Emanzipation

Viel wurde schon über die NPD geschrieben, allerdings noch nicht, dass der sympathische sächsische NPD-Fraktionschef Holger Apfel seinen Arbeitsplatz in Dresden und seine Wahlheimat Riesa mit dem ICE erster Klasse überwindet. „Die Herren da aus Dresden fahren 1. Klasse“, würde es vermutlich im Newsletter der NPD heißen, wenn es denn eine solche Meldung mal in diese Wurfpost schaffen würde. Schafft es aber nicht, deshalb steht es ja nun hier, nachdem Apfel Donnerstag halb sechs in Riesa ankam und den Zug verließ, den ich bestieg. Pünktlich Feierabend wird jedenfalls gemacht, an der Front zur Volksbefreiung, dachte ich mir zunächst einmal.

Und fragte mich gleich anschließend: Warum so weit weg vom Volk, dass da in der zweiten Klasse vor sich hin vegetieren muss, oder gar vom Wähler, der in aller Regel sogar nur im Regionalexpress Schaffner verprügeln kann? Ist’s die Nähe der Lederklasse zum Führerhäuschen des Zugs?

Aber, wie ich im Blog ja schon angedeutet habe, treten Holger Apfel und Jürgen Gansel in Riesa eh wenig in Erscheinung, vielmehr sind es jetzt ihre Partnerinnen, die an der Propagandafront dienen. Frau Apfel sorgt laut Gerüchten in eine der größten Jugendeinrichtungen der Stadt für Belustigung, indem sie mit Kindern bastelt, oder sich redlich darum bemüht, es tun zu dürfen. Frau Gansel soll angeblich ganz gut singen und sich deshalb in einem ortsansässigen Chor engagieren. Die Taktik dahinter ist hier schon beschrieben worden, kurz, es geht um Sympathiepunkte, die später Wählerstimmen bedeuten können.

Zum Dilemma: Man kann keiner Frau Gansel und keiner Frau Apfel das verbieten, was sie da tun. Sippenhaft und Einschränkung der freien Entfaltung sind da zwei Begriffe, die sich in dem Zusammenhang ungut ausnehmen. Bleibt zu hoffen, dass man dieses kognitive Dissonanz nicht wie in manch benachbartem Städtchen dadurch auflöst, indem man Frau Gansel und Herrn Apfel irgendwann dadurch zu disziplinieren versucht, indem man sie geschlossen zur stellvertretenden Elternsprecherin wählt. Versuche in die Richtung wird es geben, da braucht es kein Adlerauge.

Auch Riesas Oberbürgermeisterin Töpfer, eine der neuen Blogleserinnen übrigens, hat das jetzt erkannt. Recht freimütig räumte sie im Gespräch ein, dass auch sie nicht wisse, wie weit die NPD in Riesa vielleicht schon Fußballvereine, Elternsprechergremien und Eisdielenvorstände unterwandert habe. Fest stehe, dass man das jetzt angehen wolle. Klingt wenig originell, ist aber nicht nur drei Schritte weiter als in benachbarten Städten, sondern auch ein Fortschritt gegenüber früherer Riesa-Politik. Es folgt ein Exkurs mit einem exemplarischen Beispiel.

Es ist nicht lange her, dass Wolfram Köhler die Stadt als Oberbürgermeister regierte. Spuren seiner Politik finden sich unter anderem heute durch die so genannte Erdgasarena und in einem Stahlhaufen nahe der Innenstadt, der durch eine Millionen-Überweisung an den Künstler Jörg Immendorff zur Skulptur wurde. Außerdem war Köhler, der mit umstritten wohl ganz gut umschrieben ist, seinerzeit begeistert von der Idee, auf dem Marktplatz einen „Schiefen Turm von Riesa“ zu bauen.

