Diskussion durchzugehen, zu lauten Wortwechsel mit dem ebenfalls anwesenden Riesaer Landtagsabgeordneten Geert Mackenroth (CDU, Klodeckelaffäre) verwickeln ließ. Koß vertrat die These, Riesa engagiere sich zu wenig gegen die NPD-Zeitung „Deutsche Stimme“, die bekanntlich in Riesa ihren Sitz hat. Geert Mackenroth sah das anders, was er durch heftiges Kopfschütteln, lauten Protest und sogar Empörung gestikulierte. Für Riesa-Neulinge recht spannend, für Checker wie mich Routine.

Auf riesa.de stellte sich die Szene dann so dar: „Grünen-Stadtrat Thoralf Koß erntete für seine Darstellung, Riesa stünde im Kampf gegen Rechts vor einem Scherbenhaufen, viel Kopfschütteln und sogar Empörung und lauten Protest. Gerade das Engagement der Anwesenden aus allen Altersgruppen strafe seine Worte Lügen, wurde ihm von mehreren Gesprächsteilnehmern geantwortet“ – zum Beispiel vor allem von Geert Mackenroth. Die Pressemitteilung erhält besonderen Charme, bedenkt man, dass im Sommer in Riesa Oberbürgermeisterwahlen sind und Koß gegen die Amtsinhaberin (CDU) kandidiert.

Noch charmanter war allerdings das Schreiben, mit dem Koß und alle anderen zur Veranstaltung eingeladen wurden. Es ging dort auch explizit um die sympathische NPD, deren Bemühen, in der Mitte der Gesellschaft Fuß zu fassen, folgendermaßen wiedergegeben wurde: Die Rechten gäben sich als „Gutmenschen“. Nun bin ich, seit ich selbst in der Süddeutschen schon das Wort „Volkszorn“ gelesen habe, ja einiges gewöhnt. Ein wenig irritiert war ich dann aber schon, zu dieser Veranstaltung mit einem von Goebbels etablierten Wort eingeladen zu werden. Jener Begriff, von dem ich glaubte, dass er heute nur noch von den Deppen beim Rassistenblog Political Incorrect und von der Pöbel-Kugel Henryk M. Broder gerülpst wird.

Aber wenn die Mauern eingerissen sind, kann ich ja auch gleich mal eine schöne entartete Kulturveranstaltung im Riesaer Museum ankündigen. Die Riesaer Katzenbuchautorin Renate Preuß will sich an Herta Müller vergehen, in Abwesenheit (Herta Müllers, leider). Sie will das literarische Anliegen Müllers „an Textbeispielen“ erklären, wird gedroht. Gewisse Anlässe zwingen förmlich zu der journalistischen Verzweiflungs-Überschrift: „Na dann, Prost!“

An dieser Stelle möchte ich auf die heutige Ausgabe der Riesaer Sächsischen Zeitung verweisen, die innovativen Verbraucherjournalismus bietet, nämlich den großen SZ-Eierscheckentest, Idee und Ausführung in Kooperation mit dem Kollegen Reuther. Gesucht und gefunden wurde die beste Eierschecke Riesas. Leider beruhte das Ganze aber auf einem Missverständnis (was das publizistische Ergebnis nicht schmälert).

Bei einem Ausflug nach Strehla gönnten Kollege und ich uns kürzlich je eine „Leutewitzer Eierschecke“, ein ausgesprochen lecker Ding. Da es meine erste Eierschecke der ganzen Welt war, wurde ich zu der irrigen Annahme verleitet, derart schmecke jede Eierschecke und ein Test sei lohnend und genussvoll. But it’s Blödsinn. Nachdem die Wogen um dieses spektakuläre journalistische Experiment in Riesa nun langsam geglättet sein müssten, kann ich es ja zugeben. Ich finde Eierschecke einigermaßen unlecker und werde sie nach diesem Test nie wieder essen. Es sei denn, es ist eine Leutewitzer Eierschecke.

Neben der Schecke bestimmt natürlich auch der Neonaziaufmarsch in Dresden die heute erschienenen Medien, deshalb hier ein kurzer Zapp zum Heimatsender MDR. Eine bedrohlich schauende Marschmasse mit menschenverachtender Musik ist zu sehen, begleitet von tumbem Grölvolk. Was in Dresden los ist, weiß ich jetzt aber immer noch nicht, vielleicht kommt ja nach dieser Karnevalsumzug-Liveübertragung was zum Thema.

Karnevalshochburg in der Region Riesa ist übrigens das ja hier schon wiederholt eingeführte Strehla. Strehla bei Riesa, strukturstarke Region! Nahm in der sympathischen Kleinstadt kürzlich an einer Stadtratssitzung teil. Erstmals in meinem an Gemeinderatssitzungen nicht armen Leben durfte ich es hier sehen, dass man sich während der Sitzung fleißig einschenkt. Hasseröder für die bodenständigen, Wernesgrüner für die spätrömisch-dekadenten Stadträte.

