Das Land weiß einfach, was es mir schuldig ist. Erlebnisse, die mich an damals erinnern, damals, als ich hier drei Monate lebte. Flughafen, Frage nach dem Bus ins Zentrum. Freilich gibt’s Busse, sagt die Frau Ende Zwanzig, und ergänzt, als lese sie in meinen Augen die absolute Erwartung nach Enttäuschung, dass es, wie gesagt, zwar Busse gebe, aber dafür keine Tickets. Aber da, dort vor der Tür stehen Taxis, Sir! Glücklicherweise ist das Geschäftsmodell nicht bis zu Ende gedacht, denn erwartungsgemäß ist es dem Busfahrer egal, ob ich ein Ticket habe. Gibt ja keine zu kaufen. Und ein Schwarzfahrer-Strafticket kostet weniger als die Taxifahrt. So weit, so gewohnt.
Der freundliche Polizist aber, er überfordert. Saß er da in der Tourist-Info, die übliche Servicekraft war nicht zuhanden, und machte sich gemächlich auf mich zu, woraufhin ich mit, aus Erfahrung, vielem rechnete, nur nicht mit der Frage, wie er mir helfen könne und zu allem Überfluss auch noch mit der angeforderten Auskunft, wie ich in dieses komische Dorf komme. Das alles in nahezu Oxford-Englisch.
Andere Dinge ändern sich nicht. Zum Beispiel der Geselle aus Kreuzberg/Berlin, dessen Bekanntschaft zu machen die Freude ich jetzt wohl ein paar Tage habe. Um es kurz zu machen, er will hier ein Lehrdorf aufmachen, wo er Bauern ausbildet, er denkt, es gäbe genau danach hier Bedarf, echte ausgebildete Bauern, meinte er. Was ich hier mache, fragte er mich? Herta Müller und so, antwortete ich kurz angebunden mein Weißbrot mit Schafskäse vertilgend, deutsche Literaten eben; und Bürgermeister, Sibiu, wird eventuell Premierminister, deutsche Minderheit, weißt? Kennt er nicht, den Bürgermeister, sagte er.
Einen Traum habe er noch, fuhr er fort: Viel mehr Mittelaltermärkte! Es brauche derer mehr, viel viel mehr. Sibiu sei dafür ideal, da könne man nämlich in der mittelalterlichen Stadt, Met-Stände, weißte, und vom Land reiten die ausgebildeten Bauern ein mit ihren alten Pferden, wie damals, als die Sachsen nach Siebenbürgen kamen. Und empfangen werden sie von Prinz Charles und ihm, und diesem Bürgermeister, der soll hier ja ne große Nummer sein, habe er irgendwo gehört. Im übrigen sei er Graf, und wo gebe es hier eine Bar mit Bier und Zigaretten?
Ich traf ihn heute in der deutschen Bücherei wieder, er schaute auf eine historische Karte mit alten deutschen Dörfern und murmelte was von Burgen und Pferden.
Gestern war auch Termin bei einer Lesung, unter dem ergrauten Publikum rund 70 Prozent Angehörige eines alten Literaturkreises aus der Gegend. Man erfuhr sehr Relevantes, nämlich von etwas, was zwei Damen des Kreises einmal taten, ja, es handelte sich um Dramatisches. Und da war noch diese dritte Dame, seit neuestem sei sie eine „große Frau in Berlin“, die fast das tun wollte, worum es da gestern unter anderem ging, das Dramatische. Den Namen müsse man ja jetzt nicht nennen, das wäre der Dame sicher unangenehm, hieß es. Es reiche ja zu wissen, was sie vorgehabt hat damals, um die Dramatik des ganzen zu spüren. Fürwahr, es war wirklich dramatisch, was sie plante, und das bei einer Dame, die heute alles andere als Lieschen Müller ist. Aber das gehört hier nicht her, ist ja kein Klatschblog.