Raus aus der Neonazi-Szene – aber wie?

In Sachsen holt ein Verein Neonazis aus der Szene. Ohne Ideologie, ganz pragmatisch. Ein Bund sächsischer Anti-Rechts-Initiativen hat damit erhebliche Probleme. Es geht um eine Grundsatzfrage.

(zuerst erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung)

Als Michael Ankele kürzlich beschreiben sollte, was seine Klienten in ihm sehen, da neigte er den Kopf zur Seite, lächelte, und sagte: „Den Führer“. Es war nur ein halber Scherz. Seit sechs Jahren arbeitet der 52-Jährige inzwischen als freier Sozialarbeiter in der sächsischen Lausitz daran, Neonazi-Teenager aus der Szene zu holen. Und dass er inzwischen auf 90 erfolgreiche Fälle verweisen könne, das wollte Ankele mit seinem Führer-Scherz ausdrücken, habe wenig mit Umerziehung zu tun. Ihm gehe es zunächst darum, den Leuten klar zu machen, dass die Szene keine Familie, sondern eine Sackgasse ist, dass Ausbildung besser ist als Ausrasten. „Alles weitere kommt dann später“, sagt Ankele.

Michael Ankele, ein Mann mit gemütlichem Bauch und weicher Stimme, ist Pragmatiker, vor allem aber Einzelkämpfer. Seit 2005 arbeitet er als Sozialarbeiter in der Region Bautzen mit Aussteigern. Über Staatsanwälte, Polizisten und betroffene Eltern findet er Kontakt, auch die einschlägigen Szene-Treffs scheut Ankele nicht, um ausstiegswillige Neonazis zu treffen. Es folgt dann meist eine mehrjährige Intensivbetreuung bei der Suche nach einer Ausbildung, neuen Freunden und Selbstbewusstsein. Bei harten Fällen wird eine versteckte „Aussteigerwohung“ in einem sächsischen Dorf bereitgestellt, um Aussteiger vor wütenden Ex-Kameraden zu schützen.

Doch weniger auflauernde Neonazis bereiten Ankele dieser Tage Kopfzerbrechen. Für ihn geht es gerade darum, sich gegen Vorwürfe aus ganz anderen Kreisen zu wehren. Ein Bündnis von sächsischen Anti-Rechts-Initiativen macht Front gegen seine Arbeit. Diese sei „distanzlos“, es fehle die „sozialpädagogische Fachlichkeit“, nur zwei Vorwürfe.

Aufgesetzt ist das Schreiben von der Demokratie AG Ostsachsen, zu deren 16 Mitgliedern unter anderem der DGB Ostsachsen, die Gesellschaft Bürger und Polizei und die Regionale Beratungsstelle für Bildung, Integration und Demokratie Dresden gehören. Die AG fasst damit Vereine zusammen, die im vom Rechtsextremismus besonders betroffenen Ostsachsen maßgeblich sind für Anti-Rechts-Aufklärung. Das Schreiben macht inzwischen die Runde im ganzen Freistaat. Auch beim sächsischen Innenministerium liegt es vor.

Allen Adressaten empfiehlt die AG eine „kritische Auseinandersetzung“ mit Ankeles Arbeit. „Fachlich problematisch“, heißt es, sei „Ankeles geringe Bereitschaft zum Erfahrungsaustausch, zu Transparenz, zur Teamarbeit und insbesondere zur Selbstreflexion“. Auch eine „fehlende Mitarbeit in entsprechenden politischen Netzwerken“ wird moniert. Besonders kritisiert wird, dass Ankele zusammen mit Aussteigern Vorträge und Seminare an Schulen hält. Ankele verdient damit sein Geld, einen kleinen Teil davon kriegen die referierenden Ex-Nazis. „Pseudo-Aussteiger“ wären das, so die AG, die des Geldes willen mitmachten und „Rechtsradikalismus als Event vermitteln“.

Ankele kennt die Vorwürfe, sie begleiten ihn, seit er als Aussteigerbetreuer in Sachsen arbeitet. „Aber das ist sicher eine neue Dimension“, sagt er. Inzwischen erhalte er Anrufe von Schulen und Projektpartnern, die sich verunsichert zeigten. „Gerade jetzt, wo der Druck auf die Szene wächst, ist diese Geschichte extrem kontraproduktiv.“ Inzwischen beschäftigt sich der Anwalt von Ankeles Förderverein Projekt 21/II – ein Zusammenschluss unter anderem von betroffenen Eltern, Juristen und Polizeivertretern – mit dem Schreiben, es wird Unterlassung gefordert. Auch die Gegenseite, also die Demokratie AG, hat inzwischen einen Juristen eingeschaltet. Äußern will sich aus diesem Grund bei der AG und einzelnen Vereinen niemand zu dem Streit.

Bernd Wagner möchte es. Wagner ist Chef von „Exit“ in Berlin, einem Verein, der bundesweit Neonazis bei dem Ausstieg aus der Szene hilft. Wagner kennt Ankeles Arbeit sehr gut, die Arbeitsweisen der beiden ähneln sich. „Einige dieser Anti-Rechts-Initiativen sind der Meinung, dass ein Ausstieg nur ein Ausstieg ist, wenn der Neonazi danach zum kompletten Antifaschisten umgekrempelt ist“, sagt Wagner. „Das ist grundfalsch. Wichtig ist, dass die Leute in der Szene nicht mehr mitspielen. Denn dann werden sie nicht mehr straffällig. Ganz einfach.“ Grundlage des Positionspapiers sei „nicht belegbare Kritik“ sondern „pure Ideologie“. Und an dieser hätten Ex-Nazis nun gar keinen Bedarf.

