Halb vier durch

Nun ist die Situation eine andere, das Blog hat durch den sehr geschätzten Kollegen Niggemeier erhöhte Aufmerksamkeit. Danke ich erst mal den rund 5.000 Besuchern der vergangenen zwei Tage und stelle fest, dass erhöhte Aufmerksamkeit natürlich auch erhöhte Verantwortung bedeutet für das, was man hier so reinschreibt. Dann ist eine Aussage wie, zum Beispiel, Leser, kauft keine Bücher von Renate Preuß, natürlich zweimal zu überlegen. Aber auch dann noch äußerungswürdig. Also: Kauft keine Bücher von Renate Preuß, einer Riesaer „Schriftstellerin“, Kollateralschaden des Eigenverlagswesens. Begründungen gibt es auf Nachfrage und sehr viele. Sie schreibt über Katzen, zum Beispiel. Und über mich, das andere Beispiel.

Wenn schon nicht durch Bücher, kann man sich ja wenigstens mit Sandsteinen seinen Ruf versauen. So wie der Bürgermeister des nahe Riesa gelegenen Städtchens Zeithain, den ich kürzlich treffen durfte. Er gab mir eine recht eindrucksvolle Demonstration, was es bedeutet, den größten Teil seines Lebens in Amtsstuben verbracht zu haben, die gefühlte Stechuhr betreffend. Es war kurz vor halb vier, als wir von einer Sandsteinmauer kamen, die er mir zeigen wollte (ich komme später darauf zurück), als wir zusammen vor dem Gemeindeamt standen. Abschied, Abgang des Bürgermeisters Richtung Verwaltung, plötzliches Verharren vor dem Eingang, entschlossener Blick auf die Uhr und ein mit viel erleichterter Luft ausgestoßenes „Ah, halb vier!“. Der Mann hatte Feierabend, Vorfreude wich der Erlösung.

Zur Sandsteinmauer: In seiner, des Bürgermeisters, Gemeinde, gibt es eine Abbruch-Baustelle, auf der viel Sandstein anfiel. Bürger wollten die Sandsteine haben, kriegten sie aber nicht, weil die Gemeinde sie noch brauchte, so die Auskunft der Gemeinde. Nun sollte man in solch einer Situation es beispielsweise vermeiden, als Gemeindechef einen PKW-Anhänger zu nehmen und die Steine auf sein eigenes Grundstück zu fahren. Der betreffende Bürgermeister allerdings dachte nicht daran, eben jene Handlung zu vermeiden. Er holte die Steine auch nicht bei Nacht, vielleicht, weil da halb vier schon rum war, wer weiß. Ein Bürger jedenfalls beschwerte sich schließlich, ich kam und sagte mir: Man, ihr macht es einem aber auch leicht.

Im Büro, ein Gemeinderat war beisitzend, erklärte der Bürgermeister nun, er habe die Steine gebraucht, um eine Vorzeigemauer zu bauen, oben am Teich, an der Mauer würde sich die ganze Gemeinde erfreuen können, zeigte er sich sicher. Problematisch wurde seine Altruismus-Schilderung an dem Punkt, an welchem er einräumte, dass die Mauer zufällig auf dem Grundstück seines Sohnes stattfinden soll. Genau wie die alte Bruchsteinmauer daneben, auf seinem, des Bürgermeisters, Grundstück. Er baute sie einst aus, naja, man kann es sich denken. Ja, wirklich, genau daraus. Am Ende des Gesprächs stelle sich übrigens heraus, dass der beisitzende Gemeinderat keinen Beitrag zum Gespräch leisten wollte. Der sitzt da noch vom letzten Gespräch, so der Bürgermeister. Und das mit der Mauer lasse er jetzt, wenn da alle so keifen, mein Gott. Was meinen Sie, kommt viel Schnee am Wochenende? Oh, halb vier!

Jetzt ist die gefühlt hundertjährige Amtszeit des Bürgermeisters etwas ins Zwielicht geraten, wegen blöder Steine. Deshalb hier noch was Ehrenrettendes: Der Mann leugnet Gerüchten zufolge, in der FDP zu sein. Die FDP wiederum leugnet, der Bürgermeister sei nicht in der FDP, hört man. Das ist eine andere Geschichte.

Nun erwarten viele Neulinge hier sicher was zur NPD. Das ist aber eigentlich kein NPD-Blog, sondern so mit Riesa- und Nudelwalther-Sachen. Aber gut, man kann ja dann mal kurz kramen.

