Thomas Trappe

Zu viel Kabelfernsehen

Februar 5, 2010 · 1 Kommentar

Heute etwas Sprachkunde, ein neuer Kollege bat mich irgendwie darum. Gut, wenn der Herr Redakteur es so will, ist Riesa also das finnische Wort für „Ärgernis“. Tatsächlich war es mir neu, und sicher gibt es auch durchaus Sprachen, in denen Riesa „Pflaumenkuchen“ oder gar „Kinderglucksen“ heißt. Für Einsendungen aller Art bin ich dankbar.

Überhaupt das Sprachkundliche, es erregt illustre Debatten. So wie jene in einem Ausschuss des Riesaer Stadtrates, in dem sich eine Rätin fragte, was denn bitte die Wörter „Pfundreising“ und „Supervision“ (bitte zusätzlich sächselnd lesen) bedeuten sollen? Woraufhin dem Wissenserwerb nicht abgeneigter Zuhörer von gelehrter Verwaltungsstelle erfuhr, dass das Englisch sei für Spendensammeln und, ja, Supervision.

Ein ehemaliger Bankdirektor wiederum bat mich, über eine Stiftung zu schreiben und wies mich anschließend darauf hin, dass ihm das Wort „Stiftungsarbeit“, das ich da zu verwenden gedenke, etwas unangebracht sei. Wenn die Leute das lesen, denken Sie nur wieder, es ginge ums Geldverdienen, meinte er, überhaupt sei das unangebracht, irgendwie ein unanständiges Wort, so der ehemalige Bankdirektor.

Besagter Mann führt mich jetzt zu einem Thema, dass hier ruhig einmal angeschnitten werden soll: Kabelfernsehen. Er traf da eine durchaus in meinem journalistischen Stolz wuchernde Wunde, die in meinem Berichterstattungsgebiet vielleicht etwas zu häufig „stattfindende“, wie man so schön klagt, Thematik des kaputten Kabelfernsehens.

Ich schrieb schon über Nazis, außer Kontrolle geratene Schriftstellerinnen, Spekulationsgeschäfte des Rathauses, Rockerbanden, tote Elbe; doch nie erhielt ich so viele Anrufe wie dann, wenn ich darüber informierte, dass Sat1 oder so in ganz Riesa kaputt sei. Bei mir auch, scheiß Staat, früher besser und derart schreit es dann immer hilflos und x-fach durchs Telefon, eine sich automatisch fortsetzende Endlosgeschichte. Einmal war’s kurios und ein Mann beschwerte sich, bei ihm ginge Arte nicht. War aber nur einmal.

Nun ja, jedenfalls wies mich der ehemalige Bankdirektor darauf hin, dass jetzt aber mal gut sei mit Kabelfernsehen, jetzt solle hier vor Ort zünftig über seine Stiftung berichtet werden. Schließlich sei das mit dem TV eh etwas, was „denen dann von Hartz IV bezahlt wird“. Zur Häufigkeit des Kabelfernseh-Berichterstattung hatten wir damit ein ähnliches Urteil, wir näherten uns diesem aber aus vollkommen unterschiedlichen Richtungen.

Die Punks zu Besuch bei der Stadtratssitzung hingegen kannten nur eine Richtung. Nämlich die zum Ausgang. Ein nachvollziehbarer Impuls, vor allem, da über die neue Trägerschaft ihres Jugendhauses bereits entschieden war. Die Vorhersehbarkeit des dann folgenden Ausbruchs des sympathischen NPD-Stadtrats Jürgen Werner Gansel machte eben jenen Ausbruch nicht weniger unterhaltsam.

„Dafür gehen unsere Steuergelder drauf“, rief er den Punks hinterher, ohne weiter zu erläutern, ob er jetzt die Tür oder die Punks meint. Später gab er noch das beliebte Laienspiel des gegen einen „linken“ Verein schimpfenden Volkszornigen. Es ging grob geschildert um einen Jugendvereinsträger, den er bezichtigte, „Multikulturalität“ nach Riesa zu bringen. „Und sowas können wir hier nun wirklich nicht brauchen“, so Gansel.

Abschließend: Dass die Zeitung nicht nur gegen Fliegen erfolgreich als Waffe eingesetzt werden kann, sondern auch gegen Nachbarn, ist ja bekannt. Auch jenen Riesaern, die zurzeit durch ihre Nachbarschaft spazieren und ungefegte Hofeinfahrten und Fußwege fotografieren. Sie haben das eigentlich dem Ordnungsamt geben wollen, schrieben sie, zur Sicherheit schicken Sie es aber als Kopie an die Zeitung. So ist an jeden gedacht.

