Wir sind kein Volk!

Im Kampf gegen die Migration werden bei Rechtspopulisten Argumente aus der Genetik wieder beliebter. Dabei belegen die neuesten Forschungen, dass es so etwas wie eine DNA der Deutschen nicht gibt. Sie zu definieren gleicht dem Versuch, einen Grießbrei mit dem Messer zu zerteilen.

Unter den deprimierenden Passagen des neuen Verfassungsschutzgutachtens zur AfD ragt die heraus, in der es um die unwürdigen Bedingungen seines Entstehens geht: 80 Stunden Videomaterial habe man, heißt es an einer Stelle, gesichtet und verschriftlicht. Dahinter stehen Schicksale. Man hofft, dass die Arbeit auf genügend Verfassungsschützer aufgeteilt wurde und fragt sich, ob man das Ganze nicht hätte einfacher haben können. Zum Beispiel durch Rückgriff aufs Gedächtnis, das genügend Belege für die nicht gerade grundgesetzverliebte Haltung vieler AfDler bereithält. Aber gut, nun liegt ein Sammelwerk vor, und unter anderem lesen wir darin über die Affinität wesentlicher Parteimitglieder zur völkisch inspirierten Genetik. Ein guter Anlass, diese einem Realitätscheck zu unterziehen. Dafür braucht man nicht in Gutachten zu schauen, sondern dahin, wo es ernst wird: In die DNA.

Vor allem in den ostdeutschen Landesverbänden scheint der Rückgriff auf die Genetik immer beliebter zu werden. Der Wahlthüringer Björn Höcke war unter anderem wegen seiner einschlägigen Äußerungen in diesem Bereich einst Ausschlusskandidat, heute ist er potenzieller nächster Ministerpräsident. In Brandenburg testet der einstige Konservative Alexander Gauland immer lustvoller die Untiefen der märkischen Volksseele aus. Ganz zu schweigen von Sachsen, wo die AfD der NPD das Wasser abgrub, sicher nicht dadurch, dass man völkisches Gedankengut meidet. Angesichts der anstehenden Landtagswahlen in den genannten drei Ländern wird der Trend wohl anhalten. Schließlich betrachtet es etwa Björn Höcke als „politische Bettnässerei“, auf Begriffe wie „Umvolkung“ und „Volkstod“ – die auf dem Konzept einer genetischen Abgrenzbarkeit von Nationen beruhen – zu verzichten.

Fast schon ironisch mutet es vor diesem Hintergrund an, dass sich ausgerechnet in Thüringen und Sachsen zwei der weltweit führenden Forschungsinstitute befinden, die in den letzten Jahren darlegen konnten, dass alte Vorurteile über die Genetik ganzer Nationen haltlos sind und ständige Migrationen immer elementar für den Fortschritt unserer Spezies waren. Das Max-Planck-Institut (MPI) für evolutionäre Anthropologie in Leipzig bewies 2010 im Neandertalgenom-Projekt, dass alle heute auf der Welt lebenden Menschen Nachfahren afrikanischer Einwanderer sind. Und das Jenaer MPI für Menschheitsgeschichte zeigte wenig später, dass wir neben unseren afrikanischen Wurzeln noch zwei weitere zentrale Säulen in unserer DNA haben. Sie stammen aus Anatolien und der südrussischen Steppe.

Die Archäogenetik ist ein sehr junger Forschungszweig, hier werden in der Medizin entwickelte Methoden der Genanalyse an archäologischen Funden anwendet. In alten Knochen wird DNA analysiert, um durch den Vergleich mit heute lebenden Menschen Rückschlüsse auf unsere Evolution zu ziehen – und auch darauf, woher unsere Vorfahren kamen. Die Archäogenetik machte in den letzten Jahren unvorstellbare Sprünge, so hat sich der Durchsatz an sequenzierten Genomen in den zwölf Jahren verhundertmillionenfacht. Weltweit gibt es eine handvoll führender Archäogenetiker, einer von ihnen ist der Gründungsdirektor des Jenaer MPI, Johannes Krause, mit dem zusammen ich die „Die Reise der Gene“ schrieb. Wer definitiv nicht zu den führenden Archäogenetikern gehört: Björn Höcke.

Das muss deshalb betont werden, weil Höcke vor mehr als drei Jahren einem geneigtem Publikum klarzumachen versuchte, über tiefere Kenntnisse europäischer und afrikanischer Genetik zu verfügen. „Phylogenetisch völlig nachvollziehbar“, sagte Höcke damals, hätten Afrikaner eine „eigene Reproduktionsstrategie“, die sich von der europäischen unterscheide. Höcke sprach von R- und K-Strategien; das sind Begriffe aus der Biologie, um Populationsdynamiken im Tierreich, mitunter auch bei Bakterien, zu beschreiben. Er erwähnte afrikanische „Ausbreitungstypen“ und europäische „Platzhaltertypen“, ganz so als seien die Menschen nichts anderes als eine Ansammlung brünftiger Hirsche. Nicht ganz so vulgärwissenschaftlich äußerten sich Parteifreunde, aber auch bei ihnen ist der Glaube an eine genetischen Disposition zum Deutschsein unüberhörbar. Zum Beispiel beim Bundesvorsitzenden Alexander Gauland, der fürchtet, in Folge von Migration könnte „dieses Land von der Erde verschwinden und sozusagen nur noch irgendeine uns fremde Bevölkerung hier leben“. Oder bei Marc Jongen, Sprecher der AfD Baden-Württemberg, der die „genetischen Grundlagen der Kultur“ betont. Oder beim brandenburgischen Parteichef Andreas Kalbitz, der bei den Deutschen von einer „indigenen Bevölkerung“ spricht, die durch Zuwanderung der „Selbstvernichtung“ ausgesetzt sei.

