Fürs Vaterland: Auf ein Bier mit der NPD

Treffen mit der NPD. Man kann das nicht ewig aufhalten, als schwerpunktmäßiger Chronist im mittleren Sachsen. Das Treffen ist in diesem Fall ein Strehlaer Stadtrat, Peter Schreiber, und seine Frau Ines, in ihrer Eigenschaft als stellvertretende Elternsprecherin in der Grundschule ihrer Kinder Siegfried und Heinrich (was ja auch nur dazu führt, dass die beiden ärmsten später Siggi und Heinz genannt werden – die Liebe zum Altdeutschen gebärt dann also auch nur Geschwisterpaare, die allein schon phonetisch zum Deppentum vorverurteilt sind); die in dieser Eigenschaft also und als Schöffin am Riesaer Amtsgericht Objekt zur Beantwortung der Frage ist, wieweit die NPD es schafft, sich in der richtigen Gesellschaft festzubeißen und die altbewährte Ausgrenzungen zu durchbrechen, was dann später in ein umfangreiches noch zu druckendes Dossier münden soll.

Man ging in die „Linde“, es war der Freitagabend, ein Abend, den ich gerne mir oft vorstelle, auch anders verbringen zu können. Man behandelte die Frage, nach eingehendem Studiums des NPD-Programms des aktuellen Jahres meinerseits, warum die NPD die Fragen des 21. Jahrhunderts dadurch beantworten will, dass sie „die Herstellung deutschen Benzins aus deutschen Kohlen fordert“ und ob man jetzt wirklich die Todesstrafe für Drogenhändler einführen will (steht da drin, steht da sehr doll drin sogar). Ja, will man, ja, muss man, so die Antworten, in dieser Reihenfolge. „Wenn Sie mal Kinder haben, werden sie es verstehen“, so Frau Schreiber.

Und wenn das Kind nun Drogenhändler wird, vielleicht sogar ein erfolgreicher?

Wenn man grad so schön plauscht, warum dann nicht gleich mal das Thema Holocaust-Leugnung, fragte ich mich und fragte, wie sie es mit dem Holocaust halten? Man wolle hier nicht über ungelegte Eier oder besser gesagt über Dinge, die da in der Vergangenheit passiert sein sollen, nicht so reden, man wisse ja, wie das wieder rüberkommt. Nein, bei Tisch wird da nicht geleugnet, auch wenn der Herr Systemjournalist, „nicht persönlich nehmen“, es sich so ausgedungen habe, man kenne das ja.

Ines Schreiber ist Krankenschwester, wurde reichhaltig gegrüßt auf dem Weg zur Linde von allerlei anwesender Grüßmasse, auch aus den Smalltalks auf den 200 Meter langen Weg über eine durchaus beleuchtete und gut einsichtige Hauptverkehrsstraße der 4000-Einwohner-Stadt Strehla wurde nicht die Botschaft mitgenommen, man schäme sich der Bekanntschaft und scheue die Gesellschaft mit Frau NPD-Schöffin. Im Gegenteil, aber das sind ja auch nur Nachbarn, kann man mal zusammenfassen.

In der Linde, nach den schwer im Magen liegenden Themen Holocaust und jüdische Lobby (eine Kombination von Begriffen, die untergebracht in einem Gespräch wohl schon besondere Gesprächspartner indiziert), dann ein etwas unverfänglicheres Thema: Ausländer. Das Wahlprogramm ist da recht eindeutig, die Schreibers ebenso. So ungemütlich wie irgendmöglich wolle man es ihnen machen, klar. Der arme Afrikaner, dem zuhause Tod auf Grundlage von Völkermord drohe, warf ich ein nicht zu gewagt klingendes Beispiel ein, solle der auch raus, zurück? Ja, sagte die Frau Schöffin-Elternsprecherin, der Mann relativierte dann doch etwas, das wirkte vielleicht zu sehr nach Negerfresser, hier in der Linde im 4000-Seelen-Dorf Strehla. Man könne ja kurz warten mit dem Ausweisen, aber eigentlich nicht, mein besagter Afrikaner muss sich dann halt mal ein bisschen strecken, ist ja kein Ponyhof, dieses Deutschland.

Apropos Afrika, was macht die Schöffin denn mit dem Polen vor Gerichte, der die gleiche Straftat begangen hat wie der Deutsche gestern, fragte ich, schon ganz berauscht vom Hypothetischen und langsam stärker werdendem Kopfschmerz aufgrund gemimter Distanz zum Thema. Überraschend offen, sie würde ihn härter bestrafen, ja, so hart wie möglich. „Inländerfreundlich“ sei man da. Zum Ende hin, die Aufmerksamkeit ließ dann doch etwas nach, fragte ich noch nach Schulen und Wespen Schwulen und Lesben (man sehe diesen Joke nach, ich musste jetzt einfach), in punkto Strafbarkeit im noch zu errichtenden NPD-Staate. Die Antwort, so ich mich erinnere, war wohl jene, dass es auch genügend schwule Nazis gebe. Ich persönlich wusste es ja nur vom Führer.