Ah, ein Brief von heute, was ich denn nun gegen die NPD hätte? Karrieregeifernd agiere ich, weil ich beim SED-Blatt SZ so etwas schreibe, heißt es. Und wer denn die wahren Vertreter deutscher Interessen sein und… Ne ehrlich, neuer Leser, bei aller Liebe, aber gähn.

Dann doch lieber „Kerstin’s Strickblog“, ewiger Stachel in meinem Bloggerherz. Trotz prominenter Unterstützung erscheint bei der Google-Anfrage „blog riesa“ immer noch Kerstins Kerstin’s Strickblog vor dem meinen. Dabei hat auch Kerstin zuletzt Neujahr gebloggt. „Ein bisschen mehr Liebe und weniger Streit, ein bisschen mehr Güte und weniger Neid“, schlug sie vor.

Das hätte ich auch dem zugereisten Berliner in der Leipziger Tram heute früh gewünscht. Zusammen mit der Brandenburgerin, die die Tram lenkte und einem Einheimischen führte er das Stück „Berliner Rotzigkeit trifft auf sächsische Grundbereitschaft, jemanden platt zu hauen und eine Brandenburgerin steht daneben“. Am Ende siegte der Berliner nach Punkten, als er dem Leipziger in Folge bescheinigte, dass er sicher oft zum Therapeuten ginge, das auch nötig hätte und sich gleich einen neuen suchen könne, da der alte offenbar nicht so richtig greift. Der Leipziger erging sich in der bewährten sächsischen Taktik „Selber-du-Fettkopp-gleich-knallts“. Worum es ging, wusste sicher nur noch die Tramfahrerin Brandenburger Ursprungs, sie sagte dann aber nur, Och, macht man, ich fahr mal. Vielleicht wird’s ja ein Blog über ostdeutsche Volkskunde, geneigter neuer Leser.

So viel für heute. Kauft keine Renate-Preuß-Bücher!


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10 Antworten zu “Halb vier durch

  1. Es ist schon seltsam, dass es des von mir abonnierten Niggemeier-Blogs bedurfte, um auf diese (überwiegend) unterhaltsamen Auslassungen über die eigene Heimatstadt aufmerksam zu werden. Chapeau, nur weiter so!

  2. „Selber-du-Fettkopp-gleich-knallts“

    (K)östlich … 😀

  3. Ich bin ebenfalls ein Niggemeier-Neuling und wollte nur sagen: Bei mir ist „Kerstin’s [sic!] Strickblog“ in Google nur noch Nummer zwei.

  4. @toaster: bei „riesa blog“ bin ich Erster, bei „blog riesa“ ist es Kersti’n. Jedenfalls bei mir, vielleicht ist das ja auch ein Google-Fehler.

  5. Fein, Thomas, fein. Glückwunsch!

  6. bei mir stehst du bei google auch ganz weit oben, egal ob „blog riesa“ oder „riesa blog“.. glückwunsch 😉

  7. Man muss eben seine Karriere auf Granit, und nicht auf schnöden Sandstein bauen!

  8. Klaus Thomas Heck

    Tja, so sind Bürgermeister. Nett, ein bisschen naiv, ein bisschen Sonnenkönig. Ich durfte im Schwäbischen mal über eine nicht genehmigte Erdauffüllung in einem Landschaftsschutzgebiet schreiben. Eine Samstags war dann plötzlich der Laster mit dem Sand unterwegs und im Dorf kochte der Ärger hoch. Am Steuer saß: der Bürgermeister. Er habe schon als Kind immer Lkw fahren wollen, gestand er mir im Interview. Nun ja. Er hatte das richtige Parteibuch und wurde trotzdem wiedergewählt. Baden-Württemberg und Sachsen sind sich offenbar gar nicht so unähnlich. 🙂

  9. Die Geschichte mit den Sandsteinen klingt doch sehr nach den Überbleibseln ostdeutscher Baustoffbeschaffungstraditionen. Nur dass der Bürgermeister das nicht unterm Ladentisch, sondern an hellichtem Tage veranstaltet hat. L’etat c’est moi oder: mein Dorf gehört mir!

    Ansonsten ist die NPD ja richtig kuschelig unterwegs. Sie sieht in Deinen Schilderungen nicht etwa einen Angriff auf ihre volksteutsche Seele, sondern nur ein probates Mittel, mit dem Du Deine Karriere pushen willst. Sie hat Verständnis für Dich, so lese ich daraus. Du warst jung und brauchtest das Geld…

  10. Hast du deine Seite SEO-maessig optimiert? Mehr linken und ge-linkt werden, und Kerstin’s Blog (postet die auch immer „donnerstag’s“?) .

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