Mit etwas Wohlwollen könnte man den Protagonisten unterstellen, falsch gegoogelt zu haben. So waren die frühen Afrikaner in dem Sinne „Ausbreitungstypen“, als dass auf dem Kontinent beginnend vor etwa sieben Millionen Jahren die ersten Menschen entstanden und sich später in alle Welt ausbreiteten. Und dass es so etwas wie eine „indigene“ europäische Bevölkerung geben könnte, schien bis vor wenigen Jahren zumindest noch denkbar. So glaubten viele Wissenschaftler, die Menschen diverser Weltregionen gingen auf Urmenschen zurück, die dort lebten, im Falle Europas also auf den Neandertaler. Seit der Entschlüsselung des Neandertalergenoms 2010 ist das weitgehend widerlegt. Alle heute lebenden Menschen stammen von Afrikanern ab, die sich vor etwa 40.000 Jahren über die arabische Halbinsel ausbreiteten. Sie ließen sich dabei auch mit Neandertalern ein, aber maximal vier Prozent der DNA heutiger Menschen außerhalb Afrikas geht darauf zurück. Der DNA-Mix, der damals entstand, ist mitnichten der, den wir heute in uns tragen. Denn ohne ständige Mobilität unserer Vorfahren und genetischen Austausch wäre der Kontinent gar nicht denkbar. Und ohne die ewige Balkanroute auch nicht.

Schon die afrikanischen Einwanderer kamen vor 40.000 Jahren entlang des Donaukorridors und stießen bis weit nach Zentraleuropa vor, unter anderem fühlten sie sich in schwäbischen Höhlen sehr wohl. Mehrere zehntausend Jahre blieben sie unter sich, bis dann vor etwa 8.000 Jahren, wieder über den Balkan, massenhaft Anatolen einwanderten. Es war ein echter Bevölkerungsaustausch, denn die Anatolier waren kinderreich – und als Erfinder der Landwirtschaft den europäischen Jägern und Sammlern technisch wie zahlenmäßig gnadenlos überlegen. Nicht nur Ackerbau und Viehzucht brachten die Migranten auf den Kontinent, sondern auch einen neuen Teint. Denn die alten Jäger und Sammler waren dunkelhäutig. Unsere helle Haut ist eine Mutation, die sich großteils durch Vitaminmangel der fast vegetarisch lebenden Einwanderer erklären lässt.

Einwanderer und Alteingesessene lebten, das zeigen die DNA-Analysen, knapp 2.000 Jahre in voneinander abgeschlossenen Parallelgesellschaften. Beide Populationen sind heute zwei der drei tragenden genetischen Säulen der europäischen DNA. Die dritte kam vor etwa 4.800 Jahren dazu, und zwar aus der Steppe zwischen Kaspischem und Schwarzen Meer. Wollte man die genetischen Verschiebungen, die damals in Europa auftraten, heute erreichen, müssten auf einen Schlag zehn Milliarden Menschen einwandern, also mehr als die gesamte Weltbevölkerung. Die osteuropäischen Einwanderer, auch das zeigt die DNA, waren zu 80 Prozent Männer. Der Migration folgte das Ende der Steinzeit – die Neuen brachten das Handwerk der Bronzeverarbeitung und vieles andere, was Europa die folgenden Jahrtausende zu dem machte, was es wurde.

Wir gehen damit auf Einwanderer aus Afrika, dem Nahen Osten und der russischen Steppe zurück. Alles, was danach passierte, veränderte die europäische DNA nicht mehr maßgeblich. Der Verweis auf irgendwelche genetischen Verschiebungen, die heute durch Einwanderer verursacht werden könnten, ist daher abwegig. Erstens, weil die meisten Menschen, die man mit diesem Argument abwehren will, mit einer DNA zu uns kommen, die wir schon längst haben – es sind Cousins und Cousinen. Und zweitens ist es sowieso egal: In einem Land mit 80 Millionen Menschen (wahlweise: Einem Kontinent mit einer dreiviertel Milliarde) ist schlicht keine Masseneinwanderung denkbar, die irgendetwas an der DNA der breiten Masse ändern könnte. Zumal die Weltbevölkerung sich diesbezüglich sowieso immer weiter angleicht: In den letzten zehntausend Jahren haben sich zum Beispiel die genetischen Unterschiede zwischen Europäern und Asiaten halbiert. Weil es immer mehr Austausch gab und die Menschen immer mobiler wurden. Diese Entwicklung aufzuhalten, dafür ist es rund 8.000 Jahre zu spät.

Heute ist jeder Versuch, staatliche oder auch nur kontinentale Grenzen mit genetischen zusammen zu bringen, zum Scheitern verurteilt. Je näher Menschen beieinander leben, desto ähnlicher ist ihre DNA. Ein Cottbusser mit einheimischen Großeltern ist genetisch näher an Polen als an Leipzig, im Raum Aachen gleicht die Durchschnitts-DNA eher jener in Brüssel als in Hannover. Ein DNA-Test wird einem also sagen, aus welcher Region die eigenen Vorfahren stammen, aber nicht, aus welchem Land. Wer auf dieser graduell sich verschiebenden Landkarte einzelne Völker voneinander abgrenzen will, der kann auch versuchen, einen Grießbrei mit einem Messer zu teilen.

Völkische Hobbygenetiker, die ja nicht ausschließlich in der AfD zu finden sind, sollten Gene also vielleicht einfach Gene sein lassen. Zum Trost: Die in den letzten Jahren offenbar gewordene Besiedlungsgeschichte Europas bietet auch so noch genügend Ansätze, sie für Scheinargumente gegen die Migration auszuschlachten. Schließlich sorgten die anatolischen Einwanderer vor 8.000 Jahren dafür, dass sich die angestammten Europäer zurückziehen mussten. Und viel spricht dafür, dass aus der Steppe vor 4.800 Jahren nicht nur massenhaft alleinstehende junge Männer kamen, sondern auch eine tödliche Seuche. Hätte es diese Migrationswellen nicht gegeben, wer weiß, vielleicht würden wir dann noch heute als Jäger und Sammler durch die Wälder ziehen, im Einklang mit der Natur, ohne festen Wohnsitz, ohne genetische Vermischung. Mit nationalen Grenzen allerdings wüssten wir indigenen Europäer dann aber wohl erst recht nichts anzufangen.

„Die Reise unserer Gene“, ab sofort im Handel.

2/19

Lauter Zumutungen

Ein sächsischer Oberbürgermeister wehrt sich gegen westdeutsche Verhältnisse, und ein ehemaliger Justizminister im Range eines Ausländerbeauftragten plädiert für eine teilweise Aussetzung des Rechtsstaates. Zwei Ausläufer eines noch jungen Jahres, das sich anschickt, das in seiner Abgefucktheit schon schwer erreichbar scheinende 2015 binnen eines Monats einzuholen. Nicht einmal drei Wochen ist Silvester her, und unter normalen Umständen wäre eine vermeintliche Terrordrohung in München das Nachrichtenhighlight des Monats gewesen. Mitsamt hysterischen Diskussionen und aufgeregten Debattenbeiträgen. Hysterie verglüht. Jetzt aber haben wir Köln – und langsam muss man es mit der Angst zu tun bekommen. Denn die Leute sind nicht mehr hysterisch. Nein, sie meinen es ernst.