Der Umgang mit Aussteigern im NPD- und NSU-Kernland Sachsen ist eine Grundsatzfrage, die Ankele und Wagner anders beantworten als deren Kritiker, die sich nicht nur bei der Demokratie AG finden. Ein Beispiel von vielen: Ein Jahr ist es her, dass Ankele kurz davor stand, die Arbeit mit einem 18 Jahre alten Aussteiger David (Name geändert) erfolgreich zu beenden. Der früher gewalttätige Teenager hatte inzwischen die Szene weit hinter sich gelassen und eine Ausbildung begonnen, seine Freundin war schwanger. Vor allem linke Initiativen, so Ankele damals, forderten eine lange Haftstrafe für den Ex-Nazi – unisono mit lokalen Rechtsextremisten, die den „Verräter“ ebenfalls im Gefängnis sehen wollten. Heute sitzt David die Strafe mit täglichem Freigang ab.

„Einmal Nazi, immer Nazi.“ Exit-Chef Wagner sagt, dass dieses Denkmuster es der Demokratie AG unmöglich mache, Ankeles Arbeitsweise zu akzeptieren. Mit Präventionsangeboten wende man sich dort vor allem an Menschen, die sowieso schon demokratisch gefestigt seien. Von Neonazis halte man sich fern, sie seien ja das Feindbild. Wer Aussteigern helfen wolle, müsse über diesen Schatten springen können. „Stattdessen wird moralisiert.“

Der Sprecher des sächsischen Innenministeriums kennt das Schreiben, man wolle es aber nicht kommentieren. Dass die Verantwortlichen in Dresden allerdings keine Fans von Ankeles Arbeit sind, lässt sich vermuten. So startete das Ministerium im Oktober ein eigenes Aussteigerprogramm, zuvor wurde per Ausschreibung ein erfahrener Projektpartner gesucht. Auch Ankele bewarb sich – und erhielt bis heute keine Antwort. Inzwischen habe das Innenministerium einen Partner gefunden, hieß es auf Nachfrage. Im Oktober begann die Arbeit.

Auf der Internetseite des Aussteigerprogramms Sachsen werden Neonazis aufgefordert, eine Handynummer anzurufen, wenn Sie aus der Szene raus wollen, im Impressum wird das Innenministerium angegeben. Bisher habe sich noch kein Aussteiger gemeldet, erklärte der Sprecher der Seite. Ankele wundert das nicht. Auch ihn habe auch noch kein Ausstiegswilliger auf dem Handy kontaktiert. „Deshalb gehe ich ja zu denen.“

Derzeit stehe Ankele „zwischen Baum und Borke“, geht es um die Zukunft seines Projektes und damit der Aussteigerarbeit in ganz Sachsen. Staatliche Förderung hat er zuletzt vor drei Jahren bekommen, seitdem hält er sich mit Honoraren aus Vorträgen, Spenden und Vereinsbeiträgen über Wasser. Neue Förderer zu finden, sei durch das Positionspapier unwahrscheinlicher geworden. „Irgendwie wird es schon weiter gehen, auch wenn ich noch nicht weiß, wie“, sagt er. Bernd Wagner gruselt es inzwischen, schaut er nach Sachsen. „Die einzigen, die was von dieser Aktion haben, sind die Nazis.“

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Nicht dafür!

Aller Voraussicht nach wird in den kommenden Tagen, wahrscheinlich eher Stunden, der Bundespräsident zurücktreten. Ich weiß das nun auch nicht besser als andere, habe zu der Diskussion auch nicht viel beizutragen. Der Mann hatte Geldsorgen, ich kenne das, ist gar nicht so lange her. Was mich stört: Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, ist offenbar ein Beschimpfungs-Anruf bei Kai Diekmann. Das finde ich ekelhaft.

Wie sich die Dinge darstellen, haben Redakteure der Bild-Zeitung schon lange in der Causa Wulff recherchiert. Über seine Kreditgeschäfte, das ist unbestritten. Es gab aber auch die Behauptung, sie hätten sich sehr intensiv mit dem  Privatleben von Wulffs Frau beschäftigt, offenbar wegen einer Vergangenheit in irgendwelchen Zusammenhängen, die nach Meinung der Bild einer First Lady nicht gebühren. Irgendein Fernsehmoderator hat das mal gesagt, Bildmann Blome entgegnete, das sei schlicht Blödsinn. Nach menschlichen Ermessen muss man dazu sagen: Es gibt keinen Grund, dem Bildmann das abzunehmen, aber viele, der vorangegangenen Behauptung zu glauben.

Unterstellen wir also, ein Bundespräsident erfährt, eine Rotte skrupelloser Bildredakteure recherchiert in Sachen Kreditaffäre Wulff. Es gibt keine Berechtigung, deswegen einen Redakteur zu beschimpfen. Nehmen wir aber an, dass Wulff erfährt, eine Rotte von Bildredakteuren versuche herauszufinden, dass seine Frau etwas getan habe, was eigentlich niemanden was angeht, dann kann er sich denken: Ekelhaft! Und das dem Chefredakteur sagen. Das ist vielleicht politisch unklug, menschlich aber nachvollziehbar. Eigentlich gehört es sogar in die Rubrik Zivilcourage.

Wir brauchen aber gar nichts zu unterstellen, um Wulffs Anruf irgendwie was Gutes abzugewinnen. Schließlich hat er den Bildchef angerufen und wahrscheinlich beschimpft. Und das ist, man kann es nicht anders sagen, immer und überall richtig.

