Die Bahn ist eine Terrorzelle

Müsste Kim Jong Il sich aussuchen, als welches Fuhrunternehmen er wiedergeboren werden will, würde er sich die Deutsche Bahn AG aussuchen. Er müsste sich nicht groß umstellen. Zitternde Rentnerinnen, die schließlich kollabieren, weil sie ihren Sehbehindertenausweis vergessen haben und nun des Schaffners Rache fürchten und Kinder, die vor aller Fahrgäste Augen vom Bahnpersonal aufgegessen werden – daran hat man sich ja schon gewöhnt. Aber nun hat sich das sympathische Transportunternehmen offenbar etwas neues hingetüftelt. Und das nötige Personal gleich mal nicht beim Arbeitsamt, sondern bei der Al Quaida abgeworben: Die Am-Bahnkartenautomaten-Berater. Stehen neuerdings zu zweit an vielen Automaten, wer weiß, warum?

Gerät man also an solch einen Beratator – und bei Gott, man wird, kauft man beispielsweise im Leipziger Hauptbahnhof sein Ticket am Automaten –, sollte man ihn wenn möglich davon abhalten, unschuldige Dritte zu beraten. Die Zahl derer Menschen, die auf Bahnhöfen verhungern, weil man ihnen erklärt, dass es ihr Ticket nach Tschechien weder am Automaten, noch sonst irgendwo, schon gar nicht aber im betreffenden Zug (der in zehn Minuten fährt) gibt, würde sonst in ungewollte Höhen schnellen. Oder jene Nicht-Deutschsprachigen, die totgebrüllt werden, weil sie zu erkennen geben, dass sie kein Deutsch sprechen und deswegen immer noch etwas lauter vom Bahn-Berater bedient werden, bis der Hals platzt. Ganz zu schweigen von Leuten wie mir, die sich angestarrt fühlen, weil der Bahn-Berater sie anstarrt. Und murmelt: „Funktioniert’sen?“

Zurück nach Riesa, wo kürzlich eine Kirchenveranstaltung mit Orgel und anderer Tanzmusik mit der Möglichkeit beworben wurde, sich vorher zünftig „zu stärken“: Mit Bier vom kircheigenen Bierstand. Nicht immer nur Hostie!

Die Ehrennudel des Tages gebührt aber heute Ysel und Willibald vom örtlichen „Hafen Döner“. Denn das Willibald und Ysel ihr wohlverdientes Feierabendbier unterbrachen, um mir ein Pressefoto sondergleichen zu ermöglichen, ist ja nicht selbstverständlich. Statt einer unüberdachten Bushaltestelle (das war das Thema) sah man in der Zeitung nun Willibald und Ysel, wie sie auf ihren eigens mitgebrachten Dönerstühlen und ohne Dach vorm Bushalteschild auf den Bus warten. Und grimmig schauen. Dass Ysel dann noch eine Flasche Wasser spendieren wollte wegen der guten Zusammenarbeit – das alles gehört dann irgendwie wohl in die noch zu schaffende Kategorie „Menschen, die ganz bewusst nicht wie viele Schaffner sind“.

Gansel (braun) hat dann noch in einer Pressemitteilung „zu der vielgestellten Frage, wie die NPD alte Arbeitsplätze sichern und neue schaffen will“ Stellung bezogen. Indem man die Ausländer wegtut. Und schuld an allem ist übrigens die BRD und die DDR und das „System“, das gute alte. Und jetzt einfach mal zitieren, da spart man sich Mühe und erntet trotzdem ein paar Rülpser: „Wenn ein Ausländer Arbeit hat, besetzt er einen Arbeitsplatz, den grundsätzlich auch ein Deutscher einnehmen könnte. Ob mit Arbeit oder ohne Arbeit – jeder Ausländer, der nicht gerade zu den Selbständigen gehört, nimmt Deutschen Arbeit und Sozialleistungen weg. Wem, wenn nicht ihnen?

Ja, wem nur, wenn nicht ihnen?

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11 Antworten zu “Die Bahn ist eine Terrorzelle

  1. Das Ysel-und-Willibald-Foto würd ich jetzt aber schon gerne sehen..!

  2. I’m loving it. Die sollen Dir dringend ne Kolumne bei der taz geben. Oder bei ner Zeitung, die besser bezahlt. Fühl da mal vor!

  3. hubertus meyer-burkhardt

    Sehen Sie eigentlich so lustig aus, wie sie schreiben? Hab mich grade eingenässt mit Kelle Soße in der Hose.

  4. @Katia: Wollte ich, geht aber nicht, weil mich die Sächsische Zeitung dann vollkommen zurecht wegen gebrochenen Urheberrechts hängt.

    @Dominik: Gerne, mich fragt ja keiner. Sollte ich dann vielleicht doch mal selber fragen?

    @Hubertus MB: Mein Internet gibt nicht zu erkennen, wer Sie sind. Warum dieses Pseudonym? Oder sind Sie’s am Ende wirklich? Und nein, ich seh nicht lustig aus, sondern gut.

  5. sehr gut sogar, sieht er aus

  6. Die Am-Bahnkartenautomaten-Berater sind gar nicht so neu.

  7. @Johann: Magst Recht haben, aber das ist ja hier auch kein News-Blog, sondern: Thomas Trappe.

  8. kannst nich auch was über die am-telefon-bahn-unberater schreiben. was böses. kann denen nicht auch irgendwas aufplatzen? oder das hänsel und gretel märchen umdichten. so dass die bahahahn am ende im backofen brennt? tut mir gut die vorstellung.

  9. @ Thomas: Wird das hier http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,631892,00.html morgen auch bei Dir Thema?

  10. @ Johann:
    Wenn Du in der Zeitung meinst: Nein.
    Wenn im Blog meinst: Vielleicht.

  11. Hallo Herr Trappe,

    eine kleine Anmerkung zu den Leuten am Bahnticketautomaten.

    Ich bin öfter von Hamburg nach Kiel und zurück unterwegs, meist mit dem Landesticket. Ich hab es jedenfalls öfter in Kiel erlebt, dass dort Leute am Ticketautomaten aufpassen, dass sich keine spontanen Ticket-Gruppen einfinden. Vielleicht geht’s auch da drum? 🙂

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