Das hier ist der Versuch einer Rationalisierung mit dem Wissen, dass es keinen Gedanken gibt, der zum Thema nicht schon geäußert wurde, und sei er noch so dämlich. Die Pegida-Fantasie vom „Rapefugee“, also dem Araber mit genetischer Disposition zur sexuellen Gewalt. Jakob Augstein, der sagte, die Silvestervorgänge wären ein Fall für den Kölner Stadtrat. Und die Äußerungen bemühter Relativierer, Vergewaltigungen und Belästigungen wie in Köln seien in Deutschland schon lange üblich, es gebe, Zitat, schlicht „keine angstfreien Räume“ für Frauen. Man brauchte einen starken Magen, wenn man das alles las.

Erstmals mitgenommen fühlte ich mich bei der Arschloch-These. Kurze Zusammenfassung: Menschen sind zu einem gewissen Prozentsatz Arschlöcher. Dies variiert zwar im persönlichen Erleben. So sind zum Beispiel ungefähr 50 Prozent aller Rolltreppenbenutzer in der Galeria Kaufhof am Alexanderplatz Arschlöcher, weil sie nämlich links stehen, statt, wie vorgeschrieben, zu gehen. Persönliche Erfahrungen sind aber immer ein Zerrbild, zum Beispiel, weil schon ein gewisses Maß an Grundverrohung dazugehört, am Alexanderplatz shoppen zu gehen, die dortige Teilgesamtheit also nicht repräsentativ ist. Grundsätzlich gilt daher für alle Menschen ein gleicher Anteil von Arschlöchern, meiner persönlichen Einschätzung zufolge zehn bis 15 Prozent. Unter 80 Millionen Deutschen, so die These, gibt es damit acht bis zwölf Millionen Arschlöcher. Und unter einer Million Flüchtlingen – Sie können selber rechnen. Das ist sehr viel, selbst wenn wir nur von fünf Prozent reden. Ohne Zweifel ist dieser Zuwachs an Arschlöchern eine Zumutung.

Doch befreit diese einfache Prozentrechnung davon, nach Kausalitäten zu fragen, und damit auch nach der Herkunft von Arschlöchern? Ich denke: Nein. Zur Veranschaulichung bietet sich, grundsätzlich immer, ein Nazi-Vergleich an.

Reden wir über Nazis in Deutschland. Jede zweite rechtsextreme Straftat wird in Ostdeutschland begangen, obwohl hier nicht mal ein Viertel der Menschen leben, die sich zudem noch sehr wenige Ausländer teilen müssen, die sie dann hassen können. Es gibt sehr viele Ostdeutsche, die aus nachvollziehbaren Gründen behaupten würden, dass es kein spezielles Rechtsextremismus-Problem im Osten gebe (ein sächsischer Landrat machte das mal vor der Kulisse einer abgefackelten Asylbewerberwohnung). Und tatsächlich haben Sie ja auch irgendwie recht: Die absolute Mehrheit der Sachsen wählt nicht rechtsextrem, und die überwältigende Mehrheit der Dresdner geht nicht zu Pegida. Trotzdem wehre ich mich dagegen, Rechtsextremismus losgelöst davon zu diskutieren, dass es ein abgehängtes, verletztes, beleidigtes und vor allem verängstlichtes Milieu im Osten gibt. Ein kleines Milieu, das sich aber sehr deutlich bemerkbar macht. Sei es bei einer Legida-Demo, die Leipzig-Connewitz wie seit 1938 nicht mehr „entglast“. Sei es, ach, Sie kennen die Beispiele selbst.

Rein statistisch also ist es wahrscheinlicher, dass ein neugeborener Sachse im Laufe seines Lebens eine rechtsextreme Straftat begehen wird als ein Baden-Württemberger. Zu denken, dass das allein mit der Herkunft zu begründen ist, wäre rassistisch, zu glauben, dass das nichts mit Sachsen zu tun hat, naiv. Wenn also unter hundert Nazis 30 Sachsen sind, wäre es fahrlässig, die Korrelation nicht erklären zu wollen. Und wenn sich unter den mutmaßlichen Straftätern in Köln auffällig viele Menschen aus Maghreb-Staaten befinden, muss auch diese Korrelation stutzig machen. Auf rassistische Erklärungsmuster muss man da nicht lange warten, und die Allerdümmsten werden sie garantiert als allererstes bemühen. Sie vergiften die Diskussion, und jeder, der sich auf eine Herkunftsdiskussion einlässt, begibt sich in eine schleimige Spur. Aber es nützt ja nichts.

Ist es in Sachsen das beschriebene Milieu und ein über die letzten 25 Jahre etabliertes, dem Rechtsextremismus gegenüber weitgehend gleichgültiges Klima, so muss man auch darüber reden, warum unter den Straftätern von Köln sehr viele Maghrebiner, aber beispielsweise kaum Syrer zu finden sind. Mir fallen da viele Möglichkeiten ein, und viele bringe ich auch mit dem Rechtssystem der Herkunftsländer und einem dort üblichen Frauenbild in Zusammenhang. Oder Männerbild, wie man will.

Dazu soll hier mal wieder der Neonaziaussteiger-Betreuer meines Vertrauens, Michael Ankele aus der Lausitz, zu Wort kommen. Ankele wies mich mal darauf hin, dass nahezu ausnahmslos alle seine Klienten – also Neonazis, die aus der Szene aussteigen wollen – ohne Vater aufgewachsen seien. Und sie hätten, so Ankele, fast durchweg ein Problem mit ihrem Männlichkeitsbild, und wären daher besonders empfänglich für Rollenangebote, die ihnen Gruppen (man könnte auch Clans sagen) machen. Also ja, ich glaube, im eigenen Kulturkreis etablierte Geschlechter- und Rollenmodelle bestimmter Milieus können zu einem ernsten Problem werden.

