Zu viel Kabelfernsehen

Heute etwas Sprachkunde, ein neuer Kollege bat mich irgendwie darum. Gut, wenn der Herr Redakteur es so will, ist Riesa also das finnische Wort für „Ärgernis“. Tatsächlich war es mir neu, und sicher gibt es auch durchaus Sprachen, in denen Riesa „Pflaumenkuchen“ oder gar „Kinderglucksen“ heißt. Für Einsendungen aller Art bin ich dankbar.

Überhaupt das Sprachkundliche, es erregt illustre Debatten. So wie jene in einem Ausschuss des Riesaer Stadtrates, in dem sich eine Rätin fragte, was denn bitte die Wörter „Pfundreising“ und „Supervision“ (bitte zusätzlich sächselnd lesen) bedeuten sollen? Woraufhin dem Wissenserwerb nicht abgeneigter Zuhörer von gelehrter Verwaltungsstelle erfuhr, dass das Englisch sei für Spendensammeln und, ja, Supervision.

Ein ehemaliger Bankdirektor wiederum bat mich, über eine Stiftung zu schreiben und wies mich anschließend darauf hin, dass ihm das Wort „Stiftungsarbeit“, das ich da zu verwenden gedenke, etwas unangebracht sei. Wenn die Leute das lesen, denken Sie nur wieder, es ginge ums Geldverdienen, meinte er, überhaupt sei das unangebracht, irgendwie ein unanständiges Wort, so der ehemalige Bankdirektor.

Besagter Mann führt mich jetzt zu einem Thema, dass hier ruhig einmal angeschnitten werden soll: Kabelfernsehen. Er traf da eine durchaus in meinem journalistischen Stolz wuchernde Wunde, die in meinem Berichterstattungsgebiet vielleicht etwas zu häufig „stattfindende“, wie man so schön klagt, Thematik des kaputten Kabelfernsehens.

Ich schrieb schon über Nazis, außer Kontrolle geratene Schriftstellerinnen, Spekulationsgeschäfte des Rathauses, Rockerbanden, tote Elbe; doch nie erhielt ich so viele Anrufe wie dann, wenn ich darüber informierte, dass Sat1 oder so in ganz Riesa kaputt sei. Bei mir auch, scheiß Staat, früher besser und derart schreit es dann immer hilflos und x-fach durchs Telefon, eine sich automatisch fortsetzende Endlosgeschichte. Einmal war’s kurios und ein Mann beschwerte sich, bei ihm ginge Arte nicht. War aber nur einmal.

Nun ja, jedenfalls wies mich der ehemalige Bankdirektor darauf hin, dass jetzt aber mal gut sei mit Kabelfernsehen, jetzt solle hier vor Ort zünftig über seine Stiftung berichtet werden. Schließlich sei das mit dem TV eh etwas, was „denen dann von Hartz IV bezahlt wird“. Zur Häufigkeit des Kabelfernseh-Berichterstattung hatten wir damit ein ähnliches Urteil, wir näherten uns diesem aber aus vollkommen unterschiedlichen Richtungen.

Die Punks zu Besuch bei der Stadtratssitzung hingegen kannten nur eine Richtung. Nämlich die zum Ausgang. Ein nachvollziehbarer Impuls, vor allem, da über die neue Trägerschaft ihres Jugendhauses bereits entschieden war. Die Vorhersehbarkeit des dann folgenden Ausbruchs des sympathischen NPD-Stadtrats Jürgen Werner Gansel machte eben jenen Ausbruch nicht weniger unterhaltsam.

„Dafür gehen unsere Steuergelder drauf“, rief er den Punks hinterher, ohne weiter zu erläutern, ob er jetzt die Tür oder die Punks meint. Später gab er noch das beliebte Laienspiel des gegen einen „linken“ Verein schimpfenden Volkszornigen. Es ging grob geschildert um einen Jugendvereinsträger, den er bezichtigte, „Multikulturalität“ nach Riesa zu bringen. „Und sowas können wir hier nun wirklich nicht brauchen“, so Gansel.

Abschließend: Dass die Zeitung nicht nur gegen Fliegen erfolgreich als Waffe eingesetzt werden kann, sondern auch gegen Nachbarn, ist ja bekannt. Auch jenen Riesaern, die zurzeit durch ihre Nachbarschaft spazieren und ungefegte Hofeinfahrten und Fußwege fotografieren. Sie haben das eigentlich dem Ordnungsamt geben wollen, schrieben sie, zur Sicherheit schicken Sie es aber als Kopie an die Zeitung. So ist an jeden gedacht.

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2 Antworten zu “Zu viel Kabelfernsehen

  1. Es ging grob geschildert um einen Jugendvereinsträger, den er bezichtigte, „Multikulturalität“ nach Riesa zu bringen. „Und sowas können wir hier nun wirklich nicht brauchen“, so Gansel.

    Ohne Worte. Und so was macht Politik in Deutschland…

  2. „Riita“ ist das finnische Wort für Streit oder Ärgernis. Das Einzige, das in Sachen Aussprache ähnlich ist, ist „Rieska“ – Brot. Mein finnischer Mitbewohner meinte, ich solle sie Ihnen das mitteilen. Zu den hauptsächlich Lach – und eher weniger Sachgeschichten der NPD äussere ich mich eventuell zu einem späteren Zeitpunkt, wenn ich mit Fremdschämen fertig bin.

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