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Ein verfressenes Volk

Januar 28, 2010 · 1 Kommentar

Wo fängt man an? Bei der Angst der NPD, in Riesa könnte es bald zu „Negergetrommel“ kommen? Oder deren Wut darüber, dass die Juden am Holocaustgedenktag zu viel fressen? Ich werde Zitate liefern, das sei hier angekündigt, allzu leicht hat man da mal eine Klage am Hals. Also: Verfressene Juden und trommelnde Neger später, jetzt erst mal was Schönes.

Freundliche offene Menschen fallen in manchen Gegenden auf. Das Saarland gehört zum Beispiel nicht dazu. Andere Städte schon. Hatte heute Besuch von einem 77-Jährigen und seiner 81 Jahre alten Schwester, sie wollten mir eine kleine Anekdote von früher erzählen, aus der sich vielleicht was Hübsches machen lässt. Nebensache. Die beiden waren in der Stadt auf Tagesbesuch, gebürtige Riesaer, jetzt wohnhaft in Leipzig und Halle.

Der Mann gewann mein Herz, als er mich auf dem Bahnhof, wo wir uns dann zufällig wieder trafen, sagte, woran er erkennt, dass er alt ist. Und zwar daran, dass er nach Wein, Sekt und Schnaps auf der Familienfeier noch ein Glas Wasser trinken musste. Wegen der Tabletten. Seine Schwester lachte unentwegt, auch die meiste Zeit, als wir uns dann noch die gesamte Fahrt im Regionalexpress unterhielten. Sie lachte, er erzählte. Sie beschimpften mich nicht. Nichts besonderes, aber wie gesagt, manche Dinge fallen in manchen Gegenden nun mal auf. Und ja, er erzählte vom Krieg, den er als Kind erlebte. Das gebe Stoff für eine witzige Bemerkung. Ich meine hier aber: Alte Leute sollten viel öfter von früher erzählen. Das ist nämlich erhellend.

Eine Stadträtin in Riesa erzählt auch oft von früher, vor ‘89, wo es noch lief, wie es laufen muss. Das ist meist nicht so erhellend.

Ich schrieb hier ja kürzlich über das von mir begrüßte Politikvorhaben der Riesaer Oberbürgermeisterin (diese Stelle möchte ich einmalig dafür missbrauchen, mich deutlich von der weit verbreiteten journalistischen Sitte zu distanzieren, diese Amtsbezeichnung als OB abzukürzen; das ist eklig), mehr gegen Gansel (NPD) zu sein. Ich schrieb Ähnliches in der Zeitung, und verwandte dabei den Begriff „Strehlaisierung“, deshalb.

Was folgte, zeigte mir erneut, dass ein Journalist so weit als möglich auf Anführungszeichen verzichten sollte. Herr Gansel formulierte fortan Presseerklärungen, in denen er sagte, Frau Oberbürgermeisterin hätte von „Strehlaisierung“ gesprochen und damit ganz Strehla beleidigt. Er forderte irgendwas, wahrscheinlich Krieg, egal.

War aber mein Begriff. Ich schrieb Gansel, dass, wenn hier jemand Strehla pauschal diffamiert, dann immer noch ich. Er dankte. Inzwischen ist es etwas eskaliert, ich habe mich auf den Standpunkt zurückgezogen, dass ich ja wohl den richtigen Konjunktiv verwendet habe und damit eindeutig ist, dass ich, und nicht Frau Oberbürgermeisterin, Strehla kollektiv beleidigt habe. Damit habe ich zum jetzigen Zeitpunkt die Diskussion dahin gelenkt, wo ich sie haben will: Ich streite mit Jürgen Gansel über richtiges Deutsch.

In der bereits angesprochenen Presseerklärung ging es Gansel auch um die Ankündigung der Oberbürgermeisterin, den sächsischen Innenminister nach Riesa zu holen und was zu tun. Besagter Innenminister Markus Ulbig war mal Rathauschef in Pirna und machte dort ein Markt der Kulturen, stellte Gansel fest. „Und so trommeln in Pirna regelmäßig lebenslustige Neger gegen diejenigen an, die Volk und Heimat, Kultur und Tradition bewahren wollen. Wird es mit Ulbig als politischem Paten bald auch in Riesa Neger-Getrommel gegen die NPD geben?“

Der oben erwähnte Rentner erzählte übrigens, wie es ihn als 13-Jährigen, also 1945, gefreut habe, als er „das erste mal einen Schwarzen gesehen“ hatte und der ihm Kaugummi schenkte. Seitdem sei er da geheilt von Blödsinn. Der Zug ist bei Gansel wohl abgefahren (was eher am Mangel von Schwarzen in Riesa liegt, nicht am Mangel von Kaugummis).