Man schaut sich so etwas nicht gerne an. Bei dauernden Pegida-Demos, Mistgabeln, zelebriertem Faschismus und impliziten Morddrohungen gegen Alles und Jeden verliert jeder denkende Mensch irgendwann die Geduld. Im vergangenen Jahr schlug sich das zum Beispiel in der launigen Idee eines „Säxit“, also dem Austritt des Freistaats Sachsen aus der Bundesrepublik Deutschlands (bestenfalls wiederum unter Ausschluss Leipzigs aus diesem Szenario), nieder. Das beschränkte sich auf die Feuilletons und die Glossen der Zeitungen, denn jeder wusste, dass der „Säxit“ einen Narrenhut trägt und nur spielen will.

Eine ähnliche Diskussion wiederholt sich nun bei den Flüchtlingen, nur mit weit drastischeren Folgen. Die vergangenen Wochen waren dabei auch für mich eine Art Selbstversuch: Bin ich bereit, für emotionale Gewissheiten Grundüberzeugungen über Bord zu werfen? Ja, bin ich mitunter, leider. Überzeugt bin ich davon, dass auch Vergewaltigern das Recht auf einen fairen Gerichtsprozess zusteht, an deren Ende sie nach Maßgabe des Gesetzes verurteilt werden. Als politisch denkenden Menschen fände ich alles andere katastrophal, als fühlender Mensch sähe ich die festgestellten Kölner Straftäter lieber heute als morgen abgeschoben, egal, was ihnen in ihrer Heimat droht. Es ist paradox: Als Mensch, der fühlt, gibt man in solchen Fällen das Mitgefühl mit den Tätern auf. Das ist nicht problematisch, finde ich, weil es menschlich ist. Und weil Justiz nicht wie ein Mensch denkt, sondern wie eine blindes Wesen, das nichts sieht außer Schuld und Gerechtigkeit. Sie setzt Grenzen. Der Strafe, und der Rache.

Wer wünscht sich nicht, hört er vom Kindermörder in der Nachbarstadt, und sei es nur ganz kurz, der wütende Vater möge sich des Falles annehmen? Wer hofft nicht, ganz kurz, die Bremsen mögen dem neuen Besitzer an entscheidender Stelle reißen, wurde einem zum vierten Mal vor der Haustür das Fahrrad geklaut? Wer hofft nicht, eine protestierende Antifa schafft es vielleicht doch, nur ganz kurz, den den Steuerzahler wieder Millionen kostende Polizeischutz für die Hardcore-Nazi-Demo zu durchbrechen? Das Leben ist voll von Beispielen, in denen der Rechtsstaat eine Zumutung ist, und es gibt Gründe, dass Gesetze nicht auf der Straße, sondern in ermüdenden Ausschüssen, langwierigen Plenardebatten und vor allem in einem jede Emotionalität abtötenden Prozess ausgehandelt werden. Und dann steht halt drin, dass Asylbewerber in der Regel erst dann abgeschoben werden dürfen, wenn sie zu einer mindestens dreijährigen Haftstrafe verurteilt worden sind. Wenn ich den §177 des Strafgesetzbuches richtig verstehe, dürfte das erforderliche Strafmaß bei überführten Tätern in Köln leicht zu erreichen sein.

Wenn die Täter ausfindig gemacht werden. Wenn es genügend Beweise gibt. Wenn sie verurteilt werden. Das alles sind gerechtfertigte Einwände, von denen vor allem der erste ja nicht von der Hand zu weisen ist. Vermutlich werden also tatsächlich viele Täter nicht gefasst werden, und es steht zu befürchten, dass sie ähnliche Taten erneut begehen werden. Das haben Sie mit sehr vielen Straftätern gemein, und auch das gehört zu den Zumutungen eines Rechtsstaats: Dass er Verbrechen nicht verhindert, sondern nur bestraft. Man fühlt sich regelrecht ekelhaft, wenn man so etwas angesichts von vielleicht hunderten Frauen schreibt, die in Köln erniedrigt und körperlich verletzt worden. Man hangelt sich bei der ganzen Debatte also von Zumutung zu Zumutung. Und damit nun endlich zu den westlichen Werten. Oder, wie man in Sachsen sagen würde: Zu den westdeutschen Verhältnissen.

Westliche Werte, das klingt nach Freiheit, nach Ringparabel, nach Bikini-Urlaub auf Hawaii. Westdeutsche Verhältnisse, das klingt nach Duisburg-Marxloh, nach Neukölln, nach libanesischen Clans. Wo würden Sie den Rechtsstaat einordnen? Bei den westlichen Werten sicherlich, wenn Sie gerade erfolgreich einen Widerspruch gegen einen amtlichen Bescheid eingelegt haben. Zu den Verhältnissen vielleicht, wenn Sie über Köln reden und das dort sogenannte Staatsversagen, die vermeintliche Ohnmacht der Justiz.

Marco Müller, den ich in meiner Zeit in Riesa als behutsamen Lokalpolitiker kennengelernt habe und der inzwischen CDU-Oberbürgermeister der Stadt ist, wurde von der Sächsischen Zeitung Anfang Januar unter anderem zum Thema Asylbewerber befragt. Es sei das erste Thema, auf das er von Bürgern auf der Straße angesprochen werde, sagte Müller dort, und das ist ganz sicher so. Mit Verweis auf die aktuellen Eskalationen in der Asylpolitik sagte Müller außerdem Folgendes.

„Ganz klar: Die Riesaer wollen keine Verhältnisse wie in westdeutschen Großstädten haben, wo sich die Polizei in bestimmte Gebiete nicht mehr hintraut und sich rechtsfreie Räume gebildet haben. […] Dafür sind die Leute 1989 nicht auf die Straße gegangen.“

Beide Sätze sind bemerkenswert. Der erste, weil der Jurist Müller Asylbewerber und Kriminalität gleichsetzt. Der letzte, weil man sich fragt, welchen Rosinenpicker-Träumen man in Riesa anhängt. Natürlich ist man damals nicht für rechtsfreie Räume „auf die Straße gegangen“. Aber wenn ich Sushi bestelle, kriege ich nun mal auch den Ingwer. Selbst wenn der mir nicht schmeckt. (Ja, ich weiß, man muss ihn nicht essen. Geschenkt.)