Wie geht es weiter, dear NPD-Schreibers? Grillfeste im Städtle wie in Westpommern solle es geben, kündigt man an, mehr Eltervertreter aus dem „nationalen Spektrum“, das sich im Falle der Schreibers gerne als „radikal“ bezeichnet wissen will, nicht aber als „extrem“. Das „klingt zu sehr nach Lack und Leder“, meinte Herr Schreiber. Oder nach Todesstrafe, dachte ich.

In Riesa will sich Jürgen Gansel derweil morgen im Stadtrat dafür aussprechen, dass das Offene Bücherregal, eine zu einer Klein-Bibliothek umfunktionierte Telefonzelle des Riesaer Kulturvereins Art, von städtischen Kontrolleuren be-patroulliert wird. Er habe den Verdacht, dass die von „Nationalen“ eingelegten Bücher von Linken (links im Sinne von nach 1957) auf den Boden geschmissen werden, so als Vandalismus, wie er es in der Presseerklärung ausdrückte, die er mir heute mit dem Verweis auf seine geplante Anfrage zuschickte. Herr Gansel tropfte also wieder mal aus den Mundwinkeln ob des öffentlichkeitsmobilisierenden Themas, umgefallene Bücher. Linke Chaoten zerstören rechte Meinungsfreiheit! Bei Meinungsfreiheit wird ich fuchsig, ich recherchierte. Das Ergebnis ist folgende Meldung, die dann am Tage der Stadtratssitzung erscheint, also morgen (mit freundlich unterstellter Genehmigung hier gedruckt):

Die Häufung umgefallener Bücher in dem Offenen Bücherschrank auf dem Capitolvorplatz ist aufgeklärt. Es handelt sich nach Recherchen Dirk Haubolds – Leiter der für die zum Bücherregal umfunktionierten Telefonzelle zuständigen Kulturwerkstatt Art – um einen technischen Fehler. So wurde das Regalbrett auf der rechten Seite bei der Installation so ausgefräst, dass die Tür problemlos aufgeht. In dieser Ausfräsung allerdings hätten sich jetzt immer wieder Bücher verhakt, in der Folge seien reihenweise Bücher vom rechten Rand der Telefonzelle zu Boden gefallen. NPD-Stadtrat Jürgen Gansel, ebenfalls vom rechten Rand, sah in den Stürzen Vandalismus, was Anlass für Haubolds Recherchen wurde. Dirk Haubold will jetzt dafür sorgen, dass keine Bücher vom rechten Rand mehr zu Boden fallen. Er sucht deshalb einen Handwerker, der das Regalbrett ohne Entgelt reparieren würde. „Er sollte möglichst nicht zwei linke Hände haben“, so Haubold gegenüber der SZ. (tt)

Im Dienste der Meinungsfreiheit. Bitte, danke, nicht dafür!

Nachtrag 17/12: netz-gegen-nazis.de, ein Projekt der Amedeu Antonio Stiftung in Kooperation mit der ZEIT hat mein Blog entdeckt und darauf verwiesen ebenfalls veröffentlicht. Deshalb verweise ich gerne auf das offenbar unterstützenswerte: netz-gegen-nazis.de.


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27 Antworten zu “Fürs Vaterland: Auf ein Bier mit der NPD

  1. Und als Werbung gleich dadrunter:
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    Kostenlos jeden Samstag per EMail Objektiv über die NPD informieren
    http://www.NPD-Wochenbrief.de

    Wird Zeit, dass mal jemand google boykottiert. Haha.

  2. Pingback: Die netten Schreibers in Strehla « Thomas Trappe

  3. Bor, wie krass… Dass die dir das auch so sagen alles, das ist echt unglaublich. Wollten die zwischendurch mal das Gespräch abbrechen oder reden die da wirklich gern drüber, so über „Inländerfreundlichkeit“ und so?
    Ich find’s gut, was und wie du schreibst. Ich hoffe, das lesen auch die Leute aus Riesa und Strehla.
    Viele Grüße aus Leipzig
    Kristin

  4. @Kristin: Von abbrechen wollen konnte keine Rede sein, wobei ich die Interviewführung auch nicht auf dieses Ziel hingeführt habe, wollte ja was erfharen. Insgesamt war die Stimmung kuchenbasarmäßig freundlich, als es um Ausländerabschiebung, Todesstrafe und Systempresse ging.