Vielmehr noch, es ist nötig. Wenn ich es mir recht überlege, stelle ich mir, seit der Anruf bekannt wurde, nicht die Frage, ob Wulff für das Amt des Bundespräsidenten geeignet ist. Vielmehr frage ich mich, ob alle seine Vorgänger nicht ungeeignet waren – schließlich ist von keinem bekannt, dass er jemals einen Bildchef beschimpft hat. Eine Handlung, die heute genauso richtig ist wie sie es immer war.

Richtig ist auch, dass Wulff mit seinem Verhalten einen Beitrag zur Diskreditierung der gesamten politischen Klasse geleistet hat. Denn machte der Präsident doch schlagartig klar, dass bei der eines geschlossen unterbleibt: Den Bildchef zu beschimpfen. Möglich wäre es ja. Nimmt man Minister, Kanzler, Staatssekretäre und vielleicht noch die Pressesprecher, kommt man auf ein beachtliches Reservoir an Leuten, die den Bildchef täglich anrufen und beschimpfen könnten, meinetwegen auch auf die Mailbox. Man könnte einen Schichtdienst einführen, sodass jeder nur alle sechs Wochen die Schmuddelnummer anrufen muss.

Es gab mal einen anderen ehemaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten, der sagte, ihm reiche zum Regieren Bild, Bams und Glotze. Als Gerhard Schröder das sagte, war er schon Kanzler. Zurücktreten musste er wegen dieses Spruchs nicht, im Gegenteil, irgendwie fanden das alle geil. Christian Wulff soll gerne zurücktreten – aber bitte nicht mit der Begründung, er habe sich unpassend gegenüber einem Dreckskübelblatt verhalten. Der Bundespräsident soll doch Schaden vom Land abwenden.

Disclosure: 2002 war ich vier Wochen Praktikant bei der Bild Leipzig. Heute schweige ich das meist tot.


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Die NSU in Großenhain. Die NPD in Riesa. Ein paar Gedanken

Eigentlich, man wird es bemerkt haben, liegt Riesa nun etwas hinter mir. Ich wollte mich eigentlich auch nicht mehr äußern, so ein unausgegorener Plan. Aber manchmal passieren Dinge, und man denkt: Na gut, wenn es keinem anderen auffällt oder zumindest kein anderer drüber schreibt, dann schreibt man es halt mal kurz selbst auf.

Wir haben: Die Deutsche Stimme, ein Organ der NPD, im schönen Riesa. Wir haben ein Bekennervideo der sich selbst so nennenden NSU in Großenhain. Großenhain ist die Nachbarstadt von Riesa. Ich behaupte keinen Zusammenhang.

Ich behaupte hier gar nichts, ich weise nur auf ein paar Sachverhalte hin, da es mich verwundert, dass, jedenfalls bei intensiver Google-Recherche, noch niemand zusammenhängend darauf hingewiesen hat. Ich stelle hier gleich nochmal fest, dass ich keinen Zusammenhang zwischen der NPD in Riesa und der NSU behaupte. Ich referiere nur Tatsachen. Zuerst jene, dass ich mal einen Text über die NPD schrieb und gleich mehrere juristische Scharmützel folgten. Ich bin freier Journalist. Ich habe keine Rechtsabteilung, nur eine Rechtsschutz-Versicherung. Aber nun zur Sache.

Als langjähriger Journalist in Mittelsachsen habe ich es mir angewöhnt, ist Rechtsradikalismus durch ein besonderes bundesweites Ereignis wieder einmal auffällig geworden, zu googeln. Zwei Begriffe. Riesa und das, was sich gerade ereignete. Was kürzlich dazu führte, dass ich in einem Nebensatz eines Mediums vernehmen konnte, dass die NSU eines ihrer Bekennervideos an die Linken-Geschäftsstelle in Riesa schickte. Es folgte ein Telefonat mit der Linken-Chefin im Riesaer Stadtrat. Ich witterte eine Geschichte: Vielleicht wollte die NSU mit dem Bekennervideo nach Riesa darauf hinweisen, dass sie die NPD oder die „Deutsche Stimme“ cool findet? Das stand seltsamerweise nämlich nirgends, wo doch so viele Menschen gerade zu beweisen versuchen, es gebe eine Verbindung der NPD zur NSU. Andere, nicht ich.

Enttäuschung: Das Video ging nicht nach Riesa, sondern nach Großenhain. In die Linken-Geschäftsstelle der Landtagsabgeordneten Kerstin Lauterbach. Womit es unwahrscheinlich ist, dass die NSU darauf hinweisen wollte, dass sie die NPD cool findet, weil die ihr nahestehende „Deutsche Stimme“ ja in Riesa sitzt, in der Nachbarstadt. Nun ja, trotzdem Anruf in Großenhain, bei Kerstin Lauterbach. Das Video, unscheinbarer Umschlag, kein Absender, kam am 14. November an, und wurde inzwischen von der Polizei beschlagnahmt.

Sonst keine Auffälligkeiten? Nö, keine Auffälligkeiten, außer, nun ja, falsche Adresse. Falsche Adresse? Ja, die Post musste nachrecherchieren, erklärt Lauterbachs Mitarbeiter, die von der NSU verfasste Adresse an die „PDS Riesa-Großenhain“ war überklebt mit einem Aufkleber, auf dem die recherchierte Adresse stand.

Bis 2006 saß die PDS Riesa-Großenhain in der Katharinengasse in Großenhain. 2006 zog die Partei um, damals bekam Kerstin Lauterbach ein Landtagsmandat. Die NSU benutzte also offenbar eine Adresse von vor 2006 – also aus einer Zeit, als es noch nicht den Kreis Meißen gab, sondern den Kreis Riesa-Großenhain. Kreisstadt war Großenhain, deshalb hatte die PDS Riesa-Großenhain dort ihre zentrale Geschäftsstelle. Was also heißen könnte, ich spinne jetzt mal rum, dass die NSU der Linken zeigen wollte, dass sie die Deutsche Stimme oder die NPD gut findet, die ja nach Glauben der NSU ihren Sitz im gleichen Kreis haben. So im Untergrund bekommt man ja nun auch nicht jede Kreisreform mit.