Im Grunde, und da spricht Müller für viele Sachsen, geht es hierbei also um die Zumutungen des Rechtsstaats, mit denen offenbar gerade immer mehr Menschen auch außerhalb Riesas hadern. Denn es gibt ja keine rechtsfreien Räume in Deutschland, sondern Räume, in denen Recht zu einem überdurchschnittlichen Teil nicht durch Vollzugsbeamte umgesetzt wird. Das ist nicht weniger problematisch, aber ein grundsätzlicher Unterschied: Eben weil es einen Rechtsstaat gibt, werden Gruppen, so auffällig eine Häufung von Kriminalität unter ihnen auch sein mag, immer noch als eine Zusammensetzung von Individuen betrachtet, die jeweils ein eigenes Rechtssubjekt darstellen. Das wird kompliziert, wenn Beamte und Justiz zu schlecht ausgestattet sind. Das kann man ändern, indem man mehr Beamte einstellt. Oder, und dieser Wunsch steckt hinter dem Schimpfen auf „westdeutsche Verhältnisse“: Man plädiert dafür, dass eine gefühlt oder tatsächlich kriminalitätsauffällige Gruppe als Gesamtheit aus der Gesellschaft ausgeschlossen wird. Ein erklärbarer Impuls, eben wie die Forderung nach dem „Säxit“. Nur, dass man bei den Flüchtlingen nicht sofort merkt, welches Gift man da in die Gesellschaft tröpfelt.

Geert Mackenroth brauchte nicht lange, das Ganze griffiger zu formulieren. Mackenroth ist ehemaliger Justizminister in Sachsen und war mal Vorsitzender des Deutschen Richterbundes. Heute ist der CDU-Landtagsabgeordnete Ausländerbeauftragter in Sachsen, und wer die Sachsen-CDU etwas länger kennt, weiß, dass das böse endet. Mackenroth hat als lange ranghoher Jurist sicher Ahnung von Recht, und deshalb hat er sicher lange überlegt, bevor er gerade vorschlug, mutmaßlich (!) kriminell gewordene Asylbewerber ohne Bleibeperspektive mit Verzicht auf einen Gerichtsprozess außer Landes zu schaffen. Politisch begründet wurde das von ihm recht filigran, was aus meiner Sicht nichts daran ändert, dass Mackenroth genau das fordert, wovor Parteifreund Müller sich so fürchtet: Einen rechtsfreien Raum. Und zwar für jenen Teil der Asylbewerber, die straffällig werden und „sowieso“ keine Bleibeperspektive haben. Ein so fantastischer Vorschlag, dass inzwischen auch die CSU damit hausieren geht.

Gerade habe ich ein ausführliches Interview Mackenroths zu seiner Forderung nochmal gelesen, und es ging mir hier wie so oft in den vergangenen Tagen: Es gibt Gefühle in mir, die sagen, so unrecht hat er nicht. Was ist dagegen einzuwenden, straffälligen Asylbewerbern, die mit hoher Wahrscheinlichkeit sowieso keinen Asylanspruch haben, einen teuren Strafprozess zu verweigern, um sie schneller über das Asylverfahren loszuwerden? Gleich denke ich wieder an die Vergewaltiger in Köln und aus dem Hinterkopf schallt das „Jawoll“ noch lauter. Es ist wie immer, wenn jemand Jawoll brüllt. Das geht nicht gut aus.

Zum Beispiel der sächsische NPD-Politiker Jürgen Gansel. Er lobte jetzt seinen Bürgermeister Müller, wofür dieser natürlich nichts kann. Müller, so Gansel, habe „sich noch ein gewisses Sensorium für die Zuwanderungsskepsis und Asylanten-Distanz der Riesaer bewahrt“. Und Gansel weiß wahrscheinlich derzeit gar nicht, wo er zuerst klatschen soll. „Kriminelle Ausländer raus“, das war die letzten Jahre der Slogan der NPD, und vor dem Verfassungsgericht soll gerade bewiesen werden, dass das staatsgefährdend rechtsextrem sei. „Kriminelle Ausländer haben in Deutschland nichts zu suchen“, sagt inzwischen Deutschlands Vizekanzler. Erkennt jemand den Unterschied?

Eben, es gibt ihn nicht. Das sind die sächsischen Verhältnisse. Das ist das, wofür sie in Dresden gerade auf die Straße gehen. Ich glaube nicht, dass wir das hier wollen.

Warum Akif Pirincçi aus falschen Gründen das Richtige passierte und warum das nicht gut ist

Dass ein deutscher Rassist mit türkischen Wurzeln den Pegida-Chef Lutz Bachmann, der schon länger vor radikalisierten Südländern warnt, dazu bringt, sich nach rechts abzugrenzen, indem er sich von einem Migranten distanziert: Das allein ist ein Treppenwitz, bei dessen Besteigung man sich die Beine bricht. Kein Wunder also, dass das mir vorliegende Internet in den letzten beiden Tagen frei dreht und gar kein Halten mehr ist ob dieser kognitiven Dissonanzen, die gerade fröhlich tanzen (Anstrengende Bilder, oder um es in den Worten Akif Pirincçis zu sagen: Was für ein versifftes Metaphern-KZ hier).

Ein KZ-Vergleich also. Akif Pirincçi sprach, kurz bevor ihm am Montag zum Einjährigen von Pegida das Mikro abgedreht wurde, von KZs, die leider nicht mehr in Betrieb seien. Es war ein Satz, den Pirincçi nach aktuellem Stand bei vollsten Bewusstsein äußerte und der nun seine Existenz gefährdet – Pegida hat damit zumindest schon mal einen Türken arbeitslos gemacht. Nun ist die Sache mit diesem Satz, dass er anders gemeint war, als es weithin verbreitet wurde. Pirincçi sprach über die „Macht“, das ist Aluhut-Deutsch für Regierung, die den „Respekt vor dem eigenen Volk so restlos abgelegt zu haben [scheint], dass man ihm schulterzuckend die Ausreise empfehlen kann, wenn er gefälligst nicht pariert.“ Danach folgt der KZ-Satz: „Es gäbe natürlich andere Alternativen. Aber die KZs sind ja derzeit außer Betrieb.“ Es dauerte nur wenige Stunden, bis dann Akif Pirincçi außer Betrieb war. Was vollkommen in Ordnung ist, nur, und das soll hier der Punkt sein: Aus völlig falschen Gründen.