Die fetten Juden. Klar, ein gewagter Zwischeneinstieg. Aber es geht um den Holocaust, da kann man ja mal rabiater werden. Ohne Autorenangabe äußerte sich die NPD zum Holocaustgedenktag gestern. Zum wiederholten Male glaubte man laut der Erklärung, den Deutschen würden heute Schuldvorwürfe wegen des Weltkrieges gemacht (ich glaube, die NPD liest zu oft „The Sun“) und es würde nicht um die Bombenopfer in Dresden getrauert. Und nach der Trauerstunde wegen des Holocausts gab es dann eben einen Empfang im Landtag, an dem teilnahmen, tusch, taraa, „Vertreter des eingewanderten und hochalimentierten Judentums“. Nicht mal da lassen sie einen in Ruhe.

Und jetzt noch eine Bitte an die eifrigen Mailschreiber, die mir in aller gebotenen Länge erklären, dass die deutschen Systempolitiker DEUTSCHE Interessen verraten. Schreiben sie es doch bitte im doc-Format, verzichten auf Versalschrift, drucken es aus, stecken es in einen Briefumschlag und werfen es in den nächsten Papierkorb. Ich hol’s dann ab. Und nein, ich informiere nicht den Verfassungsschutz. Warum denkt eigentlich jeder, er werde vom Verfassungsschutz oder vom alimentierten Judentum beobachtet? Die stehen doch alle am Buffet.

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Emanzipation

Januar 17, 2010 · 6 Kommentare

Viel wurde schon über die NPD geschrieben, allerdings noch nicht, dass der sympathische sächsische NPD-Fraktionschef Holger Apfel seinen Arbeitsplatz in Dresden und seine Wahlheimat Riesa mit dem ICE erster Klasse überwindet. „Die Herren da aus Dresden fahren 1. Klasse“, würde es vermutlich im Newsletter der NPD heißen, wenn es denn eine solche Meldung mal in diese Wurfpost schaffen würde. Schafft es aber nicht, deshalb steht es ja nun hier, nachdem Apfel Donnerstag halb sechs in Riesa ankam und den Zug verließ, den ich bestieg. Pünktlich Feierabend wird jedenfalls gemacht, an der Front zur Volksbefreiung, dachte ich mir zunächst einmal.

Und fragte mich gleich anschließend: Warum so weit weg vom Volk, dass da in der zweiten Klasse vor sich hin vegetieren muss, oder gar vom Wähler, der in aller Regel sogar nur im Regionalexpress Schaffner verprügeln kann? Ist’s die Nähe der Lederklasse zum Führerhäuschen des Zugs?

Aber, wie ich im Blog ja schon angedeutet habe, treten Holger Apfel und Jürgen Gansel in Riesa eh wenig in Erscheinung, vielmehr sind es jetzt ihre Partnerinnen, die an der Propagandafront dienen. Frau Apfel sorgt laut Gerüchten in eine der größten Jugendeinrichtungen der Stadt für Belustigung, indem sie mit Kindern bastelt, oder sich redlich darum bemüht, es tun zu dürfen. Frau Gansel soll angeblich ganz gut singen und sich deshalb in einem ortsansässigen Chor engagieren. Die Taktik dahinter ist hier schon beschrieben worden, kurz, es geht um Sympathiepunkte, die später Wählerstimmen bedeuten können.

Zum Dilemma: Man kann keiner Frau Gansel und keiner Frau Apfel das verbieten, was sie da tun. Sippenhaft und Einschränkung der freien Entfaltung sind da zwei Begriffe, die sich in dem Zusammenhang ungut ausnehmen. Bleibt zu hoffen, dass man dieses kognitive Dissonanz nicht wie in manch benachbartem Städtchen dadurch auflöst, indem man Frau Gansel und Herrn Apfel irgendwann dadurch zu disziplinieren versucht, indem man sie geschlossen zur stellvertretenden Elternsprecherin wählt. Versuche in die Richtung wird es geben, da braucht es kein Adlerauge.