Findet also die NSU die NPD in Riesa gut, wollte ich wissen, schließlich ist da ja eine Frage, die ziemlich viele Politiker gerade umtreibt. Ob die NSU die NPD gut findet, kann man die NSU schlecht fragen, deshalb schrieb ich heute Vormittag eine Mail an den gerade neu gewählten Bundesvorsitzenden der NPD und den Wahl-Riesaer Holger Apfel, der netterweise gleich antwortete.

Auf meine Frage, ob Apfel glaube, „dass die NSU das Video ausgerechnet nach Großenhain verschickte, weil die NPD im Altkreis präsent ist“ und ob er zudem denke, „dass es im Altkreis Riesa-Großenhain Unterstützer der NSU gibt“, erklärte er also Folgendes: „Nein, das glaube ich nicht. Nach meiner Kenntnis, die auf Pressemeldungen und Berichten meiner Abgeordnetenkollegen aus den Ausschüssen beruht, wurden diese Videos an diverse Adressen verschiedenster Parteien verschickt, so daß sich daraus keine regionalen Schlüsse ableiten lassen.“ Apfels abschließender Tipp: „Sie sollten Ihren Blick auch über den Landkreis hinaus richten.“ Das stimmt, ich habe am Anfang ja das Problem schon kurz angeschnitten.

Es gibt also keine Sympathien, geschweige denn Verbindungen, der NSU zur NPD oder zur Deutschen Stimme, sagt Holger Apfel. Ich werde das nicht bezweifeln.

Gerade noch die abschließende Anfrage beim Generalbundesanwalt. Der Sprecher sagt, die DVD aus Großenhain werde noch untersucht. Die “Andeutungen”, die er bei mir herausgehört haben möchte, sei sicher nicht ganz abwegig. Aber es dauere noch ein wenig, bis man dem nachgehen könne. Vielleicht kommt ja was bei rum. Was auch immer.

Ich wollte es nur mal aufgeschrieben haben, dafür ist ja so ein Blog ganz gut.


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Privatsphäre

Flüchtlinge werden in Ruhe gelassen, es sei ihr Recht, sagt der Staat. Der Afrikaner Kelly Michael wurde auch in Ruhe gelassen. So starb er alleine und unbemerkt in einem Thüringer Flüchtlingsheim.

(gekürzt erschienen auf Cicero online)

Das, was Ende von dem Mann namens Kelly Michael übrig bleibt, hat den Klang eines zynischen Witzes. Nachdem der Mann in einem Lager in der Thüringer Provinz einsam starb, die Staatsanwaltschaft die Legalität seines Todes festgestellt, das Amt den Fall für beendet erklärt und die Gemeinde die Leiche verbrannt hat, wird der Nachwelt einzig das erhalten bleiben, was im Obduktionsbericht geschrieben steht. Eine „landkartenartige Zeichnung“, so kann man lesen, erkannte man an den „Schnittstellen der Verfestigung der Lungengewebes“. Die durch HIV geschwächte und schließlich an einer Lungenentzündung kollabierte Lunge des Kelly Michael sieht also aus wie eine Landkarte. Die Lunge des Mannes, der nie irgendwo zuhause war, dessen Herkunft im Dunklen liegt – und von dem nach seinem Tod vor ein paar Wochen nichts weiter bleibt als ein paar Aschenkrümel an unbekanntem Ort.

„Der Mann ist mit seinem Tod sang- und klanglos von der Bildfläche verschwunden. Im besten Fall ist er ein nicht tilgbarer Vorgang im Archiv.“ Das sagt kein Flüchtlingsvertreter, das sagt Friedrich Krauser, als stellvertretender Landrat zuständig für das Flüchtlingslager in der thüringischen Rhön-Gemeinde Gerstungen, wo Michael starb. Krauser hasst die Umstände. Und Krauser kann es nicht ändern.

Das Leben und Sterben Kelly Michaels zu rekonstruieren fällt schwer, man muss sich auf wenige, oft sich widersprechende Angaben verlassen. Geboren wurde er vor 37 Jahren, und schon hier fangen die Widersprüche an, in Nigeria. In offiziellen Dokumenten, die auf Michaels eigenen Angaben beruhen, ist immer von Liberia die Rede, allerdings wurde ein nigerianischer Pass im Nachlass gefunden. Vor Langem – in einem Arztbrief ist von neun Jahren, ein Freund spricht von 15 – kam Michael als Asylbewerber nach Deutschland. Nach einem längeren Aufenthalt in, wahrscheinlich, Spanien kam er im Frühjahr zurück nach Deutschland, lebte seit dem 18. Mai im Lager in Gerstungen. Schwer erkrankt an HIV kam er am 27. Juni für zehn Tage in ein Jenaer Krankenhaus, erholte sich, kam zurück nach Gerstungen. Wo er mehrere Wochen später starb.

Dass Michaels Tod Interesse erregte, lag schließlich daran, dass andere Bewohner des Hauses schwere Vorwürfe gegen die Heimleitung erhoben: So soll die Leiche zehn Tage im Zimmer gelegen haben, hieß es, erst beißender Gestank habe dazu geführt, dass ein Arzt und schließlich der Leichenwagen gerufen wurde. Der Thüringer Flüchtlingsrat machte sich die Version zu eigen, ebenso die Flüchtlings-Organisation „The Voice“. Die Behörden weisen die Vorwürfe indes strikt von sich: So habe Michael Kelly nur vier Tage tot in seinem Zimmer gelegen.