Denn besagte Äußerung wird seitdem immer wieder in einen falschen Kontext gesetzt. Zum Beispiel bei Spiegel Online. Die grundsätzliche richtige Behauptung, Pirincçi habe „nicht mehr alle Tassen im Schrank“ wurde hier damit begründet, dass der Katzenkrimi-Autor mit seinem KZ-Verweis gefordert habe, so mit „Politikern umzugehen, die bereit sind Flüchtlinge aufzunehmen“. Das war, und zwar ganz offensichtlich, falsch. Pirincçi sagte, ihm und seinen Gesinnungsgenossen drohe das KZ. Inzwischen hat man bei Spiegel Online diesen Fehler auch korrigiert. Die Auffassung, Pirincçi wolle KZs öffnen, ist aber dank der breiten Berichterstattung mit eben jener Quintessenz in der Welt und wird da auch bleiben.

Den einschlägigen Seiten im Netz und wohl auch einem Großteil der „Besorgten“ hat man damit die argumentative Grundlage geliefert, „Lügenpresse“ bellend zu behaupten, hier werde ein „Systemgegner“ mundtot gemacht. Was natürlich Blödsinn ist, denn Pirincçi hat ja tatsächlich eine Hassrede gehalten, die durch eine Auschwitz-Fantasie kaum gesteigert worden wäre.  „Moslemmüllhalden“ zum Beispiel, und der die gesamte Rede durchziehende Subtext, Araber seien genetisch bedingt nur zur Vergewaltigung fähig. Und auch den KZ-Satz muss man in seiner Bedeutung nicht umpolen, um ihn volksverhetzend zu nennen: Behauptet er doch, wir alle lebten unter einer Regierung, die mit dem Gedanken spiele, uns, das Volk, ins KZ zu stecken. Was anderes ist das als der Versuch einer Volksverhetzung mit unabsehbaren Gewaltpotenzial? Kurz: Es war unnötig, hier irgendetwas in der medialen Resonanz zu überspitzen oder verkehrt einzuordnen. Die Bloßstellung lieferte Pirincçi ganz allein.

Am Falle Pirincçis lässt sich damit etwas beobachten, was für mich eines der größten Ärgernisse bei der Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus ist: Das Fokussieren auf Symbole. Pirincçi hat KZ gesagt. Es passierte das Gleiche wie einst mit Lutz Bachmann, der wegen eines Hitlerbärtchens fast unehrenhaft von seiner eigenen Pegida entlassen worden wäre. KZ sagen, Hitler sagen, das sind die Codes, mit denen in Deutschland immer noch Nazis identifiziert werden. Nur: Pirincçi hat den gleichen rassistischen Müll wie am Montag zuvor schon ohne Widerspruch im ZDF-Morgenmagazin äußern können, und die größte Gefahr von Lutz Bachmann geht sicher nicht von seiner Mundbehaarung aus. Denken wir jetzt noch an Eva Hermann und an die Autobahnen und halten gleich mehrere Dinge fest. Erstens: Die Gründe, warum solche Personen kurzzeitig oder für immer von der Bühne verschwinden, sind meist triviales NS-Wording. Zweitens: Es trifft in aller Regel die Richtigen. Drittens: Indem man es sich aber so einfach macht, gibt man ihnen und ihren Unterstützern die Rolle, die sie so gerne einnehmen, nämlich die des unterdrückten Querdenkers. Was sie, viertens, niemals sind.

Die Symbolfixierung bei der Auseinandersetzung mit rechtsextremen Strukturen hat dabei Auswirkungen auf die selbige. Man sieht das bei Pegida ganz gut. Nämlich in dem festen Glauben der Pegidisten, sie seien tatsächlich keine Rassisten und faschistoidem Gedankengut gegenüber immun – während sie zwischen Galgen wandern und Schildern, auf denen wahlweise das „System“, die Rothschilds, die Amerikaner oder sonst wer zur Hölle gewünscht werden. Rassisten oder Nazis, davon sind sie überzeugt, können sie nicht sein, weil sie keine Hitlerbärte tragen und sich auch klar, ganz klar!, keine KZs wünschen. Das Unverständnis der Pegida, als rechtsextreme Bewegung wahrgenommen zu werden, stößt dann auf den völlig nachvollziehbaren Schock von Journalisten, in welcher Parallelwelt diese Pegidas da eigentlich leben. Wir Journalisten haben zwar vollkommen recht, kommen damit aber gerade nicht weiter.

Vielleicht wäre es deswegen an der Zeit, das hoffnungslose Unterfangen, der Pegida ihre eigene Beschränktheit klar zu machen, aufzugeben. Und stattdessen vielleicht mal auf die moralische Degeneriertheit der Pegida-Führung einzugehen. Klar, die ist seit Langem mit Händen zu greifen, aber am Montag wurde hier eine ganz neue Qualität deutlich, die auch manchen Anhänger verschrecken könnte, wie ich finde. Die Rede ist von den wenigen Sekunden, in denen Lutz Bachmann Akif Pirincçi von der Bühne befördert.

Jeder konnte wissen, wie Akif Pirincçi denkt. Das, was er am Montag sagte, hatte er genau so schon hundertmal zuvor formuliert, auch schon wesentlich brutaler. Und natürlich wusste auch Lutz Bachmann, wen er sich da einlädt. Dass er Pirincçi wie einen ungebetenen Partygast von der Bühne schmiss und sich einen Tag später von ihm distanzierte, zeigt Vieles. Dass Bachmann kein eigenes Gefühl dafür besitzt, wann Grenzen der Menschlichkeit überschritten werden – er diese selbst also offenbar nicht hat. Dass er sich von eruptiven Stimmungen seiner Anhänger leiten lässt – er also die Überzeugungsstärke eines Puddings kompensiert mit bedingungslosem Opportunismus. Dass er bereit ist, einen Verbündeten deswegen ohne ein Wimperzucken von der Klippe zu stoßen. Und dass er für all das am Ende wieder die Anderen verantwortlich macht. Für diese Kombination an Persönlichkeitseigenschaften gibt es, auch im Abendland, ein ganz treffendes Wort: Charakterlosigkeit.

Hannah Arendt hat gesagt, eine Bewegung duldet keinen Stillstand und schafft sich dafür immer neue Feinde. Ohne Feind kein Hass keine Mobilisierung keine Bewegung. Treffen kann es jeden, auch die eigene Gefolgschaft, der Henker von heute ist das Opfer von morgen. Ich bin sicher, Akif Pirincçi hat in dieser Woche sehr viel über das Wesen der Gesellschaft gelernt, die er sich so sehr herbeisehnt. Jetzt sollten seine Fans noch die richtigen Schlüsse ziehen.