Auch Riesas Oberbürgermeisterin Töpfer, eine der neuen Blogleserinnen übrigens, hat das jetzt erkannt. Recht freimütig räumte sie im Gespräch ein, dass auch sie nicht wisse, wie weit die NPD in Riesa vielleicht schon Fußballvereine, Elternsprechergremien und Eisdielenvorstände unterwandert habe. Fest stehe, dass man das jetzt angehen wolle. Klingt wenig originell, ist aber nicht nur drei Schritte weiter als in benachbarten Städten, sondern auch ein Fortschritt gegenüber früherer Riesa-Politik. Es folgt ein Exkurs mit einem exemplarischen Beispiel.

Es ist nicht lange her, dass Wolfram Köhler die Stadt als Oberbürgermeister regierte. Spuren seiner Politik finden sich unter anderem heute durch die so genannte Erdgasarena und in einem Stahlhaufen nahe der Innenstadt, der durch eine Millionen-Überweisung an den Künstler Jörg Immendorff zur Skulptur wurde. Außerdem war Köhler, der mit umstritten wohl ganz gut umschrieben ist, seinerzeit begeistert von der Idee, auf dem Marktplatz einen „Schiefen Turm von Riesa“ zu bauen.

(Da ich nicht dabei war, fragte ich Riesaer oft nach diesem sehr speziellem Kuriosum. Viele Begründungen für den Plan gab es, Markenzeichen, Anziehungspunkt, sowas. Je häufiger ich frage, desto mehr reift in mir jedoch die Überzeugung: Das Ding sollte schlicht gebaut werden, weil es sich reimt.) Ich komme vom Thema ab, zurück zum Exkurs.

In Riesa werden verdiente Persönlichkeiten jährlich ausgezeichnet, mit dem „Riesen“, er wird in verschiedenen Sparten verliehen, sowas wie der Bambi, was weiß ich. Im Rahmen dieser Preisverleihung etablierte Köhler auch den „Stinkstiefel“, eine Auszeichnung, die an böse Menschen verliehen wurde, zum Beispiel gescheiterte Vereinsmanager. In eine Gala zu Ehren der Stadt wurde also der öffentliche Pranger eingebaut, weit nach Vollendung der historischen Epoche der Aufklärung.

1999 nun hatte sich die „Deutsche Stimme“, NPD-Zentralorgan, in Riesa niedergelassen. Einige Bündnisse demonstrierten dagegen, erfolglos. Köhler und andere Riesaer waren von dem rechten Spuk damals so genervt, dass sie den Stinkstiefel vergaben an: alle „links- und rechtsextremen Kräfte“ der Stadt, in dieser Reihenfolge. Die linken Protestanten hatten, so steht es bis heute schlecht verklausuliert auf riesa.de, der Stadt „in der Öffentlichkeit ein Image [ge]geben, das nicht stimmt und das die Bürger nicht wollen“. Und jetzt kommst Du!

Durchaus neue Zeiten in Riesa. Es gibt übrigens Gerüchte, dass Köhler die Verleihung inzwischen als ziemlichen Schwachsinn ansieht. Der Stinkstiefel wird inzwischen auch nicht mehr verliehen.

Holger Apfel wird mit gewaltfreien Sympathisanten am 13. Februar erster Klasse nach Dresden fahren, man wolle dort eine Wanderung oder einen Bombenholocaust, ich bring das immer durcheinander, veranstalten. Eine linksextreme Menschenkette, bestehend aus vielen CDU- und SPD-Politikern, will sich dem entgegenstellen. Es gibt deutliche Signale aus dem Rathaus, dass für jene Menschenkette gerade kein Stinkstiefel gebastelt wird. Vielmehr will die Oberbürgermeister bei der Lichterkette mitmachen.

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Halb vier durch

Januar 11, 2010 · 10 Kommentare

Nun ist die Situation eine andere, das Blog hat durch den sehr geschätzten Kollegen Niggemeier erhöhte Aufmerksamkeit. Danke ich erst mal den rund 5.000 Besuchern der vergangenen zwei Tage und stelle fest, dass erhöhte Aufmerksamkeit natürlich auch erhöhte Verantwortung bedeutet für das, was man hier so reinschreibt. Dann ist eine Aussage wie, zum Beispiel, Leser, kauft keine Bücher von Renate Preuß, natürlich zweimal zu überlegen. Aber auch dann noch äußerungswürdig. Also: Kauft keine Bücher von Renate Preuß, einer Riesaer „Schriftstellerin“, Kollateralschaden des Eigenverlagswesens. Begründungen gibt es auf Nachfrage und sehr viele. Sie schreibt über Katzen, zum Beispiel. Und über mich, das andere Beispiel.