Friedrich Krauser, der stellvertretende Landrat im Wartburgkreis, ist ein Mann, mit dem man sich gerne unterhält. Die Stimme des CDU-Manns ist warm, verständnisvoll fragt er nach, ob er bei der Recherche helfen kann. Tatsächlich ist hinter all dem kein Kalkül zu entdecken, die bekundete Trauer um den Toten nimmt man dem Mann mit dem sorgsam gekämmten und etwas schütterem Haar ab. Manchmal, sagt Krauser, stelle er sich vor, wie er sich wohl fühlen würde, wenn er in ein fremdes Land käme und dort ein Leben aufbauen müsste, weil er zuhause nicht mehr leben kann oder darf. „Das ist sicher furchtbar.“

Erst seit diesem September wird das Flüchtlingslager in Gerstungen, eine ehemalige Grenzkaserne, vom Kreis betrieben. Vorher war es in privater Trägerschaft, die Heiligenstädter Firma Hermann & Nienhaus GbR kümmerte sich darum. Nicht immer so, wie man sich das vorstellt, drückt sich Krauser offenbar zurückhaltend aus, deshalb sei es nun wieder in Händen des Kreises. Eine halbe Million Euro seien in den vergangenen eineinhalb Jahren vom Kreis in die Sanierung investiert worden, neue Heizungen, neue Elektronik, Schönheitsreparaturen. Letzte Arbeiten laufen noch, zum Beispiel werden einige undichte Fenster abgedichtet. „Klar, es ist immer noch eine Kaserne, kein Ort, an dem man dauerhaft leben sollte“, sagt Krauser. Aber man könne hier leben, grundsätzlich.

Die Anschuldigungen der Flüchtlingsvertreter weist Krauser von sich. „Das stimmt definitiv nicht“, sagt er. Michael sei am Freitag, 16. September, zuletzt von einem Heimbetreuer gesehen und schließlich dann am folgenden Dienstagvormittag tot in seinem Zimmer gefunden worden. Daran gebe es keinen Zweifel, erklärt auch das Thüringer Verwaltungsamt. Auch die zuständige Staatsanwaltschaft in Meiningen nennt diesen Todeszeitraum in ihrem Obduktionsbericht. Allen Angaben ist gemein: Sie beruhen auf der Aussage eines Betreuers, der angab, Michael am Freitag gesehen zu haben. „Einen Anlass, den Todeszeitpunkt zu prüfen, sehen wir nicht“, erklärt dazu der Sprecher der Staatsanwaltschaft.

Michael Kelly war erkrankt an HIV, eigentlich halb tot, ist in der Uniklinik Jena zu hören. Nach einem Gespräch mit zwei behandelnden Ärzten, die auf ihre Schweigepflicht verweisen, aber auch darauf, dass sie im Interesse des Verstorbenen etwas zum Krankheitsverlauf sagen wollen, ergibt sich folgendes Bild: Kelly Michael war demnach ein stark depressiver Patient, stark geschwächt durch HIV und eine Abneigung gegenüber der Schulmedizin. Trotzdem konnten ihn die Ärzte überzeugen, seine Medikamente zu nehmen und so seinen Gesundheitszustand stabilisieren. „Er hätte mit Medikamenten noch eine ganze Weile leben können“, sagt einer der Ärzte. „Klar war uns aber auch, dass es dazu jemanden gebraucht hätte, der sich darum kümmert. Er war kein einfacher Patient.“ Als Kelly Michael entlassen wurde, ging er mit einem Arztbrief, der ihm eine Nachbehandlung in Jena sicherstellte. Dieser Arztbrief gehört nun zum Nachlass Michaels.

All das war im Heim bekannt und so drängt sich die Frage an den Vize-Landrat Krauser auf, warum niemand nach Michael schaute, seien es nun zehn oder vier Tage? Krauser hat die Frage in den vergangenen Wochen schon mehrmals beantwortet. „Die Flüchtlinge haben das Recht auf eine Privatsphäre. Das heißt auch, dass sie nicht von einem Wärter kontrolliert werden.“ Leider hieße das auch, dass sie, wie jeder andere Mensch auch, unbemerkt in ihrem Zimmer sterben können, räumt Krauser ein.

Auch den nächsten Einwand lässt er nicht gelten. Nämlich jene Frage, wie es einher geht, die Flüchtlinge in Ruhe zu lassen, ihnen aber im Lager die gleichzeitig Möglichkeit zu nehmen, sich ein eigenes Leben aufzubauen? „Wir können nur die Gesetze umsetzen, die es gibt.“ Werden die Kommunen alleine gelassen? „Sie sind auf jeden Fall das letzte Glied in einer sehr komplizierten Situation.“

Fahrt nach Gerstungen. Eine halbe Autostunde ist es von der Kreisstadt Bad Salzungen dorthin. Die Rhön bietet hier kurvenreiche Pfade, viel Wald und Höhenzüge. Gerstungen an der Grenze zu Hessen fühlt sich an wie ein Dorf, ist dann aber doch eine Gemeinde mit 6.000 Einwohnern. Auf einer Wiese abseits des Dorfes, auf der anderen Seite der Bahnschiene, wurden kürzlich hunderte Solaranlagen aufgestellt, man geht mit der Zeit. Gleich neben der Wiese befindet sich die alte Kaserne, die 70 Asylanten als Unterkunft dient.