Allein die Nazis

Jamel ist ein Freilichtmuseum des Rechtsextremismus. Und das Ehepaar Lohmeyer erklärt es der Presse. Immer und immer wieder.

(erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung)

Das Wandporträt mit der jungen blonden Familie in nationalsozialistischer Stolz-Pose passt. „Frei, national, sozial“ – ein besserer Schriftzug ist nicht denkbar. Das Hinweisschild zur Führer-Wiege Braunau am Inn (855 Kilometer) am Ortseingang, passt ebenfalls! Ein richtiges Nazidorf, wie im Bilderbuch, wenn es solche Bilderbücher noch gäbe. Jamel, kurz vor der Ostsee im tiefsten Mecklenburg-Vorpommern, ist eine erstklassige Adresse für Journalisten, die etwas über Rechtsradikalismus berichten wollen. Hier müssen sie nicht tief graben, nicht erst mit O-Tönen die Gesinnung der meisten Bewohner beweisen. Nazi-Kult ist in Jamel so gegenwärtig wie Stroh im Misthaufen. Und Journalisten wissen das – seit dem vergangenen Jahr waren hier ungefähr zehnmal so viele Reporter, wie das Dorf Einwohner hat. Meist hatten die Reporter zwei Termine. Erst Nazis schauen im Dorf. Und dann Besuch bei den Lohmeyers.

Das Ehepaar Lohmeyer. Birgit, Jahrgang ’58, Krimiautorin. Und Horst, Musiker, Jahrgang ’56. Die beiden kommen aus Hamburg und wohnen seit acht Jahren in Jamel, dort restaurieren und leben sie einen alten Forsthof mit Haus und Scheune. Jamel ist ein Dorf im übelsten Sinne. Eine Straße, nicht mal ein Dutzend Häuser, Felder, nichts weiter. Und seit ungefähr fünf Jahren sind zwei Drittel des Dorfes in Hand von Neonazis. Unter ihrem derzeit inhaftiertem Anführer Sven Krüger haben sie das Nest zu der braunen Grotte gemacht, als das es sich heute darstellt. Die Lohmeyers halten dagegen: Organisieren jedes Jahr ein Rockfestival als Zeichen gegen die Nazi-Einheitsfront. Sie wurden dafür ausgezeichnet. 2011 vom Zentralrat der Juden mit dem Paul-Spiegel-Zivilcourage-Preis. Im gleichen Jahr als „Helden des Nordens“, eine Auszeichnung des NDR und vier norddeutschen Regionalzeitungen. Und dieses Jahr mit dem Bürgerpreis der deutschen Zeitungen, ausgelobt vom Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger. Die deutsche Presse fährt ab auf die Lohmeyers. Und die beantworten geduldig die immer gleichen Fragen.

In ihrem Büro haben die Lohmeyers eine Liste, auf ihr ist vermerkt, wann welche Journalisten da waren. 2010 war übersichtlich, ein paar regionale Medien schrieben und sendeten damals über das Rockfestival, Nazis kamen in den Berichten kaum vor – Kulturberichterstattung. Im Januar 2011 stehen der Spiegel und Spiegel Online auf der Liste, seitdem gab es kein Halten mehr. Ungefähr neunzig Journalisten oder ganze Fernsehteams kamen in dem Jahr zu den Lohmeyers, um später darüber zu berichten wie es sich lebt „allein unter Nazis“. So war der Spiegel-Text überschrieben, es folgten viele weitere Texte, in deren Überschriften die Worte „allein“, „Nazi“ und „Dorf“ vorkamen. Für die Lohmeyers war es ein stressiges Jahr, die Dienstage waren als Pressetage festgelegt und ab und an wollte noch ein Politiker schöne Wahlkampffotos machen. Seit diesem Jahr ist der Hype vorbei, nur ab und an kommt noch ein Journalist. Vor kurzem war es eine Reporterin der Rhein-Zeitung, ihre Recherchen mündeten in der Reportage „Allein unter Rechtsradikalen“.

Um zu den Lohmeyers zu gelangen, muss man nach Wismar, dann über eine lange Landstraße und schließlich rechtzeitig links abbiegen, damit man nicht im Zentrum des Nazi-Dorfes landet und von lauter Rechtsradikalen skeptisch beäugt wird. Die Lohmeyers empfangen auf einem alten Forsthof, liebevoll restauriert, Katzen, Apfelbäume, Windspiele, ein alter Holztisch. Kaum ein Bericht, der auf die Schilderung dieser Idylle verzichtet, um dann von den Kindern zu berichten, die im Dorf den Hitlergruß verrichten und den Eltern, die das alles zu verantworten haben. Auch vom Misthaufen, der eines Tages von Dorf-Nazis den Lohmeyers vor die Tür geschüttet wurde, wird dann gerne geschrieben.

„Man erzählt immer die gleiche Geschichte“, sagt Horst Lohmeyer, im Hintergrund hört man das Windspiel klimpern. „Und irgendwann dreht man sich im Kreis. Es sind immer wieder die gleichen Fragen, aber nicht die, die man sich selbst so stellt.“ Die Lohmeyers stellen sich vor allem die Frage, ob das hier in Jamel eigentlich immer so weitergehen wird – und ob irgendjemand aus dem Beschriebenen mal eine Lehre zieht? „Richtig geht da nichts voran“, sagt dann Birgit Lohmeyer. Im Gegenteil: „Wir haben das Gefühl, das es langsam Ermüdungserscheinungen in der Lokal- und Landespolitik gibt.“

Der Paul-Spiegel-Preis ist mit 5.000 Euro dotiert, die Auszeichnung des Zeitungsverlegerverbands mit 20.000 Euro. Summen, die den Lohmeyers nicht gegönnt werden, wie sie vermuten. Die Vorwürfe, vornehmlich aus der rechten Ecke, man habe es hier mit Berufsprotestlern zu tun, würden nun auch von Lokalpolitikern und Bewohnern des Landkreises aufgenommen. „Wir spüren eine gehörige Portion Sozialneid“, sagt Birgit Lohmeyer, und fasst das Stimmungsbild so zusammen: „Die Menschen denken, wir machen es wegen des Geldes.“

Was die unmittelbaren Nachbarn so denken, wissen die Lohmeyers aus der Lokalzeitung. Zwei Nachbarn, beide keine Rechtsextremisten, gaben dort vor einem Jahr ein Interview, in dem sie klarstellten, dass sie keine Nazis seien. Dank der Lohmeyers müsste man das als Jameler jetzt betonen. Ein Nachbar beklagte sich, dass er von Banken keine Kredite mehr bekomme, weil er aus Jamel komme. Außerdem werde ständig sein Haus von Kamerateams ins Visier genommen. Mit den Lohmeyers reden sie nicht mehr. „Das war am Anfang anders, da haben sie sich bei uns immer über die Nazis beschwert“, sagt Birgit Lohmeyer. „Inzwischen beklagen sie sich bitterlich darüber, dass wir diese Unruhe ins Dorf gebracht haben.“ Sie habe den Eindruck, dass sich die Nachbarn inzwischen eher mit den Nazis als ihnen solidarisieren würden.