Wenn schon nicht durch Bücher, kann man sich ja wenigstens mit Sandsteinen seinen Ruf versauen. So wie der Bürgermeister des nahe Riesa gelegenen Städtchens Zeithain, den ich kürzlich treffen durfte. Er gab mir eine recht eindrucksvolle Demonstration, was es bedeutet, den größten Teil seines Lebens in Amtsstuben verbracht zu haben, die gefühlte Stechuhr betreffend. Es war kurz vor halb vier, als wir von einer Sandsteinmauer kamen, die er mir zeigen wollte (ich komme später darauf zurück), als wir zusammen vor dem Gemeindeamt standen. Abschied, Abgang des Bürgermeisters Richtung Verwaltung, plötzliches Verharren vor dem Eingang, entschlossener Blick auf die Uhr und ein mit viel erleichterter Luft ausgestoßenes „Ah, halb vier!“. Der Mann hatte Feierabend, Vorfreude wich der Erlösung.

Zur Sandsteinmauer: In seiner, des Bürgermeisters, Gemeinde, gibt es eine Abbruch-Baustelle, auf der viel Sandstein anfiel. Bürger wollten die Sandsteine haben, kriegten sie aber nicht, weil die Gemeinde sie noch brauchte, so die Auskunft der Gemeinde. Nun sollte man in solch einer Situation es beispielsweise vermeiden, als Gemeindechef einen PKW-Anhänger zu nehmen und die Steine auf sein eigenes Grundstück zu fahren. Der betreffende Bürgermeister allerdings dachte nicht daran, eben jene Handlung zu vermeiden. Er holte die Steine auch nicht bei Nacht, vielleicht, weil da halb vier schon rum war, wer weiß. Ein Bürger jedenfalls beschwerte sich schließlich, ich kam und sagte mir: Man, ihr macht es einem aber auch leicht.

Im Büro, ein Gemeinderat war beisitzend, erklärte der Bürgermeister nun, er habe die Steine gebraucht, um eine Vorzeigemauer zu bauen, oben am Teich, an der Mauer würde sich die ganze Gemeinde erfreuen können, zeigte er sich sicher. Problematisch wurde seine Altruismus-Schilderung an dem Punkt, an welchem er einräumte, dass die Mauer zufällig auf dem Grundstück seines Sohnes stattfinden soll. Genau wie die alte Bruchsteinmauer daneben, auf seinem, des Bürgermeisters, Grundstück. Er baute sie einst aus, naja, man kann es sich denken. Ja, wirklich, genau daraus. Am Ende des Gesprächs stelle sich übrigens heraus, dass der beisitzende Gemeinderat keinen Beitrag zum Gespräch leisten wollte. Der sitzt da noch vom letzten Gespräch, so der Bürgermeister. Und das mit der Mauer lasse er jetzt, wenn da alle so keifen, mein Gott. Was meinen Sie, kommt viel Schnee am Wochenende? Oh, halb vier!

Jetzt ist die gefühlt hundertjährige Amtszeit des Bürgermeisters etwas ins Zwielicht geraten, wegen blöder Steine. Deshalb hier noch was Ehrenrettendes: Der Mann leugnet Gerüchten zufolge, in der FDP zu sein. Die FDP wiederum leugnet, der Bürgermeister sei nicht in der FDP, hört man. Das ist eine andere Geschichte.

Nun erwarten viele Neulinge hier sicher was zur NPD. Das ist aber eigentlich kein NPD-Blog, sondern so mit Riesa- und Nudelwalther-Sachen. Aber gut, man kann ja dann mal kurz kramen.

Ah, ein Brief von heute, was ich denn nun gegen die NPD hätte? Karrieregeifernd agiere ich, weil ich beim SED-Blatt SZ so etwas schreibe, heißt es. Und wer denn die wahren Vertreter deutscher Interessen sein und… Ne ehrlich, neuer Leser, bei aller Liebe, aber gähn.

Dann doch lieber „Kerstin’s Strickblog“, ewiger Stachel in meinem Bloggerherz. Trotz prominenter Unterstützung erscheint bei der Google-Anfrage „blog riesa“ immer noch Kerstins Kerstin’s Strickblog vor dem meinen. Dabei hat auch Kerstin zuletzt Neujahr gebloggt. „Ein bisschen mehr Liebe und weniger Streit, ein bisschen mehr Güte und weniger Neid”, schlug sie vor.

