Ein verfressenes Volk

Wo fängt man an? Bei der Angst der NPD, in Riesa könnte es bald zu „Negergetrommel“ kommen? Oder deren Wut darüber, dass die Juden am Holocaustgedenktag zu viel fressen? Ich werde Zitate liefern, das sei hier angekündigt, allzu leicht hat man da mal eine Klage am Hals. Also: Verfressene Juden und trommelnde Neger später, jetzt erst mal was Schönes.

Freundliche offene Menschen fallen in manchen Gegenden auf. Das Saarland gehört zum Beispiel nicht dazu. Andere Städte schon. Hatte heute Besuch von einem 77-Jährigen und seiner 81 Jahre alten Schwester, sie wollten mir eine kleine Anekdote von früher erzählen, aus der sich vielleicht was Hübsches machen lässt. Nebensache. Die beiden waren in der Stadt auf Tagesbesuch, gebürtige Riesaer, jetzt wohnhaft in Leipzig und Halle.

Der Mann gewann mein Herz, als er mich auf dem Bahnhof, wo wir uns dann zufällig wieder trafen, sagte, woran er erkennt, dass er alt ist. Und zwar daran, dass er nach Wein, Sekt und Schnaps auf der Familienfeier noch ein Glas Wasser trinken musste. Wegen der Tabletten. Seine Schwester lachte unentwegt, auch die meiste Zeit, als wir uns dann noch die gesamte Fahrt im Regionalexpress unterhielten. Sie lachte, er erzählte. Sie beschimpften mich nicht. Nichts besonderes, aber wie gesagt, manche Dinge fallen in manchen Gegenden nun mal auf. Und ja, er erzählte vom Krieg, den er als Kind erlebte. Das gebe Stoff für eine witzige Bemerkung. Ich meine hier aber: Alte Leute sollten viel öfter von früher erzählen. Das ist nämlich erhellend.

Eine Stadträtin in Riesa erzählt auch oft von früher, vor ’89, wo es noch lief, wie es laufen muss. Das ist meist nicht so erhellend.

Ich schrieb hier ja kürzlich über das von mir begrüßte Politikvorhaben der Riesaer Oberbürgermeisterin (diese Stelle möchte ich einmalig dafür missbrauchen, mich deutlich von der weit verbreiteten journalistischen Sitte zu distanzieren, diese Amtsbezeichnung als OB abzukürzen; das ist eklig), mehr gegen Gansel (NPD) zu sein. Ich schrieb Ähnliches in der Zeitung, und verwandte dabei den Begriff „Strehlaisierung“, deshalb.

Was folgte, zeigte mir erneut, dass ein Journalist so weit als möglich auf Anführungszeichen verzichten sollte. Herr Gansel formulierte fortan Presseerklärungen, in denen er sagte, Frau Oberbürgermeisterin hätte von „Strehlaisierung“ gesprochen und damit ganz Strehla beleidigt. Er forderte irgendwas, wahrscheinlich Krieg, egal.

War aber mein Begriff. Ich schrieb Gansel, dass, wenn hier jemand Strehla pauschal diffamiert, dann immer noch ich. Er dankte. Inzwischen ist es etwas eskaliert, ich habe mich auf den Standpunkt zurückgezogen, dass ich ja wohl den richtigen Konjunktiv verwendet habe und damit eindeutig ist, dass ich, und nicht Frau Oberbürgermeisterin, Strehla kollektiv beleidigt habe. Damit habe ich zum jetzigen Zeitpunkt die Diskussion dahin gelenkt, wo ich sie haben will: Ich streite mit Jürgen Gansel über richtiges Deutsch.