Ein bekannter Effekt, man kennt es aus dutzenden Dörfern und Kleinstädten in Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern: Wird über Rechtsradikalismus berichtetet, lastet der größte Druck immer auf jenen, die sich gegen die Nazis exponieren. Das liegt zuerst an dörflichen Strukturen, die die rechte Gefahr als herbeigeredet betrachten und die eigene Gemeinde in bester Ordnung wähnen. Aber nicht selten leisten die herbeigereisten Berichterstatter ihren ganz eigenen Beitrag zur Ausgrenzung der Demokratie-Verteidiger, indem sie das Bild eines braunen Nestes zeichnen. Grautöne sind nicht gefragt und werden, oft wider besseren Wissens, weggelassen. Die Reichskriegsflagge im Vorgarten und die Hakenkreuze an der Bushaltestelle lassen sich einfacher verkaufen als eine komplizierte Analyse über einen Rechtsextremismus, der sich subkutan und ohne NPD-Abzeichen langsam in einer Gemeinde breitmacht. Journalismus interessiert sich für das Nazi-Endstadium, am besten mit Hitler-Label – und deshalb liebt der Journalismus Jamel.

Ein Nachbar hatte es in der Lokalzeitung vorgerechnet. Insgesamt zehn Häuser gibt es in Jamel, das Dorf besteht ja nur aus der Sackgasse einer Landstraße. Fünf Häuser würden den Rechten gehören. Damit wäre Jamel nur ein halbes Nazidorf. Der Spiegel schrieb von sieben Nazi-Häusern. Wie genau die Mehrheitsverhältnisse sind, ist jedenfalls einem der von den Lohmeyers genervten Nachbarn egal. Eberhard Heinrich, der es der Lokalzeitung schon mal versicherte, macht es beim spontanen Besuch erneut: „Wir sind keine Nazis.“

Eberhard Heinrich ist Rentner, er zog 2006 mit seiner Frau aus Thüringen nach Jamel. Er hat kräftige Hände, mit ihnen packt er eine Holzbank und schwingt sie in die Garageneinfahrt. Zum Reden will er sitzen. Eberhard Heinrich arbeitete früher als Arbeitstherapeut, zusammen mit Junkies und Schwerkriminellen. Kein Wunder, dass er sich mit den neuen Nachbarn in Jamel arrangieren konnte. Als er hörte, dass es hier früher Brandanschläge gegeben habe, ging Heinrich eines Tages zum Anführer der Nazigruppe und teilte ihm mit, dass er „auch weiß, wie man ein Haus anzündet“. Würde es bei ihm brennen, brenne es einen Tag später bei bei den Nazis. Einmal kamen Heinrich ein paar Jungs aus dem Dorf dumm, da stand er mit einer Holzlatte auf der Straße. „Seitdem war Ruhe.“

Eberhard Heinrich ist ein Grauton im Nazidorf, und meistens wird er damit zitiert, dass er sich mit den Rechten arrangiert habe. Er will jetzt nicht mehr. „Ständig irgendwelche Journalisten und Politiker, die kommen und glotzen, und dann ändert sich doch nichts“. Gerade schauen er und seine Frau sich in Südthüringen nach einem Haus um. „Sobald wir hier einen Käufer gefunden haben, sind wir weg aus Jamel.“ Dann wären die Lohmeyers fast alleine unter Nazis.

Horst Lohmeyer hat da einen ganz hübschen Satz, wie man damit umgeht, in Jamel vollkommen isoliert zu sein. „Wir kennen die Anonymität, wir haben ja früher in einer Großstadt gelebt.“ Weniger locker nimmt er es, dass sich manche Freunde in den vergangenen Jahren von ihnen abgewandt hätten, „weil ihnen das alles zu kritisch geworden ist, sie Musik machen wollten, keine Politik“. Sie könnten sich vor allem auf die alten Freunde aus Hamburg und jene, die sich woanders gegen Rechtsextremismus engagieren, verlassen, sagt seine Frau. „Je dichter die Leute an Jamel dran sind, desto geringer ist ihre Bereitschaft, sich zu äußern oder zu engagieren.“ Oder sich mit den Lohmeyers einzulassen.

Es war vorher klar, denn es stand ja dutzendfach in Zeitungen: Das Ehepaar Lohmeyer ist ein fröhliches. Und trotz aller Widrigkeiten und Frustrationen: „Es ist nicht alles bedrückend hier. Sonst würden wir ja auch nicht in Jamel leben“, sagt Birgit Lohmeyer. Und auch auf die Journalisten will sie nichts kommen lassen. „Wir haben sie doch ganz bewusst einbezogen.“ Die Presse ist ihr Schutzschild. „Wenn hier Not am Mann ist, kann ich jederzeit meine Kontakte nutzen.“ Ein Redakteur von Stern TV zum Beispiel habe ihr gesagt, dass sie sich jederzeit melden könne, „wenn was ist“.

Zum Abschied ein Rundgang durchs Dorf. Das sei ungefährlich für Journalisten, sagen die Lohmeyers, man werde höchstens angepöbelt. Es stimmt, es passiert nichts. Eine Frau vertreibt eine Katze unter ihrem Auto, Kinder spielen auf einem Gerüst. Kein Hitlergruß. Das berühmte Hinweisschild ist nicht mehr zu finden, es soll inzwischen in einem Hinterhof verfrachtet worden sein. Die Kilometerangaben stimmen sowieso nicht: Nach Braunau am Inn sind es 738 Kilometer Luftlinie und 890 auf der Autobahn. Die Anhänger des großdeutschen Reiches können nicht mit Landkarten umgehen. Aber das ist ja nicht das Thema.

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