Der neue Stolz der Sachsen

Zum Beispiel der alte Bauer Rägler. Er ist 76, trägt Schiebermütze und ist nicht mehr ganz gut zu Fuß, besser aber noch als seine Frau. Sie ist ebenfalls 76, trägt Wickelschürze und streng gebundenes Kopftuch. Die beiden sind beinahe die letzten Deutschen aus der Volksgruppe der Deutschen im rumänischen Dorf Rosia/Rothberg. Sonst lebt hier nur noch der Schriftsteller Eginald Schlattner, ein paar Häuser weiter. Auf dem Hof des Ehepaars Rägler gibt es kein Bücherregal, weder Radio noch Fernseher. Aber von Herta Müllers Nobelpreis haben sie natürlich trotzdem gehört. Sind sie stolz darauf? „Ja, sehr“, auch wenn sie nicht wissen, was die Frau so geschrieben hat. Nebensache, „sie ist eine von uns“.

Herta Müller ist Rumäniendeutsche, genau wie das alte Ehepaar in Rothberg. Mehr Gemeinsamkeiten gibt es nicht. Und trotzdem hat dieses schmale Band zwischen der ausgewanderten Literatin und den dagebliebenen Deutschen der Minderheit im Land Auftrieb gegeben, Aufmerksamkeit, Selbstbewusstsein. Dem Bauern in Rothberg und den rund 60 000 anderen Rumäniendeutschen im Land. Und dann ist da ja auch noch Klaus Johannis.

Balsam für die Seele

Klaus Johannis könnte der „deutsche Retter Rumäniens“ werden, in den Zeitungen des Landes sind solche Schlagzeilen durchaus vorstellbar. Doch schon die nüchterne Faktenlage beeindruckt. Johannis ist 50, seit neun Jahren Oberbürgermeister von Hermannstadt/Sibiu und Angehöriger der deutschen Minderheit. Er ist auch der Favorit der Oppositionsparteien für das Amt des Ministerpräsidenten von Rumänien, an diesem Sonntag wird gewählt. In einem Land, in dem Zigeuner unter Diskriminierung leiden, Ungarn in einer abgeschlossenen Parallelgesellschaft leben, wäre das schlicht eine Sensation: Der Angehörige einer 0,4-Prozent-Minderheit führt die Geschicke der Nation.

Marktplatz von Sibiu

Herta Müller, Klaus Johannis, die Namen kennt im Land jetzt jeder. Um zu verstehen, was das bedeutet, muss man die Geschichte der Rumäniendeutschen kennen. Das Schicksal der Rothberger Bauern etwa, es ist exemplarisch. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden ihre Eltern als Deutsche und als echte oder vermeintliche „Hitleristen“ in die Sowjetunion deportiert. Viele kamen aus dem Lager direkt in die Bundesrepublik, zum Beispiel Räglers Vater. Die erste „Welle“. Die zweite folgte in den Siebzigern, Rumäniendeutsche wurden von der Bundesrepublik aus Ceausescu-Land „freigekauft“. Kein Halten gab es schließlich 1990: Da verließen die vier Kinder der Räglers ihre Heimat, heute leben sie alle in Süddeutschland. Im Vergleich zum Jahr 1930 leben in Rumänien heute 90 Prozent weniger Deutsche. Das harte Wort Aussterben ist hier eine Alltagsfloskel, sie treibt dem Bauern trotzdem die Tränen in die Augen, wenn er sie ausspricht.
Und nun: Nobelpreisträgerin, eventuell Ministerpräsident. Bedeutet man vielleicht doch noch etwas?

Kilian Dörr, 43, brauner Cord, Typ progressiver Kirchenmann, ist geblieben, lebt 15 Kilometer von den Räglers entfernt in Hermannstadt, der Hauptstadt Siebenbürgens. Der evangelische Stadtpfarrer der deutschen Diaspora-Kirche kennt viele Leidensgeschichten seiner Gemeinde, er kennt die Angst vor Bedeutungslosigkeit. Auch Pfarrer Dörr findet, dass ein deutscher Ministerpräsidentenkandidat und eine deutsche Nobelpreisträgerin Balsam für diese geschundenen Seelen sind. „Wir sind stolz und glücklich“, sagt er in seinem Pfarrbüro und ergänzt mit zurückweisender Geste, dass er das nicht als nationalistische Tönerei missverstanden wissen will. „Es ist ein Zeichen an alle Minderheiten im Land, dass man was bewegen kann“, meint er.