In der bereits angesprochenen Presseerklärung ging es Gansel auch um die Ankündigung der Oberbürgermeisterin, den sächsischen Innenminister nach Riesa zu holen und was zu tun. Besagter Innenminister Markus Ulbig war mal Rathauschef in Pirna und machte dort ein Markt der Kulturen, stellte Gansel fest. „Und so trommeln in Pirna regelmäßig lebenslustige Neger gegen diejenigen an, die Volk und Heimat, Kultur und Tradition bewahren wollen. Wird es mit Ulbig als politischem Paten bald auch in Riesa Neger-Getrommel gegen die NPD geben?“

Der oben erwähnte Rentner erzählte übrigens, wie es ihn als 13-Jährigen, also 1945, gefreut habe, als er „das erste mal einen Schwarzen gesehen“ hatte und der ihm Kaugummi schenkte. Seitdem sei er da geheilt von Blödsinn. Der Zug ist bei Gansel wohl abgefahren (was eher am Mangel von Schwarzen in Riesa liegt, nicht am Mangel von Kaugummis).

Die fetten Juden. Klar, ein gewagter Zwischeneinstieg. Aber es geht um den Holocaust, da kann man ja mal rabiater werden. Ohne Autorenangabe äußerte sich die NPD zum Holocaustgedenktag gestern. Zum wiederholten Male glaubte man laut der Erklärung, den Deutschen würden heute Schuldvorwürfe wegen des Weltkrieges gemacht (ich glaube, die NPD liest zu oft „The Sun“) und es würde nicht um die Bombenopfer in Dresden getrauert. Und nach der Trauerstunde wegen des Holocausts gab es dann eben einen Empfang im Landtag, an dem teilnahmen, tusch, taraa, „Vertreter des eingewanderten und hochalimentierten Judentums“. Nicht mal da lassen sie einen in Ruhe.

Und jetzt noch eine Bitte an die eifrigen Mailschreiber, die mir in aller gebotenen Länge erklären, dass die deutschen Systempolitiker DEUTSCHE Interessen verraten. Schreiben sie es doch bitte im doc-Format, verzichten auf Versalschrift, drucken es aus, stecken es in einen Briefumschlag und werfen es in den nächsten Papierkorb. Ich hol’s dann ab. Und nein, ich informiere nicht den Verfassungsschutz. Warum denkt eigentlich jeder, er werde vom Verfassungsschutz oder vom alimentierten Judentum beobachtet? Die stehen doch alle am Buffet.


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4 Antworten zu “Ein verfressenes Volk

  1. (ich glaube, die NPD liest zu oft „The Sun“)

    Das brachte mich gerade zum Lachen. Als in (oder besser: um) London lebender Deutscher ist WWII durchaus ein Thema, aber hauptsaechlich in Witzen (zumindest in der Generation der 30-jaehigen und bei gehobener Bildung – wobei ja in UK schon das fehlerfreie Verfassen eines muttersprachlichen Satzes gehoert). Mein multi-nationales Team macht Witze darueber (ich als Deutscher sitze direkt neben einem Franzosen, der schonmal „Invasion!“ schreit, wenn mein Papierstapel einen Zentimeter seines Schreibtisches beansprucht. Alles lustig, und ueberhaupt nicht boese gemeint.

    Ich sah dann vor einiger Zeit anlaesslich eines deutsch-britischen Fussballspiels die freundliche Schlagzeile „Let’s Blitz Fritz“ von einer der Tabloids und war schon etwas skeptisch, und diskutierte das mit meinem englischen Lebensgefaehrten, der sagte, niemand macht den Deutschen heute noch Vorwuerfe und die Deutschen sollten aufhoeren, immer sofort die Haltung der oeffentlichen Selbstzerfleischung anzunehmen, nur fuer den Fall, dass…

    Dass die Sun und andere Tabloids immer noch gutes Geld mit ihrem Deutschenhass verdienen liegt an der Leserschaft. Sobald die letzten Rentner weg sind, und die Erinnerung biologisch gestorben ist, werden auch die Zeitungsredakteure begreifen, dass „Fritzbashing“ langsam alt wird.

    Gleichzeitig sind meine nationalen Schuldreflexe, gerade als links-alternativ-liberaler Intellektueller, absolut noch intakt. Gleichzeitig konnte ich noch nie so unverkrampft „deutsch“ sein wie im Ausland.

  2. Pingback: Das Leben ist anderswo » T.T.

  3. Pingback: „ARSCHLOCH“ « Thomas Trappe

  4. Danke fűrs Saarland-Lob 🙂

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