Das hätte ich auch dem zugereisten Berliner in der Leipziger Tram heute früh gewünscht. Zusammen mit der Brandenburgerin, die die Tram lenkte und einem Einheimischen führte er das Stück „Berliner Rotzigkeit trifft auf sächsische Grundbereitschaft, jemanden platt zu hauen und eine Brandenburgerin steht daneben“. Am Ende siegte der Berliner nach Punkten, als er dem Leipziger in Folge bescheinigte, dass er sicher oft zum Therapeuten ginge, das auch nötig hätte und sich gleich einen neuen suchen könne, da der alte offenbar nicht so richtig greift. Der Leipziger erging sich in der bewährten sächsischen Taktik “Selber-du-Fettkopp-gleich-knallts”. Worum es ging, wusste sicher nur noch die Tramfahrerin Brandenburger Ursprungs, sie sagte dann aber nur, Och, macht man, ich fahr mal. Vielleicht wird’s ja ein Blog über ostdeutsche Volkskunde, geneigter neuer Leser.

So viel für heute. Kauft keine Renate-Preuß-Bücher!

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Die netten Schreibers in Strehla

Dezember 30, 2009 · 10 Kommentare

In der Kleinstadt bei Riesa ist eine NPD-Sympathisantin Schöffin und Elternsprecherin. Viele Einwohner finden sie freundlich und aufgeschlossen.

Auf dem Weg zum Interview unweit vom schmuck hergerichteten Marktplatz von Strehla findet Ines Schreiber schnell Kontakt. Sie spricht die Leute an, die ihren Weg kreuzen. Die 35 Jahre alte Mutter von zwei Kindern macht einen Abstecher zur Grundschule, ein kleines Schwätzchen mit anderen Eltern, die gerade Kinder abholen. Man scherzt, man lacht – demonstrative Gesten von Ines Schreiber. Keiner ihrer Gesprächspartner ist unangenehm berührt, keiner bemüht sich, das Gespräch kurzzuhalten oder abzubrechen. Schwer zu glauben, dass die Strehlaer nicht wissen, mit wem sie da plaudern: mit der bekanntesten NPD-Sympathisantin der Stadt.

Die Schreibers leben erst seit einem Jahr in Strehla. Ines Schreiber ist die Ehefrau des Strehlaer NPD-Stadtrates Peter Schreiber. Wie ihr Mann hat auch sie im vergangenen Sommer mit einem Mandat der Rechtsaußenpartei für das Stadtparlament kandidiert. Nur genügend Stimmen bekam sie nicht. Trotz Wahlschlappe hat die gelernte Krankenschwester in der kurzen Zeit beachtlich Karriere gemacht in der Kleinstadt an der Elbe: Die Eltern der 3. Klasse der örtlichen Grundschule wählten sie zur stellvertretenden Elternsprecherin. Und der Strehlaer Stadtrat wählte sie einstimmig als Schöffin für das Riesaer Amtsgericht.

(…)*

Mangelnde Distanz zu Rechten

Das Treffen mit Schreibers findet im „Lindenhof“ statt, dem größten Gasthaus im Ort. Auch hier grüßen viele Gäste. Die Aufmerksamkeit erfreut Schreiber. Es sei schön gewesen vor einem Jahr, als sie nach Strehla gekommen waren, um in Ruhe arbeiten zu können. Vorher seien sie wegen ihrer politischen Arbeit oft ausgegrenzt worden.

Der aus Bensheim an der Bergstraße stammende Schreiber ist studierter Diplom-Finanzwirt und hatte es mit 27 Jahren als Steuerinspektor beim Frankfurter Finanzamt bereits zum Beamten auf Probe geschafft. Zum Beamten auf Lebenszeit wollten die Hessen ihn im Jahre 2000 nicht ernennen. Der Grund: Sein Engagement bei den Republikanern. Dort war er zuerst im Jugendverband aktiv und hatte es bis zum Beisitzer im hessischen Landesvorstand gebracht. Der Verfassungsschutzbericht erwähnt ihn 1999 im Zusammenhang mit mangelnder Distanz von Rep-Mitgliedern zu Rechtsextremisten.

2001 folgt eine Zwischenstation im fränkischen Coburg. Dort übernimmt Peter Schreiber die Leitung des Buchdienstes im Nation-Europa-Verlag – einem Haus, das 1951 von einem ehemaligen SS-Sturmbannführer und einem Ex- SA-Obersturmführer gegründet worden war und das in seinen Monatsheften durch intellektuelle Argumentation abseits plumper Naziparolen das Klientel der sogenannten Neuen Rechten versorgt. 2007 tritt Schreiber in die rechtsextremistische NPD ein und folgt offenbar einem Ruf der Partei nach Sachsen, wo er in Riesa Vertriebschef im Deutsche-Stimme-Verlag wird. „In Sachsen werden wir generell besser akzeptiert“, sagt Schreiber.