In dem Heim leben Afghanen, Chinesen, Russen, Aserbaidschaner, Iraker, Iraner, Syrier und Serben. Jeder hier ist auf sich gestellt. „Es kommt bei so vielen Kulturkreisen keine Lagergemeinschaft auf“, sagte Landrat Krauser vorher und alle, die man im Heim fragt, bestätigen das. Viele wohnen seit Ewigkeiten hier, die Familie des 22-jährigen Syriers Abdullah zum Beispiel seit neun Jahren. Seinen Namen will sonst niemand nennen. Auch nicht der Mann, der als Einziger im Heim überhaupt mit Kelly Michael gesprochen hat. Er kämpfe gerade um eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis, wer wisse schon, was man da nicht alles lassen sollte, sagt er.

Kelly Michael, erzählt der Mann, ging es vom ersten Tag an miserabel. Ihm habe er gesagt, dass er gerne weg möchte, nach Frankreich, warum, sagte er nicht. Auch von einem Sohn und einer Frau in Spanien sei öfters die Rede gewesen. Eines Tages habe sich Michael von dem Bekannten einen Fernseher ausgeliehen und sei in sein Zimmer verschwunden. „Seitdem habe ich ihn nicht mehr gesehen. Das war zwei Wochen, bevor er gefunden wurde.“ Entdeckt worden sei Michael Kelly schließlich von einer Putzfrau, zu der Zeit, Spätsommer, habe es schon extrem aus dem Zimmer gerochen.

Der Mann, der erst gar nicht erzählen wollte, erzählt nun mehr. Dass er seit zwölf Jahren in Gerstungen lebe und schwere Diabetes habe und Angst, eines Tages in seinem Zimmer zu sterben, ohne dass es jemand merkt. „Die ersten Tage nach Kellys Tod haben die Betreuer jeden Tag die Zimmer kontrolliert. Vier Tage lang – jetzt lassen das wieder.“

„Wir lassen die Bewohner so weit es geht in Ruhe.“ Den Satz, der in diesem Heim plötzlich einen fahlen Beigeschmack bekommt, wiederholt nun auch der Betreuer Hermann Abel, der laut offizieller Darstellung Kelly Michael das letzte Mal lebend gesehen hat. Abel ist erst seit wenigen Wochen hier beschäftigt, als der Kreis das Haus übernahm, wurden neue Leute eingestellt. Nun sei es nicht so, dass man keinen Überblick habe über die Bewohner, sagt Aberle, im Gegenteil, es werden Anwesenheitslisten geführt. „Da klopfen wir aber nicht an die Türen, sondern schauen einfach, wen wir auf dem Flur begegnen.“ Die Listen sind nötig um zu sehen, ob alle Bewohner da sind. Denn wer nicht da ist, dem werden die Tagespauschalen gestrichen.

Aberle schildert sein letztes Treffen mit Kelly Michael, an dem Freitag, als der noch gelebt habe. Da gerade die Fenster im Haus erneuert wurden, habe er in Michaels Zimmer schauen wollen, „ob die Fensterrahmen ordentlich eingemörtelt sind“. Michael habe auf seinem Bett gelegen. „Ich habe ihn dann angestoßen und er hat ein bisschen gestöhnt.“ Dann habe Aberle das Zimmer wieder verlassen. Am Dienstag darauf sei er dann wiedergekommen, weil Michael „einen Termin bei der Botschaft in Berlin hatte. Ich wollte ihn wecken.“ Die ganze Geschichte sei sehr tragisch und mache ihn traurig. „Aber was sollen wir machen? Wir können die Leute ja nicht dauerhaft überwachen.“

Noch wird im Lager Gerstungen über Kelly Michael gesprochen, doch langsam verebbt die Wut und die Trauer. Da es in Deutschland keine bekannten Angehörigen gebe, könne man auch niemanden informieren, erklärt das Landratsamt. Die Spur nach Spanien werde man nicht verfolgen. Außerdem habe man die Botschaft von Liberia und Nigeria über Michaels Tod informiert, Reaktionen habe es allerdings noch nicht gegeben.

Dass von dem jungen Afrikaner nichts übrig bleibt, dafür sorgt gerade die Gemeinde Gerstungen. Man mache das, was das Thüringer Bestattungsgesetz vorschreibe, sagt Bürgermeister Werner Hartung. „Die Leiche wurde verbrannt und wird demnächst anonym bestattet“, sagt er. Zwar gibt es auf dem Gerstunger Friedhof eine sogenannte Grüne Wiese für anonyme Bestattungen, ohne Kreuze, nur mit einem Gedenkstein. Doch hier soll Michael, er war Christ, nicht hinkommen. „An einem ungenannten Ort“ werde die Urne vergraben, sagt Hartung. „Es soll ja anonym sein“. Für die Gemeinde sei vor allem wichtig, dass irgendjemand die Bestattung zahlt. „Aber ich nehme mal an, da ist das Landratsamt zuständig.“


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Sommerpause (Kunst)

Große Aufregung in Riesa an der Elbe. Anlässlich der Sommerpause der berühmten Talkshow „Anne Will“ und der damit einhergehenden großen Anne-Wills-kleine-Städte-Tour ist das Team der Sendung heute zu Gast in der Elb-Metropole, wie man hier so herrlich zynisch formuliert. Man gastiert im Freien, direkt neben dem Eishändler auf dem Parkplatz der Sparkasse und des angeschlossenen Autohauses. Es ist ein ganz spezieller Termin. Alle sind sie gekommen. Schon am Vormittag haben Rathausmitarbeiter die erste Reihe besetzt, in der zweiten nehmen Vertreter kommunaler Unternehmen Platz und Stadträte. Dahinter sitzt Volk. Die Sendung beginnt.

Will: Herzlich willkommen, meine Damen und Herren zuhause an den Geräten, herzlich willkommen, liebe Bürger hier in Pirna. Schön, dass Sie da sind, hier bei dieser Sendung

Buhrufe, erste Riesaer ziehen beleidigt ab. Einzelner Applaus bei Älteren.