Ja, selbst in meinen Lehrjahren auf Sylt, wo man auch auf so einiges gefasst sein muss, hatte ich das so nicht erlebt. Auch nicht, dass der Bürgermeister in der Begrüßung darauf hinweist, man werde sich heute beim Abstimmen bitte kurz halten, es sei schließlich Weiberfastnacht. Oder dass ein Stadtrat schon in der offiziellen Karnevalsvereinstracht zur Sitzung erscheint. Das Bier steht hier nicht im Zusammenhang, man trinke das zu jeder Sitzung, wurde mir danach erklärt. Vielleicht erklärt sich daraus die leicht schnippische Aussage der Amtsleiterin, man werde „mal schauen“, welche öffentlichen Beratungsvorlagen man der Presse zur Verfügung stellen möchte.

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12 Antworten zu “Die guten alten Gutmenschen

  1. Du hattest vorher noch nie Eierschecke gegessen?!

  2. Nö, vorher nicht, nachher nicht!

  3. Die glauben jetzt bestimmt, Du seist ein Wessi 🙂

  4. Wie wird man denn gewahr, welche heute
    gebräuchlichen und unverfänglich klingenden Wörter eine nationalsozialistische Genese haben? Muß man sich erst Klemperers LTI anlesen, ehe man sich unverfänglich äußern kann?

  5. @elbnymphe: vielleicht bin ich da zu sensibel. aber ich denke, wenn es um dieses thema geht, sollte man sich in verantwortlicher position schon wenigstens mit den wichtigsten unwörtern auseinandersetzen, und zu denen zähle ich „gutmensch“.

    • Keinesfalls! Ich teile ja Ihre Meinung, daß man in sprachlicher Hinsicht nicht sensibel genug sein kann (schließlich sind, laut Wittgenstein die Grenzen meiner Sprache die Grenzen meiner Welt – möchte man also ein weltoffener Mensch sein, sollte man sich seiner Terminologie bewußt sein).

      Dennoch, meine Frage zielte eher darauf ab, woher Sie um die Geschichte des Wortes Gutmensch wußten (welches, ich, wie viele Medien, bis dato völlig unkritisch gebraucht hätte). Was sind Ihre Quellen, wie informieren Sie sich?

      Und: Wie kann es sein, daß sich ein Wort mit einer solcherart belasteten Geschichte so lustig in den heutigen Medien ausbreiten kann?

  6. @Elbnymphe: Ich hab das Problem, dass ich oft in rechten und ultrarechten Foren stöbere und mir da die Häufung gewisser Worte, wie zum Beispiel Gutmensch, auffällt. Das macht es verdächtig, und WIkipedia gibt dem den ganzen Rest. Außerdem hatte ich einen guten Geschichtslehrer:) Dass sich das Wort so verbreitet: Böser Wille oder Faulheit derer, die es hinschmieren? Ich weiß es leider auch nicht letztgültig.

    • Ist es da nicht herrlich ironisch, daß „Mensch“ bzw. „mentsh“ im Jiddischen eine integre, ehrbare Person meint? Da setzt diese Sprache mittels eines deutschen Lehnworts den Nazi-Vokabeln so ganz unaufgeregt ein schönes Menschenbild entgegen …

  7. Ergänzung: Ich hatte mal eine Kollegin, die fröhlich von der Endlösung der Judenfrage schrieb, ohne Anführung wohlgemerkt. Meine Kritik kommentierte sie damit, dass es doch eine Endlösung gewesen war. Zum Beispiel.

  8. Alter Nihilist

    Sehr feine Texte hier!
    (Schade, das V. K. es nicht mehr schaffte, die LTQ zu schreiben…)
    Gruss aus Berlin
    Michael

  9. Ich möchte mich an dieser Stelle doch ganz herzlich dafür bedanken, dass endlich einmal klar gestellt wird, dass der Kampf unserer Oberbürgermeisterin und jetzigen OB-Kandidatin gegen die „Deutsche Stimme“ und die NPD in Riesa, einem Phoenix aus der Asche gleichend, plötzlich so kurz vor der OB-Wahl ausbricht.
    Die vorherigen sechseinhalb Jahre ihrer Amtszeit nutzte sie nämlich dazu, mich als öffentlichen Kritiker der Riesaer NPD-Zustände zu bekämpfen, da sie sich gemeinsam mit ihrer CDU-Chefin Reinacher und vielen ihrer Parteifreunde auf’s Verschweigen dieses Problems festgelegt hatte.
    Da wurden eher solche Leute wie ich als rufschädigend betrachtet – Unglaublich, aber wahr!!!
    Das kann man übrigens auch in der Sächsischen Zeitung nachlesen, als Frau Töpfer Anzeige gegen Unbekannt wegen Verleumndung erstattete, weil jemand (Ich – und zwar als damaliger Ausländerbeauftragter des Landkreises Riesa-Großenhain.) der Stadt unterstellt hatte, dass ihr Schweigen die NPD unterstützt und eine Form der friedlichen Koexistenz mit der NPD in Riesa sei!
    Wie sich die Zeiten doch so kurz vor der Oberbürgermeisterwahl ändern!

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