Zugegeben, man muss da abwägen, was Wahrheit ist, und wo sich die Schreibers mit ihrer Integrationsfähigkeit zu sehr brüsten, und dann auch mal übertreiben, herkömmliche NPD-Öffentlichkeitsarbeit eben. Im Gasthaus erzählt er, dass sie hier kaum anecken würden. Mit dem Begriff Extremist hat er aber schon ein Problem. „Das klingt so nach Lack und Leder.“ Radikal klinge besser. Mit ihren radikalen Positionen würden sie hier niemanden stören, glaubt Schreiber.

Das passt zu dem, was Iris Lehmann erzählt. Die Direktorin der Strehlaer Grundschule wirkt zunächst entschlossen und freundlich. Als das Gespräch auf die neue stellvertretende Elternsprecherin der 3b kommt, quält sie sich etwas und sucht nach Worten. „Ich muss mit den Eltern irgendwie zusammenarbeiten“, sagt die Direktorin. Keiner sei vor der Elternsprecherwahl zu ihr gekommen, um über Frau Schreiber zu sprechen, erzählt sie etwas ratlos. Die Frau sei „nett, freundlich und aufgeschlossen“. Und um Politik ginge es in den Gesprächen ja nie, betont sie. Später stößt die Klassenlehrerin Eva Meyer zum Gespräch über Ines Schreiber und entwirft das Bild einer „engagierten“ Mutti, die „sehr aktiv arbeitet und gute Ideen hat“. Drachensteigen, Weihnachtsspiele und so weiter. Auch sie meint: Um Politik gehe es dabei nie.

NPD-Taktik: Das Unpolitische

Dass anscheinend Unpolitisches sehr wohl NPD-Taktik ist und zum Kalkül rechtsextremistischer Politik gehört, das erfährt man von den Schreibers. Gesellschaftliches Engagement sei ganz klar „eine NPD-Strategie“, sagt der 36-Jährige. In Strehla funktioniert das beispielsweise so, dass Ines Schreiber bei den Eltern der Schulkameraden ihrer Kinder anklopft, am Markttag die Rentner nach ihren Sorgen fragt und sich für ein Ehrenamt bewirbt. Wenn dann die Leute sagen, Ines Schreiber sei „nett und freundlich“, dann machen manche von ihnen vielleicht eines Tages auch ein Kreuzchen bei ihr, wenn sie wieder Stadträtin werden will. So das Kalkül, und Schreibers machen daraus kein Geheimnis.

Ines Schreiber stößt gezielt in Lücken, die die Strehlaer ihr lassen. So waren die Eltern der 3b froh, dass sich überhaupt jemand bereit erklärte, stellvertretender Elternsprecher zu werden. Und das war wohl auch 2008 nicht viel anders, als der Stadtrat bei der Schöffenwahl geschlossen für Ines Schreiber stimmte. Dass sie der NPD nahesteht, wusste damals kaum einer in der 4 000-Seelen-Gemeinde. Schreibers waren erst neu in der Stadt. Linken-Stadtrat Erich Knott erinnert sich, dass er froh war, „dass überhaupt jemand auf der Liste stand“. Ehrenamt, das interessiere hier leider niemanden.

Amtsrichter Zapf hat versucht, Ines Schreiber wieder loszuwerden. Das sei aussichtslos gewesen, sagt er. Sogar ein juristisches Verfahren und eine gerichtliche Entscheidung hat es gegeben. Als feststand, dass sie als Hilfsschöffin weiter tätig sein darf, hat das die NPD-Führung in Dresden als „Sieg der NPD-Schöffin“ gefeiert. Fraktionschef Holger Apfel gratulierte, wie es in einer Parteimitteilung heißt, der „volkstreuen Schöffin“ persönlich, obwohl die Protagonistin der rechtsextremen NPD nicht angehört, sich aber im Ring Nationaler Frauen engagiert. Die 35-Jährige freute sich nach der Entscheidung. Nun könne sie weiterhin ihren Beitrag leisten, „dem gesunden Volksempfinden Geltung zu verschaffen“, ließ sie in einer NPD-Mitteilung verbreiten. Das „gesunde Volksempfinden“ ist ein Begriff des NS-Regimes. Die Nazis missbrauchten ihn, um sich über gültige Normen hinwegzusetzen und schwere Verbrechen zu rechtfertigen.