Will: Wir haben heute ein nettes Thema. Überalterung, intellektuelles Ausbluten, Verzweiflung, leere Kassen. Riesa ist in den letzten Wochen zum Sinnbild eines sinnentleerten Ostens geworden, „Fleisch gewordene Endmetapher“, schrieb ein Feuilletonist der FAZ. Ich will heute mit meinen Gästen diskutieren: Hat das alles noch einen Sinn, oder besser gefragt: Warum?

Klatschen in der Rathausreihe. Erster Zank in der Stadtratsreihe, ausnahmslos innerhalb der Fraktionen.

Will: Meine Gäste. Zur Linken begrüßen Sie den Publizisten Arnulf Baring, der heute eigens angereist ist, um uns neue Einblicke zu gewähren. Baring wurde in der Nähe geboren, in Dresden.

Baring schaut auf die Elbe, grimmig. Applaus.

Will: Begrüßen Sie außerdem einen Riesaer Stadtrat. Ich darf Ihnen leider nicht, das war seine Bedingung und ich hab das in der Form noch nicht erlebt im Fernsehen, seinen Namen nennen. Er möchte sich zu Politik nur äußern, wenn er nicht zitiert, genannt und gezeigt wird. Großes Hallo also an den Stadtrat hinter der Gardine zu meiner Linken.

Getuschel in der Stadtratsreihe, Rathausmitarbeiter machen sich Notizen und schauen finster. Dann Applaus.

Will: Rechts von mir nun ein Lokaljournalist, Thomas Trapper. Guten Tag, Herr Krabbe.

TT: Hallo.

Will: Und last, but not least, der Rechtsextremist Jürgen Gansel. Schön, dass Sie in die Sendung gefunden haben, Herr Gansel.

Gansel: Guten Tag, Fräulein Will!

Will: Herr Baring…

Abrupt wird die Szene durchbrochen. Ein Mann mit Keule, Fell und einem riesigen Glas Bier betritt die Bühne und schüttet Sand auf ihr aus. Halb aus dem Off ist zu hören, dass es der Riesaer Riese ist mit Riesaer Erde, es handelt sich um ein skurriles Gastgeschenk, das hier lange Tradition hat.

Will: Bitte verlassen Sie die Sendung, stämmiger Mann. Security! Securityieee!

Der Riesaer Riese wird abgeführt. Gekeile drüben bei der Eisbude. Es fällt ein Warnschuss. Einige Zuschauer verlassen beleidigt den Platz.

Will: Also, nochmal Herr Baring. Sie haben sich ja mit der Situation in Riesa ausführlich beschäftigt. Stadtteile verkommen, überfüllte Altenheime, zerfallene Schulen. Was kann man tun?

Baring: Frau Will, gleich zu Beginn. Ich halte diese ganze Sendung für unangebracht und die Runde, die Sie hier zusammengestellt haben, dem Problem, gleich welchem, intellektuell nicht gewachsen. Wir werden hier nicht klüger oder irgendwas klären. Wir können lamentieren, ob wir die Stadt abreißen oder eben nicht, aber das ist doch Gutmenschen-Getue. Fakt ist: Es gibt Realpolitik. Das ist sehr simpel, warum versteht das hier keiner?

Will: Das werden wir ja sehen, vielen Dank, Professor Baring. Ich will da aber nochmal nachhaken. Ist mehr Geld immer eine Lösung?

Baring: Natürlich nicht! Wo leben wir denn?

Will: Herr Stadtrat. Sie wollen was sagen, ich spüre das.

Stadtrat: Sehen Sie. Riesa hat eine lange Tradition, in vielerlei Hinsicht, auch als Stadt. Ich möchte deshalb auch auf Herrn Baring reagieren, und zwar mit einem Zitat von Cicero. „Wes Kleid ich trag, des Lied ich sing“. Verstehen Sie, das sind doch ganz andere Dimensionen, wenn der König nackt ist und das ist in Riesa nun mal nicht so. Wissen Sie, dass hier im Rathaus tagein tagaus mit Derivaten spekuliert wird? Darunter leidet nicht nur der Bürger, sondern am Ende auch die FVG. Und das ist eben nicht nur die Erdgasarena. Wir müssen doch mal die Kirche im Dorf lassen und überhaupt verbiete ich solche Unterstellungen, nicht im Fernsehen.

Betretenes Schweigen. Baring wird sichtbar wütend.

Will: Herr Trapper, Sie sind als Lokaljournalist schon lange in Riesa unterwegs, äußern sich immer wieder gegenüber vielen Medien über die Stadt, aus der Sie nicht kommen, wie mir gerade verraten wurde. Was macht Riesa aus, warum ist es liebenswert?

TT: Wissen Sie, Frau Will, ich will das Publikum hier nutzen für einen lange geplanten emotionalen Ausbruch. Ich habe keine Ahnung, was die Stadt ausmacht, hatte das auch nie. Ich war vor hundert Jahren mal für einen undotierten Preis nominiert und seitdem denken alle, ich könnte irgendwas zu der Stadt sagen. Kann ich nicht. Schauen Sie sich doch um, was soll man denn da verstehen, geschweige denn erklären? Ich weiß, wo es hier lecker Eis gibt und wann die ICEs fahren. Ich glaube der Stadtrat hat das ganz gut auf den Punkt gebracht. Abgesehen davon hab ich schon wieder Migräne. Ich heiß übrigens Trappe, wie der Vogel, nicht wie das Krustentier. Danke.

Will: Puh, hartes Pflaster. Vielleicht wird es Zeit für den Gang zum Publikumssofa?