Man traut sich was zu

Zudem sorge der Nobelpreis dafür, dass auch in der Bundesrepublik die rumäniendeutsche Minderheit und ihre sehr spezifische Problematik endlich ins öffentliche Bewusstsein dränge. Dörr erzählt eine Geschichte aus Studientagen, als er Anfang der 90er in Berlin Theologie studierte. Als er damals sagte, er sei aus Siebenbürgen, sei oft die Gegenfrage gekommen, ob das in den neuen Bundesländern liege? Er ist sicher, dass das heute nicht mehr passieren würde. „Johannis würde uns Deutsche sicher nicht bevorzugen“, sagt Kilian Dörr. „Das Land insgesamt aber wesentlich voranbringen.“ Nicht falsch verstehen, bitte, aber man traue sich was zu als Volksgruppe.

Nicht nur, dass die Deutschen sich selbst einiges zutrauen, auch die anderen Volksgruppen trauen den Deutschen einiges zu. Man sieht es allein schon an den Zahlen, die sprechen eine deutliche Sprache: Ein Prozent der Hermannstädter sind Deutsche, fast zwei Drittel der Stadträte sind Deutsche. Mehr als 80 Prozent der Stimmen bekam Klaus Johannis bei der vergangenen Bürgermeisterwahl. Was passiert da in Hermannstadt?

Das Büro von Kreistagschef Martin Bottesch wirkt leicht herrschaftlich, viel Buche, viel Schwere. Der hagere 69-Jährige mit schütterem dunklem Haar hat ein schönes Bild gefunden, das er Fremden routiniert erzählt: „Die Ungarn wählen bei den Stadtratswahlen die ungarischen Kandidaten, aufgrund ihrer ethnischen Herkunft. Genauso werden die deutschen Kandidaten wegen ihrer Herkunft gewählt“. Mit einem Gesichtsausdruck zwischen Entschuldigung und Unverständnis ergänzt er dann: „und zwar von den Rumänen“.

Kaum ein Rumäne in Sibiu würde dieser Einschätzung widersprechen. Immer wieder ist hier in Gesprächen von den in Deutschland längst archivierten „Tugenden“ die Rede: Disziplin, Fleiß, Pünktlichkeit. Das hört man ohne ironische Durchbrechung. „Klischees“, sagt Martin Bottesch. Klischees, meinen auch die meisten anderen deutschen Politiker, peinlich berührt. Klischees aber, die Stimmen bringen.

Mit etwas Lust an der Interpretation könnte man auch den neuen Pressesaal im Hermannstädter Rathaus als Zeichen gewachsenen Selbstbewusstseins deuten, auch wenn Klaus Johannis selbst wohl diese Deutung nicht ganz befürworten würde. Der Raum mit rot gepolsterten Stühlen ist allemal hauptstädtisch. Vor zwei Jahren wurden Journalisten noch in einem etwas bescheideneren, sehr nüchtern anmutenden Zimmer mit Blick auf den Marktplatz empfangen.

Vor zwei Jahren hatte Johannis im persönlichen Gespräch auch noch gesagt, er wolle sicher nie nach Bukarest wechseln. Warum jetzt doch? „Dinge ändern sich, und in diesem Fall haben sich die Dinge geändert“, erklärt der Zwei-Meter-Mann mit den durchdringenden Augen und lässt sich anmerken, dass er selbst noch ein bisschen fremdelt mit der neuen Rolle als Superdeutscher für Rumänien. Man muss dazu wissen, dass Johannis vor zehn Jahren noch als Physiklehrer im Hermannstädter Lyzeum unterrichtete, und alle Beobachter einschließlich Johannis selbst davon ausgehen, dass er schließlich zum Bürgermeister gewählt wurde, weil ihm massenweise Proteststimmen zuflogen.