Amtsrichter Zapf sieht das Versäumnis beim alten Stadtrat und dessen „Ignoranz“ gegenüber dem sensiblen Thema. Wenigstens der damalige Bürgermeister hätte mal recherchieren können, sagt Zapf und fürchtet, dass die NPD „weitere Lücken füllen wird, die die Gesellschaft und andere Parteien lassen“.

Zum Beispiel mit Grillfesten, wie in Mecklenburg-Vorpommern, der Heimat von Ines Schreiber. Dort sei es bereits üblich, dass die NPD mit solchen Veranstaltungen die Herzen der Menschen erobert. So etwas plane er auch in Strehla, sagt Peter Schreiber. „Es werden da gerade Konzepte gemacht.“ Bei „den Jugendlichen wollen wir überdurchschnittlich akquirieren“, sagt seine Frau. „Bis die Stimmung irgendwann zu unseren Gunsten kippt.“ Eindeutige Ansagen, die ankündigen, was die Partei in der Kleinstadt vorhat, in der 8,5 Prozent der Wähler beim jüngsten kommunalen Urnengang für die NPD stimmten. Man könnte an dieser Stelle die vielen Kommentare der Bürgermeister, ehemaligen Bürgermeister, Elternsprecher zitieren, aufschreiben, dass keiner so recht weiß, was zu tun, was zu sagen ist. Oder man stellt die Frage, die fast alle stellen: Warum soll ausgerechnet die Kleinstadt Strehla ganz vorne marschieren, wenn es um den Kampf gegen Nazis geht? Wo bleiben die anderen?

Schwere Versäumnisse

Peter Schreiber verdient sein Geld mittlerweile als Mitarbeiter der NPD-Fraktion im Dresdner Landtag. Der nationale Kampf der Schreibers um die Herzen und Köpfe der Strehlaer wird also letztlich auch durch sächsische Steuergelder finanziell getragen. Und natürlich verdanken die Beiden ihre politische Rolle auch der Tatsache, dass die Bundesrepublik Deutschland bis jetzt nicht geschafft hat, ein Verbotsverfahren erfolgreich auf den Weg zu bringen. Letztendlich strandet das Problem dann bei ehrenamtlichen Stadträten und Provinzbürgermeistern. Na-schönen-Dank-auch-Stimmung dann in Strehla.

Andreas Haberland (CDU), amtierender Bürgermeister zur Zeit der Schöffenwahl, verteidigt Ines Schreibers Nominierung. „Solange die NPD eine zugelassene Partei ist, habe ich nichts gegen jemanden in der Hand, der dieser Partei nahesteht“, erklärt erund lässt erkennen, dass er heute nicht anders entscheiden würde. Leute, die Haberland besser kennen, erzählen, er stelle sich jetzt bewusst stur, um auf das Problem aufmerksam zu machen. „Ganz sicher nimmt er das nicht auf die leichte Schulter“, heißt es. Am Telefon will er sich nicht weiter rechtfertigen.

Thoralf Koß, Grünen-Stadtrat in Riesa und einer der Lieblingsfeinde der NPD in Sachsen, wirft dem Strehlaer Stadtrat schwere Versäumnisse vor. „Viel schlimmer als die Schöffenwahl ist, dass man bis heute nicht bereit ist, das als Fehler einzugestehen.“ Auch in der Grundschule hätte sich Koß „mehr Zivilcourage“ gewünscht. Die Lehrer redeten sich raus, meint er, wenn sie darauf verweisen, sie hätten mit der Wahl nichts zu tun. „Als Lehrer haben sie eine Verantwortung, im Vorfeld solch einer Wahl die Eltern aufzuklären.“

In der Strehlaer Mittelschule sprach vor einigen Tagen ein Schüler bei der Direktorin vor. Er sorgte sich, weil ein Mitschüler Kleidung trug, die in der rechten Szene beliebt ist. Die Marke Lonsdale sei nicht verboten, erhielt er zur Antwort. Ines Schreiber kündigt schon mal an, dass sie sich auch an dieser Schule als Elternsprecherin bewerben werde, wenn ihre Kinder mal hier lernen. „Gerade Jugendliche in dem Alter sind sehr interessiert an unseren Ideen“, meint sie.

Sächsische Zeitung, Seite 3, 30. Dezember 2009

8. Januar 2010: *aufgrund rechtlicher Fragen sind die Textpassagen vorläufig gestrichen.

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