TT: Dazu hab ich einen Witz, Frau Will. Wie nennt Herr Gansel sein Sitzmöbel?

Will: Keine Ahnung, Herr Trappe.

Trappe: Besetzungscouch!

Will: Danke, sehr lustig. Nun aber zum Publikumssofa, wo uns der bewanderte, ich durfte das im Vorgespräch schon feststellen, Lutz Walther erwartet.

Walther: Komm her, Kleene, nicht so schüchtern, der Onkel beißt nicht.

Will: Da bin ich. Herr Walther. Sie leben seit langem in Riesa.

Walther: Kann man so sagen, seit ich rauskam, verstehste? Da kam viel raus, damals, von Beatles was, aber das sag ich dir, mein Sound ist geiler und den kann nur ich. Kennste Beatles, ne kennste nicht, Kleene, kennste doch, mach Sachen, ich hau mich weg, so eine wie du liest doch nur, oder lieste da die Rillen auf der Platte? Wo waren wir stehengeblieben? Achja, Riesa. Ne, ehrlich, ich schreib meine Leberwerte an die Hauswand, das ist das einzig Ehrliche, was Du hier zu sehen bekommst, Riesa hat mehr Enden als jede Wurst, das sag ich dir, und immer wenns zu Ende ist kommt ein neuer Scheiß. Olympia, sag ich dir, große Idee, aber falsch umgesetzt, ich hab ja mal geboxt, aber was willsten in der Stadt mit Olympia, frag ich dich? Ein Blumenladen reicht hier, vielleicht noch ein Bestatter, damit man nicht so alleine ist, aber sei doch mal ehrlich, was denkste, warum die Leute hier so sind, wiese sind? Ne, ich weiß es nicht, ich weiß nur, dass in die Arena jetzt ne Go-Cart-Bahn kommt, ne, echt, sowas. So Kleene, mach dich rüber, mehr kann ich dir auch nicht helfen, da musste alleene durch nu.

Will: Danke, Herr Walther.

Zurück im Studio. Nun will auch Herr Gansel mal zu Wort kommen. Hallo Herr Gansel von der NPD!

Gansel: Danke, Frau Will.

Will: Bitte.

Herr Trappe. Es ist halb vier, Sie haben mir vor der Sendung verraten, da fährt der letzte Zug, Sie müssen also gleich los. Was ist Ihnen noch wichtig?

Trappe: Ich bleib noch etwas, mit der Migräne kann ich nicht fahren. Es gibt einen Witz, der veranschaulicht vieles. Also in Riesa hats gebrannt, so geht der Witz los…

Baring: Sie sind so simpel. Jetzt erzählen Sie doch hier keine Witze. Das versteht doch hier eh keiner, und Sie selbst schon gar nicht…

Trappe: Naja, jedenfalls hats da gebrannt und dann steht nur noch…

Will: Danke, sehr spannend. Ich will aber noch ein anderes Thema ansprechen. Kürzlich hat der Stadtrat beschlossen, dass die Plattensiedlung Gröba-Merzdorf, so nennt man das wohl hier…

Buhrufe aus dem Publikum. Beleidigte Gröbaer und verletzte Merzdorfer verlassen die Runde. Große Aufregung, den Gröba-Merzdorf ist ein Kunstgebilde, das hier wenig Anhänger hat, ähnlich wie in Baden-Württemberg. Es beginnt eine Keilerei mit der Security.

Baring: Affentheater!

Will: Jedenfalls soll das abgerissen werden.

Gansel: Falsch, Fräulein Will. Es soll nicht abgerissen werden. Ausländer sollen dahin, damit der deutsche Plattenbau innerlich ausblutet.

Will: Hier gibt’s doch gar keine Ausländer, laut Statistik sind es nur sechs, ich hab mir das hier mal ausgedruckt.

Gansel: Hinten am Rathaus gibt’s zwei Griechen, dann den Italiener beim Eisstand und der Dönerverkäufer, auch Ausland. Das sind allein die, die ich kenne. Und das ist ja nur eine Dunkelziffer, sie verstehen, dunkel, nicht? Spaß beiseite, Politik muss ja auch Spaß machen, vor allem nationale Politik. Was ich sagen will, wenn Hochwasser kommt, wird es eng in der Stadt, man weiß das hier. Dann ist so eine Ausländerquote, die ohne Wasser ja noch verkraftbar erscheint, schon in einem ganz anderen Licht zu sehen.

Baring: Bei Hochwasser gibt’s Sandsäcke. Ist das simpel. Ich will nach Hause. Stimmt das mit dem ICE halb fünf?

Will: Gut. Beenden wir die Sendung. Herr Trappe, was sollte das jetzt mit diesem Blog-Eintrag?

TT: Keine Ahnung, ich weiß nur, dass hier gerade die Ebenen verschwimmen. Eigentlich wollte ich irgendwas schreiben, ohne zu wissen, was. Vollkommenen Blödsinn. Ich werde jetzt Kunst drüber schreiben, dann denken alle, da geb’s eine Meta-Ebene, viele gebrauchen ja das Wort, ohne zu wissen, was es bedeutet. Wenn Sie wüssten, wer hier alles Schriftsteller genannt wird, aber das ist ein anderes Thema.

Stadtrat: Cool! Glückwunsch.

Will: Liebes Publikum, herzlichen Dank für ihre Geduld. Nächste Woche sehen wir uns dann in Bottrop.

Die Rathausreihe löst sich auf, die Stadträte gehen, das Publikum bleibt sitzen, das Will-Team verteilt kostenlose Will-Kulis. Ein verwirrter älterer Mann murmelt Gedichte. Am Horizont strahlt die Sonne. Trappe erzählt endlich seinen Witz, doch die Kamera ist aus.


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