Auf ein Bier mit Herta

Johannis kennt Herta Müller, sie war öfter in Hermannstadt, erst kurz vor der Nobelpreisbekanntgabe im evangelischen Kulturzentrum unten am Ende des Boulevards. Fast alle Größen der Stadt erzählen jetzt von diesen Ereignissen – und zu Ereignissen werden abendliche Kneipenbesuche mit Herta Müller im Nachhinein. Bier mit Herta Weltstar, in einer Kellerbar in der Oberstadt, solche Geschichten. Der Bürgermeister weiß, dass seine Kandidatur und der Nobelpreis durchaus gewichtige Momente für die deutsche Minderheit sind, um nicht gleich von einer Sympathiekeule zu sprechen. Das Selbstbewusstsein habe sich „durch die beiden Ereignisse nicht disproportional gesteigert“, meint er, aber „stolz sind wir schon“. Wir, die Rumäniendeutschen.

Pferd mit Kutsche in Rosia/Rothberg

Wir. Das wird jetzt öfter gesagt. Dabei ist es gar nicht so lange her, dass die „Deutschen“ in Rumänien sehr viel Wert auf ihre Unterschiede legten. Hermannstadt ist in Siebenbürgen, Klaus Johannis ist Siebenbürger Sachse. Herta Müller hingegen kommt aus dem Banat, zugehörig zur Gruppe der Banater Schwaben. Zwei grundverschiedene Dialekte, zwei vollkommen andere Siedlungsgeschichten. Inzwischen, so scheint es, schaut man zum Beispiel ins „Deutsche Jahrbuch für Rumänien“, haben sich die Deutschen im Land damit arrangiert, ihr eigenes Aussterben zu beobachten. Verschiedene Dialekte spielen da eine untergeordnete Rolle. Schwaben und Sachsen sind inzwischen da angekommen, wo sie in der Wahrnehmung der anderen Volksgruppen im Land längst sind: Sie sind „die Deutschen“. Und nun sind sie das Volk Müller-Johannis‘, wenn man so will.

Deutsche müssen sich öffnen

Jetzt kommt die Angst vor der Rumänisierung. Denn freilich, und das ist wohl hauptsächlich das Verdienst von Klaus Johannis, wirkt eine Partei wie das „Deutsche Forum“ bei dem Durchmarsch der vergangenen Jahre auch auf Rumänen attraktiv. Bisher dürfen allerdings nur Rumäniendeutsche ins Forum eintreten. Vielen, vor allen den jungen progressiven Rumäniendeutschen, erscheint das ähnlich sinnvoll als würde die Grünen nur Vegetarier aufnehmen. Die weniger progressiven sehen im ethnischen Aufnahmekriterium nicht weniger als eine Notwendigkeit, um als bedeutende Minderheit zu überleben. Die Diskussion über die neue Linie beginnt gerade, Ausgang offen.

An dieser Stelle könnten die Politiker von den Literaten lernen. Spricht man mit dem auch in der Bundesrepublik zu Ruhm gekommenen Schriftsteller Eginald Schlattner, dann sagt er: Die Zukunft rumäniendeutscher Literatur, sie liegt bei den Rumänen. „Unter den Rumäniendeutschen gibt es keinen Dichternachwuchs“, formuliert er es bei einem Tee in seinem Haus in Rothberg. Er verweist auf die „Stafette“ in Temeswar, ein Literatenzusammenschluss von Rumänen, die deutsch schreiben. Er könnte aber auch auf den Literaturkreis in Hermannstadt hinweisen, auch hier viele Rumänen, die auf deutsch kreativ werden. „Ich glaube, dass sich hier etwas abzeichnet“, sagt Schlattner. Und betont, dass er diese Entwicklung begrüßt.

Das evangelische Teutschhaus ist so etwas wie ein deutsches Kulturhaus in Hermannstadt. Wolfram Theilemann leitet es. Die Öffnung der Rumäniendeutschen für Rumänen sei die „Herausforderung“ schlechthin für die nahe Zukunft, meint er. „Die Deutschen müssen endlich anfangen, auch in dem Land hier zu leben, sich aus ihrer Festungsmentalität zu befreien.“ Die Rumänen werden zu den Deutschen kommen, das steht für Theilemann fest. Nun müssten sich die Deutschen nur noch dazu durchringen, sie willkommen zu heißen.

Die Deutschen, sie wären dann nach Jahrhunderten Siedlungsgeschichte und kurz vor dem Exodus wirklich angekommen in Rumänien. Anders als gedacht vielleicht. Und auch ein Erfolg Herta Müllers und Klaus Johannis‘, irgendwie.

© Sächsische Zeitung


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