(Da ich nicht dabei war, fragte ich Riesaer oft nach diesem sehr speziellem Kuriosum. Viele Begründungen für den Plan gab es, Markenzeichen, Anziehungspunkt, sowas. Je häufiger ich frage, desto mehr reift in mir jedoch die Überzeugung: Das Ding sollte schlicht gebaut werden, weil es sich reimt.) Ich komme vom Thema ab, zurück zum Exkurs.

In Riesa werden verdiente Persönlichkeiten jährlich ausgezeichnet, mit dem „Riesen“, er wird in verschiedenen Sparten verliehen, sowas wie der Bambi, was weiß ich. Im Rahmen dieser Preisverleihung etablierte Köhler auch den „Stinkstiefel“, eine Auszeichnung, die an böse Menschen verliehen wurde, zum Beispiel gescheiterte Vereinsmanager. In eine Gala zu Ehren der Stadt wurde also der öffentliche Pranger eingebaut, weit nach Vollendung der historischen Epoche der Aufklärung.

1999 nun hatte sich die „Deutsche Stimme“, NPD-Zentralorgan, in Riesa niedergelassen. Einige Bündnisse demonstrierten dagegen, erfolglos. Köhler und andere Riesaer waren von dem rechten Spuk damals so genervt, dass sie den Stinkstiefel vergaben an: alle „links- und rechtsextremen Kräfte“ der Stadt, in dieser Reihenfolge. Die linken Protestanten hatten, so steht es bis heute schlecht verklausuliert auf riesa.de, der Stadt „in der Öffentlichkeit ein Image [ge]geben, das nicht stimmt und das die Bürger nicht wollen“. Und jetzt kommst Du!

Durchaus neue Zeiten in Riesa. Es gibt übrigens Gerüchte, dass Köhler die Verleihung inzwischen als ziemlichen Schwachsinn ansieht. Der Stinkstiefel wird inzwischen auch nicht mehr verliehen.

Holger Apfel wird mit gewaltfreien Sympathisanten am 13. Februar erster Klasse nach Dresden fahren, man wolle dort eine Wanderung oder einen Bombenholocaust, ich bring das immer durcheinander, veranstalten. Eine linksextreme Menschenkette, bestehend aus vielen CDU- und SPD-Politikern, will sich dem entgegenstellen. Es gibt deutliche Signale aus dem Rathaus, dass für jene Menschenkette gerade kein Stinkstiefel gebastelt wird. Vielmehr will die Oberbürgermeister bei der Lichterkette mitmachen.


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6 Antworten zu “Emanzipation

  1. Ich bin jetzt zwar einer der letzten, die einen Herrn Köhler verteidigen würden, aber um bei den Fakten zu bleiben: Für die spinnerte Turm-Idee ist er nicht verantwortlich. Ein Blick ins eigene Archiv genügt… 😉

    http://www.sz-online.de/nachrichten/artikel.asp?id=129348

  2. Mal wieder ein gelungener Text, mit all seinem Understatement. Trotz des tristen Themas eine vergnügliche Lektüre.

  3. @Muggenhorst: Danke, hab das ausgebessert!

  4. Joh. Hildebrabdt

    Was soll denn daran schlimm sein, dass Herr Apfel 1. Klasse mit der Bahn fährt ?

  5. @Joh.Hildebrandt: Grundsätzlich ist daran nichts schlimm. Es entbehrt nur nicht einer gewissen Komik, kennt man die NPD-Presseerklärungen, in denen in schöner Regelmäßigkeit gegen „die da oben“ und ihre Bereicherungsmentalität gewettert wird. Wenn dann einer in Stechuhrmentalität den ICE nutzt, find ich das zumindest erwähnenswert. Streng genommen ist es natürlich Apfels gutes Recht. Aber würde ich das zum Maßstab machen, gäbe es wohl dieses Blog nicht.

  6. „man wolle dort eine Wanderung oder einen Bombenholocaust, ich bring das immer durcheinander, veranstalten.“ – Sehr schön, sehr schön 😉

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