  5. Pingback: Meldungen am 4. Januar 2010 « Deutsch-Österreichisches Informationsjournal

  6. Pingback: Schöne Blogs (5): Thomas Trappe « Stefan Niggemeier

  7. Da hat er recht,der Stefan.Ist wirklich sehr lesbar.Danke.

  8. Toll geschrieben, aber traurige Geschichte. Ich war über Weihnachten sogar in Riesa, aber nur zu Besuch. Von den Zuständen vor Ort wusste ich bisher nichts.

  9. Lustiger Artikel, tja wenn man einmal ein Weltbild hat, warum sich dann die Mühe machen und das hinterfragen?

  10. Pingback: Links des Tages (7) — Thoughtcatcher

  11. Da fabuliert man sich den Mund fusselig, um Alltagsrassismus als strukturelles Phänomen zu entlarven und dem Leser Konzepte wie „othering“ aus dem wissenschaftlichen Diskurs tentativ nahezubringen und muss doch erkennen, dass die Notizen aus dem Alltag den Alltagsrassismus am anschaulichsten vorführen.

    Chapeau. Riesa ist überall.

  12. „Der Führer“ war nicht schwul.

    Glauben Sie wirklich, Hitler war schwul? Oder verwenden Sie hier „schwul“ – wenn auch nur scheinbar halb im Scherz – in abwertender Weise?

  13. @joflas: Nö, nicht abwertend gemeint. Einfach so hingeschrieben. Er wird mich sicher nicht mehr belangen, dachte ich mir.

  14. Klasse Texte – bitte mehr davon!

  15. Chapeau, Herr Kollege!

  16. „in der Folge seien reihenweise Bücher vom rechten Rand der Telefonzelle zu Boden gefallen.“

    Rechter Rand, hihi. (Entschuldigung für diesen Kalauer)

    Sehr guter Text, danke dafür. Bei dem Wort „Inländerfreundlichkeit“ krempelt sich mir der Magen um. Das ist Orwellsches Neusprech in seiner reinsten Form. „Hey, bennen wir das ganze doch einfach positiv, Ausländerfeindlichkeit ist so ein hässliches Wort.“

  17. Pingback: uberVU - social comments

  18. respekt, für so viel mut, sich mit den groeßten (gelöscht) des so hübschen städtchens an einen tisch zu setzen, bei mir hätte die migrände schon viel früher eingesetzt.

    wann und wo kann man das „umfangreiche “ „dossier“ denn lesen?

    (btw: wieso grüßt strehla seine hessischen nazi-gäste so fleißig? ist strehla mehrheitlich braun oder haben die leute einfach keinen arsch in der hose?)

  19. achja… und ebenfalls zum kotzen ist natürlich der umstand, dass sie in ihrem blog dann auch noch nazi-kommentare erdulden müssen…

    ich leide mit ihnen!

  20. Pingback: Lauter Bautz'ner

  21. Niggemeier hat Recht: Super Texte, aber viel zu selten!

  22. Wie die kann als Schöffin einfach so zugeben, dass sie nicht alle Menschen vor Gericht gleich behandelt ohne das das Konsequenzen hat? Krass.

  23. Hat mensch da keine Angst, dass da mal jüngere, nicht ganz so bürgerliche Gesinnungsgenossen der Schreibers vorbeischauen? Es ist ja nicht so, dass sie vollkommen unkritisch über die Schreibers berichten. Ich würde mir solche Beiträg wohl Stecken lassen als Journalist, besonders wenn die NPD mich dann auch persönlich kennt. (Außer ich berichte über einen Ort, der ein paar Hundert Kilometer weiter weg liegt.) Respekt für den Mut.

  24. (gelöscht)

    Dies ist wieder einmal ein Bespiel von endloser Vetternwirtschaft in Riesa, auf Kosten der sich gegen rechts bekennenden Jugend. Es reicht!

    tt: Lieber Kommentator, ich schalte den Kommentar nicht frei, weil er Vorwürfe enthält, die mir mächtig Ärger einbringen könnten, falls sie nicht stimmen. Schreiben Sie doch mal eine Mail an mich (siehe Impressum), und wir könnten uns vielleicht mal über den Sachverhalt unterhalten. Grüße, tt.

  25. Gut, daß es Leute gibt, die hinschauen und aktiv werden. Inhaltlich einwandfrei, jedoch geht für mich folgendes zu weit: „die Liebe zum Altdeutschen gebärt dann also auch nur Geschwisterpaare, die allein schon phonetisch zum Deppentum vorverurteilt sind“ Dies ist in meinen Augen unter der Gürtellinie, untere Schublade und passt nicht zum Niveau des Artikels!
    Sven

  26. Der Schreibstil des Autors ist mehr als grausig. Was soll dieser pseudo-coole Slang. Bevor Sie veröffentlichen, gönnen Sie sich lieber mal etwas Schreibunterricht.

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