Neue Fans

Meine Warzen und Geschwüre wähle ich mir nicht selbst, sie kommen, ohne zu fragen, wenn sie kämen. Ebenso kann ich nichts dafür, dass mich ab sofort Jürgen Gansel gut findet. Der sympathische NPD-Fraktionschef im sächsischen LandtagBundesvorstand und Riesaer Stadtrat ließ sich von mir inspirieren und verschickte einen meiner Artikel nur leicht entstellt als NPD-Pressemitteilung heraus. Angereichert mit Wörtern wie „kriminell“ und „Scharlatan“, um den im Artikel behandelten Konkurrenz-Stadtrat dem Leser näher zu bringen.

Wie konnte es nun so weit kommen, dass die NPD sich hemmungslos der Systempresse bedient, ohne sie als korrupt und ,äh, System, zu bezeichnen?

Es ging im Artikel um einen SPD-Stadtrat, aktiv im „Bündnis gegen Rechts“, eines der ersten Mitglieder im „Neuen Forum“ in Riesa und Sozialarbeiter. Insgesamt also eine Persönlichkeit, die sich um die demokratische Kultur der Stadt verdient gemacht hat und darüber hinaus eine der korrekteren im Umgang ist. Trotz dieser Tatsache hat sich der Stadtrat in letzter Zeit in seiner Eigenschaft als Firmenbesitzer dazu hinreißen lassen, seinen Angestellten keinen Lohn mehr zu zahlen und unangenehme Kungelei-Eindrücke zu erwecken. Was mich wiederum in die Pflicht nahm, darüber zu berichten, immerhin handelt es sich nebenbei auch noch um einen regelmäßigen Landtagskandidaten der Sozialdemokraten (freilich: eine Symbolhandlung, aber trotzdem). Bei den unbezahlten Arbeitern handelte es sich außerdem im Arbeitsagentur-Rotwelsch genannte „schwer vermittelbare Arbeitskräfte“. Insgesamt also ziemlich uncool das alles vom SPD-Stadtrat.

Unter der Überschrift „Anti-Rechts-Kämpfer mit krimineller Energie – ’Sozialdemokratischer’ Stadtrat prellt den Lohn seiner Angestellten“ stieß Gansel eine PM ab, in der er schließlich dieses forderte: „Oberbürgermeisterin und Stadtrat sollten ihren Einfluß geltend machen, um diesen politischen Scharlatan als Vorstand des Sprungbrett e.V. (einer der größten Vereine der Stadt, tt) loszuwerden.“

Nun gedenkt die Oberbürgermeisterin nicht, den Stadtrat loszuwerden, auch nicht Herrn Gansel. Woran sie aber dachte war, meinen Arbeitgeber darauf hinzuweisen, was es denn bedeute, wenn man schlimm über einen Riesaer Stadtrat schreibt. Die NPD habe dann ein gefundenes Fressen, Trappe ist Schuld an NPD-Propaganda. Tendenziell sollte man deshalb doch darauf verzichten, sowas zu schreiben. Sonst wird die NPD nur wieder auffällig, nachher kriegen das die Leute in der ganzen BRD noch mit, außerhalb von Riesa sozusagen.

Und vielleicht haben sie ja recht, jene Stadträte, die Herrn Gansel herzlich begrüßen, wenn er in den Stadtrat kommt, zu jeder Sitzung aufs Neue sich gegenseitig angrinsend? Schön so tun, als ob da nicht jemand wäre, dessen politisches Endziel offiziell der „nationale Sozialismus“ ist. Denn noch besser als Ignoranz hilft nämlich Integration, kann ja sein? Warum es nicht so machen wie die CDU-Stadtverbandschefin, die die Sitzungspausen des Stadtrats gerne mal zum Schäkern mit Gansel nutzt? Oder jene Christdemokratin, die am Telefon davon redet, dass der Gansel eigentlich ja ein ganz Ordentlicher sei, jedenfalls habe er als Mieter nie Probleme bereitet? Ich denke drüber nach.

Und wenn wir uns gerade so schön echauffieren, hier zum Abschluss noch ein kleiner Lese-Tipp für Riesa-Interessenten der Hardcore-Sorte. Da der Brand-Eins-Journalist Gerhard Waldherr aus dem Riesaer Lokalteil zitiert und mich seinerzeit während seiner Recherche so schön fragend fragte, warum das in Riesa alles so eigenartig sei, verweise ich freundlichst auf seinen schönen Riesa-Text. Ich hoffe, dem Link geht es nicht so wie jenem auf dem Gästebuch von riesa.de. Er hatte dort die Ehre, als erster Eintrag aller Zeiten gelöscht zu werden, zusammen mit jenem, in dem andeutungsweise der Artikel erwähnt wurde. Die Stadt begründete das mit rechtlichen Bedenken. Oder zu deutsch: Was sollen die Leute in der Rest-BRD denn denken, wenn sie das lesen?

Nachtrag 8/10: Schade, dass ich es nicht selbst im Tagesspiegel schrieb, aber gut. Eine etwas ausführlichere Beschreibung des Elends. Perfide: Weitergeleitet wurde der Artikel an die Redaktion durch Jürgen Gansel. Er scheint recht stolz, auf das Ganze. Bedenklich, das Ganze.

Nachtrag 9/10: Inzwischen gibt es doch eine Reaktion durch benannte OB.

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Eine Antwort zu “Neue Fans

  1. Die Reaktion durch benannte OB ist leider nicht mehr online. Zitat: „In diesen Bereich liegen derzeit keine Einträge vor.“

    Lesenswertes Blog hier 🙂

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